3.7. Berufs- und geschlechtsspezifisches Sprachverhalten

 

Ähnlich wie Kremer (1983: 91f.), der unter Berufung auf Mattheier (1980: 90) auf ein vorgegebenes Sozialschichtenmodell verzichtet, haben wir eine berufsgrup­penspezifische Aufteilung vorgenommen, aus der zwangsläufig auch sozialschichten-spezifische Erkenntnisse bei der Auswertung der Ergebnisse gewonnen werden. Zu beachten ist, daß die Gruppenbezeichnungen nur vage und unvollständige Bezeich­nungen für die durch sie abgedeckten Berufsgruppen sind (vgl. Tab. 9)4. Da wir die Auswertung teilweise nach Geschlechtern getrennt vorgenommen haben, lassen sich ebenfalls Aussagen zum geschlechtsspezifischen Sprachverhalten machen (vgl. Tab. 10 und 11).

Zeichnet sich aufgrund der Untersuchung Kremers aus dem Jahre 1981 die Gruppe der Landwirte durch eine nahezu 100%ige Beherrschung des Plattdeutschen aus (Kremer 1983: 93), so ergab die Selbsteinschätzung der Dialektkompetenz im Landkreis Emsland bereits einen Rückgang um ca. 15%: nur noch 85,2% der befragten Männer und 82,8% der Frauen gaben an, fließend Platt zu sprechen (vgl. Tab. 10 und 11).

Dennoch weisen die Landwirte erkennbar die höchste Kompetenz bezüglich des aktiven Mundartgebrauchs auf. Gegensätzlich dazu heben sich die Führungskräfte heraus: Sie weisen eindeutig sowohl die höchsten Prozentzahlen in der Rubrik „verste­hen und sprechen kein Platt” (13,0% Männer und 14,1% Frauen) als auch die niedrig­sten Werte bei der aktiven Kompetenz auf (40,2% Männer; 25,0% Frauen). Ihnen folgen die „kleinen Angestellten” als etwas kompetentere Gruppe (43,7% bei den Männern und 35,9% bei den Frauen).

Betrachtet man dagegen die Angaben der Facharbeiter mit 65,4% bei den Männern und 55.8% bei den Frauen, so ergibt sich von der Gruppe der Führungskräfte bis zu ihnen eine Spanne von 25,2% (Männer) bzw. 30,8% (Frauen)5. Sieht man diese und die dazwischenliegenden Berufsgruppen als vertikal gelagert an, dann läßt sich folgende Regel aufstellen: Je höher der Sozialstatus, desto niedriger die aktive Kompe­tenz (wobei jedoch ein Anstieg der passiven Kompetenz zu beobachten ist, der sich auf den verminderten Gebrauch der Mundart am Arbeitsplatz zurückführen läßt).

Geschlechtsspezifische Unterschiede ergeben sich bei einem Vergleich der Ta­bellen 10 und 11 hinsichtlich der aktiven Dialektkompetenz: Frauen zeigen deutlich niedrigere Werte als die Männer in der Spalte „fließend Platt”, was jedoch ausgegli­chen wird durch entsprechend höhere Zahlen im Bereich der passiven Kompetenz. Im Vergleich zu den Männern mögen die niedrigeren Werte der Frauen zurückzuführen sein auf eine geringere Übung im Plattsprechen oder auf strengere Maßstäbe hinsicht­lich dessen, was man unter „fließend Platt” zu verstehen hat.

Die oben erwähnte Regel hinsichtlich der Sozialschichten ist ebenfalls auf den Dialektgebrauch, hier zunächst der Großeltern untereinander, anzuwenden. Da sich im Sprachgebrauch in den meisten Berufsgruppen keine großen Unterschiede zwischen den Großeltern väterlicherseits und mütterlicherseits zeigen, führen wir in Tab. 12 nur die Daten der Großeltern mütterlicherseits auf.

Auch hier beim Sprachgebrauch zeigt sich wie bei der Dialektkompetenz eine fallende Linie von 84% bei den Eltern der Landwirte bis auf 26,1% „Nur-Platt”-Gebrauch bei denen der Führungskräfte. In umgekehrter Reihenfolge verlaufen die Zahlen für die Großeltern, die „nur Hochdeutsch” untereinander sprechen/sprachen. Eine kleine Abweichung zeigt sich nur bei der Gruppe der „mittleren Angestellten”. Ein eindeutiges Minimum wird bei der Untergruppe der freien Berufe/Akademiker erreicht (aus der Tabelle nicht ersichtlich): Lediglich 7% der Eltern der Mutter (dagegen 14% der Eltern der Väter) benutzen die Mundart untereinander.

Die zuletzt genannten Zahlen zwingen uns, etwas über geschlechtsspezifische Unterschiede anzumerken: Es gibt beim Sprachgebrauch der Großeltern untereinander kaum Differenzen bei den Angaben der Landwirte, Arbeiter und kleinen Angestellten, auffällige Unterschiede jedoch bei den Untergruppen der Freien Berufe/Akademiker, der mittleren Selbständigen und der leitenden Angestellten: Hier ergeben sich bei den Frauen zum Teil wesentlich niedrigere Zahlen zum „Nur-Platt”-Gebrauch ihrer Eltern untereinander als bei den Männern, dafür aber höhere Werte in der Rubrik „Überwie­gend Platt”. Es scheint, daß Frauen der sozial höheren Schichten eine deutlich reser­viertere Einstellung der Mundart gegenüber haben als die der unteren, denn objektiv gesehen dürften ja keine Unterschiede zwischen den Großeltern väterlicherseits und mütterlicherseits beim Gespräch untereinander auftreten.

Beim Gespräch mit ihren Kindern könnte das jedoch der Fall sein, wenn Eltern ihren Töchtern gegenüber ein anderes Sprachverhalten an den Tag legen als gegenüber den Söhnen. Tatsächlich ergab die Auswertung unseres Materials deutlich niedrigere Prozentzahlen bezüglich des Dialektgebrauchs der Großeltern mit der Mutter (hierfür keine Tabelle). Die Ursache für dieses Sprachverhalten liegt vermutlich in dem Umstand, daß man der Tochter durch eine solche „zweisprachige” Erziehung die Möglichkeit offenhalten wollte, gegebenenfalls auch jemanden „ut de Stadt” eheli­chen zu können, der des Plattdeutschen nicht mächtig ist.

Nun zu den Ergebnissen bei der Frage nach dem Dialektgebrauch der Großeltern mit den Eltern väterlicherseits (Tab. 13). Führend sind hier — wie in allen Bereichen des Mundartgebrauchs — die Landwirte: 73,0% aller Großeltern väterlicherseits spre-chen/sprachen nur Platt mit ihren Kindern, 66,8% der Mütter wurden von den Eltern rein plattdeutsch aufgezogen (letztere Zahl aus Tab. 13 nicht ersichtlich).

Wie in den Tabellen 11 und 12 zeigt sich wieder ein starker Abfall beim Mundartgebrauch zu den Führungskräften hin.

Der Mundartgebrauch der Großeltern mit den Eltern hat natürlich einen gewis­sen Einfluß auf die Benutzung des Dialekts der Eltern untereinander (vgl. Tab. 14). Obwohl die Werte innerhalb der Rubrik „sprechen nur Platt untereinander” teilweise gesunken sind, lassen sich Parallelen feststellen. Bei den Landwirten überwiegt mit 55,7% eindeutig der Gebrauch des Plattdeutschen (siehe ebenso Tabelle 13: „Dialekt­gebrauch der Großeltern mit den Eltern”). Bei den Arbeitern überwiegt bereits der Anteil der untereinander nur Hochdeutsch sprechenden Eheleute; betrachtet man die Spanne bis hin zu den Führungskräften, so erkennt man den bis auf ein Minimum zusammengeschmolzenen Bruchteil der Eltern, die lediglich Platt miteinander spre­chen (87% verwenden ausschließlich oder überwiegend Hochdeutsch). Auch unter diesem Aspekt läßt sich die These — etwas abgewandelt — anwenden: Je höher der Sozialstatus, desto niedriger der Dialektgebrauch untereinander.

Insgesamt schlägt sich natürlich nieder, daß in bestimmten Berufssparten Platt­deutsch am Arbeitsplatz weit verbreitet ist. Landwirte unterhalten sich fast durchweg untereinander in der Mundart.

 

Viele Arbeiter und Facharbeiter sprechen sogar an Arbeitsplätzen im städtischen Bereich Plattdeutsch miteinander. Im Bereich der Be­amtentätigkeiten und im Arbeitsumfeld der Angestellten dagegen ist die Standardspra­che gefordert, und sie wird auch zumeist in Institutionen gesprochen, wo auch Platt­deutsch möglich wäre.

Keine auffallenden, vom Sozialstatus abhängigen Unterschiede lassen sich bei der näheren Untersuchung des Mundartgebrauchs der Väter (Generation 2) mit den 10-jährigen Kindern feststellen (vgl. Tab. 15).

Ein verschwindend geringer Prozentsatz von Vätern, die nur Plattdeutsch mit ihren Kindern sprechen (Tab. 15), findet sich lediglich bei den Landwirten (3,3%), bei der Gruppe der Arbeiter (0,8%) und bei den mittleren Angestellten (0,6%). Diese beiden Berufsgruppen sind ebenfalls noch vertreten im Bereich „Väter sprechen überwiegend Plattdeutsch mit den Kindern” (Landwirte 10,7%, Arbeiter 2,9%). An­sonsten überwiegt in jedem Falle eindeutig der Gebrauch des Hochdeutschen.

Die obige Tabelle 16 „Dialektgebrauch der Kinder mit Kindern” spricht tür sicn selbst; sie stellt eindrucksvoll dar, wie besorgniserregend es um den Mundartgebrauch innerhalb der jüngsten Generatjon bestellt ist — unabhängig von den jeweiligen Berufs­gruppen (selbst bei den Landwirten, obwohl deren Kinder sich zu einem runden Viertel (27,5%) zumindest gelegentlich auf plattdeutsch untereinander verständigen).