Dr. Bernhard Schulte

Von meinen zwei Müttern

Als ich zwei Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges in Laxten bei Lingen geboren wurde, gehörte die selbständige Gemeinde vor den Toren der Stadt noch eindeutig dem plattdeutschen Sprachraum an. Das Ortsbild wurde neben Kirche und Volksschule durch die alten eichenbestandenen Hofstellen der Bauern und durch die ordentlichen Siedlungshäuser der Eisenbahner mit angebauten Ställen für Schwein und Ziege (der sogenannten Beamtenkuh) geprägt. Nahezu alle Eisenbahner, die hier wohnten, entstammten – wie mein Vater – der ländlichen Bevölkerung. Seine und damit meine Vorfahren hatten sich bereits im 18. Jahrhundert als nachgeborene Söhne des Baccumer Schultenhofes in Laxten als Heuerleute und nach Ankauf des Grund und angesiedelt. Als Lehrling des Reichseisenbahnausbesserungswerkes erlernte mein Vater das Handwerk des Kesselschmiedes und leitete als Oberwerkmeister die Kesselschmiede des Bundesbahnausbesserungswerkes.

Meine Mutter sprach mit meinem Vater und meinen vier älteren Schwestern nur plattdeutsch. Allerdings sprach sie nicht das Laxtener, sondern das Wettruper Platt. Von dort war sie nach Lingen zu einem Rechtsanwalt in Stellung gekommen. Mei¬ne Eltern waren des Hochdeutschen durchaus mächtig. Aber in Laxten sprach außer dem Pastor, den Schulmeistern und ihren Kinden sowie den Flüchtlingen, die das Vertriebenenschicksal nach Laxten verschlagen hatte, niemand hoch-deutsch. Hochdeutsch kam natürlich aus unserem Volksempfänger, der die zwölf Jahre des Tausendjährigen Reiches heil überstanden hatte. Hochdeutsch sprach auch der kleine Friseur aus Ostpreußen, der meinem Vater und mir alle vier Wo¬den fürchterlichen, kahlen Haarschnitt verpaßte, den er zuvor als Wehrmachtsfriseur tausenden Soldaten an der Ostfront geschnitten hatte.

Alles sprach dafür, daß Plattdeutsch auch meine eigentliche Muttersprache wer¬den sollte. Aber wenn Dinge, die sich bei normalem Verlauf natürlich entwickelt hätten, ins Gegenteil verkehrt werden, steckt häufig – meine Frau wird es mir nachsehen – Pädagogik dahinter. Diese trat auch in unserem Dorf – verkörpert durch den Hauptehrer – auf den Plan. Er rief die Eltern zu einer Versammlung um sich und riet dringend davon ab, mit den eigenen Kindern plattdeutsch zu spre¬chen, um ihnen Probleme beim Erlernen der hochdeutschen Schriftsprache zu er¬sparen. Die alte Geschichte von “mir” und ,.mich”, „Sie” und „Ihnen” machte die Runde, und”, so schloß der Schulmeister, “stellen Sie sich vor, Ihr Kind soll etwas werden, und es kann nicht einmal richtig Hochdeutsch…!”

Von nun an hatte ich eine zweite Mutter, obwohl ich mich bei meiner ersten rund­um geborgen fühlte. Das Wettruper Platt war Musik in meinen Ohren, wenn es auch hin und wieder mal eine harte Ansprache gab. Eigentlich mangelte es mir an nichts.

Meine zweite Mutter sprach ab sofort mit mir nur noch hochdeutsch. Auch meine Schwestern waren angewiesen, ebenso mit mir zu verfahren. Ich durfte nur noch „Porzellan” reden – wie man es im Plattdeutschen nennt, wenn einer, der eigent­lich platt reden sollte, hochdeutsch gestelzt daherredet.

Nach der Einschulung gab es dann auf dem Schulhof, aber selbst im Klassenzim­mer ein wildes Durcheinander von Platt- und Hochdeutsch. Manche Mitschüler sprachen bei der Einschulung nur plattdeutsch. Nach einiger Zeit gab es dafür Schläge mit dem Stock. Als sich dieses beim kleinen Josef wiederholte, sagte er mit tränenerstickter Stimme zum Lehrer: “Wenn Du mi noch enmol haust, dann kummt min Opa!” Und eines Tages stand Lühns Opa in der Pause auf dem Schul­hof und fragte: „Wat makt min Jungen verkeert, dat he wekke mit’n Rohrstock kricht?” Lange brauchte der Schulmeister, um. wieder “gutes Wetter” zu machen. Vorerst war es mit den Schlägen für Plattdeutsch vorbei. Eigentlich sollte ich – so ging es mir durch den Kopf – mit meiner zweiten Mutter zufrieden sein. Immerhin konnte ich doch in der Schule von Anfang an hochdeutsch reden.

Doch die Jahre vergingen, und ich hörte zum erstenmal das Wort „Genasium”, wie man in Laxten sagte. Zum Gymnasium nach Lingen sollte ich gehen; aber das hat­te Zeit. Aus dem vierten Schuljahr heraus wagte sich von den “Bauern” – wie die Lingener uns abfällig nannten – kaum einer in die Aufnahmeprüfung. Ein Jahr spä­ter war ich dann Schüler des altehrwürdigen humanistischen Gymnasiums Geor-gianum. Aber die Freude währte nur kurz. Bereits im zweiten Jahr blieb ich auf der Strecke. Die Deutschkenntnisse waren einfach zu schlecht.

Mit diesem Schicksal stand ich nicht allein. Die Schüler vom Lande traf es reihen­weise. Ein Lehrer nahm sich unser in besonderer Weise an. Der spätere Studien­direktor Felthaus erkannte, daß es uns nicht am Verstand, wohl aber an soliden Deutschkenntnissen in Wort und Schrift mangelte. Alles “Porzellanreden” hatte nichts genützt. Wahrscheinlich trifft es zu – so mein ehemaliger Mitschüler und-Mitherausgeber dieses Buches, Bernd Robben -, daß wir erst über den Lateinunt­erricht richtig Hochdeutsch gelernt haben, das aber so gut, daß wir dann „latinske Buren” und mehr geworden sind.

In meinem beruflichen Leben spielt das Plattdeutsch natürlich als Sprache keine Rolle („Die Gerichtssprache ist Deutsch”), wohl aber die Kenntnis von Land und Leuten, die durch das Plattdeutsche geprägt sind. Insbesondere für mein Privatle­ben im Laxtener Umfeld bedauere ich es sehr, daß ich bedingt durch das „Porzel­lanreden” von Kindheit an nicht fließend plattdeutsch sprechen kann, obwohl ich jedes Wort und jede Feinheit verstehe.

 

 

 

 

Ist das alles, was mir vom Plattdeutschen geblieben ist? Nein! Plattdeutsch ist und wird immer meine Mutter(sprache) sein und bleiben. Sie vermittelt mir die Ge¬borgenheit der frühen Kindheit und der emsländischen Heimat, die ich nicht mis¬sen möchte. Als besonderen Vorzug des Plattdeutschen empfinde ich die Prägnanz dieser Sprache. Kurz und knapp kann man mit ihr Aussagen auf den Punkt brin¬gen. So sagte mein Vater gern über Politiker: „…de weitt alles un künnt nix”. Oder eine Frau im Leserbrief der Emszeitung: „`nen Bittken plattproaten un mit dat Fahr¬rad dör de Stadt föhren makt noch kienen Börgermeester ut.”

Hinzu kommt, daß Plattdeutsch ungeniert Aussagen zuläßt, die auf Hochdeutsch gekünstelt oder gar anstößig wirken. So fragte mein Vater die Nachbarskinder: „Schlöpp ju Papa immer noch bi ju Mama?” Als diese hinter der Frage nichts Gu¬tes vermuteten und mit „Nein!” antworteten, kam postwendend der Kommentar: „Achter so’n groaten Backowen woll ick ock nich liggen!”

Auch habe ich erfahren, daß Plattdeutsch durchaus global sein kann. Als wir auf der Suche nach Vorfahren mütterlicherseits Besuch aus Wabasha/Minnesota (USA) bekamen, hakte nach einiger Zeit die Verständigung sowohl auf Englisch als auch auf Hochdeutsch. Da sprach der Gast aus den USA plötzlich Wettruper Platt, und alle waren begeistert. Damit wurde deutlich, daß (Wettruper) Platt auch für die Auswanderer, die aus der Not heraus in Amerika eine neue Existenz gründeten, Heimat- und Muttersprache war und teilweise bis auf den heutigen Tag geblieben ist.

Meine Mutter sprach im Alter wieder fast ausschließlich plattdeutsch. Als sie die letzten 14 Jahre ihres Lebens in unserem Haus wohnte, wuchsen unsere Kinder mit dieser, meiner ersten Mutter auf. In meiner Brust leben nach wie vor zwei See¬len. Mir ist die Liebe zu meiner ersten plattdeutschen Mutter(sprache) stets ge¬blieben, ohne die Notwendigkeit der Entscheidung für meine zweite Mutter(spra-che) zu verkennen.