Interview mit Prof. Dr. Helmut Spiekermann (Uni Münster)

 

Dr. Helmut H. Spiekermann ist Sprecher des Centrums für Niederdeutsch

Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Germanistisches Institut
Schlossplatz 34
48143 Münster

Tel.:  0251-83 25408

https://www.uni-muenster.de/Germanistik/cfn/dascfn/Personen.html

  • Sie sind 1968 im Emsland geboren. Damit gehören Sie schon zu der  Generation, in der plattdeutschsprechende Eltern ihre Kinder fast durchweg hochdeutsch erzogen haben. Welche Rolle spielte die plattdeutsche Sprache in Ihrer Familie?

In der Familie wurde in der Regel Hochdeutsch gesprochen. Ich selbst und meine Geschwister haben deshalb Hochdeutsch als Erstsprache erworben, im Alltag sind wir jedoch sehr oft mit Plattdeutsch in Berührung gekommen. Meine Eltern stammen beide aus Groß Hesepe und sind selbst mit plattdeutscher Sprache aufgewachsen. Beide sprachen mit Freunden, Nachbarn und ihren Geschwistern auch durchaus Plattdeutsch, so dass auch die Kinder durch Beobachtung zumindest passive Kenntnisse erwerben konnten.

  • Zeigte sich bei Ihnen schon während der gymnasialen Ausbildung eine Vorliebe für Sprachen?

 Ich habe mich während meiner Schulzeit sehr für Fremdsprachen interessiert und im Gymnasium bis zum Abitur Englisch und Französisch gelernt. Die Besonderheiten der Sprachen in Grammatik und Wortschatz und der Vergleich mit dem Deutschen haben mich immer fasziniert.

  • Spielte Plattdeutsch während ihrer Gymnasialzeit als angestammte Sprache der Region in irgendeiner Form eine Rolle im Unterricht?

 Tatsächlich erinnere ich mich nur an ein oder zwei Gelegenheiten im Deutschunterricht, zu denen Texte mit plattdeutschem Inhalt Gegenstand des Unterrichts waren. Ansonsten wurde Plattdeutsch zu meiner Schulzeit nicht thematisiert.

  • Wie haben Sie dann Ihr Studium in Osnabrück ausgerichtet? Spielte die niederdeutsche Sprache  auch schon eine Rolle?

 Ich habe in Osnabrück Sprach- und Literaturwissenschaft studiert. Das Studium war als allgemeines und vergleichendes Studium ausgerichtet, d.h. es wurden sowohl grundlegende Kenntnisse zu Theorien und Methoden der Sprach- und Literaturwissenschaft vermittelt als auch ein Schwerpunkt auf kontrastive Analysen gelegt. Im Bereich Sprachwissenschaft habe ich mich u.a. mit dem Vergleich grammatischer Strukturen in unterschiedlichen Sprachen befasst. Am Rande spielte in diesem Zusammenhang auch das Plattdeutsche eine Rolle. Es wäre aber sicherlich zu viel gesagt, wenn ich behaupten würde, es hätte einen Schwerpunkt meines Studiums dargestellt. Dazu gab es zu meiner Zeit auch zu wenig Studienangebote an der Universität Osnabrück.

  • Beim sprachvergleichenden Studium haben Sie sich für Chinesisch entschieden, hatte das einen besonderen Hintergrund?

 Der Studiengang, den ich studiert habe, setzte Sprachkenntnisse in einer nicht-indoeuropäischen Sprache voraus. Diese Sprachkenntnisse wurden von den meisten Studierenden während des Studiums erworben. In Osnabrück wurden Kurse u.a. zu Arabisch, Finnisch und eben Chinesisch angeboten und ich habe mich für das Chinesische entschieden, nicht zuletzt wegen der besonderen grammatischen Strukturen, die in vieler Hinsicht deutlich vom Deutschen abweichen, und wegen der Schrift.

  • Sie haben dann einige Jahre in Freiburg verbracht, dort habilitiert und auch gelehrt. War in der Zeit Ihre Dialektforschung vornehmlich auf den süddeutschen Raum gerichtet?

 In Freiburg gibt es eine sehr traditionsreiche Forschung im Bereich der südwestdeutschen Dialekte und regionaler Sprachformen. Der Lehrstuhl, an dem ich in Freiburg gearbeitet habe, hat diese Tradition weitergeführt und neue Schwerpunkt im Bereich regionaler Dialekte und Umgangssprachen aufgebaut, weshalb ich in meiner Forschung ebenfalls einen Fokus auf sprachliche Variation in Südwestdeutschland gelegt habe, besonders auf die regionale Form der Standardsprache in Baden-Württemberg. Der bekannte Werbeslogan „Wir können alles außer Hochdeutsch“, den sich Baden-Württemberg gegeben hat, spiegelt ein Bewusstsein für die sprachlichen Besonderheiten, die sich auch empirisch nachweisen lassen.

  • Wie können Sie Ihre Professur an der Universität Münster in Bezug auf die niederdeutsche Sprache beschreiben?

 Meine Professur an der WWU Münster hat die Denomination „Sprachwissenschaft. Schwerpunkt Niederdeutsch“. Sie ist am Germanistischen Institut angesiedelt. Für meine Lehrtätigkeit ergibt sich damit, dass ich einerseits Lehrveranstaltungen im Rahmen der germanistischen Studiengänge anbiete, die u.a. von zukünftigen Deutschlehrern und –lehrerinnen besucht werden und allgemeine Inhalte des Germanistikstudiums darstellen (u.a. Einführungen in die germanistische Sprachwissenschaft), und andererseits Seminare und Vorlesungen halte, die niederdeutsche Inhalte aufweisen. Letztere sind in der Regel in den Bereichen Soziolinguistik, Pragmatik/Sprachgebrauch und auch Sprachvergleich in den Studiengängen des Germanistischen Instituts anrechenbar, so dass viele Studierende diese Angebote wahrnehmen können. Im Bereich Forschung konzentriere ich mich sehr stark auf niederdeutsche Themen. U.a. arbeiten wir seit zwei Jahren an einem Dialektatlas, für den auch Daten aus der Grafschaft Bentheim und aus dem Altkreis Lingen erhoben werden.

  • Erhalten Studenten(innen) in Ihrem Institut das Angebot, die niederdeutsche Sprache ohne Vorkenntnisse komplett zu erlernen?

 Es ist geplant, im Rahmen eines Zertifikatsstudiengangs, den wir gerade an meinem Lehrstuhl entwickeln, auch den Erwerb des Plattdeutschen in Form von Pflichtmodulen zu integrieren. Bislang gibt es jedoch noch kein entsprechendes Angebot an unserem Institut.

  • Welchen Stellenwert hat die niederdeutsche Sprache im Rahmen eines germanistischen Studiums an der Universität Münster?

 Lehrveranstaltungen mit niederdeutschen Themen werden sowohl im Bachelor- als auch im Masterstudium regelmäßig angeboten. Diese Lehrveranstaltungen sind in den germanistischen Studiengängen vollständig integriert.

  • Das Centrum für Niederdeutsch an der Universität Münster wurde im Juni 2013 gegründet. Sie sind dort zum ersten Sprecher gewählt worden. Welche besonderen Aufgaben haben Sie damit übernommen?

 Das Centrum für Niederdeutsch (CfN) hat das Ziel, die Lehr- und Forschungsinteressen am Fachbereich Philologie der WWU Münster zu bündeln sowie die Zusammenarbeit mit außeruniversitären Einrichtungen im Bereich Niederdeutsch zu fördern. Als Sprecher des Centrums versuche ich, mit Kollegen und Kolleginnen aus der Germanistik und aus anderen Philologien (u.a. aus der Niederlandistik) durchzuführen um dadurch vielfältige niederdeutsche Themen im Lehrangebot zu verankern. Eine Zusammenarbeit mit außeruniversitären Einrichtungen zeigt sich u.a. in meiner Mitgliedschaft in Fachstellen für Niederdeutsch bzw. für Niederdeutsche Sprachpflege beim Westfälischen Heimatbund bzw. bei der Emsländischen Landschaft. Auf eine Kooperation mit der Bezirksregierung Münster geht die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien für Grundschulen im Münsterland zurück, durch die Kinder der 3./4. Klasse mit dem Plattdeutschen in Kontakt kommen können. Auch dies ist im Kontext des Zieles des CfN zu sehen, eng mit Institutionen und Personen auch außerhalb der Universität zusammenzuarbeiten, um die am CfN gebündelten Kompetenzen im Austausch mit anderen optimal zu nutzen.

  • Der Schwund der niederdeutschen Sprache ist im öffentlichen Leben mit den Händen zu fassen. Wie kann die Sprachwissenschaft  darauf reagieren?

 Ich bin der Meinung, dass die Sprachwissenschaft an unterschiedlichen Stellen nützliche Hilfen leisten kann, um dem Schwund des Plattdeutschen entgegen zu wirken. Ich glaube, für einen erfolgreichen Schutz des Plattdeutschen sind verschiedene Dinge zu leisten, wobei Methoden der Sprachwissenschaft eingesetzt werden können: (1) Es muss untersucht werden, wie der derzeitige Stand ist, sowohl hinsichtlich der noch verbreiteten Sprachkompetenzen als auch bezüglich der Struktur des gegenwärtigen Plattdeutschen. (2) Es sollte eruiert werden, wie die Einstellungen zum Plattdeutschen sind, wo man besondere Vorzüge und Vorteile des Plattdeutschen sieht und wie eine positive Bewertung gefördert werden kann. (3) Schließlich kann die Sprachwissenschaft – in Zusammenarbeit mit der Didaktik – Hilfestellungen bei der Erstellung von Sprachlern- und –lehrmaterialien leisten, bei denen Erkenntnisse aus der Analyse von Sprachstrukturen und Einstellungen mit einfließen können.

  • Insbesondere in den drei zurückliegenden Jahrzehnten haben etliche Schulen in Norddeutschland versucht, diesem deutlichen Sprachwandel entgegen zu wirken. Mittlerweile sind in diesen Bildungseinrichtungen durch Altersabgang kaum noch Lehrkräfte mit aktiver Sprachkompetenz im Plattdeutschen anzutreffen. Wie kann unter diesen Umständen Niederdeutsch in der Schule überhaupt noch vermittelt werden?

 Das ist eine sehr große und gleichzeitig auch sehr wichtige Aufgabe. Für einen nachhaltigen Schutz des Plattdeutschen ist die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Interessengruppen aus Politik, Bildungs- und Kultureinrichtungen und Wissenschaft ein zentraler Punkt. Ohne den politischen Wunsch, das Plattdeutsche auch für die jüngsten Generationen greifbar zu machen, sind Initiativen auf schulischer und auch auf kultureller Ebene nur schwer umzusetzen. Glücklicherweise gibt es in den letzten Jahren einige positive Signale aus der Politik, u.a. in Hamburg, wo es einen Schulversuch Niederdeutsch an Grundschulen gegeben hat, sowie in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, wo die Ausbildung von Lehrkräften auch das Plattdeutsche mit umfasst. Ähnliches deutet sich auch für Niedersachsen an, so dass der erste Schritt für die Vermittlung des Niederdeutschen an Schulen gemacht werden kann. Es bleibt jedoch noch sehr viel zu tun, insbesondere was die Entwicklung von geeignetem Lehr- und Lernmaterial angeht.

  • Im Plattdeutschen gibt eine Fülle an regionalen Mundarten, über 40 verschiedene Wörterbücher belegen diesen Umstand. Wäre es denkbar, Lehrwerke für Niederdeutsch zu konzipieren, die durch eine Vereinheitlichung eine Vereinfachungen der Vermittlung dieser Sprache in den Schulen ermöglichen könnten?

 Es ist sicherlich möglich, für die Vermittlung des Niederdeutschen eine Art „Standardniederdeutsch“ als Grundlage für den Unterricht zu entwickeln. Tatsächlich gibt es entsprechende Tendenzen bereits in Schleswig-Holstein. Hier wird in neu entwickelten Unterrichtsmaterialien eine bestimmte Form des Nordniedersächsischen verwendet, die an dem Saß’schen Wörterbuch orientiert ist. Grammatik und Wortschatz sind dadurch relativ einheitlich. Für den Unterricht ist dies sicherlich vorteilhaft, u.a. weil eine einheitliche Ausbildung und Schulung der Lehrkräfte möglich wird, es stellt sich jedoch die Frage, ob dadurch das Ziel, das Plattdeutsche – verstanden als die vielen lokalen Varianten des Plattdeutschen – zu schützen wirklich erreicht werden. Deshalb würde ich mich – trotz der Vorteile, die eine Einheitsform für den Unterricht hätte – für mindestens regionalisierte Formen des Plattdeutschen im Unterricht aussprechen, so dass Unterrichtsmaterialien im Münsterland an das hiesige Plattdeutsch in Lautung, Wortschatz und Grammatik angepasst werden sollten, ebenso im Emsland an das emsländische Platt (bzw. an die Hümmlingischen, Lingenschen usw. Formen). Ich glaube, dass dadurch auch das Interesse an einem Plattdeutsch-Unterricht erheblich größer werden würde.

  • Der Stellenwert des Plattdeutschen in der Pflege älterer Menschen gewinnt an Bedeutung. Könnte im Bereich der Demenzbegleitung eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Fachmedizinern und Sprachwissenschaftlern sinnvoll sein?

 In der Sprachwissenschaft ist die Erforschung des Verlustes von Sprachfähigkeiten u.a. in der Aphasieforschung seit vielen Jahren ein sehr intensiv bearbeitetes Thema. In den letzten Jahren nehmen auch Arbeiten in der Demenzforschung zu. Das besondere Interesse liegt dabei auf den spezifischen Mustern, nach denen der Sprachverlust sich systematisch vollzieht. Dies könnte auch bei Patienten, die neben hochdeutschen auch über (oft muttersprachlichen) plattdeutsche Sprachkompetenzen verfügen ein wichtiges Thema werden und Erkenntnisse in Bezug auf den Verlauf von Demenzerkrankungen liefern.

  • „Wer“ kann nach Ihrer derzeitigen Einschätzung im Jahre 2050 noch umfassend plattdeutsch sprechen?

 Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich glaube jedoch, dass man – nach derzeitigem Stand – im Jahr 2050 vermutlich kaum noch Sprecher und Sprecherinnen finden wird, die Plattdeutsch in der Familie als Erstsprache erworben haben. Dem Unterricht in der Schule wird dann eine wichtige Rolle zukommen. Schon in heutiger Zeit wird Plattdeutsch als Zweitsprache  bedeutsamer. Es hängt von dem Erfolg der derzeitigen Maßnahmen und von deren weiterem Ausbau ab, ob sich der derzeit beobachtbare Trend, nach dem die Zahl der Sprecher immer weiter zurück geht, umgekehrt werden kann.

  • Gerade mit Wissenschaftlern bringt man in Verbindung, dass sie ständig neue Ideen entwickeln. Haben Sie  spezielle Vorhaben zum Niederdeutschen „in der  Schublade“?

Es gibt schon seit vielen Jahren Initiativen im Bereich der Förderung des Plattdeutschen als Kultursprache (insb. plattdeutsches Theater) und zuletzt auch zunehmend zur Vermittlung des Plattdeutschen. Es fehlt jedoch oft an gezielten Maßnahmen, das Plattdeutsche als Alltagssprache zu fördern und neue Gebrauchsdomänen für das Plattdeutsche zu erobern. Ich glaube, dass dabei die Möglichkeiten, die die Neuen Medien bieten, sinnvoll genutzt werden können. U.a. haben wir am CfN eine online-Zeitschrift entwickelt, in der Artikel in plattdeutscher Sprache veröffentlicht werden. Die Zeitschrift (der Nettelkönning) ist unter www.cfn-ms.de/nettelkoenning/ abrufbar. Ein Ziel der Zeitschrift ist es zu zeigen, dass das Plattdeutsche auch als Schriftsprache gebräuchlich sein kann.