Ursachen für die dialektalen Sprachbarrieren

Ohne Zweifel lassen sich sozialpsychologische und linguistische Ursachen für die besonderen schulischen Probleme der Dialektsprecher beschreiben.

So war es im niederdeutschen Sprachgebiet weithin in ländlichen Schulen bis etwa 1960:

Die sozialpsychologischen Ursachen beruhen darauf, daß der Dialekt durch die Entstehung und Ausbreitung der Einheitssprache in den meisten Gegenden eine Abwertung erfahren hat. Er gilt als veraltet und falsch, als Zeichen dörflicher bzw. niedriger sozialer Herkunft und auch als Indikator für geringere Intelligenz. Derartige Bewertungen beeinflussen auch die Einstellungen und Leistungserwartungen der Lehrer gegenüber Dialektsprechern. Zudem können die schlechteren einheitssprachlichen Leistungen der Dialektsprecher als sogenannter Hofeffekt auf die Leistungserwartungen der Lehrer und ihre Leistungs­beurteilungen in anderen Fächern durchschlagen. Die Dialektsprecher selbst neigen dazu, die negative Einschätzung durch ihre Umgebung als Selbstein­schätzung zu übernehmen. Sie halten sich für weniger intelligent und leistungsfähig und sind sich auch ihrer

geringeren einheitssprachlichen Leistungen durch­aus bewußt, erleben sie doch immer wieder Kritik und Korrektur ihrer Ausdrucksweise. Sie verlieren schließlich das Vertrauen in ihre eigene Lei­stungsfähigkeit und entwickeln Unzulänglichkeitsgefühle. Das führt in der Schule zu zusätzlichen Fehlleistungen und zu einem Verstummen aus Angst vor Blamage. Damit bestätigen die Dialektsprecher im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung die Vorurteile, die ihnen entgegengebracht werden (1).

1 Aus: Ammon, Dialekt, soziale Ungleicheit und Schule. Weinheim/Basel 1973, Seite 149-153

Diese Erfahrungen, dass seinerzeit die Kinder mit ausschließlich Plattdeutschkenntnissen einer deutlichen Sprachbarriere ausgesetzt waren, bauten in Verbindung mit den Leistungserwartung der Lehrerschaft sich zu einem schier unüberwindbarer Teufelskreis auf.

Das habe ich zwar persönlich bei mir nicht so deutlich verspürt, da ich ja schon hochdeutsche Erfahrungen über meine Mutter mitbrachte. Aber o. g. kindliche Erlebnnisse haben vielen Kindern vom Lande schwer zugesetzt.

Angaben zum Buch: Niederdeutsch in der Schule (Hg.) Ludger Kremer, Beiträge zur regionalen Zweisprachigkeit, Münster 1989, hier: Seite 67