Dr. Karl – Heinz Hense

Platt ist wie Fahradfahren

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Von Kindesbeinen an habe ich das Plattdeutschsprechen gelernt. Heute, nachdem ich in den letzten gut dreißig Jahren nur noch gelegentlich auf Besuch ins Emsland komme, spreche ich mit meiner Mutter oder mit verbliebenen Kumpels und Freunden aus der Volks­schulzeit wie ganz selbstverständlich immer noch platt. Plattdeutsch ist wie Fahrradfahren: wenn man es ein­mal kann, verlernt man es nicht mehr.

Ich habe einen Freund in Osnabrück, der ist Landma­schinenvertreter. Und er hat für diesen Beruf durchaus das passende physische und mentale Format. Aber er ist ein Stadtkind. „Wenn ich dich um etwas wirklich beneide”, pflegt er.zu mir zu sagen, „dann ist es dein Platt.” Wenn man platt spricht, gehört man in gewissen, meist ländlichen Kreisen dazu. Das war immer so – auch, als es in anderen gewissen Kreisen als unfein galt, platt zu sprechen. Für meinen Freund, den Landmaschinenvertreter, wäre es durchaus absatzfördernd, wenn er richtig platt könnte und nicht nur fast richtig. Richtig platt kann man aber nur, wenn man es von Kindesbeinen an gelernt hat.

Das emsländische Platt, wiewohl von Dorf zu Dorf verschieden, ist leider schon ei­ne dekadente Form des Plattdeutschen; im normalen Gebrauch ist es von vielen hochdeutschen und halbhochdeutschen Wörtern durchsetzt. Das ist in anderen Gegenden, in Ostfriesland etwa oder auch im Oldenburger Münsterland, anders. Da ist Platt noch eine richtige, eigene Sprache. Ich habe fünf Jahre in Oldenburg ge­lebt, und ich erinnere mich gern daran, daß ich damals noch den Entertainer Hein­rich Diers kennengelernt habe, der es wie kaum jemand verstand, sein Publikum auf original Oldenburger Platt zu unterhalten.

Das emsländische Platt ist vielleicht keine eigene Sprache mehr, aber es hat seine Eigenart. Für mich persönlich bereichert es die Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks und der Verständigung auf eine sehr amüsante und liebenswerte Art und Weise. Viele plattdeutsche Wörter und Ausdrücke haben keine hochdeutsche Entsprechung. Wenn ich von einem gering zu schätzenden Sonderling sprechen will, dann nenne ich ihn auf Platt einen „Paijatz”; geht es gar um einen üblen Lum­pen und Beutelschneider, dann spreche ich von einem „Schmeerlapp”. Und wie­viel schöner ist es doch, einem Kind zu sagen: „Dat hestu aber mooi makt!” („mooi” je nach gewünschter Intensität auch mit drei oder noch mehr o zu schreiben und vor allem zu sprechen), als wenn ich es mit den Worten lobe: „Das hast du aber schön gemacht.” Auch das Wort „strumpeldune” sagt viel aus über emsländische