Dr. Bernard Krone – Schmiede in Spelle

Die ersten Kunden kamen durchweg aus Dreierwalde. Dort gab es größere Bauern als in Spelle. Mehrere Landwirte hatten sogar eine Eigenjagd.

Das war also eine recht gute Kundschaft für die Anfangsjahre der neue Schmiede im Besitz unserer Familie. Dreierwalde liegt ja entfernungsmäßig auch gar nicht so weit weg.

Dazu kam, dass diese Schmiede sich in der Nähe des Bahnhofs befand, der Nachbarort aber keinen Bahnanschluss hatte. Wenn die Dreierwalder Bauern also Kunstdünger bestellt hatten oder ihre Kartoffeln ins Ruhrgebiet abliefern mussten, so geschah das alles über den Bahnhof in Spelle. Auch das Vieh wurde hier verladen.

Dann wurden passend auch eben die Pferde bei uns beschlagen.

In dieser Zeit wurde ausschließlich Plattdeutsch gesprochen.

Dr. Bernard Krone – Die Rolle der Wechsel

 

Mein Vater – so hat er es mir immer wieder erzählt – hat das ganze Geschäft aufgebaut auf Wechsel, weil er ihm damals kein Geld zur Verfügung stand. Wechsel gibt es heute nicht mehr, aber das war damals das billigste Geld. Und dann hat er bei der Bank angefragt,  wie viele Wechsel man dort annehme. Und Vater erzählte, er habe dann gekauft in der Koreakrise, er habe Stahl gekauft, soviel wie er kaufen konnte. Auch weil er wusste, wenn ein Krieg kommt, dann wird alles teurer. Und genau so kam es, wir konnten im Rahmen des Marshallplans in die Türkei und nach Griechenland, nach überall hin Waggon um Waggon verkaufen. Und so hat er alles mit Wechsel aufgebaut. Es war üblich, dass die Bauern immer so gegen Allerheiligen nach Abschluss der Ernte bezahlten. Um diese Zeit musste mein Vater mit Bekannten nach Borkum reisen, weil er das als Erholung gebrauchte gegen seine Asthmaerkrankung. Dort hat ihn dann der damalige Finanzfachmann unserer Firma, der erste Prokurist Hermann Jansen, angerufen mit den Worten: Bernhard, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, wir schwimmen im Geld.

Dr. Bernard Krone – Zweigwerk Werlte

 

Anfang der sechziger Jahre war der Arbeitsmarkt in Spelle und Umgebung leer gefegt. Im südlichen Emsland und im angrenzenden Westfalen waren keine Arbeiter mehr zu bekommen. Mit Bussen ließ Krone täglich etwa 200 Arbeiter im Umkreis von 5o Kilometern zur Arbeit abholen und nach Dienstschluss wieder nach Hause zurückbringen. Krone lieh sich auch Insassen der Justizvollzugsanstalt Lingen als zusätzliche Arbeitskräfte aus. Die Personalabteilung lud emslandweit zu Informationsabenden in Gaststätten ein, um Mitarbeiter anzuwerben. Doch es war absehbar, dass die Mitarbeiterzahl mittelfristig nicht ausreichen würde, um die wachsende Landmaschinenproduktion zu bewältigen. Deshalb kam Bernard Krone zu dem Ergebnis, ein zusätzlicher Produktionsstandort müsse her. Er sah sich um und wurde im strukturschwachen, nordöstlichen Emsland fündig, und zwar auf dem sogenannten Filmlink – eine Heidelandschaft, wo er schon in jungen Jahren besonders gerne unterwegs gewesen war. Hier gab es Anfang der sechziger Jahre kaum Industrie, so war das Potenzial an Arbeitskräften. Bernard Krone entschied sich für den Ort Werlte, weil dieser an ein Bahnnetz angeschlossen war.

An einem Sonntagnachmittag begutachtete er gemeinsam mit seiner Frau Gertrud und seinem Sohn Bernard einen Fichtenbestand an der Sögeler Straße. Das fünf Hektar große Gelände gehörte der Gemeinde Werlte und hatte den Vorteil, dass die Bahnlinie direkt am Grundstück vorbeiführte und es ohne großen Aufwand mit einem eigenen Gleisanschluss ausgestattet werden konnte. Wenig später besichtigte Bernard Krone das Grundstück mit einigen Mitarbeitern. Er war nun fest entschlossen: „Hier werden wir die Fabrik bauen. Hier gibt es Arbeitskräfte.” Gesagt, getan: Noch 1963 wurde der Kaufvertrag unterschrieben. Die Gemeinde Werlte und der Landkreis Aschendorf halfen bei der Erschließung des Geländes.

Im Mai 1964 waren die erste 3500 Quadratmeter große Produktionshalle samt Sozialräumen und das Verwaltungsgebäude fertig. Die gesamte Halle war mit einem Kran ausgestattet, der Werkstücke bis zu fünf Tonnen Gewicht transportieren konnte. Auch der Gleisanschluss führte in die Halle, sodass die Rohstoffe direkt am Arbeitsplatz ankamen und die fertigen Maschinen an Ort und Stelle verladen werden konnten. Der Vertrag mit der Hümmlinger Kreisbahn garantierte einen pünktlichen und sicheren Transport. Die Arbeit konnte also beginnen.(…)

Zum Einstellungstermin Ende 1963 hatten 200 arbeitswillige Schlange gestanden. 50 von ihnen waren eingestellt und zunächst Endspiele angelernt worden.

Text aus:

Seiten 51 – 53

 

Dr. Bernard Krone – Vor dem 2. Weltkrieg

Im Gegensatz zu mehreren anderen Firmen habe ich nicht nur einen guten Namen geerbt, sondern auch einen schuldenfreien Betrieb. Das war schon vergleichsweise etwas ganz Besonderes. 1935 hatte mein Vater zum ersten Mal keine Schulden mehr. Auch hat er zu diesem Zeitpunkt die Lanz-Bulldog Vertretung übernehmen können vom Mitkonkurrenten van Lengerich aus Emsbüren.

Das Geschäft ging auch bergauf, weil die Nazis Landwirtschaft unterstützt haben – nicht etwa, weil sie die Bauern gerne leiden mochten, sondern weil sie der Autarkie wegen aus landwirtschaftlichen Früchten wie Rüben Benzin erzeugen wollten.

So ging die Produktion in unserem Betrieb bergauf. Zu der Zeit beschäftigte mein Vater 9 Arbeiter und Angestellte. Dann kommt der nachmittags zu seiner Mutter in die Gaststätte und bestellt bei ihr einen Schnaps. Seine Mutter entgegnet ihm: Was fällt dir ein, nachmittags um 4 Uhr schon einen Korn trinken zu wollen. Daraufhin berichtet Sohn Bernard ganz stolz: Wir haben zum ersten Mal keine Schulden mehr. Die Mutter entgegnet forsch: Solche kleine Leute wie wir die müssen Schulden haben, sonst erreichen sie nichts.

Erste vorläufige Bestandsaufnahme zur entstehenden Website am Tag der Veröffentlichung (1. Mai 2018)

 

  • Wu is datt mit use Platt?
  • Watt up Platt!
  • Watt över Platt…

Derzeitiger Stand:

Dieser Versuch einer Dokumentation des Schwundes der plattdeutschen Sprache entwickelt sich weiterhin erfreulich und hat mittlerweile einen Umfang von etwa 380 Seiten angenommen.

Deshalb wird dieses Vorhaben nun endgültig zum 1. Mai 2918 online gestellt werden und sich dann „veröffentlicht“ weiter entwickeln.

Ausgangslage:

Zunächst bildeten zwei Grundthemen das Gerüst:

  • sprachwissenschaftliche Untersuchungen zum jeweiligen Stand der abnehmenden Plattdeutschkompetenz (Schwerpunkt: zehnjährige Kinder im LK Borken und im LK Emsland)
  • die Fortführung des Buchprojekts Wat, de kann Platt auf Website – Art, interessante Grafschafter und Emsländer erneut zu befragen mit dem Betrachtungszeitraum der letzten 20 Jahre.

Daraus ist mittlerweile räumlich und thematisch viel mehr geworden.

Dabei kann ich als besonderen Vorteil nutzen, dass Dr. Helmut Lensing und ich uns durch unsere Veröffentlichungen zum Heuerlingswesen im gesamten deutschen Nordwesten Bekanntheit und Ansehen erwerben konnten.

www.heuerleute.de

Allein durch meine über 120 Vorträge habe ich viele engagierte Heimatforscher und insbesondere Plattdeutschkenner, aber auch Autoren und Autorinnen kennengelernt und ich stehe mit Ihnen in Kontakt.

Somit erweiterte sich das Betrachtungsgebiet enorm.

Bisherige Erfahrungen:

Es liegen mittlerweile einige schriftliche  Rückmeldungen vor, die auch schon eingestellt sind. So konnten zusammen mit  Dr. Bernard Krone und Franz Rothkötter hochinteressante Firmenportraits up platt entwickelt werden.

Auch die Interviews mit den beiden polyglotten Theologen Alfons Strodt (Osnabrück) und Dr. Heiner Wilmer (noch Rom, bald Bischof in Hildesheim) haben ganz besondere Erkenntnisse erbracht.

Dem früheren Landrat des Emslandes (jetzt Präsident der Emsländischen Landschaft u. a.), Hermann Bröring, hat das Video – Interview nach eigenen Angaben Freude bereitet, man kann es beim Betrachten der Kurzfilme regelrecht verspüren…

Allerdings sind die Aufnahmen in dieser Art für mich in Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung sehr zeitaufwändig.
Erheblich einfacher sind da vorbereitete Telefoninterviews, die dann mit Fotos aus dem Leben und Arbeiten der Interviewten ebenfalls zu einem abwechslungsreichen und interessanten Video gemacht werden können.

Was kann und was sollte nun weiterer passieren?

  • Vorrangig ist sicherlich die Fortsetzung der Vorstellung von weiteren Zeitzeugen/innen auf Platt, denn das gesprochene Wort hat in dieser Sprache einen ganz besonderen Stellenwert, da die Schriftsprache in den einzelnen Regionen auf verschiedenen Ebenen zu unterschiedlich ist.
  • Damit entstehen gleichzeitig authentische Sprecherbeispiele von „Plattkönnern“ aus den verschieden Regionen, die für die zukünftigen – wohl plattärmeren – Zeiten in mehrfacher Hinsicht von besonderer Bedeutung sein können.
  • Es sollen weitere Initiativen vorgestellt werden z.B. Möglichkeiten der Demenzbegleitung
  • Durch Besuche von Schulen (Hamburg, Schleswig-Holstein), die Plattdeutsch in den Fächerkanon aufgenommen haben, können neue Erkenntnisse zusammengetragen werden: Was ist schon gelungen, was kann überhaupt gelingen – eine kritische Bestandsaufnahme.

Zusammengefasst…

Hier entsteht etwas Neues.

Dabei ist es völlig selbstverständlich, dass ein solches Unterfangen mit Neugier, aber auch mit entsprechender Skepsis oder auch in Ablehnung aufgenommen wird.

Im Gegensatz zu einem Buch in seiner festen Struktur sollen sich hier ständig neue Inhalte zunächst aneinander reihen, um dann doch zu einem möglichst in sich  geschlossenen Ganzen zu werden mit den Oberthemen

  • Versuch einer Dokumentation des Schwundes der niederdeutschen Sprache und
  • Auffinden und mögliche Stärkung solcher Orte, an denen die plattdeutsche Sprache lebendig ist.

Dabei sollte es zunehmend gelingen, die unterschiedlichen „Qualitäten“ der Informationen halbwegs kompatibel und damit auch für den kritischen Besucher akzeptabel zu gestalten

Der vornehmliche  Adressat soll ja der interessierte Laie sein, für  den ein spezielles Forum geschaffen werden soll, das ihm die Möglichkeit gibt, sich auch nach den teilweise recht kurz kommentierten (bzw. nur zitierten) Links umfassender im Web zum Gesamtthema zu informieren.

Meine  Erfahrungen mit der Website www.heuerleute.de, die mittlerweile über 900 Seiten umfasst,  ermutigen mich aber. Zunehmend finde ich aktive Mitstreiter – im wahrsten Sinne des Wortes.

Besonders erfreulich ist es, dass gerade jüngere Fachwissenschaftler zu einer zielführenden Zusammenarbeit bereit sind. Das habe ich gerade im letzten Jahr bei der Konzeption des Buches Heuerhäuser im Wandel erlebt, als einige namhafte Fachleute spontan bereit waren, einen Aufsatz einzubringen.

Dahinter steht auch wohl die zunehmende – nüchterne – Erkenntnis, dass sprachwissenschaftliche, historische und volkskundliche Fachveröffentlichungen in der Regel nur von allenfalls 40 bis 70 Insidern komplett gelesen werden.

Mehrfach wurde mir versichert, dass dort der Wunsch besteht, sich einem breiteren Publikum zu öffnen.

Nun kann sich hier die Möglichkeit bieten, dass ein Brückenschlag zwischen Fachwissenschaftlern und interessierten Laien gelingt.

Prof. Dr. Ludger Kremer stellt seinen jüngsten Aufsatz Sprachwandel und Sprachwechselim deutsch-niederländischen Grenzland auch dieser Website per Link zur Verfügung.

Einen besonderen Stellenwert in diesem Kontext haben sicherlich auch die kompakten Ausführungen von Alfred Möllers, der als früherer Regierungsschuldirektor im Osnabrücker Land sehr engagiert und erfolgreich eine agile Schar von plattsprechenden Lehrpersonen um sich sammeln konnte. Es wurden umfangreiche Unterrichtsmaterialien erstellt und den Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt. Hier haben auch andere Regionen Anregungen erhalten. Seine nüchterne und klare Bilanz zur heutigen Situation auf dieser Website sollte von jedem Plattdeutsch – Euphoriker mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen werden.

Darüber hinaus stellt auch Prof. Dr. med. Gerhard Pott aus Nordhorn seine sehr passenden Federzeichnungen mit Motiven aus der Regionen zur Verfügung.

In einer anlaufende Zusammenarbeit mit der Hochschule Osnabrück – Fakultät Management, Kultur und Technik – möchte ich das Ziel verfolgen, möglichst unkomplizierte Materialien zur Demenzbegleitung zu entwickeln. Da ich durch meine vier Bände zur FotoSprache

http://www.watt-up-platt.de/demenzbuch-ja-so-war-das-damals-1/

schon einige Erfahrungen auf diesem Spezialgebiet sammeln konnte, bin ich nun dabei, neue technische Möglichkeiten zu nutzen, die plattdeutsche Sprache mit älteren Schwarzweißfotos aus dem kindlichen Erfahrungsbereich der Erkrankten zu kombinieren und dazu verschiedene Themenbereiche entsprechend zu gestalten. Dabei wird es allerdings nötig sein, entsprechende regionale Ausgaben zu schaffen, da gerade dieser Patientenkreis sehr empfindlich auf „verkehrtes Platt“ reagiert – nur die eigene Variante wird akzeptiert.

Meine Kontakte in alle Teilregionen Nordwestdeutschlands machen dort eine gezielte Zusammenarbeit mit Fachleuten jeweils vor Ort unkompliziert möglich.

Selbst wenn man die mögliche Ausgestaltung der neu entstandenen Ministerien für Heimat im Bund und Land nur erahnen kann, die Sprache sollte dort einen Stellenwert haben, denn sie ist ohne Zweifel das höchste Kulturgut des Menschen.

Hinweis zum möglichen Umgang mit dieser Website:

Im Menüpunkt Aktuelles sollen mehrmals in der Woche neue Beiträge eingestellt werden.

Prof. Dr. Franz Bölsker – Studienzeit

Sie sind nach dem Abitur in den Raum Vechta gekommen. Welche Erfahrungen haben Sie dort  im Studium und dann im sonstigen Lebensumfeld gemacht?

Die Tabuisierung des Plattdeutschen war hier nicht mehr so gegeben. Man merkte schon, dass die große Mehrheit hochdeutschsprachig war.

Aber ich habe auch manche Menschen kennengelernt,  bei denen ich merkte, dass sie auch aus dem plattdeutschen Milieu stammten und dabei hier und da mal ein plattdeutscher Satz auch rauskam. Da war auch eine gewisse Milieuverwandtschaft, in der man sich wohl fühlte.

In der Phase, in der ich mich als Historiker mit Sprachsituationen befasst habe, da ist mir auch deutlich geworden, dass wir alle auf einem ganz dicken plattdeutschen Firn uns befinden. Das  Niederdeutsche war jetzt nicht mehr etwas, das man wegdrücken musste, weil es ja wirklich auch eine Hochsprache gewesen ist.

Ich weiß nun nicht mehr genau, in welchem Lebensjahr ich das erkannt habe. Aber ich habe mich in Studentenzeiten immer wieder auch mit Sprachgeschichte auseinandergesetzt, so wurde mir klar, dass Sprachen sich immer wieder überlagerten und sich so weiter entwickelt haben.

So habe ich mich auch wieder intensiver mit der Geschichte der plattdeutschen Sprache beschäftigt, dabei war die Scham, die ich in jüngeren Jahren rund um die Verwendung der niederdeutschen Sprache in meinem Leben verspürt habe, vorbei. Es war Selbstbewusstsein und sogar Stolz bei mir entstanden.

Dabei muss ich eine Person hier nennen, die stark dazu beigetragen hat. Als ich mich in den achtziger Jahren von der Uni aus auch mit Regionalgeschichte befasst und Vorträge gehalten habe etwa über die Hollandgänger, bin ich auf Heinz Menke aus Rütenbrock  gestoßen, der sich dort als Heimathistoriker stark engagiert hat. Ich habe mit ihm zusammen eine umfangreiche Festschrift erarbeitet zum 200-jährigen Jubiläum des Ortes im Jahre 1988.

Das Niederdeutsche wurde jetzt in meinem Leben durchaus etwas, mit dem man kokettieren konnte. Es war ja eindeutig ein Kulturgut und bot Identifikation. Ich habe seitdem auch nie mehr einen Hehl aus meiner Mehrsprachigkeit gemacht. Meine erste Fremdsprache war ja Hochdeutsch, dann kamen Latein und Englisch dazu und ebenfalls Griechisch. Dabei war meine Muttersprache eben Plattdeutsch. Nun war diese polyglotte Erscheinung eine Bereicherung für mich in meinem Leben. Dabei stellte sich heraus, dass insbesondere das Erlernen der lateinischen Sprache eine starke Reflexion auf die deutsche Sprache ermöglichte. Ständig wurde ich nun darauf gestoßen, dass ich radikal zweisprachig aufgewachsen bin. Dabei gab‘s bei uns kein Missingsch. Natürlich habe ich als Plattsprecher durchaus hochdeutsche Begriffe verwendet, ansonsten gab es aber eine klare Sprachteilung.

Und ich habe beobachtet, insbesondere in den sechziger bis achtziger Jahren, dass die Leute auch auf dem platten Lande anfingen, mit ihren kleinen Kindern und auch mit ihren Haustieren hochdeutsch zu sprechen. Es ist also eine hochinteressante Frage, weshalb man nun sogar im dörflichen Umfeld mit den Tieren nun hochdeutsch sprach. Vorher war so selbstverständlich, dass der Haushund auf Plattdeutsch gehorchte. Das war für mich ein Indiz dafür, dass Plattdeutsch als gesprochene Sprache aus der Mode kam. Das ist ja mittlerweile auch schon wieder fast fünf Jahrzehnte her und wir sind schon zwei Generationen weiter. Man merkt zwar das bei Menschen, die heute so um die 50 Jahre alt sind, dass sie noch durchaus passive Sprachkompetenzen im Plattdeutschen haben, sodass nach dem dritten Bier vielleicht noch mal ein Schnack auf Platt im Gasthaus über die Theke kommt. Aber als gesprochene Sprache ist es nicht mehr da.

Auch wenn man nun tatsächlich Plattdeutsch wieder als Bildungsziel und regionale Kultursprache in Form von Lesewettbewerben etwa in den Schulen etablieren will, so ist es doch ohne Zweifel mittlerweile eine Fremdsprache. Man kann es in etwa vergleichen mit den Bemühungen um die Erhaltung und Wiederbelebung der altirischen Sprache, aber es bleibt ein Kunstgriff, weil eben die Kommunikation im offiziellen und wirtschaftlichen Bereich mittlerweile bei uns durchweg im Hochdeutschen erfolgt  – mit entsprechenden Anglizismen.

Und dabei muss man wissen, dass die englische Sprache historisch gesehen ein Ausläufer des Altsächsischen, also des Altniederdeutschen ist. Aber wir dürfen uns keine Illusionen zu machen –  das Plattdeutsche ist als gesprochene Sprache Geschichte.

 

Prof. Dr. Franz Bölsker – Der Englischlehrer

Wenn Sie sich an ihre Schulzeit erinnern, dann stoßen Sie auf eine besondere Erkenntnis Ihres Englischlehrers, der aus England stammte.

Ja, das war ganz interessant, zunächst hatte ich ja ab Klasse 5 Lateinunterricht, im siebten Schuljahr kam das Fach Englisch dazu. Ab Beginn des achten Schuljahrs übernahm ein Lehrer aus England diesen Unterricht. Der nahm uns in unserer typischen Sprachpraxis wahr, nämlich eben als deutsche Schüler, die fast durchweg aus der hochdeutschen Sprache kamen. Diese erlebte er in ihrer typischen hochdeutschen Ausprägung der englischen Sprachausübung. Denn kaum ein Deutscher spricht ja wirklich richtiges Englisch. Ich aber konnte die typischen englischen Zwischenvokale einbringen. Die brachte ich von meiner plattdeutschen Sprache her mit. Eines Tages fragte mich mein Englischlehrer: „Hast du vielleicht in England gelebt?“ Ich erzählte ihm dann, dass ich von zu Hause her Plattdeutschsprecher bin und es ja einige Verwandtschaft zwischen diesen beiden Sprachen gibt. Dazu kam, dass meine Mutter nach dem Kriege ein wenig Englisch gelernt hatte im Umgang mit kanadischen Soldaten. Dabei hatte sie auch erkannt, dass es eine Reihe von Wörtern in beiden Sprachen gibt, die identisch sind. So kam das Kompliment von meinem Englischlehrer, dass ich auf diese Art das beste Englisch mitbrachte, das möglich ist, weil es eben angelsächsisch ist. Nun kam damit die Wahrnehmung bei mir auf, dass unser Plattdeutsch die Seniorsprache der Juniorsprache Englisch ist, so quasi als Mutterboden. So haben wir als Plattdeutsche manche Affinitäten zum Englischen, die der Hochdeutschsprecher so nicht haben kann.

 

Prof. Dr. Franz Bölsker – Kindheit und Jugend

 

Welche Rolle hat Plattdeutsch in der Kindheit und Jugend bei Ihnen gespielt?

 Ich bin ausschließlich im Plattdeutschen aufgewachsen. Bei uns in der Familie wurde nur plattdeutsch gesprochen. Wir hatten zwar ein Radio, wo dann häufig Meldungen auf Hochdeutsch gesendet wurden. Ansonsten hatte ich keine hochdeutsche Sprachpraxis. Ich kam als plattdeutschsprechender Mensch in die Grundschule, das war damals noch die Volksschule. In den ersten Wochen und Monaten gab es keine Kommunikationsmöglichkeiten zwischen mir und meiner Lehrerin. Die anderen Kinder hatten wohl schon etwas mehr Sprachmöglichkeiten auf Hochdeutsch gehabt, aber ich eben nicht. Unsere Lehrerin war schon ein wenig älter und kam aus Mähren. Sie war also eine Heimatvertriebene, die entsprechend kaum Zugang zum Plattdeutschen hatte. Sie verstand mich also nicht und ich umgekehrt sie auch nicht. Das war ein schmerzhafter Prozess in den ersten Monaten. Am Ende hat sie sich durchgesetzt und meine Kompetenz im Hochdeutschen nahm zu. Ich erreichte so eine Zweisprachigkeit, die sich bis zum Abitur durchzog. Plattdeutsch war also etwas für die Familie, für die Nachbarschaft und die Verwandtschaft. Alles darüber hinaus war ab jetzt hochdeutsch. In dieser Wahrnehmung bin ich dann auch zum Gymnasium gekommen. Ich war der einzige  Schüler, der in diesem Jahrgang aus Rütenbrock  zum Gymnasium ging. An sich war das ohnehin nicht geplant, aber dadurch, dass die Lehrerin mich nach dorthin empfohlen hatte, fuhr ich ab jetzt nach Meppen zur Schule. Und so kam ich in eine neue Gesellschaft hinein, die man als akademische Oberschicht bezeichnen kann.

Da war es erst recht tabu, Plattdeutsch zu sprechen. Ja man hat sich sogar dieser Sprache geschämt. Ich weiß zwar heute, dass eine ganze Reihe von Mitschülern gab, die als reine Hochdeutsche daher kamen, aber niederdeutsche Wurzeln im Gepäck hatten. Platt war in diesem Umfeld völlig tabuisiert. Für mich war es auch immer ein Rollenproblem: der Wechsel vom akademischen Umfeld auf dem Gymnasium in der Stadt in das Plattdeutsche im Heimatort Rütenbrock. Wobei ich noch hinzufügen muss, dass selbst Rütenbrock in seinem Zentrum schon stärker hochdeutsch geprägt war. Und auch die Heimatvertriebenen haben hauptsächlich dort gewohnt. Allerdings habe ich auch einen Arbeitskollegen meines Vaters kennengelernt, der Plattdeutsch erlernt hat. Das war für mich ein gelungenes Beispiel von sprachlicher Integration. Aber das hat sicherlich auch einige Jahre gedauert, bis er dazu in der Lage war. Das Schlesische ist ja ein hochdeutscher Dialekt, aber insgesamt eine interessante sprachliche Erscheinung für mich. Aber der Gegensatz zu öffentlicher hochdeutscher Kommunikation und privater niederdeutscher Kommunikation war für mich ein Faktum, damit musste ich dann leben. Es war zum Teil ein Problem dahingehend, dass ich meinen plattdeutschen Akzent auch im Hochdeutschen nie losgeworden bin. Das hat man mir sicherlich angehört. Das wurde nicht selten mit bäuerlich verbunden.

 

Gerhard Kethorn

… sprech ich wie der Mutter Mund

Heimat, Frieden, Liebe sind Wörter in unserer deut­schen Sprache, die einen besonderen Klang haben. Hei­mat ist ein Stück Geborgenheit; und daran hat die Mut­tersprache einen wesentlichen Anteil.

Für mich war von Kindesbeinen an die plattdeutsche Sprache eben die Muttersprache. Wo diese Sprache ge­sprochen wird, da ist man zu Hause – auch dann, wenn man in der Fremde ist. Hört man dort einige Laute die­ser heimischen Mundart, werden die Ohren gespitzt, die Menschen werden angesprochen, und mit strahlenden Augen werden Verbindungen geknüpft. Manche Bekanntschaft, manche Freundschaft ist dadurch entstanden. Es ist gleichsam so, als hätte man ein Stück Heimat in der unbekannten Umgebung getroffen.

Haben wir schon einmal darüber nachgedacht, warum man von einer Mutter­sprache spricht? Ich denke, daß besonders in der Vergangenheit der junge Mensch die ersten Wörter und Sätze von der Mutter erhalten hat. Diese Wörter und Sätze bleiben oft im Leben des Menschen haften, bestimmen oft manche Entscheidung.

Ich stimme dem Dichter Max Schenkendorf zu, wenn er folgendermaßen formu­liert:

Muttersprache, Mutterlaut
wie so wonnesam, so traut!
Erstes Wort, das mir erschallet,

süßes erstes Liebeswort,
erster Ton, den ich gelallet,
klingest ewig in mir fort!

Der Schluß des Gedichtes kommt zu der Feststellung:

Überall weht Gottes Hauch,
heilig ist wohl mancher Brauch,
aber soll ich beten, danken,
geb‘ ich meiner Liebe kund,
meine seligsten Gedanken,
sprech‘ ich wie der Mutter Mund.

In der Grafschaft Bentheim war in der Vergangenheit die plattdeutsche Sprache eben die Umgangssprache – in den Familien, in der Verwandtschaft, in Freundes­kreisen, am Stammtisch, auf dem Markt oder wo auch immer. Dieses hat sich lan­ge Zeit auf dem Lande und in der hiesigen Bevölkerung in den Städten weithin ge­halten.

Es ist schade, sehr schade, daß die plattdeutsche Sprache langsam in den Hinter­grund gedrängt wird. Berechtigte Hoffnung, daß das „Platte“ nicht ausstirbt, weckt die Tatsache, daß die Landjugend in ihren Theateraufführungen wieder auf die al­te Mundart zurückkommt. Mir fällt dabei auf, daß schon fast vergessene Aus­drücke und Bezeichnungen von Gegenständen wieder in Erinnerung gebracht werden. Gerade in humorvollen Passagen kommt dieses zum Ausdruck. Ich stelle fest: Die plattdeutsche Sprache ist gut einprägsam und ausdruckskräftig.

Nach meiner Meinung nimmt das „Plattdeutsche“ in den kulturellen und sozialen Bereichen einen unverzichtbaren Platz ein, ja es ist selbst ein Kulturgut, welches wir nicht aufgeben dürfen. Ich lobe mir die schriftstellerischen Kreise, die sich die Erhaltung dieses Kulturgutes zur Aufgabe gemacht haben!

 

Friedrich Kethorn – Landrat des Kreises Grafschaft Bentheim

Genüsse für`s Publikum

Von Kindesbeinen an habe ich die plattdeutsche Spra­che gelernt und gesprochen. Dies war für Jungen und Mädchen, die auf dem Lande groß geworden sind, die Regel. Aufgewachsen bin ich auf dem Hof meiner Eltern in Neerlage (heute Gemeinde Isterberg). Meine Eltern unterhielten sich mit mir und meinen weiteren sieben Geschwistern nur in dieser Mundart, wir wurden so­zusagen in dieser Sprache erzogen. Nicht nur bei uns zu Hause, sondern ebenso in der Nachbarschaft, in der Verwandtschaft, bei fast allen Bewohnern der Dorfge­meinde wurde so gesprochen. Nur in dieser Sprache verstand ich es, Dinge, Begebenheiten oder Ereignisse trefflich zu beschreiben. Hochdeutsch war für mich zum damaligen Zeitpunkt mehr oder weniger eine Fremdsprache.

Auf dem Hof Kethorn in Neerlage lebte und arbeitete während meiner Kindheit ­wie auf vielen anderen Höfen auch – ein Flüchtling. Er stammte aus Schlesien und unterhielt sich mit den anderen Haus- und Hofbewohnern in Hochdeutsch. Als Kind nahm ich einige „Brocken“ davon auf und war stolz, da ich glaubte, im Ver­gleich mit Gleichaltrigen einen erheblichen Vorsprung in Sprachkenntnissen zu haben.

Dieser sogenannte Stolz wurde gleich am ersten Schultag gebrochen – ein Erlebnis mit bleibender Erinnerung: Unser Dorflehrer, Herr Meyer, malte mit Kreide eine Ameise an die Tafel und fragte uns „i-Männekes“ nach diesem Tier. Mein Arm schnellte hoch und ich rief ohne zu warten „Michampel“ in den Raum. Sogleich brach schallendes Gelächter der erfahrenen Mitschülerinnen und Mitschüler von Klasse zwei bis acht (in einem Klassenraum) los. In den nächsten 14 Tagen habe ich mich nicht mehr gemeldet.

Doch wer nun glaubt, daß er, wenn er plattdeutsch spricht, sich jeder Situation mit Gleichgesinnten ohne Probleme verständigen kann, der täuscht sich. Denn al­lein in der Grafschaft gibt es viele verschiedene Akzente und Begriffe. Ein Nieder-grafschafter versteht nicht unbedingt einen Obergrafschafter und umgekehrt. In einer Unterhaltung mit meinem landwirtschaftlichen Lehrling fragte er mich: „Wedderst du de Kalwer?“ Nach nochmaliger Nachfrage mußte ich eingestehen, ihn nicht verstanden zu haben, und bat ihn, in Hochdeutsch zu fragen. „Fütterst du die Kälber?“, war die einfache Frage. Übersetzt in Obergrafschafter Platt: „Fuurst du de Kälwer?“ Ich hat e es bis dahin nicht für möglich gehalten, die hoch­deutsche Sprache für eine Verständigung von plattsprechenden Menschen heran­zuziehen.

Eine solche Begebenheit zählt sicherlich zu den berühmten Ausnahmen. Vielmehr finden Menschen in und mit Plattdeutsch sehr schnell Kontakt – vor allem fern der Heimat. Anläßlich einer Exkursion in die Schweiz und nach Italien unterhielt ich mich angeregt mit meinen Kollegen, die aus allen Bundesländern angereist waren: in Hochdeutsch versteht sich. Plötzlich höre ich, daß jemand, der neben mir steht, plattdeutsch spricht – im Grafschafter Akzent. Ich frage ihn sogleich – selbstver­ständlich in Platt -, woher er kommt. Zu meiner Überraschung sagt er: aus Meck­lenburg-Vorpommern. Eine vertrauliche Unterhaltung war von diesem Zeitpunkt an vorprogrammiert. Es blieb nicht nur bei einem allgemeinen Gedankenaus­tausch, es schloß sich eine intensive Fachsimpelei an.

In Gesprächen mit unseren niederländischen Nachbarn helfen plattdeutsche Kenntnisse, Sprachbarrieren zu überwinden, wenn man die niederländische Spra­che zwar einigermaßen versteht, aber nicht gut sprechen kann. Ich war von mei­nen Parteifreunden der CDA eingeladen und sollte einen Vortrag über die grenz­überschreitende Verkehrspolitik halten. In den Niederlanden hochdeutsch spre­chen wollte ich nicht. Daher wählte ich die artverwandte und für mich leicht zu sprechende plattdeutsche Version. Die Gastgeber hörten es gern und spendeten spontan Applaus.

Auch an einer anderen Stelle wird gern einmal applaudiert, wenn plattdeutsch ge­sprochen wird: im Niedersächsischen Landtag. Die Amtssprache in diesem Hohen Hause ist offiziell Hochdeutsch. So wird gesprochen in den Plenardebatten, in den Ausschußsitzungen, auf den Fluren, in den Ministerien. Wen wunderts. Doch in Sternstunden des Plenums verwöhnen wir Parlamentarier die Zuhörer, die Me­dienvertreter, die gesamte Öffentlichkeit mit „plattdeutschen Genüssen“, wenn es darum geht, die Niedersächsische Verfassung in Plattdeutsch herauszugeben, die Sendung ;Falk up Platt“ im Samstagabendprogramm zu belassen oder Mittel für Schulen bereitzustellen, die die plattdeutsche Sprache in ihrem Unterricht bevor­zugt pflegen. Ich bin dann immer wieder überrascht, wieviele Kolleginnen und Kollegen diese ungewöhnliche Debatte nicht nur verstehen, sondern sich auch vor­züglich einbringen können. Nur eine Personengruppe im Landtag hat dann eine besondere Schwierigkeit: die Stenografen.

Keine Schwierigkeit, Säle in der Grafschaft zu füllen, haben die Gruppen, die im Winter plattdeutsche Theaterstücke aufführen. Diese angenehme Erfahrung durfte auch ich in meiner Landjugendzeit machen. Alljährlich wurden unterhaltsame Dreiakter eingeübt. Allein die Übungszeit in den Abend- und Nachtstunden be­reitete uns Laienspielern viel Freude, deftige Sprüche, anomale Verhaltensweisen oder Liebesszenen einzustudieren. Die Höhepunkte bildeten natürlich die Auf­führungen in stets vollbesetzten Sälen. Eine Bestätigung unserer Schauspielkunst erfuhren wir plattdeutschen Laienspieler, als wir in die Abo-Reihe des Theaters der Obergrafschaft aufgenommen und neben den hochdeutsch sprechenden Berufsschauspielern erwähnt wurden. Es gab lediglich einen kleinen Unterschied: Bei unseren Vorstellungen war die Aula bis auf den letzten Platz besetzt.

Diese wenigen Beispiele verdeutlichen: Die plattdeutsche Sprache ist in meinem Leben ein fester Bestandteil – es wäre ein Stück ärmer, könnte ich sie nicht. Sie kommt mir darüber hinaus in der vielfältigen politischen Arbeit zugute, denn vie­le Menschen finden schneller Kontakt und fühlen sich sicherer und wohler, in die­ser Form ihre Anliegen vortragen zu können. Vertraulichkeit, aber auch Origina­lität zeichnen diese Gespräche aus – der Gegenüber hat dann durchaus das Emp­finden: Er versteht mich.

Meine Frau und ich haben uns seit unserem ersten Kennenlernen so unterhalten – und so wird es auch immer bleiben.