Beitrag einer anonymen Persönlichkeit

 

Hinter diesem Beitrag verbirgt sich eine Persönlichkeit des Emslandes, die das Buchprojekt und das dahinter stehende Anliegen – der Text spricht für sich – mit großem Engagement begleitet, jedoch aus guten Gründen darum gebeten hat, ungenannt zu bleiben. Wir respektieren den Wunsch.

Die Herausgeber im Jahr 1998

 

Ottilia von Fürstenberg, Äbtissin des freiadeligen Damenstiftes in Oelinghausen bei Arnsberg in Westfalen, hinterließ der Nachwelt ein Tagebuch. Über mehrere Jahre im 17. Jahrhundert zeichnete sie das Alltagsgeschehen des ehemaligen Prämonstratenserinnenklosters auf. Sie schrieb, wie sie sprach, und wenn die adelige Dame ein wenig hüsteln musste, „grämsterte” sie. Ottilia von Fürstenberg bediente sich des Niederdeutschen, das heute ein wenig abfällig „Plattdeutsch” genannt wird.

Gerne wird behauptet, das Plattdeutsche sei die Sprache der einfachen und armen Leute auf dem Lande gewesen. Ottilia von Fürstenberg, Schwester des höchsten Verwaltungsbeamten im Herzogtum Westfalen, widerlegt diese Behauptung: Die Sprache der Adeligen war mindestens im 17. und auch teilweise noch im 18. Jahrhundert das „Platt”.

Eines ist das Niederdeutsche nie geworden: Eine Schriftsprache mit festen Regeln. Plattdeutsch lebt von seinem Klang, es muss gesprochen werden. Bei den Kanzleischreibern kam schon im 16. Jahrhundert das Hochdeutsche in Mode, und niederdeutsche Drucke erlebten etwa ab 1500 einen steten Niedergang, obwohl es in Münster und Emden bedeutende Verlage des Niederdeutschen gegeben hat.

Plattdeutsch lebt von den Bildern, die es vermittelt. Wie armselig klingt „räuspern” im Vergleich zu „grämstern”. Viele Begriffe beleidigen, spricht man sie hochdeutsch aus, und verführen zu einem Lächeln, benutzt man die plattdeutsche Sprache. Kinder auf einem Bauernhof, die ihrer Mutter einen weißbärtigen Priester melden, rufen zur Küche: „Mömme, kum mol hiär henne. Do stait en Hittenbock, dai kuiedit!” Frei übersetzt heißt das: Mutter, komm schnell her. Da steht ein Ziegenbock, der kann sprechen. Das „Platt” war weit davon entfernt, platt zu klingen; vielmehr war es die Sprache des Herzens.

Das Plattdeutsche insgesamt stammt vom Niederdeutschen ab. Wenn auch in Dörfern, die nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen, durchaus unterschiedliche Sprachmuster verwendet werden, handelt es sich doch um das gemeinsame Plattdeutsch. Es lässt nur individuelle Ausformungen zu.

Nur wenige Menschen sprechen noch diese historische Form deutscher Sprache, und vornehmlich leben sie auf dem Lande. Während in Norddeutschland das  „Platt” eine Renaissance erfuhr, wird diese Wiederbelebung in anderen Teilen Deutschlands nur punktuell spürbar. Wichtig wäre für die Zukunft und für das Überleben dieser Sprache, dass sie gesprochen wird. Denn eine literarische Ausformung erfährt sie heute nicht mehr.

Plattdeutsche Schriftsteller wie Grimme im Sauerland, Wibbelt im Münsterland, Groth im Norden und Reuter in Mecklenburg haben leider keine Nachfolger gefunden. Und heute müssen die Kinder in der Schule nicht mehr erst das Hochdeutsche erlernen, weil sie das Plattdeutsche nicht mehr erfahren haben.

Wer diese Sprache des Herzens vor dem Untergang retten will, muß sie hinausführen aus den kleinen Zirkeln; der muss die Hörfunksender bewegen, Sendungen in niederdeutscher Sprache zu bringen. Tondokumente müssen von denen gesammelt werden, die des Plattdeutschen noch mächtig sind.

Historische Sachgüter stellen wir in Museen aus. Mit der Sprache ist das nicht möglich. Die müssen wir hören, wenn wir ihrer nicht verlustig gehen wollen. „Kuiert platt!”

 

 

Ein kurzer Gang durch die Geschichte des Niederdeutschen seit Beginn der schriftlichen Überlieferung.

Da sind wechselvolle Perioden des Niederdeutschen als Schriftsprache und als gesprochene Sprache in Norddeutschland zu beschreiben.

Die Abschnitte der niederdeutschen Sprachgeschichte können so eingeteilt sein:

  • das Altsächsische (etwa von 800 bis ca. 1150),
  • das Mittelniederdeutsche (etwa von 1300 bis ca. 1600) und schließlich — nach dem Untergang des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache mit dem Untergang der Hanse — das
  • Neuniederdeutsche (von etwa 1600 bis heute).

Das Altsächsische

Mit dem Beginn der Christianisierung wurde die lateinische Schriftlichkeit eingeführt. Die landläufige Sprache damals in Norddeutschland wird in der Sprachforschung als Altsächsisch oder Altniederdeutsch bezeichnet.

Wichtige regionale Zeugnisse der altsächsischen Sprachperiode in Schriftform sind die in den Einkünfteverzeichnissen der Klöster notierten Namen.

Foto - https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Aleppo-HighRes2-Neviim3a-Samuel1.pdf

Das Mittelniederdeutsche

Frühe Textzeugnisse der mittelniederdeutschen Sprache stammen im wesentlichen aus dem Bereich aus dem ostfälischen Raum in der erste Hälfte des 13. Jahrhunderts.  Im westfälischen Raum findet sich das Mittelniederdeutsche relativ spät gegen Ende des Jahrhunderts in urkundlicher Überlieferung  und im Emsland dann erst weitere 50 Jahren später so um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Bis dahin war das Kanzleiwesen der Grafen von Tecklenburg und von Bentheim sowie der Bischöfe von Münster und Osnabrück in lateinischer Sprache organisiert, das wechselte dann allerdings relativ schnell zur neuen Urkundensprache.

Zwischen 1550 und 1600 setzte ein erneuter Sprachenwechsel ein: Das Hochdeutsche löste die mittelniederdeutsche Sprache ab…

Die Hanse spielte dabei eine entscheidende Rolle: siehe nächstes Kapitel

Die Verdrängung des Niederdeutschen aus den Ämtern

Von dieser Zeit an galten sprachliche Ausdrucksformen, die nicht der hochdeutschen Sprache zuzurechnen waren, weithin als primitiv, unnütz, ungebildet und für die Heranwachsenden schädlich. Ansonsten haben die hochdeutschen Schriftsteller, Zeitungsmacher, amtlichen Personen und Geistlichen sich stets engagiert nur für die Hochsprache eingesetzt. Mundartlich gefärbte Wörter, Wendungen und Sätze waren in ihren Augen minderwertig und verbunden mit mangelndem Sprachvermögen.

Martin Luther machte das Niederdeutsche „platt“ – im doppelten Sinne!

Luther kann zwar  nicht als der Erste gelten, der die Bibel ins Deutsche übertrug. So waren bereits 200 Jahre vor ihm von einem heute namentlich Unbekannten  –  in der Forschung  „der österreichische Bibelübersetzer“  –  Teile der Heiligen Schrift ins Deutsche übertragen worden. Aber zu der Zeit konnte noch nicht gedruckt werden, so fanden sie keine Verbreitung.

Die ersten Exemplare wurde dann 1466 in Straßburg gedruckt – elf Jahre nach der ersten lateinischen Gutenberg-Bibel. Luthers Bibel erschien 1522.

Foto aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther#/media/File:Lucas_Cranach_d.%C3%84._(Werkst.)_-_Portr%C3%A4t_des_Martin_Luther_(Lutherhaus_Wittenberg).jpg

Dabei kommt Martin Luther der große Verdienst zu, dass er sich von einer starken Orientierung am gesprochenen Wort hat leiten lassen und damit dem „Volk aufs Maul“ schauend schrieb. Damit überwand er deutlich die bisherige übersetzungsstarre  Schreibweise und die Bibel wurde im wahrsten Sinne des Wortes volkstümlich. Somit ist Luther ohne Zweifel derjenige gewesen, der  die „verschiedenen deutschen Sprachen“ in eine einzige Standardsprache überführen konnte.

vgl.

https://www.welt.de/sonderthemen/luther-2017/article159059526/Fuer-die-Bibeluebersetzung-mussten-Schafe-sterben.html

Stand 14. 12. 2017

Die Bedeutung der Niederdeutschen Sprache zur Zeit der Hanse

Die Bedeutung einer weiträumigen Verkehrs- und auch Schriftsprache hat das Niederdeutsche lange vor dem Hochdeutschen gehabt. Diese wichtige Funktion hat es allerdings gegen Ende des 16. Jahrhunderts  für immer verloren.

Karte: https://de.wikipedia.org/wiki/Hanse#/media/File:Extent_of_the_Hansa-optimiert.jpg

Dabei hatte das sogenannte Mittelniederdeutsch fast vier 400 Jahre als gesprochene und geschriebene Sprache eine vorherrschende Stellung in Norddeutschland und im Ostseeraum überhaupt. Aus der Rückschau betrachtet  hatte es  sich als Handelssprache der Hanse nahezu in allen Hansestädten Europas etabliert – für den florierenden Warenaustauch eine wichtige Voraussetzung.

So hatte sich die Hanse vom 13. bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts nahezu ein Monopol zum Warenaustausch zwischen dem Nordosten und dem Nordwesten Europas gesichert. Zu den Waren gehörten Holz, Getreide,  Fisch,  Pech, Teer  und Pelze, Wachs, Gewürze und Flachs u. a. An Fertigwaren wurden Metallwaren – hier insbesondere Waffen -, Gewürze und Tuche gehandelt.

Eine einheitliche Sprache erwies sich dabei von besonderem Vorteil, und das war eben das Niederdeutsche in Wort und Schrift.

Doch zwei geschichtliche Phänomene bedingten den Niedergang dieser Vormachtstellung der Niederdeutschen Sprache:

  • Luthers Übersetzung der Bibel in volkstümliches Hochdeutsch und
  • der Niedergang der Vormachtstellung der Hanse

Nachfolgende Faktoren leiteten vornehmlich den Untergang der Hanse ein:

  • Verlagerung des Außenhandels auf Landwege und nach Übersee
  • die einzelnen Territorialstaaten festigten ihre Macht und konnten einen besseren Schutz des Handels über Land gewährleisten
  • der Pelzhandel mit Russland wurde zunehmend über eine Landroute mit dem Schwerpunkt Leipzig abgewickelt
  • größere Schiffe konnten entferntere Häfen ohne Zwischenlandung anlaufen, wodurch die Stapelplätze der Hanse überflüssig wurden
  • dazu kam die Erfindung des Kompasses – so war es nicht mehr nötig, die Küste im Blick behalten zu müssen
  • die Seestädte der Hanse verloren die führende Position im Schiffbau an die Holländer, die zur größten Seemacht aufstiegen
  • der Dreißigjährige Krieg brachte die völlige Auflösung,
  • 1669 hielten die noch in der Hanse verbliebenen Städte den letzten Hanse – Tag in Lübeck ab
  • Foto: Hansekogge https://de.wikipedia.org/wiki/Hanse#/media/File:Lisa.jpg

Eine eindrucksvolle Karte zum Thema Hanse erhält man hier: https://www.kalimedia.info/publikationen/hansekarte/

Historie der niederdeutschen Sprache

Zum kompletten Beitrag bitte die jeweilige Überschrift anklicken!

Ein kurzer Gang durch die Geschichte des Niederdeutschen seit Beginn der schriftlichen Überlieferung.

Die Bedeutung der Niederdeutschen Sprache zur Zeit der Hanse

Martin Luther machte das Niederdeutsche „platt“ – im doppelten Sinne!

Die Verdrängung des Niederdeutschen aus den Ämtern

Dr. Jonas Goldschmidt wettert 1845 gegen das Plattdeutsche

Keine niederdeutschen Bücher in der alten Universitätsbücherei in Lingen

Heuerlingswesen und Plattdeutsch

Südliche Sprachgrenze

 

 

Plattdeutschbefragung 1 im Landkreis Emsland 1989/90

Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen, die nur die passive Sprachkompetenz (das Verstehen) untersucht hatten, wurde hier erstmals auch das aktive Sprachvermögen durch ein komplexeres Verfahren in allen 4. Klassen sämtlicher Grundschulen des Landkreises Emsland untersucht.

Für jede Klasse wurde eine eigene Mappe angelegt: Hier die Grundschule Beesten, die Klassen- und Deutschlehrerin Frau Jansen unterrichtet 24 Kinder im 4 Schuljahr.

Auf den nachfolgenden Seiten soll dieser bisher einmalige Untersuchungsansatz, der wissenschaftlich einwandfrei erstmals sowohl die aktive als auch die passive Sprachkompetenz dokumentiert, vorgestellt werden.

Vorgeschichte zu emsländischen Untersuchung

Der auslösende Hinweis von Dr. Schuppenhauer

Der eigentliche damalige Anlass für die doch sehr aufwändige Untersuchung war ein Besuch im Niederdeutschen Institut im Schnoorviertel in Bremen in den Sommerferien 1987 mit dem Ziel der Sichtung neuen Unterrichtsmaterials für die Plattdeutsch AG in der Schule.

Ein Gespräch mit dem damaligen Geschäftsführer Dr. Claus Schuppenhauer führte auf die derzeitige Plattdeutschsituation an den Schulen im niederdeutschen Sprachbereich. Dazu holte Dr. Schuppenhauer zwei noch jüngere Untersuchungen von seinem Schreibtisch. Das waren zum einen die Untersuchungen von Prof. Dr. Dieter Stellmacher (Lehrstuhlinhaber Niederdeutsch an der Universität Göttingen) mit dem Titel „Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute“ dem Jahre 1987

und zum anderen eine Enquete aus dem Jahre 1982 von Professor Dr. Ludger Kremer von der Rijksuniversiteit Antwerpen betreffend die Situation im Landkreis Westmünsterland.

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Die Bestandsaufnahme von Stellmacher war im Auftrage des Niederdeutschen Institutes im gesamten niederdeutschen Sprachbereich (Kosten: über 320.000 DM) durchgeführt worden. Allerdings mussten dem kundigen Leser in der kurz gefassten Bestandsaufnahme von 1987 deutliche Widersprüche auffallen. Diese wurden indirekt bestätigt durch die Lektüre der Umfrageauswertung von Professor Kremer im Landkreis Borken.

So reifte die Idee, durch eine umfassende Befragung aller Schüler und Schülerinnen der 4. Schuljahre im Landkreis Emsland einen aktuellen Forschungsbefund in Nordwestdeutschland vorstellen zu können, der um eine wichtige Untersuchungskomponente ergänzt werden sollte: die aktive Sprachkompetenz.

Auf alle Fälle waren die Unzulänglichkeiten der GETAS – Befragung eine wichtige Triebfeder für die umfangreiche Befragung im Emsland.

Im nachfolgenden Untermenü finden sich kritische Stellungnahmen zu GETAS von

  • Dr. Wolfgang Lindow (Geschäftsführer Institut für Niederdeutsche Sprache in Bremen
  • Prof. Dr. Utz Maas (Universität Osnabrück)
  • Prof. Dr. Hubertus Menke (Universität Kiel)
  • Außerdem wird dort ein schematischer Vergleich vorgestellt zwischen der GETAS Untersuchung und der Enquete im Emsland 1989 (Robben)

Schriftliche Befragung der Grundschulen in den LK Emsland/Grafschaft Bentheim

Befragung der Grundschulen zum Stand des Plattdeutschen im Emsland und in der Grafschaft Bentheim im Jahre 2011

Die oben vorgestellte umfangreiche Untersuchung im Landkreis Emsland  hat seinerzeit auch mit dazu geführt, dass etliche Lehrpersonen auf Kreisebene in ihrer unterrichtfreien Zeit sich zusammengefunden haben, um im schulischen Bereich sich diesem Verfall der Sprachkompetenz im Plattdeutschen bei den Heranwachsenden entgegen zu stellen.

So wurde unter Leitung des damaligen emsländischen Regierungsschuldirektors Alfons Lögering ein sicher ansprechendes Lesebuch in Platt erstellt und mit finanzieller Unterstützung der Sparkassenstiftung allen Schulen im Landkreis Emsland zur Verfügung gestellt[1]. Die Grafschaft Bentheim war dabei leider noch nicht beteiligt.

1999 gründete sich ein Kreis von engagierten Pädagogen für das Projekt „Region im Unterricht“ unter dem Dach der „Emsländischen Landschaft für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim“, die sich der Aufgabe widmeten, nun auch noch ein plattdeutsches Liederbuch mit einer entsprechenden CD für alle Schulen des Raumes heraus zu bringen[2].

 

Jetzt waren auch Grafschafter Lehrpersonen und die Schulaufsichtsbeamten Udo Tiemann und Horst Mücke mit dabei. Diese neuen Unterrichtsmaterialien ermöglichten nun insbesondere den Musikpädagogen, die keine Plattdeutschkenntnisse hatten, diese „ansteckenden“ Lieder und Tänze in den Unterricht einzubauen. Erneut erhielten alle Schulen die neuen Lehrmaterialien kostenlos geliefert.

Was hat sich daraus in den letzten Jahren in den Schulen entwickelt? Dazu muss man wissen, dass sich die Verhältnisse in den Schulen insgesamt mit dem Jahr 2001 ziemlich veränderten. Der sogenannte „PISA-Schock“ überzog die deutsche Schullandschaft.

Daraufhin hatten offensichtlich etliche Unterrichtsinhalte beiseite zu stehen, die nicht dem Erwerb der international messbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten dienten. In Niedersachsen wurde die Schulinspektion geboren, die neben anderen Neuerungen die Arbeit vieler Kollegien in der Formulierung und Schaffung einheitlicher Standards gebunden hat. Für ein kreatives Schulleben, in dem auch die Region ihren Stellenwert hat, war nach dem Empfinden vieler Lehrpersonen häufig kein Platz mehr. So verschwand offensichtlich aus etlichen Lehrmittelzimmern der Klassensatz mit den plattdeutschen Lesebüchern, die zumindest im Landkreis Emsland jede Schule erhalten hatte. Wie soll man sonst verstehen, dass sogar das Liederbuch mit der CD in einigen Schulen nicht mehr vorhanden ist, obwohl die Sparkassenstiftung für eine kostenfreie Versorgung aller Schulen in der Emsländischen Landschaft gesorgt hatte?

Dieses ist ein Ergebnis der oben genannten Schulbefragung vom Februar 2011 in 31 Grundschulen der Grafschaft und in 42 Primarlehranstalten des Landkreises Emsland[3]. Dabei wurden im Landkreis Emsland insbesondere die Schulen ausgespart, die schon im Jahre 1989 kaum plattdeutsche Ansätze hatten, so etwa die 19 Grundschulen der Stadt Lingen. Dafür wurden aber alle Grundschulen im mittleren und nördlichen Landkreis angeschrieben.

In der Grundschule Leschede wurde die Praktikabilität der Umfrage geprobt: Die 15 Fragen an die Schulleitung und das jeweilige Kollegium konnten in fünf Minuten erledigt werden und belasteten den laufenden Unterrichtsbetrieb somit kaum. Für die Antwort war ein frankierter Rückumschlag beigelegt.

 

Die Auswertung

1. Als wichtigster Indikator für plattdeutsche Aktivitäten an einer Schule kann die Einrichtung einer plattdeutschen Arbeitsgemeinschaft (AG) gelten. Diese besteht zurzeit an 13 Schulen im Untersuchungsraum. In sechs Schulen wird diese AG nach Bedarf angeboten. In 39 Schulen existiert dieses Angebot nicht.

2. Das entspricht etwa genau der Zahl der Bildungseinrichtungen, an denen gar keine plattsprechenden Kinder mehr von den Lehrpersonen ausgemacht werden können (33 Schulen). Und hier liegt eindeutig das Kernproblem: 20 Grundschulen melden jeweils zwei bis fünf Kinder mit aktiven Plattdeutschkenntnissen. Nach dem sprachwissenschaftlichen Test von 1989 wären das vermutlich nicht einmal mehr ein Prozent der heutigen Grundschüler. Zur Erinnerung: Vor zwanzig Jahren waren es schon nur noch drei Prozent.

3. Und dann kann auch die Beantwortung der nächsten Frage kaum verwundern: „Holen Sie außerschulische Plattsprecher in den Unterricht?“ 50 Schulen nehmen diese Möglichkeit nicht in Anspruch, neun Grundschulen bedienen sich dieser Möglichkeit etwa in Zusammenarbeit mit dem  örtlichen Heimatverein.

4. Eine sicher wichtige Frage ist, ob Plattdeutsch an der jeweiligen Schule im Laufe der Grundschulzeit irgendwann ein festes Unterrichtsthema ist. Hier ist die Antwort aus beiden Landkreisen recht ernüchternd. Nur neun Schulen bejahen diese Frage (drei in der Grafschaft, sechs im Emsland), an 44 Schulen (25 Grafschaft, 19 Emsland) ist dies nicht der Fall.

5. Entgegengesetzt proportional zu den kaum vorhandenen Schülerkompetenzen im Plattdeutschen sieht es bei den Lehrpersonen in der Region aus: An 49 Schulen (24 Bentheimer Land, 25 Emsland) kann mindestens einer aus dem Kollegium Platt sprechen, verstehen können es mehrfach alle Lehrerinnen und Lehrer. Nur sieben Schulen müssen hier passen. Das war so nicht vermutet worden, nachdem es doch in etlichen Lehrerzimmern in den letzten Jahren einen fast kompletten Generationswandel gegeben hat.

6. Eine entscheidende Frage an die Pädagogen ist sicherlich auch, ob sie angesichts der vorgegebenen Themenvielfalt „Plattdeutsch“ im Unterricht von heute noch für sinnvoll bzw. notwendig halten. Davon war die Mehrheit von 47 Kollegien (20 Grafschaft, 17 Emsland) doch überzeugt.

7. Allerdings bezweifelt die überwiegende Mehrheit der Lehrpersonen (48 Schulen), dass der Elternwunsch zur Behandlung des Plattdeutschen in der Schule noch bei 68 Prozent – wie damals im Landkreis Emsland – liegt (19 Grafschaft, 19 Emsland).

8. Festzustellen ist, dass bis hierher bei den abgefragten Fakten und Einschätzungen in den Schulen die Grafschaft und der Landkreises Emsland sehr eng beieinander lagen.

9. Ein sicherlich erstaunlicher Unterschied zwischen den beiden benachbarten Landkreisen in der gleichen Kulturregion ist die Teilnahme am Wettbewerb „Schüler lesen Platt“, der landesweit von den Sparkassen angeboten wird. Während im Emsland 26 der angesprochenen Schulen sich regelmäßig daran beteiligen, sind es in der Grafschaft nur zwölf, obwohl in der Grafschaft 22 Kollegien diesen Wettbewerb immer noch für sinnvoll halten (Emsland auch 22 Schulen). Nur zwölf Schulen halten ihn für überholt (Grafschaft sechs, Emsland sechs) Dieser Wettbewerb ist für die Kinder durchaus attraktiv, weil schon die Klassengewinner mit großzügigen Geldpreisen belohnt werden. Allerdings dürfen die größtenteils durchaus gelungenen Schülervorträge bei dem Kreisentscheid von den Ausrichtern als Beweis für eine „heile Plattdeutschwelt“ bei den Heranwachsenden anschließend in der Presse nicht fehl gedeutet werden als Plattdeutschkompetenz, das ist in aller Regel nur angelesen. Diese und ähnliche Untersuchungen belegen das eindeutig.

10. Alle Schulen des Landkreises Emsland sind mit einem kostenlosen Klassensatz des zumindest damals ansprechenden Lesebuches „Platt lutt moij“ ausgestattet worden. Vier Schulen besitzen es gar nicht mehr und in 14 Kollegien wird es nicht mehr benutzt. Ähnlich ist es mit dem Liederbuch mit CD, das auch die Grafschafter Schulen erhalten haben: An 31 Lehranstalten ist sie noch vorhanden, an 26 nicht mehr da. Gebraucht wird beides öfters an 13, manchmal an 16 Schulen.

Eine Enklave zumindest im Bereich der Plattdeutschaktivitäten konnte bei der ansonsten anonymen Befragung ausgemacht werden: Die frühere Grund- und Hauptschule Veldhausen hat sich 2005 mit der Namensgebung „Carl-van-der Linde-Schule“ zu einem plattdeutschen Grafschafter Dichter und Schriftsteller (1861-1930) jüdischer Abstammung bekannt. Der Schulgemeinschaft ist dabei etwas Besonderes gelungen: ein Buchprojekt über ihren Namensgeber[4]. Theo Mönch-Tegeder schreibt voll des Lobes über das Werk: Man mag es beinahe nicht glauben, dass es eine Gemeinschaftsarbeit der Carl-van-der-Linde-Schule ist. Auch und gerade die Schülerinnen und Schüler, wohlgemerkt einer Grund- und Hauptschule, haben aktiv daran mitgearbeitet, indem sie in Veldhausen selbst und in den umliegenden Bibliotheken und Archiven viele unbekannte, bisher unveröffentlichte Arbeiten Carl van der Lindes aufgestöbert und interessantes Material über das facettenreiche Leben dieses plattdeutschen jüdischen Dichters in der Grafschaft Bentheim zusammengetragen haben. Jeden der abschätzig über die Qualität von Hauptschulen denkt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen und sich von der Begeisterungsfähigkeit und der hohen Leistung mitreißen lassen, welche die Schule mit diesem Buch dokumentiert. Man spürt, wie die ganze Gemeinschaft sich mit ihrem Namensgeber auseinandersetzt und ihn zum Gegenstand des Lernens, der Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbildung macht[5]. 

Schlussfolgerung aus der Untersuchung 2011

Obwohl in der Grafschaft offensichtlich noch ein etwas größeres Interesse am Kulturgut Plattdeutsch besteht (siehe Rücklaufquote) als in anderen Regionen[6], bestätigen obige Befragungsergebnisse die Erkenntnisse aus anderen niederdeutschen Sprachgebieten: Plattdeutsch ist bei den Heranwachsenden bis auf geringste Restkenntnisse nicht mehr vorhanden und auch die Opas und Omas werden ihre geliebte Muttersprache nicht mehr ausreichend an ihre Enkel weitergeben können. Ältere Schulpraktiker wissen: Plattdeutsch vermittelt man nicht mal ebenso mit sporadischen Arbeitsgemeinschaften.

Was kann man da noch machen?

Klar ist, dass die Lehrpersonen im heutigen Schulalltag mit der übrigen Unterrichtsfülle so ausgelastet sind, dass für dieses Thema kaum noch Platz ist, obwohl der noch gültige Plattdeutsch-Erlass dieses fordert. Auch sollte man völlig unsentimental folgende Erkenntnis des aus Schüttorf stammenden mittlerweile pensionierten Regierungsschuldirektors Alfred Möllers zu Kenntnis nehmen: Ich bin mir sicher, dass in den meisten Osnabrücker Kollegien gar nicht mehr bekannt ist, dass in ihrer Schule eine komplette Plattdeutsch-Bibliothek vorhanden ist, die ich in den 80iger Jahren mit den Lehrkräften erstellt habe.

Plattdeutsch im Unterricht von heute setzt Kontinuität und Beharrlichkeit voraus und konkurriert mit anderen Angeboten wie Sport, Erlernen eines Musikinstrumentes und steht natürlich auch im Wettstreit zu anderen Sprachen, mit denen die Heranwachsenden auf eine globalisierte Welt vorbereitet werden müssen.

Deshalb sollte sich die Erkenntnis durchsetzen den Kindern von heute – etwa einmal im Jahr – zu vermitteln: Plattdeutsch war über Jahrhunderte d i e Sprache in dieser Region auch über die holländische Grenze hinweg. Hier könnten die Heimatvereine die Schulen unterstützen etwa dadurch, dass sie sich ein plattdeutsches Repertoire zulegen in den Bereichen Tanzen, Singen, Lyrik, Sketch- und Textvortrag. Sie könnten damit in den Schulen einen „plattdeutschen Vormittag“ anbieten, der Schüler und Lehrer begeistert. Versierte pensionierte Lehrpersonen mit ausgezeichneten Plattdeutschkenntnissen und pädagogischem Geschick stehen sicherlich für die Beratung und Einweisung zur Hilfe bereit.

Wie wäre das: Großeltern mit ihren Enkeln gemeinsam beim „Danz up de Deel“ in der Turnhalle beim jährlichen schulischen Plattdeutschfest von zwei bis drei Schulstunden oder ganztätig im Rahmen eines „Plattdeutsch-Tages“ kurz vor den Sommerferien nach den Zeugniskonferenzen. So bliebe wenigstens in Erinnerung, was das Plattdeutsche einmal für die hiesige Region war.

[1] Platt lutt moij. Eein Lesebouk up Platt ut’t Emsland. Hrsg. vom Arbeitskreis beim Schulaufsichtsamt Emsland „Mester prootet Platt“. Redaktion: Karl Oldiges u.a., Meppen 1993 (weiterhin Platt lutt moj).

[2] Kinner singt un danzt. 30 plattdeutsche Kinderlieder aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim zum Musizieren und Mitsingen. Begleitheft zur gleichnamigen CD. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft, Sögel 1999.

[3] Der „Grafschafter“ berichtete bereits kurz über die beiden Untersuchungen und über das Grafschafter Abschneiden: Bernd Robben, Zum Stand des Plattdeutschen an Grafschafter Grundschulen. Arbeitsgruppe „Plattdeutsch-Befragung“ führte mit Universität Kiel Fragebogenaktion durch, in: Der Grafschafter Nr. 6 vom Juni 2011, Nordhorn, S. 23.

[4] Carl van der Linde, Löö und Tieden. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild. Hrsg. von Helga Vorrink/Siegfried Kessemeier, Veldhausen 2008 (weiterhin Vorrink/Kessemeier).

[5] Theo Mönch-Tegeder, Rezension: Carl van der Linde, Löö und Tieden, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 56/2010, Sögel 2009, 359-361, S. 360.

[6] In der monatlich erscheinenden Heimatbeilage der „Grafschafter Nachrichten“ (die am Jahresende gebunden erscheint) unter dem Namen „Der Grafschafter“ erscheinen daher regelmäßig nicht nur Beiträge auf Plattdeutsch, sondern auch häufig Artikel, die sich etwa mit der rechtlichen Situation des Plattdeutschen oder mit Forschungen zu dieser Sprache beschäftigen. Siehe dazu etwa im Jahrgang 2010: Nr. 1 vom Januar (3 Beiträge zum Thema Plattdeutsch, Nr. 3 vom März (1 Beitrag), Nr. 6 vom Juni (1 Beitrag), Nur. 7 vom Juli (1 Beitrag), Nr. 8 vom August (1 Beitrag), Nr. 10 vom Oktober (1 Beitrag), Nr. 11 vom November (1 Beitrag), Nr. 12 vom Dezember (2 Beiträge). So veranstaltete er der Landkreis Grafschaft Bentheim im September 2010 eine Tagung mit rund 40 Grundschullehrer/innen, die sich bei einer ostfriesischen Expertin für den plattdeutschen Unterricht über Methoden des bilingualen Unterrichts informierten (Platt-AG erstellt Unterrichtsmaterialien für Grundschulen – Grete Saathoff informierte über Methoden mehrsprachigen Unterrichts, in: Der Grafschafter Nr. 11 vom November 2010, S. 42).

Teil der Anschreiben an die Grundschulen