… der Demenzbegleitung

Plattdeutsch in der Schule – eine Situationsanalyse von Alfred Möllers

Wenn ich Ende der 1980iger Jahre in meiner Funktion als Schulrat im Osnabrücker Land eine Initiative ergriffen habe, die Schule in die Lage zu versetzen, an dem zu dieser Zeit wiedererwachten Interesse an der plattdeutschen Sprache teilzuhaben, erfolgte dieses Engagement von der Vorstellung her, einen Beitrag zur Erhaltung der plattdeutschen Sprache leisten zu wollen und zu können.

Ich hatte damals das Glück, in relativ kurzer Zeit einen interessierten Kreis von Lehrkräften, die mit der plattdeutschen Sprache als Muttersprache aufgewachsen waren, und von plattdeutschen Autoren um mich sammeln zu können.

 

  1. Das Konzept

Innerhalb von 5 Jahren ist es uns in diesem Arbeitskreis gelungen, sechs Lehrwerke als didaktische Arbeitshilfen für die Schule zu entwickeln:

  1. Ein Kompendium plattdeutscher Texte, das  Material für die plattdeutschen Vorlesewettbewerbe – bezogen auf unterschiedliche Altersstufen – bereit hielt,

    mde
  2. ein Lesebuch „Ossenbrügger Platt“,
  3. ein  Wörterbuch mit eingeschlossener Sprachlehre  „Een lüttke Wöerebouk“,
  4. 3 Ordner mit Arbeitshilfen für den Deutsch-, Sach- und Musikunterricht.

Zwei Ziele habe ich mit der Bereitstellung dieser Arbeitshilfen verfolgt:

Ziel 1: Begegnung mit der plattdeutschen Sprache als Kulturgut

Mit diesen Materialien wollten wir  jede Fachlehrkraft der Fächer Deutsch, Sachkunde und Musik erreichen, unabhängig von dem Ausmaß ihrer Verbindung zur plattdeutschen Sprache. Auch die nicht plattdeutsch sprechende und völlig unkundige Lehrkraft sollte in die Lage versetzt werden, die plattdeutsche Sprache in  den „normalen“ Unterricht einzubeziehen. Dass dieser Weg möglich ist, haben wir der Lehrerschaft im Rahmen mehrerer Fortbildungsveranstaltungen mittels sog. Vorführstunden präsentiert.

Kinder sollen wissen, dass sie in einem Raum leben, der über Jahrhunderte hinweg eine niederdeutsche und nicht eine hochdeutsche Sprachwelt gehabt hat. Kinder sollen diese Sprachwelt, die heute noch in Flur- und Straßenbezeichnungen, Hausinschriften, Sprichwörtern, Liedern,  Berufsbezeichnungen, im Brauchtum etc. gegenwärtig ist, entdecken und verstehen lernen. Sie dürfen auch an verständlichen Wortbeispielen erfahren, wie diese Sprache Einfluss auf die Entwicklung der Sprachen in Westeuropa und England genommen hat.

Es wäre völlig realitätsfern, von der Schule erwarten zu wollen, dass es ihre Aufgabe sei, die plattdeutsche Sprache als Sprachgut erhalten zu müssen.

 

Ziel 2: Begegnung mit der plattdeutschen Sprache als Sprachgut

Für den Fall, dass es Schulen gibt, die aus eigener Entscheidung – weil an ihr z.B. plattinteressierte Lehrkräfte arbeiten –  einen weitergehenden Beitrag z.B. über den Weg der Einrichtung einer plattdeutschen Arbeitsgemeinschaft leisten wollen, haben wir zusätzlich das plattdeutsche Wörter- und Sprachbuch „Een lüttke Wöerebook“ bereitgestellt. Dieses Buch bietet u.a. kindertypische Sprachsituationen an, durch die die Kinder einen Grundwortschatz aufbauen und grundlegende Sprachstrukturen erlernen können.

In diesem Arbeitsansatz geht es zuerst einmal darum, dass Kinder  lernen, plattdeutsche Texte zu lesen und zu verstehen. Wir haben die Erfahrung machen können, dass es durch eine zweijährige Teilnahme der Kinder an einer AG einer Lehrkraft gelingt, das Sprachverstehen  sehr gut zu sichern und die Kinder in die Lage zu versetzten, einfache Sprachsituationen in aktiver Sprechweise zu bewältigen.

 

 2. Die Erfahrungen

 Für einen Zeitraum von etwa fünf Jahren hat unsere Initiative an den Grundschulen im Osnabrücker Land einen richtigen Schub des Plattdeutsch-Engagements ausgelöst. An vielen Schulen waren plattdeutsche Arbeitsgemeinschaften eingerichtet worden, die Teilnahme an den von der Sparkasse ausgerichteten Vorlesewettbewerben nahm rapide zu, in die Gestaltung von Schulfeiern wurden plattdeutsche Texte und Lieder einbezogen. Dadurch dass wir eine Fachberaterstelle für Plattdeutsch einrichten konnten, fanden regelmäßig Lehrerarbeitsgemeinschaften und – wenn gewünscht – Beratungen vor Ort statt. Die o.g. Leistungen verdankten wir allein solchen Lehrkräften, deren Muttersprache das Plattdeutsch gewesen ist oder die in einem plattdeutschen Umfeld aufgewachsen waren und von daher plattdeutsch verstehen und lesen konnten. Mittlerweile befindet sich die erstgenannte Lehrergruppe im Ruhestand, und die zweite Gruppe wird immer kleiner, weil selbst nicht alle aus einer ländlichen Region stammenden Lehrkräfte in einem Bezug zur plattdeutschen Sprache stehen.

Als nach fünf Jahren plötzlich eine Periode schlechter Unterrichtsversorgung eintrat, brachen die Arbeitsgemeinschaftsangebote – und damit auch die Platt-AGs – an den Grundschulen zusammen. In wenigen Jahren war die Aufbruchstimmung verpufft, die Fachberatung wurde eingestellt. Selbst als die Unterrichtsversorgung sich wieder verbesserte und die Phase der Schulprogrammentwicklung – diese hätte die Chance geboten, dass Schulen einen plattdeutschen Bildungsauftrag für ihr System festgelegt hätten – einsetzte, kam es zu keiner Wiederbelebung der Pflege der plattdeutschen Sprache.

Was die erste Zielsetzung anbetrifft, sind selbst in der Aufschwungphase die Ergebnisse unbefriedigend gewesen. Nur plattdeutsch interessierte und begeisterte Lehrkräfte haben die Arbeitshilfen genutzt. Die Erklärung ist die folgende: zu diesem Zeitpunkt verantwortete der einzelne Fachlehrer die Umsetzung der Vorgaben der für die Unterrichtsfächer vorliegenden Rahmenrichtlinien. In diesen gibt es nicht einen einzigen verpflichtenden Hinweis für die Lehrkraft, die plattdeutsche Sprache an geeigneter Stelle in ihren Unterricht einzubeziehen. Einen systemischen Arbeitsansatz, schuleigene Fachlehrpläne und ein Schulprogramm zu erstellen, gab es zu dieser Zeit noch nicht. Zu dieser Arbeitsweise wurden die Schulen erst Ende der neunziger Jahre verpflichtet. Was die Unterrichtsthemen und deren Ausgestaltung anbetrifft,  arbeiteten und arbeiten auch heute noch Lehrkräfte  sehr stark lehrbuchorientiert . In Sprach- und Sachkundebücher finden sich aber keine Bezüge zur plattdeutschen Sprache.

Man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass dann, wenn die Schulklassen in den ländlichen Regionen z.B. innerhalb des Sachkundeunterrichts den Bauernhof besuchen, sie dort keine Sach- und Beziehungswelt mehr vorfinden, die noch auf die plattdeutsche Sprache verweisen würde. Der technische Wandel hat diese Bezüge geradezu ausgelöscht. Das bekannte Frühlingslied „Im Märzen der Bauer“, das früher in allen Schulen gesungen wurde, spiegelt auch  eine heute nicht mehr vorhandene Erfahrungswelt wider.

Würde sich eine Klasse mit dem Thema „Fachwerkhaus“ beschäftigen, dann dürfte bei der Erfassung dieses Sachgegenstandes der Einbezug der diesbezüglichen plattdeutschen Begriffssprache eigentlich nicht fehlen. Eine solche Sachbegegnung ist dem Lehrer aber nirgendwo vorgeschrieben. Er müsste diese Entscheidung selbst treffen und müsste ggf. auch bereit sein, sich kritischen Fragen aus dem Kollegium zu stellen. Obwohl für die Lehrkräfte genügend Lehrmaterial zur Verfügung gestanden hat, um die Sachkundethemen des Lehrbuches auch regionalspezifisch und kulturgeschichtlich zu beleuchten, ist davon kaum Gebrauch gemacht worden. Würden die Lehreinnen und Lehrer z.B. auf das Ossenbrügger Platt-Lesebuch zurückgreifen können, stände ihnen hier genügend didaktisches Material in den folgenden Kapiteln zur Verfügung:

Familgen-, Flur-, Stiär- un Duarpsnamen

Van Krams un Wiärks

Husinschriften

Planten un Diere.

Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass es in der heutigen Zeit für die Lehrkraft viele Zwänge – z.B. den Druck aus den Elternhäusern – gibt, sich an das Lehrbuch zu klammern. Aus dieser Falle könnte die Lehrkraft nur herauskommen, wenn die Schule als System sich  – was das Plattdeutsche anbetrifft – Selbstverpflichtungen auferlegt hätte. Dass es in der Phase der Schulprogrammentwicklung keine „Wiederentdeckung“ des Plattdeutschen gegeben hat, belegt überdeutlich, dass dieses Thema sowohl im Horizont der Elternschaft einer ländlichen Dorfschule – obwohl von diesen etliche beim jährlich stattfindenden plattdeutschen Theaterabend aktiv mitspielen – als auch in der Lehrerschaft dieser Schule  keine Bildungsaufgabe mehr darstellt.

An diesem Tatbestand hat anscheinend auch der im Jahr 2011 vom Niedersächsischen Kultusministerium herausgegebenen Erlass “Die Region und ihre Sprachen im Unterricht“ nichts Grundlegendes verändern können. Dieser Erlass verpflichtet die Fachkonferenzen der Sachfächer, „regionale Bezüge“ bei der Planung von Unterrichtseinheiten einzubeziehen, ohne diese konkreter zu benennen.. Die Fachkonferenzen müssten also selbst festlegen, wie tief und breit sie die kulturgeschichtliche Dimension eines Sachthemas aufarbeiten möchten. Wieviel Zeit dürfen sie darauf verwenden, welche Themen dürften ggf. entfallen, um auch über ein Zeitpolster verfügen zu können? Seit eh und je ist es für die Schulen ein Problem gewesen, den sog. übergeordneten Bildungsaufträgen einen eindeutig erkennbaren Niederschlag im schuleigenen Lehrplan zu geben.

Der Erlass spricht auch davon, dass der Grundschule eine besondere Bedeutung bei der „Sprachpflege von Niederdeutsch und Saterfriesisch“ zukommt. Dazu bedarf es Deutsch-Lehrkräfte mit einer plattdeutschen Sprachkompetenz.. Es ist lobenswert, dass die Landesschulbehörde viele Anstrengungen unternimmt, Lehrkräfte fortzubilden, Unterrichtsmaterialien über das Internet bereit zu stellen und die einzelne Schule kompetent zu beraten. Trotz all dieser Bemühungen bleiben bei mir große Zweifel, ob wir zu der Aufbruchstimmung der 90iger Jahre je zurückkommen können. Eigentlich sind die Gründe, die zum damaligen baldigen Niedergang dieses Aufbruchs geführt haben, heute eh und je aktuell.

 

3. Die Schlussfolgerungen

  • Die Muttersprache unserer Kinder ist die hochdeutsche Sprache.

Eine Gleichwertigkeit der plattdeutschen Sprache mit der Muttersprache Hochdeutsch ist nur für den seltenen Fall denkbar, dass Kinder zweisprachig mit hochdeutsch und plattdeutsch aufwachsen würden.

  • Bereits in der Grundschule sollen Kinder einer anderen Sprache begegnen

Nach den gegenwärtigen niedersächsischen Richtlinien erlernen die Grundschüler nicht eine zweite Sprache, vielmehr begegnen sie dieser im Sinne der Immersionsmethode: sie „tauchen“ in eine neue Sprache ein und gehen spielerisch mit dieser um, und zwar in Niedersachsen mit der englischen Sprache. Grundsätzlich könnte die Begegnung mit der plattdeutschen Sprache den gleichen Effekt ergeben. Jede Begegnung mit einer anderen Sprache ist für das Kind bildend. Sprache entdecken, Sprache hinterfragen, mit Sprache spielen: das sind operative Tätigkeiten, die das vorhandene Sprachsystem beweglich und erweiterungsfähig machen. Zur plattdeutschen Sprache kommt positiv hinzu, dass sie in sprachgeschichtlicher, sprachreflektorischer und sprachstruktureller Hinsicht  in einem wertvollen Bezug – auch wegen der unverschobenen Konsonanz – zu anderen westeuropäischen Sprachen steht. Plattdeutsch eröffnet eine weite Welt von Wörtern, Begriffen und von grammatikalischen und syntaktischen Eigenarten, die dem Hochdeutschen verloren gegangen sind, aber im Niederländischen, Englischen und z.T. Französischen erhalten geblieben sind. Gegenüber kritisch nachfragenden Eltern kann man also wohl begründen, dass auch die plattdeutsche Sprache einen Dienst leisten kann, den Kindern sprachkompetente Fähigkeiten zu vermitteln und damit das Erlernen von Fremdsprachen zu erleichtern; und darum geht es ja in der Grundschule. Solchen Forderungen, dass Schüler bereits im Grundschulalter eine Fremdsprache regelrecht erlernen sollten, hat jüngst eine Schweizer Studie den Boden entzogen: die fünfte Klasse ist der geeignete Ort für das systematische Erlernen einer ersten Fremdsprache.

Den Verantwortlichen im Kultusministerium könnte man also sagen: wenn das Sprachsystem der Grundschüler flüssiger und erweiterungsfähiger gemacht werden soll, könnte dieses Ziel mit Hilfe der englischen, der niederländischen und eben auch der plattdeutschen Sprache erreicht werden. Dass man für eine solche Arbeit einer in der jeweils eingesetzten Sprache  sprachkompetenten Lehrkraft bedarf, steht natürlich außer Frage. Sollte an einer Schule tatsächlich eine plattdeutschkompetente Lehrkraft vorhanden und die Elternschaft einverstanden sein, könnte aus sprachdidaktischer Hinsicht das Kultusministerium die Zustimmung für den Einsatz der plattdeutschen an Stelle der englischen Sprache erteilen.

  • Schule kann nicht in die Pflicht genommen werden, für die Erhaltung der plattdeutschen Sprache sorgen zu müssen.

 

  1. Schule muss aber deshalb nicht „einen Bogen“ um die plattdeutsche Sprache machen.

Sie betrachtet diese zunächst einmal als Kulturgut und befasst sich mit diesem wie mit anderen Kulturgütern. Sie entscheidet im Rahmen des schuleigenen Lehrplans darüber, ob sie überhaupt oder in welchem Ausmaß sie dieser Kulturpflege einen didaktischen Ort geben will.

2. Sollten  aus der Elternschaft der Schule begründete Wünsche an die Schule heran getragen werden,  einzelnen Kindern eine Wahlentscheidung zu ermöglichen, die plattdeutsche Sprache näher kennenzulernen, sollte sich die Schule bemühen, diesem Anliegen durch Einrichtung einer plattdeutschen Arbeitsgemeinschaft gerecht zu werden.

Die plattdeutsche Sprache als gesprochene Sprache wird für einige Jahre weiterhin  in entsprechenden Sprachzirkeln lebendig bleiben. Sie wird als Kulturgut  stetig präsent bleiben, weil es immer wieder Menschen geben wird, ohne dass diese einer Platttradition entstammen, sich mit diesem Sprachfaszinosum zu beschäftigen. Auf unseren Dörfern werden weiterhin Menschen ohne plattdeutsche Vorkenntnisse plattdeutsche Passagen des zur Aufführung kommenden plattdeutschen Theaterstückes auswendig lernen. Immer wieder werden wir vereinzelt auch auf Schulen stoßen, an denen plattdeutsche Vorlesewettbewerbe stattfinden oder Kinder im Rahmen von Feierstunden plattdeutsche Texte rezitieren. Aber das Plattdeutsche wird keine lebendige Sprache mehr sein, weil sie sich nicht weiterentwickelt hat und keinen Beitrag zur kommunikativen Bewältigung unsres industriealisierten und technologisierten Zeitalters leisten kann.

Hermann Paus (Emsbüren)

Hermann Paus

Firmengründung mit sechs Worten

Obschon in meinem Elternhaus in Seppenrade fast ausschließlich hochdeutsch gesprochen wurde, sprach ich sicherer platt als hochdeutsch. Das kam wohl daher, daß ich als Kind mehr in der Nachbarschaft und auf angrenzenden Bauernhöfen spielte. Dort wurde platt gesprochen, und somit war das die Ausdrucksweise, die ich am besten beherrschte. Ich stellte auch schnell fest, daß man einige Dinge nur in Plattdeutsch richtig darstellen konnte, ohne falsch verstanden zu werden.

Gute Erinnerung habe ich an meinen ersten Schultag. Seppenrade hatte eine 3-klassige Volksschule, und somit waren mehrere Jahrgänge in einem Raum zusammengefaßt. Wir erhielten unsere Plätze, und die Lehrerin beschäftigte sich dann mit den anderen Jahrgängen. Dadurch merkte sie erst nach einiger Zeit, daß einer der neu eingeschulten Jungen seinen Mantel noch an und seine Mütze noch auf hatte. Sie erklärte ihm also, daß er den Mantel ausziehen und die Mütze absetzen könne. Es geschah aber nichts. Nach der dritten Aufforderung sagte der Junge: „Nee, so lang sollt nich durn” (Nein, so lange will ich nicht bleiben.) In einer Nachbarklasse saß der Sohn eines Kleinbauern, der nach acht Tagen noch kein Wort gesagt hatte. Der Lehrer wollte ihn zum Sprechen bringen und sagte: „Euer rechter Nachbar ackert mit Pferden”- keine Antwort – „Euer linker Nachbar ackert mit Küher.” – keine Antwort – „Dein Vater aber ackert mit Ziegen”. Die Antwort: „He schitt di wat”. Das war doch eine klare Antwort, und alles war gesagt.

Mein Vater verunglückte, als ich drei Jahre alt war, und meine Mutter, als ich neun war. Dadurch kam ich zu Verwandten nach Hiddingsel, etwa 10 km von Seppenrade entfernt. Schon diese kurze Entfernung genügte, um festzustellen, wie verschieden der Dialekt in der plattdeutschen Sprache ist. Durch meine Aussprache fiel ich überall sofort auf. Zum Beispiel für das Wort „euch” sagte man in Seppenrade „iuk” und in Hiddingsel „ju”, oder für „auch” in Seppenrade „ok”, in Hiddingsel „auk”. Diese Feststellung kann man überall machen, wo heute noch platt gesprochen wird. Etwa alle 10 bis 20 km weiter gibt es ortsspezifische Worte, an denen man die Herkunft erkennen kann.

Nach meiner Ausbildung zum Maschinenschlosser begann ich 1953 ein Studium an der Ingenieurschule in Köln. Da war es natürlich interessant, die kölsche Mundart zu hören und zu verstehen. Diese Tatsache hilft mir heute noch, zum Beispiel Karnevalssendungen gut verfolgen zu können. Durch meine erste Tätigkeit als Ingenieur bei einer Landmaschinenfabrik in Solingen erlernte ich das bergische Platt; wieder eine ganz andere Art. Bei vielen Versuchen mit Mähwerken, die wir herstellten, auf den Bauernhöfen in der Umgebung habe ich dann auch die speziellen Ausdrücke der Landwirte gehört, die sich wieder stark unterschieden vom Platt, das in den Bürgerhäusern gesprochen wurde. Die gleichen Feststellungen mace ich dann, als ich ins Emsland kam. In Rheine zum Beispiel herrscht eine völlig andere Aussprache als in Spelle oder an meinem jetzigen Wohnort Emsbüren. Auch hier kann man sehr schnell heraus¬hören, wer wo seine Heimat hat.

Geholfen hat mir die plattdeutsche Sprache in vielen Lebenslagen, zum Beispiel bei vielen Besuchen in den Niederlanden oder im flämischen Teil Belgiens. Besonders Ärger mit den Bauern bei Reklamationen konnte man am besten mit drastischen Worten in Plattdeutsch erledigen, wobei beide Seiten davon ausgingen, daß die Vereinbarung auch gehalten wurde. Bei einem Familienurlaub in Goslar besuchten wir die Kaiserpfalz. Ich hatte den Eindruck, einen vorbeigehenden Mann zu kennen. Meine Frau war anderer Ansicht und sagte: „Den kannst du nicht ansprechen”. Ich habe ihn dann auf Platt angesprochen und gedacht: „Wenn er’s versteht, ist er es, und sonst gehst du weiter”. Er hatte mich sofort verstanden, und wir brauchten nur 20 Meter bis zum nächsten Biergarten, um uns ausgiebig in Platt über alte Zeiten zu unterhalten, und hatten einen herrlichen Nachmittag.

Besondere Bedeutung hatte die plattdeutsche Sprache bei der Gründung der Paus GmbH in Emsbüren. Gründer dieser GmbH waren Bernard Krone jun. und ich. Die Besprechung für den Ankauf und damit die Gründung dieser GmbH in Emsbüren fand im Hause des damaligen Bürgermeisters Franz Silies statt. Anwesend waren unter anderem auch der Oberkreisdirektor Franke sowie Bernhard Krone senior. Franz Silies und Bernhard Krone senior waren zusammen im Kreistag in Lingen und wußten, was sie voneinander zu halten hatten. Die Verhandlung dauerte 15 Minuten. Nachdem Franz Silies und Bernhard Krone senior gemeinsam auf der Toilette gewesen waren, war alles klar. Nachher wurde nur erzählt, daß auf der Toilette Silies Krone fragte: „Is dat wat?” (damit meine er mich), Krones Antwort: „Kanns du maken”. Damit war alles geklärt und die Firmengründung beschlossen.

Auch bei einer Verhandlung in der russischen Handelsmission in Köln hat sich im Jahr 1984 die plattdeutsche Sprache bewährt. Es fehlte ein Dolmetscher für Russisch-Deutsch, und so wurde mit Hilfe meines Sohnes in Englisch verhandelt. Nach einiger Zeit ergab sich ein technisches Problem, das ich mit meinem Sohn besprechen mußte. Wir wollten jedoch nicht, daß die Russen uns verstehen, und waren nicht sicher, ob sie nicht doch Deutsch verstanden. Also haben wir beide platt gesprochen, und das ziemlich schnell. Den Russen konnte man ansehen, daß sie wirklich nichts verstanden. Wir lösten unser Problem und bekamen den Auftrag.

Alle diese Begebenheiten und noch viele mehr bezeugen: Es wäre ein Problem, wenn es die plattdeutsche Sprache nicht mehr gäbe!

AlfredMöllers (Bad Essen)

Alfred Möllers

Plattdeutsch im Schulunterricht

Ich bin in Schüttorf geboren und habe in der ältesten Stadt der Grafschaft Bentheim meine Kinder- und Jugendzeit verlebt. Wir wohnten damals in einer Straße mit lauter Ackerbürgerhäusern. Unser Haus war der einzige Neubau in dieser Straße, und ich fand es in den engen Grüppen, die die Ackerbürgerhäuser voneinander trennten, und in den dahinterliegenden Gärten viel spannender als in unserem Neubau, der ein Stück  abseits lag und auf der einen Seite von einem großen Garten und auf der anderen Seite von einem Feld umgeben war.

Zu den Ackerbürgerhäusern gehörten auch die Ställe. Jede Familie hatte wenigstens eine Ziege und ein Schwein. Das Schweineschlachten im Winter war stets ein aufregendes Ereignis. Und wenn Oma Metten und Oma Elskamp sich über den Gartenzaun unterhielten oder wenn die alten Peinerts miteinander sprachen, hörte ich nur Plattdeutsch. Mit mir aber sprach man hochdeutsch; denn meine Familie war ja zugezogen, und an meine Eltern richtete niemand die Erwartung, daß sie plattdeutsch sprechen würden. Gleichwohl kann ich mich daran erinnern, daß bei den Besuchen der Großeltern in Rheine und den damit verbundenen Familienfeiern hin und wieder das münsterländische Platt zu hören war. Es hat mich damals verwundert, daß ich in zwei Sprachwelten lebte und nur die eine, nämlich die hochdeutsche, beherrschte, aber die andere, das Plattdeutsche, bestens verstand.

Erst als Lehramtsstudent in Münster bin ich in eine Situation geraten, plattdeutsch sprechen zu müssen. Unser damaliger Deutschprofessor, Professor Dr. Pielow, hatte eine neue Gedichtmethode erfunden, die sogenannte Antizipationsmethode, und er bat mich, diese im Unterricht zu erproben, um sie dann im nächsten Schritt den Studenten vorzustellen. Für eine Vorführlektion in der Pädagogischen Hochschule schlug er mir ein Gedicht von Augustin Wibbelt vor: zu meiner Überraschung – denn ich kannte Augustin Wibbelt nicht – ein plattdeutsches Gedicht. Professor Pielow nahm ganz selbstverständlich an, daß seine Studenten zur damaligen Zeit – das war im Jahre 1962 – noch der plattdeutschen Sprache mächtig seien. Ich meldete noch leise Zweifel an, aber der Professor konterte selbstverständlich: „Das können Sie schon.” Und so zeigte ich an dem Gedicht „Dat Liäben gaiht ‘nen krummen Patt” den Mitstudenten, was der ProfeAsor ch unter der antizipatorischen Methode vorstellte.

Als ich meine erste Lehrerstelle in Steide im damaligen Kreis Lingen antrat, gewann ich beim Bürgermeister einige Sympathien, weil ich zu dem auf Plattdeutsch geführten Gespräch anläßlich meiner Vorstellung einige wenige plattdeutsche Sätze beisteuern konnte. Während meiner gesamten Junglehrerzeit, die ich in Steide und dann in dem Dorf Leschede verbrachte, lebte ich zwischen Menschen, für die die plattdeutsche Sprache die selbstverständliche Umgangssprache war; mit dem gleichen Selbstverständnis war ich mir sicher, die Schüler die hochdeutsche Sprache lehren und hart daran arbeiten zu müssen, bei ihnen all die Fehler auszumerzen, die ich als Folge des Umstands bewertete, daß die Kinder noch in einem Zweisprachenmilieu aufwuchsen. Nie habe ich während meiner gesamten Lehrerzeit in Steide und Leschede in der Schule je ein Wort plattdeutsch gesprochen.

Zu eben dieser selben Zeit erwuchs aber in mir ein persönliches Interesse an der plattdeutschen Sprache. Ich habe damals begonnen, glattdeutsche Literatur zu kaufen, und ich erinnere mich noch heute, mit welcher Begeisterung ich die kleinen Hefte von Maria Mönch -Tegeder gelesen habe. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, daß aus meinem stillen Interesse geradezu eine aktive Leidenschaft zugunsten der plattdeutschen Sprache erwachsen würde.

Ich mußte erst Schulrat werden, um zu begreifen, daß es zum Mündigsein dazugehört, erkannt zu haben, woher man kommt und aus welcher Vergangenheit heraus das Heute entstehen konnte. Ich habe am Ende der 70er Jahre sehr wohl verstanden, warum in unserer Gesellschaft eine Beschäftigung mit der Tradition einsetzte. Wieviele Kulturdenkmäler sind damals in letzter Minute vor dem Verfall gerettet worden, weil endlich das Gespür und das Erkennen sich eingenistet hatten, nach dem Vergangenen zu fragen und Zeitzeugen als Zeichen für das Vergangene zu erhalten. Ich habe mich damals bewußt entschieden, meinen Beitrag zu leisten, uns als Zeitgenossen an die Sprache unserer Väter und Urväter zu erinnern.

Am Ende der 80er Jahre – seit 1980 bin ich Schulrat im Osnabrücker Land – etablierten sich in der Osnabrücker Region immer fester die plattdeutschen Vorlesewettbewerbe. Ich erinnerte mich an meine eigene Kindheit und an die Tatsache, daß ich nur durch Zuhören gelernt habe, die plattdeutsche Sprache zu verstehen. Ich habe mich dann damals wieder neu in die alten Vorlesungsmanuskripte und in die Literatur hineinvertieft, um mir darüber klar zu werden, daß das bereits aufgebaute Sprachsystem des Menschen bei einer richtigen Grundlegung immer zu einer Übertragungsleistung fähig ist. Das bedeutet, daß es in der Lage ist, eine artverwandte Sprache zu transponieren und zu integrieren.

Ich habe dann ganz systematisch begonnen, einen mehrstufigen Plan zu entwerfen, um durch die Schule einen Beitrag zur Erhaltung der plattdeutschen Sprache zu leisten. Ich hatte damals das Glück, in relativ kurzer Zeit einen interessierten Kreis von Lehrkräften, die die plattdeutsche Sprache noch als Muttersprache erlernt hatten, und von plattdeutschen Autoren um mich sammeln zu können, um mit diesem Gremium didaktische Arbeitshilfen für die Schule zu entwickeln. Innerhalb von 5 Jahren ist es mir mit diesem Arbeitskreis gelungen, vier Lehrbücher für den Osnabrücker Raum zu konzipieren. An erster Stelle stand die Herausgabe einer Sammlung plattdeutscher Texte für die Förderung des plattdeutschen Vorlesewettbewerbes. Diese Textsammlung ist zweistufig aufgebaut worden, einmal für den Grundschulbereich und zum anderen für den Sekundarstufenbereich. In einem zweiten Schritt haben wir ein Lesebuch geschaffen, das Lesebuch, Musikbuch und Sprachbuch zugleich sein sollte, und zwar so abgefaßt, daß es auch das Interesse der Erwachsenen wecken sollte. Daß es uns damals gelungen ist, diese vielfache Zielrichtung in einem Werk zu bündeln, darauf bin ich besonders stolz. Vielleicht sollte aber die Tatsache noch höher bewertet werden, daß es mir gelungen ist, mit diesem Arbeitskreis ein Lesebuch unter dem Titel „Ossenbrügger Platt” herauszugeben. Es ist nicht einfach gewesen, besonders den Mitgliedern des Arbeitskreises, die als plattdeutsche Autoren arbeiteten, die Einsicht abzuverlangen, daß wir bei unseren Kindern nicht ein Bohmter beziehungsweise Bad Essener beziehungsweise Neuenkirchener oder Bad Laerer Platt pflegen und erhalten können – vielmehr, daß wir ein Platt in einer Schreibweise entwickeln müssen, die es zuläßt, dem ortsgebundenen Sprachkundigen die Artikulierung zu ermöglichen, durch die die Platt-Tradition seines Heimatdorfes aufrechterhalten werden kann.

1993 ist das dritte Werk herausgekommen. Es trägt den Titel „Plattdeutsch in der Schule”. Der Untertitel lautet: Arbeitshilfen für einen sinnvollen Gebrauch der plattdeutschen Sprache im Unterricht der Fächer Sachkunde, Deutsch, Musik. Mit diesem Werk verfolge ich ein ehrgeiziges und hochgestecktes Ziel: Ich möchte die Lehrkräfte, die die genannten Unterrichtsfächer unterrichten, befähigen, ganz selbstverständlich an geeigneten Stellen die plattdeutsche Sprache in ihren „nor-malen” Unterricht einzubeziehen. Die erstellten Arbeitshilfen sind deshalb so angelegt worden, daß auch der nicht plattdeutsch sprechende Lehrer sich in die Lage versetzen kann, seinen Beitrag zur Aufrechterhaltung der plattdeutschen Sprachkultur zu leisten. Warum sollen Kinder nicht wissen, daß sie in einem Raum leben, der über Jahrhunderte hinweg bis heute eine eigene Sprachwelt gehabt hat? Warum soll man Kindern nicht die notwendigsten Sprachkenntnisse (und das sind nur wenige) vermitteln, damit sie die historischen und gegenwärtigen Lebensgewohnheiten und -gegebenheiten im Lebensraum des Osnabrücker Landes verstehen lernen können?

Daß jeder Lehrer diese Aufgabe leisten kann, habe ich nicht nur an meinem eigenen Werdegang feststellen können. So waren wir bei der Vorstellung dieser Arbeitshilfen gegenüber der Öffentlichkeit Gast im Unterricht einer Lehrerin, die den zahlreich anwesenden Gästen bewies, daß sie, die die plattdeutsche Sprache nicht beherrschte, in der Lage war, ihren Kindern ein plattdeutsches Gedicht zu vermitteln und sie so interestert zu machen, daß sie dieses auch unbedingt auswendig lernen wollten. Man wird heute ganz selbstverständlich den Anspruch an die einzelne Lehrkraft stellen dürfen, daß es zum Beispiel zu einer sachgerechten Lehre des Sachunterrichts gehört, die Kinder die Sach- und Beziehungswelt in der sprachlichen Ausdrucksweise kennenlernen zu lassen, die die ursprüngliche beziehungsweise die heute noch bezeugte ist. Es wäre zum Beispiel ein Verlust, wenn Kinder, die im Unterricht die Flur- und Straßennamen ihres Ortes kennenlernen, gar nicht mehr Namen, die plattdeutschen Ursprungs sind, als plattdeutsche Na¬men erkennen würden. Ich konnte feststellen, daß man eben dann, wenn man dem Lehrer die notwendigen didaktischen Hilfen bereitstellt, den von ihm ange-forderten kulturlhaltenden Beitrag zurückerstattet bekommt.

Auf die oben genannten Arbeitshilfen bin ich deshalb ausführlicher eingegangen, weil durch diese ein wichtiges Signal gegeben werden soll. Der Schule soll übermittelt werden, daß niemand von ihr die Aufgabe verlangt, dafür sorgen zu müssen, daß sie am Ende der Schulzeit Kinder entläßt, die der plattdeutschen Sprache mächtig sind. Und der plattdeutschen Öffentlichkeit soll verständlich gemacht werden, daß aufgrund der Tatsache, daß die Elternhäuser die plattdeutsche Sprache nicht mehr als Muttersprache vermitteln, wir akzeptieren müssen, daß es zukünftig wohl noch viele Menschen geben wird, die die plattdeutsche Sprache verstehen, aber nur wenige, die sie aktiv sprechen können. Der Schule stelle ich die Aufgabe, ihren Beitrag dazu zu leisten, den Kindern zu einem passiven Sprachverstehen zu verhelfen. Diese Leistung soll sie im wesentlichen innerhalb des ganz normalen Unterrichts erbringen. Über plattdeutsche Arbeitsgemeinschaften kann sie sich um eine Ausweitung dieses Ansinnens bemühen. Dann muß sie in der Weise arbeiten, daß sie die plattdeutsche Sprache wie eine Fremdsprache vermittelt.

Meinen Beitrag darf ich jetzt beschließen mit dem Hinweis auf das vierte Werk, das ich herausgeben konnte: Ein plattdeutsches Wörterbuch und Sprachbuch. Wenn die plattdeutsche Sprache wie eine Fremdsprache gelehrt werden muß, dann gebrauchen die Lehrer kindertypische Sprachsituationen, durch die sie einen Grundwortschatz aufbauen und grundlegende Sprachstrukturen lehren können. Wir haben die Erfahrung machen können, daß es einer Lehrkraft, die Schüler zwei Jahre lang in einer einstündigen Platt-AG unterrichten kann, gelingt, das Sprachverstehen sehr gut zu sichern und die Kinder in die Lage zu versetzen, einfache Sprachsituationen in aktiver Sprechweise zu bewältigen.