Talk up Platt – mit einem Ordensoberen in Rom 2

 

Vom Plattdeutschen her kommend – Erfahrungen mit anderen Sprachen:

Zunächst zeigten sich also die Defizite in Deutsch in der Eingangsklasse auf dem Gymnasium. Nach dem Eltersprechtag erhielt ich zu Hause von meinem Eltern diese Meldung der Lehrpersonen:

  • Der Junge soll mehr hochdeutsche Lektüre lesen
  • Der Junge soll ein Heft führen mit deutschen Vokabeln
  • Der Junge soll sich gute deutsche Formulierungen notieren und immer wieder lesen

Deutsch war in der Zeit für mich wirklich problematisch.

Erst in meiner Zeit als Schulleiter des Gymnasiums in Handrup ist mir richtig bewusst geworden, dass die Schulnote “Deutsch” nicht einfach nur eine Note unter den anderen ist, die Kenntnisse in Deutsch dominieren eindeutig gegenüber den anderen Fächern, denn wenn man die Sprache nicht richtig beherrscht, nimmt das auch negativen Einfluss auf die übrigen Fächer.

In Klasse 7 begann der unproblematische  Lateinunterricht.

Mit dem Fach Englisch allerdings konnte ich mich nicht so recht anfreunden und so wählte ich es auch schon mit 13 Jahren wieder ab.

Ganz anders waren meine Erfahrungen mit der altgriechischen Sprache. Dort war ich hoch motiviert, denn so bekam ich den Zugang zu Plato, Sokrates und den anderen großen antiken Philosophen. Ich konnte sonntags nachmittags lesend in der Kuhweide liegen – das war meine Welt!

Einsatz an einer Jesuiten-Highschool in der New Yorker Bronx 

Da es ein Grundanliegen des Herz-Jesu-Ordens ist, sich besonders für die Bildung und Erziehung junger Menschen einzusetzen, unterrichtete Pater Wilmer ab 1997 für ein Jahr an der Jesuiten-Highschool in der New Yorker Bronx Deutsch und Geschichte.

Schulleiter am Gymnasium Leoninum in Handrup

Nach seinem Amerika – Aufenhalt kehrte er 1998 an die Schule ins Emsland zurück, an der er selbst ausgebildet worden war. Dr. Wilmer wird dort im Alter von 37 Jahren Schulleiter des Gymnasiums mit derzeit rund 1000 Schülern und ungefähr 70 Lehrkräften.

Dort erwirbt er sich einen ausgezeichneten Ruf  bei den  Eltern und Schülern aus dem südlichen Emsland und dem angrenzenden Osnabrücker Land.

Viele Ehemalige schwärmen noch heute von den besonderen Aktivitäten, die über den Schulallteg hinausgingen: So eine Pilgerreise der gesamten Schulgemeinschaft nach Santiago de Compostela. Später brach die komplette Schülerschaft mit vielen Eltern im Tross mit einer gewaltigen Busflotte nach Rom auf – dort war gerade das Konklave und der deutsche Papst Benedikt wurde gewählt.

Leiter der deutschen Ordensprovinz 

Nach neun Jahren erfolgreicher Schulleitertätigkeit übernahm Pater Wilmer die Leitung der deutschen Ordensprovinz der Herz-Jesu-Priester mit dem damaligen Sitz in Bonn. Nach einiger Zeit wurde dieser deutsche Hauptsitz nach Neustadt an der Weinstraße verlegt. Dr. Wilmer nannte sich nun Provinzial.

Hier ein Foto zum Provizialat in Neustadt:

 

 

 

“Superiore Generale” des Herz – Jesu- Ordens in Rom

An Pfingsten 2015 wird Dr. Heiner Wilmer in Rom vom Generalkapitel des Ordens mit goßer Mehrheit zum Generaloberen der Kongregation der Herz-Jesu-Priester  für die Amtszeit von sechs Jahren gewählt.

Damit ist er der „Chef“ über 2300 Patres in 43 Ländern dieser Erde.

Von der plattdeutschen Sprache her kommend spricht der polyglotte Ordensobere Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch – und Deutsch natürlich. Dazu kommen die „alten“ Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch. Portugiesisch versteht Dr. Wilmer weitgehend, eine Messfeier kann er in dieser Sprache (ab)lesen. Er predigt dann allerdings in spanisch.

Was ich in noch mehr Sprachen sagen kann, ist “Bier vom Fass”. Und dann versteht man mich…

Weitere interessante Informationen und Sprachbetrachtungen über Pater Dr. Wilmer auf der nächsten Seite:

 

 

 

https://www.herder.de/autoren/w/heiner-wilmer/

https://www.youtube.com/watch?v=h4xocvJcs38

Foto: Siegfried Wistuba

Schülerfragebögen

 

Die Originalfragebögen waren durchnummeriert. Somit wurde eine sichere Zuordnung insgesamt gewährleistet.

 

 

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Sprechtext der Toncassette zur Schülerbefragung „Plattdeutsch“ 3

Jetzt können wir mit dem zweiten Blatt beginnen. Ich erkläre euch, was ihr hier machen sollt:

Hier müssen hochdeutsche Wörter ins Plattdeutsche übertragen werden, schreibt also hinter die hochdeutschen Wörter die platt­deutsche Übersetzung. Dabei kommt es ausnahmsweise nicht auf die Rechtschreibung an, schreibt die plattdeutschen Wörter so, wie ihr es für richtig haltet, schreibt nur sauber, damit wir auch lesen können, was ihr meint.

Habt ihr noch Fragen? Wenn nicht, dann kann es weitergehen.

 

Pause

Hinweis für Kollegen/innen:

Ganz wichtig ist die Umsetzung des letzten Hinweises für die spätere Auswertung. Deshalb schalten Sie bitte zum Schluss noch einmal den Recorder ein.

Liebe Schülerinnen und Schüler, ihr habt es geschafft.

Nun haben wir noch eine Bitte an Euch: Klappt jetzt das oberste Blatt wieder zurück, so wie es zuerst war.

Die beiden oberen Blätter, die ihr bearbeitet habt, lasst diese bitte zusammen. Nur das unterste Blatt trennt ihr ab, das sollt ihr mit nach Hause nehmen. Wir würden uns sehr freuen, wenn eure Eltern den Fragebogen noch heute ausfüllen könnten, damit ihr dieses Blatt morgen wieder in der Schule abgeben könnt. Schreibt euch das an besten ins Hausaufgabenheft.

Die beiden oberen Blätter werden jetzt zusammen einge­sammelt.

Wir bedanken uns recht herzlich bei euch. Bald werdet ihr etwas über diese Umfrage in der Zeitung lesen können.

Sprechtext der Toncassette zur Schülerbefragung “Plattdeutsch” 2

Wir wollen euren Namen nicht wissen. Wir möchten nur erfahren, ob ihr Plattdeutsch verstehen könnt. Deshalb haben wir eine große Bitte an euch: Schaut nicht bei eurem Banknachbarn ab, es lohnt sich nicht: Ihr bekommt diesen Zettel nicht zurück und es gibt auch keine Zensur dafür. Über die Ergebnisse wird demnächst in der Zeitung berichtet. Ihr könnt dann ja in der Klasse einmal darüber sprechen.

Auf dem Zettel findet ihr jetzt die Namen von Jan und Grete und dahinter leere Zeilen. dort sollt ihr auf hochdeutsch das hin­schreiben, was Grete und Jan in plattdeutsch sagen. Wenn ihr etwas nicht versteht, dann macht ihr einfach einen Strich in die Zeile.

Wir wollen euch ein Beispiel geben:

Jan sagt: Et häv schneit

Ihr muht jetzt schreiben: Es hat geschneit.

Kann’s nun losgehen? Jan und Grete warten schon gespannt. Ihr nehmt euren Bleistift in die Hand? Viel Spaß beim Übersetzen.

Jan:     Ick prot platt – du ock?

Grete: Joah, man vertell mi äs, wekka di dat lehrt häv?

Jan:    Bi us in’n huse prot’ wi alle platt.

Grete: För füftig Joahr konnen boal alle Kinner in’t Emsland platt proten.

Jan:     Ick glöwe, vandage könnt: ne heele Riege junge Loe dat noch wall verstoahn.

Grete: Män’s dat? Use Opa vertellt mi eenmol inne Wecke Dönkes ut olle Tieten.

Jan:   Sodönnig  häs du mi wat förut.

Grete: Moal wat anners: Kaas du schwömmen?

Jan:   Jo, dat häff min ölte Süster mi lesten Sommer bibracht.

Grete: Jan, ick män, nu is’t genog. Wi häbt de Kinner genoch tagt.

Jan:   So, das war der erste Teil.

Einige von euch haben sicher etwas verstanden und übersetzen können.

Jetzt wollen wir das zweite Blatt bearbeiten. Lasst bitte die Blätter zusammengeheftet. Klappt nun das erste Blatt einfach nach hinten, eure Lehrperson zeigt es euch eben.

 

Pause

 

Region Münsterland

Dialektschwund im Landkreis Borken

Dieser Landkreis, der sich südlich der Grafschaft Bentheim entlang der niederländischen
Grenze in Richtung Ruhrgebiet erstreckt, ist im gesamten niederdeutschen
Grenzbereich sprachwissenschaftlich auf die Entwicklung des
Plattdeutschen wohl am besten untersucht. Bereits 1981 lag die schon erwähnte
umfangreiche Bestandsaufnahme von Ludger Kremer vor, die 2001 in etwas
kleinerem Rahmen wiederholt wurde und damit die weitere Sprachentwicklung
dieses Zeitraumes von 20 Jahren nachzeichnet10. Waren damals schon ähnliche
Ergebnisse wie zehn Jahre später im Landkreis Emsland festgestellt worden,
heißt es 2001: Ist es trotz der inzwischen überwiegend positiven Einstellung
der Bevölkerung zum Plattdeutschen gegenüber dem Westmünsterland – wie
auch anderswo – nicht gelungen, die tatsächliche Zahl der Plattsprecher zu
erhöhen, im Gegenteil: Der Dialektschwund setzt sich mit erhöhtem Tempo
fort. An anderer Stelle wird diese Feststellung so untermauert: Die Zahlen für
2001 zeigen uns also im Vergleich zu 1981 sehr deutlich, in welcher Weise die
sozial höheren Schichten als Leitbild fungiert haben: Die Arbeiter haben sich
ihnen angepasst und inzwischen bei Dialektkompetenz und -gebrauch die niedrigen
Werte der (Leitenden) Angestellten von 1981 fast erreicht, selbst die relativ
sprachkonservative Gruppe der Landwirte tendiert in die gleiche Richtung
und kann kaum noch als nennenswerte Bastion des Plattdeutschen verstanden
werden (1).
Wo liegt die Hauptursache für diese Sprachentwicklung?
In hohem Maße verantwortlich … ist die Schule … Die Schule war im 19. und im frühen 20. Jahrhundert eine der frühesten und erfolgreichsten Vorkämpfer für das Hochdeutsche, sie war der Grund für die Entscheidung der letzten drei Elterngenerationen in Niederdeutschland, mit ihren Kindern (zunächst einmal) Hochdeutsch zu sprechen, um ihnen – so hoffte man wenigstens –
Schulschwierigkeiten zu ersparen (2).
Wenn das so ist – und alle Erfahrungen sprechen dafür –, liegt es nahe die Situation rund um den Stellenwert des Plattdeutschen von heute in den hiesigen Grundschulen näher zu untersuchen.

1 Ludger Kremer/Veerle Van Caeneghem, Dialektschwund im Westmünsterland. Zum
 Verlauf des niederdeutsch-hochdeutschen Sprachwechsels im 20. Jahrhundert
 (Westmünsterland. Quellen und Studien, Bd. 17), Vreden 2007 S. 129-130.
 2 Ebd. S. 130

 

Fotos: https://de.wikipedia.org/wiki/Kreis_Bken#/media/File:Locator_map_BOR_in_Germany.svg

Platt in New York

Dr. Hans Tiedeken

Sogar in New York

 

Ein besonderes Erlebnis war für mich mein Besuch Ende der 60er Jahre beim Papenburger Club in New York. Hier trafen sich am ersten Montagabend in jedem Monat Papenburger Einwanderer, und Pflichtsprache war Papenburger Platt. Auch Hermann Lenger, der 1925 ausgewandert war und den ich damals besuchte, sprach mit mir bei sich zu Hause platt. Leider gibt es heute diesen Papenburger Club nicht mehr; die nachwachsende Generation hat die Verbindung zur Heimat und Heimatsprache leider nicht mehr so gepflegt.

Siehe auch: http://www.watt-up-platt.de/dr-hans-tiedeken/

Befragung der Grundschulen in den Kreisen Emsland und Grafschaft

Befragung der Grundschulen zum Stand des Plattdeutschen im Emsland und in der Grafschaft Bentheim

Die oben vorgestellte umfangreiche Untersuchung im Landkreis Emsland hat seinerzeit auch mit dazu geführt, dass etliche Lehrpersonen auf Kreisebene in ihrer unterrichtfreien Zeit sich zusammengefunden haben, um im schulischen Bereich sich diesem Verfall der Sprachkompetenz im Plattdeutschen bei den Heranwachsenden entgegen zu stellen.

So wurde unter Leitung des damaligen emsländischen Regierungsschuldirektors Alfons Lögering ein sicher ansprechendes Lesebuch in Platt erstellt und mit finanzieller Unterstützung der Sparkassenstiftung allen Schulen im Landkreis Emsland zur Verfügung gestellt[1]. Die Grafschaft Bentheim war dabei leider noch nicht beteiligt. 1999 gründete sich ein Kreis von engagierten Pädagogen für das Projekt „Region im Unterricht“ unter dem Dach der „Emsländischen Landschaft für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim“, die sich der Aufgabe widmeten, nun auch noch ein plattdeutsches Liederbuch mit einer entsprechenden CD für alle Schulen des Raumes heraus zu bringen[2]. Jetzt waren auch Grafschafter Lehrpersonen und die Schulaufsichtsbeamten Udo Tiemann und Horst Mücke mit dabei. Diese neuen Unterrichtsmaterialien ermöglichten nun insbesondere den Musikpädagogen, die keine Plattdeutschkenntnisse hatten, diese „ansteckenden“ Lieder und Tänze in den Unterricht einzubauen. Erneut erhielten alle Schulen die neuen Lehrmaterialien kostenlos geliefert. Was hat sich daraus in den letzten Jahren in den Schulen entwickelt? Dazu muss man wissen, dass sich die Verhältnisse in den Schulen insgesamt mit dem Jahr 2001 ziemlich veränderten. Der sogenannte „PISA-Schock“ überzog die deutsche Schullandschaft.

Daraufhin hatten offensichtlich etliche Unterrichtsinhalte beiseite zu stehen, die nicht dem Erwerb der international messbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten dienten. In Niedersachsen wurde die Schulinspektion geboren, die neben anderen Neuerungen die Arbeit vieler Kollegien in der Formulierung und Schaffung einheitlicher Standards gebunden hat. Für ein kreatives Schulleben, in dem auch die Region ihren Stellenwert hat, war nach dem Empfinden vieler Lehrpersonen häufig kein Platz mehr. So verschwand offensichtlich aus etlichen Lehrmittelzimmern der Klassensatz mit den plattdeutschen Lesebüchern, die zumindest im Landkreis Emsland jede Schule erhalten hatte. Wie soll man sonst verstehen, dass sogar das Liederbuch mit der CD in einigen Schulen nicht mehr vorhanden ist, obwohl die Sparkassenstiftung für eine kostenfreie Versorgung aller Schulen in der Emsländischen Landschaft gesorgt hatte?

Dieses ist ein Ergebnis der oben genannten Schulbefragung vom Februar 2011 in 31 Grundschulen der Grafschaft und in 42 Primarlehranstalten des Landkreises Emsland[3]. Dabei wurden im Landkreis Emsland insbesondere die Schulen ausgespart, die schon im Jahre 1989 kaum plattdeutsche Ansätze hatten, so etwa die 19 Grundschulen der Stadt Lingen. Dafür wurden aber alle Grundschulen im mittleren und nördlichen Landkreis angeschrieben. In der Grundschule Leschede wurde die Praktikabilität der Umfrage geprobt: Die 15 Fragen an die Schulleitung und das jeweilige Kollegium konnten in fünf Minuten erledigt werden und belasteten den laufenden Unterrichtsbetrieb somit kaum. Für die Antwort war ein frankierter Rückumschlag beigelegt.

Die Auswertung

  1. Arbeitsgemeinschaften (AGs)                                                                                                                                 

  Als wichtigster Indikator für plattdeutsche Aktivitäten an einer Schule kann die Einrichtung einer plattdeutschen Arbeitsgemeinschaft (AG) gelten. Diese besteht zurzeit an 13 Schulen im Untersuchungsraum. In sechs Schulen wird diese AG nach Bedarf angeboten. In 39 Schulen existiert dieses Angebot nicht.

  1. Sprachkompetenz der Schülerinnen und Schüler                                                        

Das entspricht etwa genau der Zahl der Bildungseinrichtungen, an denen gar keine plattsprechenden Kinder mehr von den Lehrpersonen ausgemacht werden können (33 Schulen). Und hier liegt eindeutig das Kernproblem: 20 Grundschulen melden jeweils zwei bis fünf Kinder mit aktiven Plattdeutschkenntnissen. Nach dem sprachwissenschaftlichen Test von 1989 wären das vermutlich nicht einmal mehr ein Prozent der heutigen Grundschüler. Zur Erinnerung: Vor zwanzig Jahren waren es schon nur noch drei Prozent.

  1. Einsatz außerschulischer Plattsprecher                                                                     

 Und dann kann auch die Beantwortung der nächsten Frage kaum verwundern: „Holen Sie außerschulische Plattsprecher in den Unterricht?“ 50 Schulen nehmen diese Möglichkeit nicht in Anspruch, neun Grundschulen bedienen sich dieser Möglichkeit etwa in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Heimatverein.

  1. Ist Platt ein festes Unterrichtsthema                                                                                     

Eine sicher wichtige Frage ist, ob Plattdeutsch an der jeweiligen Schule im Laufe der Grundschulzeit irgendwann ein festes Unterrichtsthema ist. Hier ist die Antwort aus beiden Landkreisen recht ernüchternd. Nur neun Schulen bejahen diese Frage (drei in der Grafschaft, sechs im Emsland), an 44 Schulen (25 Grafschaft, 19 Emsland) ist dies nicht der Fall.

  1. Sprachkompetenz der Lehrer/innen                                                                                                                             

Entgegengesetzt proportional zu den kaum vorhandenen Schülerkompetenzen im Plattdeutschen sieht es bei den Lehrpersonen in der Region aus: An 49 Schulen (24 Bentheimer Land, 25 Emsland) kann mindestens einer aus dem Kollegium Platt sprechen, verstehen können es mehrfach alle Lehrerinnen und Lehrer. Nur sieben Schulen müssen hier passen. Das war so nicht vermutet worden, nachdem es doch in etlichen Lehrerzimmern in den letzten Jahren einen fast kompletten Generationswandel gegeben hat.

  1. Platt im Unterricht sinnvoll?                                                                                         

 Eine entscheidende Frage an die Pädagogen ist sicherlich auch, ob sie angesichts der vorgegebenen Themenvielfalt „Plattdeutsch“ im Unterricht von heute noch für sinnvoll bzw. notwendig halten. Davon war die Mehrheit von 47 Kollegien (20 Grafschaft, 17 Emsland) doch überzeugt.

  1. Elternwunsch zum Plattdeutschen                                                                     

Allerdings bezweifelt die überwiegende Mehrheit der Lehrpersonen (48 Schulen), dass der Elternwunsch zur Behandlung des Plattdeutschen in der Schule noch bei 68 Prozent – wie damals im Landkreis Emsland – liegt (19 Grafschaft, 19 Emsland).

  1. Einschätzungen dazu in beiden Kreisen nahezu identisch                   

 Festzustellen ist, dass bis hierher bei den abgefragten Fakten und Einschätzungen in den Schulen die Grafschaft und der Landkreises Emsland sehr eng beieinander lagen.

  1. Ein sicherlich erstaunlicher Unterschied zwischen den beiden benachbarten Landkreisen in der gleichen Kulturregion ist die Teilnahme am Wettbewerb „Schüler lesen Platt“, der landesweit von den Sparkassen angeboten wird. Während im Emsland 26 der angesprochenen Schulen sich regelmäßig daran beteiligen, sind es in der Grafschaft nur zwölf, obwohl in der Grafschaft 22 Kollegien diesen Wettbewerb immer noch für sinnvoll halten (Emsland auch 22 Schulen). Nur zwölf Schulen halten ihn für überholt (Grafschaft sechs, Emsland sechs) Dieser Wettbewerb ist für die Kinder durchaus attraktiv, weil schon die Klassengewinner mit großzügigen Geldpreisen belohnt werden. Allerdings dürfen die größtenteils durchaus gelungenen Schülervorträge bei dem Kreisentscheid von den Ausrichtern als Beweis für eine „heile Plattdeutschwelt“ bei den Heranwachsenden anschließend in der Presse nicht fehl gedeutet werden als Plattdeutschkompetenz, das ist in aller Regel nur angelesen. Diese und ähnliche Untersuchungen belegen das eindeutig.

 

  1. Nutzung des Lehrmaterials                                                                                               

 

Alle Schulen des Landkreises Emsland sind mit einem kostenlosen Klassensatz des zumindest damals ansprechenden Lesebuches „Platt lutt moij“ ausgestattet worden. Vier Schulen besitzen es gar nicht mehr und in 14 Kollegien wird es nicht mehr benutzt. Ähnlich ist es mit dem Liederbuch mit CD, das auch die Grafschafter Schulen erhalten haben: An 31 Lehranstalten ist sie noch vorhanden, an 26 nicht mehr da. Gebraucht wird beides öfters an 13, manchmal an 16 Schulen.

 

Eine Enklave zumindest im Bereich der Plattdeutschaktivitäten konnte bei der ansonsten anonymen Befragung ausgemacht werden: Die frühere Grund- und Hauptschule Veldhausen hat sich 2005 mit der Namensgebung „Carl-van-der Linde-Schule“ zu einem plattdeutschen Grafschafter Dichter und Schriftsteller (1861-1930) jüdischer Abstammung bekannt. Der Schulgemeinschaft ist dabei etwas Besonderes gelungen: ein Buchprojekt über ihren Namensgeber[4]. Theo Mönch-Tegeder schreibt voll des Lobes über das Werk: Man mag es beinahe nicht glauben, dass es eine Gemeinschaftsarbeit der Carl-van-der-Linde-Schule ist. Auch und gerade die Schülerinnen und Schüler, wohlgemerkt einer Grund- und Hauptschule, haben aktiv daran mitgearbeitet, indem sie in Veldhausen selbst und in den umliegenden Bibliotheken und Archiven viele unbekannte, bisher unveröffentlichte Arbeiten Carl van der Lindes aufgestöbert und interessantes Material über das facettenreiche Leben dieses plattdeutschen jüdischen Dichters in der Grafschaft Bentheim zusammengetragen haben. Jeden der abschätzig über die Qualität von Hauptschulen denkt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen und sich von der Begeisterungsfähigkeit und der hohen Leistung mitreißen lassen, welche die Schule mit diesem Buch dokumentiert. Man spürt, wie die ganze Gemeinschaft sich mit ihrem Namensgeber auseinandersetzt und ihn zum Gegenstand des Lernens, der Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbildung macht[5].

 Schlussfolgerung aus der Untersuchung 2011

Obwohl in der Grafschaft offensichtlich noch ein etwas größeres Interesse am Kulturgut Plattdeutsch besteht (siehe Rücklaufquote) als in anderen Regionen[6], bestätigen obige Befragungsergebnisse die Erkenntnisse aus anderen niederdeutschen Sprachgebieten:

Plattdeutsch ist bei den Heranwachsenden bis auf geringste Restkenntnisse nicht mehr vorhanden und auch die Opas und Omas werden ihre geliebte Muttersprache nicht mehr ausreichend an ihre Enkel weitergeben können.

Ältere Schulpraktiker wissen: Plattdeutsch vermittelt man nicht mal ebenso mit sporadischen Arbeitsgemeinschaften.

Was kann man da noch machen?

Klar ist, dass die Lehrpersonen im heutigen Schulalltag mit der übrigen Unterrichtsfülle so ausgelastet sind, dass für dieses Thema kaum noch Platz ist, obwohl der noch gültige Plattdeutsch-Erlass dieses fordert. Auch sollte man völlig unsentimental folgende Erkenntnis des aus Schüttorf stammenden mittlerweile pensionierten Regierungsschuldirektors Alfred Möllers zu Kenntnis nehmen: Ich bin mir sicher, dass in den meisten Osnabrücker Kollegien gar nicht mehr bekannt ist, dass in ihrer Schule eine komplette Plattdeutsch-Bibliothek vorhanden ist, die ich in den 80iger Jahren mit den Lehrkräften erstellt habe.

Plattdeutsch im Unterricht von heute setzt Kontinuität und Beharrlichkeit voraus und konkurriert mit anderen Angeboten wie Sport, Erlernen eines Musikinstrumentes und steht natürlich auch im Wettstreit zu anderen Sprachen, mit denen die Heranwachsenden auf eine globalisierte Welt vorbereitet werden müssen.

Deshalb sollte sich die Erkenntnis durchsetzen den Kindern von heute – etwa einmal im Jahr – zu vermitteln: Plattdeutsch war über Jahrhunderte d i e Sprache in dieser Region auch über die holländische Grenze hinweg. Hier könnten die Heimatvereine die Schulen unterstützen etwa dadurch, dass sie sich ein plattdeutsches Repertoire zulegen in den Bereichen Tanzen, Singen, Lyrik, Sketch- und Textvortrag. Sie könnten damit in den Schulen einen „plattdeutschen Vormittag“ anbieten, der Schüler und Lehrer begeistert. Versierte pensionierte Lehrpersonen mit ausgezeichneten Plattdeutschkenntnissen und pädagogischem Geschick stehen sicherlich für die Beratung und Einweisung zur Hilfe bereit.

Wie wäre das: Großeltern mit ihren Enkeln gemeinsam beim „Danz up de Deel“ in der Turnhalle beim jährlichen schulischen Plattdeutschfest von zwei bis drei Schulstunden oder ganztätig im Rahmen eines „Plattdeutsch-Tages“ kurz vor den Sommerferien nach den Zeugniskonferenzen. So bliebe wenigstens in Erinnerung, was das Plattdeutsche einmal für die hiesige Region.

[1] Platt lutt moij. Eein Lesebouk up Platt ut’t Emsland. Hrsg. vom Arbeitskreis beim Schulaufsichtsamt Emsland „Mester prootet Platt“. Redaktion: Karl Oldiges u.a., Meppen 1993 (weiterhin Platt lutt moj).

[2] Kinner singt un danzt. 30 plattdeutsche Kinderlieder aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim zum Musizieren und Mitsingen. Begleitheft zur gleichnamigen CD. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft, Sögel 1999.

[3] Der „Grafschafter“ berichtete bereits kurz über die beiden Untersuchungen und über das Grafschafter Abschneiden: Bernd Robben, Zum Stand des Plattdeutschen an Grafschafter Grundschulen. Arbeitsgruppe „Plattdeutsch-Befragung“ führte mit Universität Kiel Fragebogenaktion durch, in: Der Grafschafter Nr. 6 vom Juni 2011, Nordhorn, S. 23.

[4] Carl van der Linde, Löö und Tieden. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild. Hrsg. von Helga Vorrink/Siegfried Kessemeier, Veldhausen 2008 (weiterhin Vorrink/Kessemeier).

[5] Theo Mönch-Tegeder, Rezension: Carl van der Linde, Löö und Tieden, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 56/2010, Sögel 2009, 359-361, S. 360.

[6] In der monatlich erscheinenden Heimatbeilage der „Grafschafter Nachrichten“ (die am Jahresende gebunden erscheint) unter dem Namen „Der Grafschafter“ erscheinen daher regelmäßig nicht nur Beiträge auf Plattdeutsch, sondern auch häufig Artikel, die sich etwa mit der rechtlichen Situation des Plattdeutschen oder mit Forschungen zu dieser Sprache beschäftigen. Siehe dazu etwa im Jahrgang 2010: Nr. 1 vom Januar (3 Beiträge zum Thema Plattdeutsch, Nr. 3 vom März (1 Beitrag), Nr. 6 vom Juni (1 Beitrag), Nur. 7 vom Juli (1 Beitrag), Nr. 8 vom August (1 Beitrag), Nr. 10 vom Oktober (1 Beitrag), Nr. 11 vom November (1 Beitrag), Nr. 12 vom Dezember (2 Beiträge). So veranstaltete er der Landkreis Grafschaft Bentheim im September 2010 eine Tagung mit rund 40 Grundschullehrer/innen, die sich bei einer ostfriesischen Expertin für den plattdeutschen Unterricht über Methoden des bilingualen Unterrichts informierten (Platt-AG erstellt Unterrichtsmaterialien für Grundschulen – Grete Saathoff informierte über Methoden mehrsprachigen Unterrichts, in: Der Grafschafter Nr. 11 vom November 2010, S. 42).

 

[1] Platt lutt moij. Eein Lesebouk up Platt ut’t Emsland. Hrsg. vom Arbeitskreis beim Schulaufsichtsamt Emsland „Mester prootet Platt“. Redaktion: Karl Oldiges u.a., Meppen 1993 (weiterhin Platt lutt moj).

[2] Kinner singt un danzt. 30 plattdeutsche Kinderlieder aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim zum Musizieren und Mitsingen. Begleitheft zur gleichnamigen CD. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft, Sögel 1999.

 

Die ersten Schulerlebnisse von Martha Herkenhoff (Hagen)

Als Martha Herkenhoff (geb. Koch) 1934 in die Schule kam, musste sie erst einmal Hochdeutsch lernen, denn zu Hause wurde nur Platt gesprochen. Es dauerte einige Zeit, bis sie im Unterricht wie die anderen reden konnte, so erzählt sie. Und diese Zweisprachigkeit hat sie bis heute begleitet.  Erlebnisse aus der Schulzeit und ihrem weiteren Leben hat die in Hagen am Teutoburger Wald lebende Martha Herkenhoff in plattdeutscher Sprache aufgeschrieben und als Buch herausgebracht. Etliche Texte daraus finden sich auf dieser Website.

https://www.youtube.com/edit?video_id=yl6ueK_tIpU

… der Nachkriegszeit (Heimatvertriebene)

In einem Gespräch mit den beiden Bürgermeistern von Firrel in Ostfriesland, Johann Aleschus (Foto links) und Heinrich Hagedorn (Altbürgermeister) wurde das Phänomen der Aufnahme der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg besprochen.

Die Herkunftsregionen waren vornehmlich Schlesien und Ostpreußen.

Gerade in den Bauberufen, wo die Arbeitskräfte eng miteinander zusammenarbeiten mussten, übernahmen vor allem die jüngeren Hinzugezogenen (unter 50) die plattdeutsche Sprache. Bei den Älteren konnte man insbesondere den schlesischen Sprachhintergrund deutlich verspüren.

Diese Entwicklung kann ich auch aus eigener Erfahrung im südlichen Emsland bestätigen.

Je bäuerlicher und kleiner eine Ortschaft war, desto schneller lernten die Kinder aus den Ostgebieten beim Spiel, in der Schule und nachmittags die plattdeutsche Sprache “akzentfrei”.

Foto: Archiv Robben

3.9. Wertschätzung

Nach all den zum größten Teil stark rückläufigen, statistisch belegten Werten —insbesondere im Gebrauch, aber auch in der Kompetenz des Niederdeutschen —überraschen die Ergebnisse im Bereich der Wertschätzung des Plattdeutschen. In unserer Enquete wurde zunächst nach der Erwünschtheit des Plattdeutschgebrauchs in den regionalen Medien gefragt. Außerdem — und das ist die wichtigere Fragestellung in bezug auf den Aussagewert der vorliegenden Untersuchung — sollte in Erfahrung gebracht werden, welchen Stellenwert das Plattdeutsche in den Schulen aus Sicht der befragten Eltern in Zukunft erhalten soll. Es könnten z.B. eigens dem Plattdeutschen gewidmete Stunden im Rahmen des Deutschunterrichtes angeboten werden, damit die Kinder auch plattdeutsche Texte lesen lernen und das Plattdeutsche so vielleicht erhalten bleibt.

 

Hier zeigt sich — wie auch bei der Untersuchung von Kremer (1983) — ein entgegengesetzt proportionales Bild: Während die Eltern nur noch 3% der Kinder eine aktive Kompetenz, also eine gute Beherrschung des Plattdeutschen, vermittelt haben, wünschen sich im Kreisdurchschnitt 65% der Eltern dieses Schülerjahrgangs mehr Plattdeutsch in der Schule.

Dabei rangieren die Mütter mit 68% (im Kreisdurchschnitt, aus Tab. 17 nicht ersichtlich) hier vor den Vätern. Ob das etwas mit schlechtem Gewissen gegenüber der bedrohten Mundart zu tun hat, darüber kann die statistische Auswertung des Fragebo­gens nichts aussagen. Es darf aber vermutet werden, daß die Eltern, nachdem sie ihre Kinder mehr oder minder gut ausschließlich in der Hochsprache bis ins schulfähige Alter erzogen haben, nun doch der Schule zubilligen oder sogar von ihr wünschen, daß sie die Heranwachsenden an die Mundart heranführe.

Der Vergleich mit der Umfrage von 1981 im Kreis Borken zeigt, daß die Schere zwischen Beherrschung der Mundart (durch die Kinder) und Erwünschtheit in den Schulen (Elternwunsch) noch weiter auseinanderklafft. Auffallend ist auch, daß nur 16% sowohl der Väter als auch der Mütter sich gegen einen Plattdeutschunterricht in der Schule aussprechen (bei Kremer 1983: 89 noch 28,5% der Männer und 30,6% der Frauen).

Das Faktum, daß nahezu 60% der Eltern sich ein stärkeres Lektüreangebot plattdeutscher Texte in der Tageszeitung und im Jahrbuch des Emsländischen Heimat­bundes wünschen, muß unbedingt den jeweiligen Verantwortlichen zur Kenntnis gebracht werden, damit die Wünsche weiter Bevölkerungskreise demnächst stärker berücksichtigt werden.