Augustin Wibbelt

Priester, Schriftsteller, plattdeutscher Lyriker:

Wibbelt starb vor 70 Jahren – er war mehr als ein Heimatdichter

Mundartdichter? »Das ist eine Einengung«, empört sich Rainer Schepper, der die meisten bedeutenden Werke von Augustin Wibbelt in textkritischen Ausgaben veröffentlicht hat. Für ihn ist Wibbelt, der vor 70 Jahren am 14. September 1947 starb, »der große niederdeutsche Lyriker«. Er stehe auf der gleichen literarischen Stufe wie der schwäbische Lyriker Eduard von Mörike und der Mecklenburger Erzähler Fritz Reuter.

Schepper ist heute 90 Jahre alt, lebt in Münster und hat Augustin Wibbelt noch persönlich kennengelernt – auf einem Bauernhof in dem Dorf Vorhelm, heute ein Ortsteil von Ahlen im Kreis Warendorf. Als Jugendlicher kam er bei einer Tante in Gladbeck in Kontakt mit Wibbelts Büchern. »Das zündete sofort bei mir«, erinnert sich Schepper. Er habe die Werke regelrecht verschlungen.

»Er war 82, ich war 16«

Schließlich schrieb der junge Mann Wibbelt einen Brief auf Plattdeutsch (»vermutlich war der voller Fehler«) und bekam als Antwort eine Einladung. Und so fuhr Schepper mit dem Fahrrad nach Vorhelm und war »glücklich und froh, ihn kennengelernt zu haben«. Wibbelt übte auf den Jugendlichen eine nachhaltige Ausstrahlung aus. »Er war 82, ich war 16«, blickt der Publizist auf die Begegnung mitten im Zweiten Weltkrieg zurück. »Er war geistig jung.« Was folgte, war ein umfangreicher Briefwechsel.

In dem Dorf Vorhelm lebte Wibbelt seit 1935 als emeritierter Pfarrer auf dem Hof seiner Eltern – hier wurde er auch 1862 geboren, als siebtes von zehn Kindern. Erst lernte er drei Jahre auf der Lateinschule im Nachbarort Enniger, dann wechselte er zum Gymnasium Carolinum in Osnabrück und beendete 1883 die Schule mit einem hervorragenden Abiturzeugnis, ähnlich wie vor ihm der spätere Zentrumsführer Ludwig Windthorst.

In Münster begann Wibbelt zunächst ein Philologie-, dann ein Theologiestudium. 1888 wurde er nach seiner Priesterweihe als Kaplan nach Moers an den Niederrhein versetzt; zwei Jahre später wurde er Vikar in Münster, wo ihm der Bischof die Redaktion der neu gegründeten katholischen Wochenschrift »Ludgerusblatt« anvertraute. Außerdem arbeitete er von 1914 bis 1939 für die »Christliche Familie«.

Dialoge und Erzählungen in Münsterländer Platt

Von 1891 an veröffentlichte Wibbelt Dialoge und Erzählungen in Münsterländer Platt. Nach einer Zwischenstation in Oedt am Niederrhein kam er  in die Großstadtpfarrei St. Joseph in Duisburg. »Er war Industriekaplan«, sagt Schepper dazu. Wibbelt wechselte 1906 auf eigenen Wunsch nach Mehr bei Kleve, wo er fast 30 Jahre wirkte, bis zum Mai 1935. Dann trat er in den Ruhestand und kehrte in seine Heimat im östlichen Münsterland zurück.

In Vorhelm feierte er in einer von ihm selbst erbauten Kapelle jeden Tag  die Heilige Messe. Auf dem Wibbelthof starb der Schriftsteller am 14. September 1947, wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag. Ein Jahr zuvor, am 19. Juni 1946, erhielt der Dichter den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis der Provinz Westfalen verliehen. »Sein Werk ist auch in unserer Zeit aktuell und lebensnah geblieben«, meint Schepper, »obwohl es soziologisch eine andere, versunkene Welt zum Gegenstand hat«.

»Mundart wurde aus den Schulstuben herausgeprügelt«

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden die Romane des Priesters und seine zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften ein großes Publikum. Doch heute, so bedauert Schepper, würden sie kaum noch gelesen. Die Mundart gehe immer weiter zurück, aber wer zweisprachig aufgewachsen sei – plattdeutsch und hochdeutsch –, der habe einen größeren geistigen Reichtum.

Dass das münsterländische Platt nicht so populär ist, führt Schepper auch auf die vielen Diphtonge zurück, also Doppelvokale wie »iä« in »biäter« (besser) oder »uo« in »buoben« (oben). »Das erschwert das Lesen«, stellt der Autor fest.

Aber der Niedergang des münsterländischen Platts hat laut Schepper ebenfalls einen historischen Grund: »Seit Westfalen zu Preußen gekommen ist, hat man die Mundart systematisch aus den Schulstuben herausgeprügelt.« Daher ist auch das Gedicht »Dat Pöggsken« über einen kleinen Frosch in der grünen Hose nicht mehr so bekannt, das erstmals 1909 veröffentlicht wurde.

Das Gedicht vom Pöggsken

»Pöggsken sitt in‘n Sunnenschien. O, wat is dat Pöggsken fien«, so beginnt dieses Gedicht über den Frosch, der mit einem schnellen Sprung ins Wasser einem Gänserich entkommt. Es ist eines der Gedichte, die in diesem Jahr auf zwei CDs erschienen sind. Rainer Schepper liest diese plattdeutsche, oft humorvolle Lyrik vor.

Ein anderes Geicht heißt »De Schutzengel«. Darin geht es um einen Bettler, der ein Kind rettet und dafür sein eigenes Leben opfert. Schepper sieht darin ein Beispiel für Wibbelts Humanität und Solidarität mit den Obdachlosen und Verachteten.

Ein Freund der Natur

Erschienen sind die CDs im Longinus-Verlag in Coesfeld, dessen Verleger Thomas Pago in jüngster Zeit ebenso mehrere Bücher von Wibbelt veröffentlicht hat. Dazu gehören der rege Briefwechsel Augustin Wibbelts  an seine Schwester Elisabeth (1856-1911) in den Jahren 1875 bis 1905 und als Nachdruck die Altersgedichte »Aobend-Klocken«, die ab 1932 entstanden. Auch Pago betont, Wibbelt sei mehr als ein Heimatdichter.

Was nur wenige wissen: Wibbelt war auch ein Freund der Natur, »fast verliebt in die Natur von früher Jugend an«, wie er in seinen Lebenserinnerungen schrieb. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte er – in seinen hochdeutschen Schriften – auf den Rückgang der Artenvielfalt und andere Umweltprobleme aufmerksam. Wibbelt war somit nicht allein Lyriker und Seelsorger, sondern auch ein Vordenker.

Ein Beitrag von Christof Haverkamp. Er ist seit April 2016  Chefredakteur von Kirche+Leben, der Bistumszeitung im Münsterland.Davor war Haverkamp 15 Jahre bei der NOZ, zuletzt als Leiter des Bereichs Politik/Wirtschaft

 

https://www.kirche-und-leben.de/artikel/wibbelt-starb-vor-70-jahren-er-war-mehr-als-ein-heimatdichter/ eingesehen am 31. 12. 2017

 

 

 

 

 

Heuerlingswesen und Plattdeutsch

Besteht zwischen dem Niedergang des Heuerlingswesens und dem zunehmendem Schwund der plattdeutschen Sprache ab den 60er Jahren ein Kausalzusammenhang?

Ohne Frage war Platt die Sprache der Heuerleute. Während Kinder von Landwirten auch die weiterführenden Schulen besuchen konnten, war dieser Bildungsweg den Nachkommen der Heuerlinge fast durchweg verschlossen. Diese traten nach dem Ende der Volksschule mit 14 Jahren in aller Regel eine Tätigkeit als Knecht oder Magd auf den Bauernhöfen an, um dann nach der Verheiratung ebenfalls wieder – wie ihre Eltern schon – eine Heuerstelle zu übernehmen. Nach dem 1. Weltkrieg  wurde es vereinzelt möglich, dass sie auch ein reguläres Handwerk mit begleitendem Berufsschulunterricht erlernten.

In den Jahrzehnten zuvor betätigten Heuerleute sich ungelernt im Nebenerwerb als Schlachter, Holzschuhmacher oder Zimmerer. In all diesen Lebensbereichen wurde ausschließlich plattdeutsch gesprochen.

Die Ablösung vom Bauern wurde erst ab 1955 möglich, wenn ein eigenständiger Arbeitsplatz mit einem entsprechend höheren Einkommen gefunden war. Das ging zumeist einher mit dem Bau eines Eigenheims, was ermöglicht wurde durch die erweiterten zinsgünstigen Finanzierungsmöglichkeiten am Geldmarkt durch den anhaltenden Wirtschaftsaufschwung, der unter dem Namen das deutsche Wirtschaftswunder in die Geschichtsbücher einging.

Während insbesondere in den Bauberufen die plattdeutsche Sprache weiterhin Standard war, wurde die hochdeutsche Sprache für etliche ehemalige Heuerleute etwa in den kaufmännischen Tätigkeiten zur Selbstverständlichkeit.

Die ländliche Struktur Nordwestdeutschlands veränderte sich nun grundlegend.

Besonders die mittelständische Landmaschinenindustrie hatte einen enormen Bedarf an Arbeitskräften, weil die Bauern durchweg die nun fehlende Arbeitskraft der Heuerleute durch Maschinen ersetzen mussten. Es wurden Miststreuer, Bindemäher, Schlepper und Pflüge gebaut. Und gerade hier fanden die ehemaligen Heuerleute ihre neuen Arbeitsplätze. Das war eine win-win Situation für alle Beteiligten. Die Bauindustrie wurde dadurch ebenfalls angekurbelt und in etlichen Kirchdörfern  siedelte man die Bauernhöfe aus, damit man passendes Bauland für die neu entstehenden Siedlungen in Dorfnähe anbieten konnte.  Die Karte von Spelle im südlichen Emsland zeigt diese Entwicklung deutlich.

Neben den wirtschaftlichen Veränderungen wurden sowohl vom Staat als auch von den Kirchen Kampagnen und Neuerungen gestartet, die man unter dem Begriff Volkshochschule (u. a. Katholische Erwachsenen-bildung) und Schulreformen zusammenfassen kann. So wurde das 9. Schuljahr eingeführt. Man richtete eine Durchlässigkeit durch die einzelnen Schultypen ein, die Aufnahmeprüfungen an den weiterführenden Schulen wurden abgeschafft. Die Schülerzahlen an den Gymnasien und Realschulen, so nannte man nun die ehemalige Mittelschule, stiegen enorm an. Vor allem im Bereich  der Erwachsenenbildung wurde ab dieser Zeit der Verzicht auf die Weitergabe der plattdeutschen Sprache an die Kindergeneration postuliert mit der Erklärung, diese Sprache sei ein Bildungshemmer für die Heranwachsenden. Dieser Aufforderung kamen nahezu alle Eltern nach.

Damit war der plattdeutschen Sprache zum ersten Mal in ihrer Geschichte der Nachwuchs auf breiter Ebene abhanden gekommen.

Dass die hochdeutsche Sprachvermittlung von Eltern, die fast ausschließlich in der plattdeutschen Sprachwelt groß geworden waren, auch seltsame Blüten trieb, war wohl zu erwarten. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: So gingen die Kinder nun im Bett anstatt ins Bett. Wenn man die Kinder darauf aufmerksam machte, dass man im Bett nicht gehen kann, dann zeigten sie Verständnis dafür. Aber nach einer halben Stunde war das vergessen und sie gingen wieder im Bett.

Der Geist des rasanten Wandels wurde auch beflügelt durch die Ideen des 2. Vatikanischen Konzils (1962 – 1965)

Die Zeit der Rückschau

Allerdings setzte auch zunehmend eine Rückbesinnung auf vergangene Zeiten ein. Zu schnell verlief nun der Wandel auch auf dem Lande. Selbst in den Dörfern setzten sich im Zentrum seelenlose Betonbauten durch, die den Zeitgeist widerspiegeln sollten.

In den Bauerschaften kam es vermehrt zu Flurbereinigungen, die ganze Landschaften ausräumten, um eine maschinengerechtere Landwirtschaft zu ermöglichen. Die Heuerhäuser wurden in der Mehrzahl aus verschiedenen Gründen abgerissen.

Auf den Bauernhöfen selbst wurde enorm angebaut, damit man durch die Aufstockung der Viehbestände weiterhin eine auskömmliche Landwirtschaft betreiben konnte.

Nun gründeten sich auch in den Dörfern vermehrt Heimatvereine, die sich zuvorderst der Dokumentation der angestammten Kulturgüter widmeten. Daher ist es kein Zufall, dass etliche Heimathäuser ehemalige Heuerhäuser sind. Auch die Pflege der plattdeutschen Sprache stand nun wieder im Fokus. Über eines wurde jedenfalls nicht gesprochen: über das vergangene Heuerlingswesen. Dieses Thema war nahezu überall tabu, man wollte die zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten der früheren Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht mehr thematisieren, um einvernehmlich miteinander umzugehen.

 

Teile der Lehrerschaft erkannten ab Mitte der 80er Jahre  im Unterrichtsalltag, dass Plattdeutsch bei den Kindern weder zu Hause noch untereinander vorkam. Daher ergriffen sie fast zeitgleich in allen Landkreisen Nordwestdeutschlands die Initiative und es gründeten sich Arbeitskreise. Ausgerechnet die Lehrergeneration – Geburtsjahre 1945 bis 1955 – die mit ihren eigenen Kindern nur noch Hochdeutsch sprach, traf sich freiwillig an den Nachmittagen, um Lehrmaterial für ihren Plattdeutsch – Unterricht zu entwerfen. So kamen über diese Schiene plattdeutsche Lesebücher in die Schulen. Plattdeutsche Vorlesewettbewerbe, die von den Kreissparkassen regelmäßig veranstaltet wurden, erfreuten sich großer Beliebtheit.

mde

Allerdings merkte man durchweg im Kreise der engagierten Pädagogen, dass die eingerichteten Arbeitsgemeinschaften es nicht leisten konnten, den Kindern Grundlagen für den Erwerb der plattdeutschen Sprache zu liefern. Und so schlief die Euphorie der Anfangsjahre langsam wieder ein. Mittlerweile wurden auch die ersten älteren Kollegen und Kolleginnen pensioniert. Die nachwachsende Lehrergeneration hat nun in aller Regel selbst keine aktive Plattdeutsch – Kompetenz mehr. Wie soll man eine Sprache unterrichten, die man selbst nicht beherrscht.

Das ist die heutige Lagebeschreibung zu einer Sprache, die von allen Heuerleuten noch beherrscht und durchgehend gesprochen wurde…

 

Fotos oben: Kreisbildstelle Lingen  Fotos unten: Archiv Robben

Zur Untersuchung von Prof. Dr. Dieter Stellmacher (GETAS)

Nach einem ersten Besuch im Niederdeutschen Institut in Bremen Ende der siebziger Jahre war ich dann auch in mehreren Folgejahren jeweils in Sommerferien dort, um neuere plattdeutsche Erscheinungen zu sichten. Insbesondere kleinere plattdeutsche Theaterstücke für den Schulunterricht waren dabei von besonderem Interesse.

Dabei habe ich die beiden Geschäftsführer Herrn Dr. Wolfgang Lindow  und Herrn Dr. Schuppenhauer kennen gelernt. Das waren jeweils aus meiner Sicht interessante Gespräche zwischen mir als Schulpraktiker aus einem plattdeutschen Umfeld und den Wissenschaftler mit vielseitigen Kontakten zu Fachleuten in ganz Norddeutschland und darüber hinaus.

Bei einer erneuten Erkundungstour im Jahre 1988 gab Dr. Lindow mir diese Untersuchung von Prof. Dr. Dieter Stellmacher mit, lediglich mit dem Hinweis, ich möge mir diese Enquete einmal vor dem Hintergrund meiner bisherigen Erfahrungen in der Schulpraxis anschauen.

Insbesondere nachfolgende Zeilen machten mich angesichts meiner Erfahrungen vor Ort stutzig und ich habe mir darauf eine weitere wissenschaftliche Untersuchung besorgt, um Vergleichsmöglichkeiten zu haben.

 Niederdeutsch ist nicht tot, die Sprache lebt und – wie die Vergleiche mit älteren Untersuchung erbracht haben – sie hat in den letzten 20 Jahren keineswegs an Boden verloren. Die Freude darüber ist auch Verpflichtung, das sprachliche nebeneinander zu erhalten und somit ein wesentliches Merkmal der norddeutschen Sprachkultur.

Die Sprachwissenschaft hat bei der Untersuchung des Niederdeutschen heute einen bemerkenswerten Versuch überregionaler, überinstitutioneller und interdisziplinärer Zusammenarbeit erfolgreich bestanden, sie hat auf diese Weise neue Einsichten zum Sprachgebrauch und zum Sprachwandel (der ja heute eher Funktionswandel als Sprachersetzung ist) gewonnen und ihr bleibt noch viel Material auszuwerten. Die niederdeutsche Kulturarbeit, insbesondere das Bremer Institut für niederdeutsche Sprache, weiß ich auf einem stabilen Grund und braucht nichts zu befürchten, ihren Gegenstand zu verlieren. Die politisch Verantwortlichen sollten dem Rechnung tragen, dass Millionen norddeutsche ihre alte Sprache sprechen und lesen, sie lieben und in vielfältiger Weise weitergeben möchten. (S. 47)

 

Diese nachfolgend wichtige Anmerkung, die die wissenschaftliche Wertigkeit und tatsächliche Aussagekraft dieser Untersuchung mit der nötigen Selbstkritik genau einordnet, wird nur in einer Fußnote eingebracht, die 8 Seiten später völlig ohne Bezug zum eigentlichen Text “versteckt” ist.

Auch ich habe diese Verbindung erst nach mehrfachem Sichten “entdeckt”…

Dabei wird nicht vergessen, daß alle Daten dieser Untersuchung auf Befragungen zurückgehen und Meinung und Eindrücke wiedergeben. Besonders in der Erp – Studie (siehe Anm. 14) wird immer wieder auf die hohe Subjektivität solcher Meinungsurteile hingewiesen, die nicht mit objektiven Messungen verwechselt werden dürfen. (S. 52)

 

Weitere Erläuterungen dazu finden sich in der Beschreibung zur meiner Untersuchung im Emsland 1989

Auf alle Fälle war die Ausdeutung der GETAS – Befragung durch Prof. Dr. Stellmacher eine wichtige Triebfeder für die umfangreiche Befragung im Emsland.

Im nachfolgenden Untermenü finden sich kritische Stellungnahmen zu GETAS von

  • Dr. Wolfgang Lindow ( ehemaliger Geschäftsführer Institut für Niederdeutsche Sprache in Bremen
  • Dr. Utz Maas (em.Universität Osnabrück)
  • Dr. Hubertus Menke (em. Universität Kiel)
  • Außerdem wird dort ein schematischer Vergleich vorgestellt zwischen der GETAS Untersuchung und der Enquete im Emsland 1989 (Robben)
Dieter Stellmacher 

Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute, Leer 1987

Hermann Wallmann

Einfluß

Lange habe ich mich einen Emskopp geschimpft und war heimatlos. Ich bin im Emsland geboren, aber erst seit kurzem. Auf dem Gymnasium habe ich mich im­mer vor dem ersten Schultag gefürchtet. Damals began­nen die Schuljahre nach den Osterferien, und der Klas­senlehrer mußte die Familienverhältnisse ins Klassen­buch eintragen. Jedes Frühjahr hatte ich einen neuen Bruder oder eine neue Schwester anzugeben. Brüllen­des Gelächter, die einstürzende Brücke. Ich weiß noch, wie ich mich einmal geschämt habe, als meine Eltern mit meinem Zwillingsbruder und mir mit dem Zug von Lingen nach Rheine, wo mein Zwillingsbruder und ich das Gegenlicht der Welt entdeckt haben, zum Zoo ge­fahren sind, nach Bentlage. Neben uns, auf der anderen Seite des Ganges, saßen Leute, und meine Eltern spra­chen platt miteinander. Mit uns sprachen sie immer hochdeutsch.

Später hat mir dann Köln gefallen. Weil das eine Stadt und ein Strom war. Und noch später Passau, obwohl das dann drei Ströme waren. Und Paris, obwohl die Sei­ne kein Strom war und ich sie überhaupt nicht gesehen habe. Und dann wieder der Rhein, als ich ein Wochen­ende in Königswinter war; kann auch Rüdesheim gewesen sein. Eine wundermil­de Kollegin von mir war in Brasilien, Amazonas.

Ach ja: Mein Vater hat meinen Zwillingsbruder und meinen jüngeren Bruder und mich mal mit nach Bremen genommen: die Weser. Und einmal sind meine Frau und ich mit meinen plattdeutschen Schwiegereltern nach Hamburg gefahren: die Elbe. Genau, und als ich noch bei den Pionieren war, habe ich den Fährenführer-schein gemacht und auf der Donau, gegen die lehmige Strömung, Übersetzen geübt; Ingolstadt, Kloster Weltenburg, Donaudurchbruch.

Ich weiß noch, hinter dem Haus des ehemaligen Chefs meines Vaters machte der Dorfbach für unsere undichten Zigarrenkistenfrachter einen Umweg, mitten durch die Urwälder aus wildem Rhabarber. Weiter westlich floß die Aa, auf der mein Zwillingsbruder und ich einmal im April gekentert sind, beim Paddeln. Dann, noch weiter westlich, kam der Dortmund-Ems-Kanal. Wenn wir ihn entlanggingen, mußten wir am wasserabgewandten Außenrand des Leinpfades gehen; wir haben das auch dann getan, wenn meine Mutter nicht dabei war.

Noch weiter westlich kam die Ems mit ihren flachen Ufern. Wolkenfladen trieben auf dem Wasser, und wir konnten uns nicht vorstellen, wie tief es war. Noch wei­ter westlich, was wir aber nicht wußten, kam der Atlantik. An einer Stelle unserer Sonntagsspaziergänge stießen Ems, Kanal und Aa zusammen. (So ähnlich wie in Passau.) Und sie tun es heute noch.

Heute bin ich ein Emskopp. Es fällt mir leicht, das zuzugeben. Und ich kann darüb­er singen und sagen, daß meine Schulkameraden meine Eltern kinderreich gelacht haben. Wie lange habe ich die Ems verleugnet! Nicht aber die Weser, die Elbe, den Rhein, den Ganges – wie komm ich auf den Ganges? -, den Amazonas. (Ist der At­lantik überhaupt ein Strom? Oder nur der Golf?) Ich habe die Ems, wo sie mir ver­traut war, lange nicht mehr gesehen. Ich weiß, daß sie noch immer die flachen U­fer hat und den hohen milchblauen Himmel. An einigen Stellen ist das Wasser warm von den Kernkraftwerken, i immer mit ju Atom, hat meine Mutter immer gesagt, links und rechts schwären die Bleihütten und Wochenendhäuser; Laub­werk wie Tarnnetze.

Was ich an der Ems habe, habe ich woanders gelernt. Zum Beispiel in Köln. Der Fluß: die Schöne und das Biest: die Stadt. Die Weser, die Elbe, der Rhein, die Do­nau, der Ganges, der Amazonas, der Atlantik haben meine Ems, als wäre sie ein Herz, zum Überlaufen gebracht. Heute bin ich ein Emskopp, und das hat nichts mit dem Emsland zu tun. Nein, doch.

(Für unser Pappen)

 

 

Plattdeutschbefragung 1 im Landkreis Emsland 1989/90

Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen, die nur die passive Sprachkompetenz (das Verstehen) untersucht hatten, wurde hier erstmals auch das aktive Sprachvermögen durch ein komplexeres Verfahren in allen 4. Klassen sämtlicher Grundschulen des Landkreises Emsland untersucht.

Für jede Klasse wurde eine eigene Mappe angelegt: Hier die Grundschule Beesten, die Klassen- und Deutschlehrerin Frau Jansen unterrichtet 24 Kinder im 4 Schuljahr.

Auf den nachfolgenden Seiten soll dieser bisher einmalige Untersuchungsansatz, der wissenschaftlich einwandfrei erstmals sowohl die aktive als auch die passive Sprachkompetenz dokumentiert, vorgestellt werden.