Heuerlingswesen und Plattdeutsch

Besteht zwischen dem Niedergang des Heuerlingswesens und dem zunehmendem Schwund der plattdeutschen Sprache ab den 60er Jahren ein Kausalzusammenhang?

Ohne Frage war Platt die Sprache der Heuerleute. Während Kinder von Landwirten auch die weiterführenden Schulen besuchen konnten, war dieser Bildungsweg den Nachkommen der Heuerlinge fast durchweg verschlossen. Diese traten nach dem Ende der Volksschule mit 14 Jahren in aller Regel eine Tätigkeit als Knecht oder Magd auf den Bauernhöfen an, um dann nach der Verheiratung ebenfalls wieder – wie ihre Eltern schon – eine Heuerstelle zu übernehmen. Nach dem 1. Weltkrieg  wurde es vereinzelt möglich, dass sie auch ein reguläres Handwerk mit begleitendem Berufsschulunterricht erlernten.

In den Jahrzehnten zuvor betätigten Heuerleute sich ungelernt im Nebenerwerb als Schlachter, Holzschuhmacher oder Zimmerer. In all diesen Lebensbereichen wurde ausschließlich plattdeutsch gesprochen.

Die Ablösung vom Bauern wurde erst ab 1955 möglich, wenn ein eigenständiger Arbeitsplatz mit einem entsprechend höheren Einkommen gefunden war. Das ging zumeist einher mit dem Bau eines Eigenheims, was ermöglicht wurde durch die erweiterten zinsgünstigen Finanzierungsmöglichkeiten am Geldmarkt durch den anhaltenden Wirtschaftsaufschwung, der unter dem Namen das deutsche Wirtschaftswunder in die Geschichtsbücher einging.

Während insbesondere in den Bauberufen die plattdeutsche Sprache weiterhin Standard war, wurde die hochdeutsche Sprache für etliche ehemalige Heuerleute etwa in den kaufmännischen Tätigkeiten zur Selbstverständlichkeit.

Die ländliche Struktur Nordwestdeutschlands veränderte sich nun grundlegend.

Besonders die mittelständische Landmaschinenindustrie hatte einen enormen Bedarf an Arbeitskräften, weil die Bauern durchweg die nun fehlende Arbeitskraft der Heuerleute durch Maschinen ersetzen mussten. Es wurden Miststreuer, Bindemäher, Schlepper und Pflüge gebaut. Und gerade hier fanden die ehemaligen Heuerleute ihre neuen Arbeitsplätze. Das war eine win-win Situation für alle Beteiligten. Die Bauindustrie wurde dadurch ebenfalls angekurbelt und in etlichen Kirchdörfern  siedelte man die Bauernhöfe aus, damit man passendes Bauland für die neu entstehenden Siedlungen in Dorfnähe anbieten konnte.  Die Karte von Spelle im südlichen Emsland zeigt diese Entwicklung deutlich.

Neben den wirtschaftlichen Veränderungen wurden sowohl vom Staat als auch von den Kirchen Kampagnen und Neuerungen gestartet, die man unter dem Begriff Volkshochschule (u. a. Katholische Erwachsenen-bildung) und Schulreformen zusammenfassen kann. So wurde das 9. Schuljahr eingeführt. Man richtete eine Durchlässigkeit durch die einzelnen Schultypen ein, die Aufnahmeprüfungen an den weiterführenden Schulen wurden abgeschafft. Die Schülerzahlen an den Gymnasien und Realschulen, so nannte man nun die ehemalige Mittelschule, stiegen enorm an. Vor allem im Bereich  der Erwachsenenbildung wurde ab dieser Zeit der Verzicht auf die Weitergabe der plattdeutschen Sprache an die Kindergeneration postuliert mit der Erklärung, diese Sprache sei ein Bildungshemmer für die Heranwachsenden. Dieser Aufforderung kamen nahezu alle Eltern nach.

Damit war der plattdeutschen Sprache zum ersten Mal in ihrer Geschichte der Nachwuchs auf breiter Ebene abhanden gekommen.

Dass die hochdeutsche Sprachvermittlung von Eltern, die fast ausschließlich in der plattdeutschen Sprachwelt groß geworden waren, auch seltsame Blüten trieb, war wohl zu erwarten. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: So gingen die Kinder nun im Bett anstatt ins Bett. Wenn man die Kinder darauf aufmerksam machte, dass man im Bett nicht gehen kann, dann zeigten sie Verständnis dafür. Aber nach einer halben Stunde war das vergessen und sie gingen wieder im Bett.

Der Geist des rasanten Wandels wurde auch beflügelt durch die Ideen des 2. Vatikanischen Konzils (1962 – 1965)

Die Zeit der Rückschau

Allerdings setzte auch zunehmend eine Rückbesinnung auf vergangene Zeiten ein. Zu schnell verlief nun der Wandel auch auf dem Lande. Selbst in den Dörfern setzten sich im Zentrum seelenlose Betonbauten durch, die den Zeitgeist widerspiegeln sollten.

In den Bauerschaften kam es vermehrt zu Flurbereinigungen, die ganze Landschaften ausräumten, um eine maschinengerechtere Landwirtschaft zu ermöglichen. Die Heuerhäuser wurden in der Mehrzahl aus verschiedenen Gründen abgerissen.

Auf den Bauernhöfen selbst wurde enorm angebaut, damit man durch die Aufstockung der Viehbestände weiterhin eine auskömmliche Landwirtschaft betreiben konnte.

Nun gründeten sich auch in den Dörfern vermehrt Heimatvereine, die sich zuvorderst der Dokumentation der angestammten Kulturgüter widmeten. Daher ist es kein Zufall, dass etliche Heimathäuser ehemalige Heuerhäuser sind. Auch die Pflege der plattdeutschen Sprache stand nun wieder im Fokus. Über eines wurde jedenfalls nicht gesprochen: über das vergangene Heuerlingswesen. Dieses Thema war nahezu überall tabu, man wollte die zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten der früheren Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht mehr thematisieren, um einvernehmlich miteinander umzugehen.

 

Teile der Lehrerschaft erkannten ab Mitte der 80er Jahre  im Unterrichtsalltag, dass Plattdeutsch bei den Kindern weder zu Hause noch untereinander vorkam. Daher ergriffen sie fast zeitgleich in allen Landkreisen Nordwestdeutschlands die Initiative und es gründeten sich Arbeitskreise. Ausgerechnet die Lehrergeneration – Geburtsjahre 1945 bis 1955 – die mit ihren eigenen Kindern nur noch Hochdeutsch sprach, traf sich freiwillig an den Nachmittagen, um Lehrmaterial für ihren Plattdeutsch – Unterricht zu entwerfen. So kamen über diese Schiene plattdeutsche Lesebücher in die Schulen. Plattdeutsche Vorlesewettbewerbe, die von den Kreissparkassen regelmäßig veranstaltet wurden, erfreuten sich großer Beliebtheit.

mde

Allerdings merkte man durchweg im Kreise der engagierten Pädagogen, dass die eingerichteten Arbeitsgemeinschaften es nicht leisten konnten, den Kindern Grundlagen für den Erwerb der plattdeutschen Sprache zu liefern. Und so schlief die Euphorie der Anfangsjahre langsam wieder ein. Mittlerweile wurden auch die ersten älteren Kollegen und Kolleginnen pensioniert. Die nachwachsende Lehrergeneration hat nun in aller Regel selbst keine aktive Plattdeutsch – Kompetenz mehr. Wie soll man eine Sprache unterrichten, die man selbst nicht beherrscht.

Das ist die heutige Lagebeschreibung zu einer Sprache, die von allen Heuerleuten noch beherrscht und durchgehend gesprochen wurde…

 

Fotos oben: Kreisbildstelle Lingen  Fotos unten: Archiv Robben

Zur Untersuchung von Prof. Dr. Dieter Stellmacher (GETAS)

Nach einem ersten Besuch im Niederdeutschen Institut in Bremen Ende der siebziger Jahre war ich dann auch in mehreren Folgejahren jeweils in Sommerferien dort, um neuere plattdeutsche Erscheinungen zu sichten. Insbesondere kleinere plattdeutsche Theaterstücke für den Schulunterricht waren dabei von besonderem Interesse.

Dabei habe ich die beiden Geschäftsführer Herrn Dr. Wolfgang Lindow  und Herrn Dr. Schuppenhauer kennen gelernt. Das waren jeweils aus meiner Sicht interessante Gespräche zwischen mir als Schulpraktiker aus einem plattdeutschen Umfeld und den Wissenschaftler mit vielseitigen Kontakten zu Fachleuten in ganz Norddeutschland und darüber hinaus.

Bei einer erneuten Erkundungstour im Jahre 1988 gab Dr. Lindow mir diese Untersuchung von Prof. Dr. Dieter Stellmacher mit, lediglich mit dem Hinweis, ich möge mir diese Enquete einmal vor dem Hintergrund meiner bisherigen Erfahrungen in der Schulpraxis anschauen.

Insbesondere nachfolgende Zeilen machten mich angesichts meiner Erfahrungen vor Ort stutzig und ich habe mir darauf eine weitere wissenschaftliche Untersuchung besorgt, um Vergleichsmöglichkeiten zu haben.

 Niederdeutsch ist nicht tot, die Sprache lebt und – wie die Vergleiche mit älteren Untersuchung erbracht haben – sie hat in den letzten 20 Jahren keineswegs an Boden verloren. Die Freude darüber ist auch Verpflichtung, das sprachliche nebeneinander zu erhalten und somit ein wesentliches Merkmal der norddeutschen Sprachkultur.

Die Sprachwissenschaft hat bei der Untersuchung des Niederdeutschen heute einen bemerkenswerten Versuch überregionaler, überinstitutioneller und interdisziplinärer Zusammenarbeit erfolgreich bestanden, sie hat auf diese Weise neue Einsichten zum Sprachgebrauch und zum Sprachwandel (der ja heute eher Funktionswandel als Sprachersetzung ist) gewonnen und ihr bleibt noch viel Material auszuwerten. Die niederdeutsche Kulturarbeit, insbesondere das Bremer Institut für niederdeutsche Sprache, weiß ich auf einem stabilen Grund und braucht nichts zu befürchten, ihren Gegenstand zu verlieren. Die politisch Verantwortlichen sollten dem Rechnung tragen, dass Millionen norddeutsche ihre alte Sprache sprechen und lesen, sie lieben und in vielfältiger Weise weitergeben möchten. (S. 47)

 

Diese nachfolgend wichtige Anmerkung, die die wissenschaftliche Wertigkeit und tatsächliche Aussagekraft dieser Untersuchung mit der nötigen Selbstkritik genau einordnet, wird nur in einer Fußnote eingebracht, die 8 Seiten später völlig ohne Bezug zum eigentlichen Text “versteckt” ist.

Auch ich habe diese Verbindung erst nach mehrfachem Sichten “entdeckt”…

Dabei wird nicht vergessen, daß alle Daten dieser Untersuchung auf Befragungen zurückgehen und Meinung und Eindrücke wiedergeben. Besonders in der Erp – Studie (siehe Anm. 14) wird immer wieder auf die hohe Subjektivität solcher Meinungsurteile hingewiesen, die nicht mit objektiven Messungen verwechselt werden dürfen. (S. 52)

 

Weitere Erläuterungen dazu finden sich in der Beschreibung zur meiner Untersuchung im Emsland 1989

Auf alle Fälle war die Ausdeutung der GETAS – Befragung durch Prof. Dr. Stellmacher eine wichtige Triebfeder für die umfangreiche Befragung im Emsland.

Im nachfolgenden Untermenü finden sich kritische Stellungnahmen zu GETAS von

  • Dr. Wolfgang Lindow ( ehemaliger Geschäftsführer Institut für Niederdeutsche Sprache in Bremen
  • Dr. Utz Maas (em.Universität Osnabrück)
  • Dr. Hubertus Menke (em. Universität Kiel)
  • Außerdem wird dort ein schematischer Vergleich vorgestellt zwischen der GETAS Untersuchung und der Enquete im Emsland 1989 (Robben)
Dieter Stellmacher 

Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute, Leer 1987

Hermann Wallmann

Einfluß

Lange habe ich mich einen Emskopp geschimpft und war heimatlos. Ich bin im Emsland geboren, aber erst seit kurzem. Auf dem Gymnasium habe ich mich im­mer vor dem ersten Schultag gefürchtet. Damals began­nen die Schuljahre nach den Osterferien, und der Klas­senlehrer mußte die Familienverhältnisse ins Klassen­buch eintragen. Jedes Frühjahr hatte ich einen neuen Bruder oder eine neue Schwester anzugeben. Brüllen­des Gelächter, die einstürzende Brücke. Ich weiß noch, wie ich mich einmal geschämt habe, als meine Eltern mit meinem Zwillingsbruder und mir mit dem Zug von Lingen nach Rheine, wo mein Zwillingsbruder und ich das Gegenlicht der Welt entdeckt haben, zum Zoo ge­fahren sind, nach Bentlage. Neben uns, auf der anderen Seite des Ganges, saßen Leute, und meine Eltern spra­chen platt miteinander. Mit uns sprachen sie immer hochdeutsch.

Später hat mir dann Köln gefallen. Weil das eine Stadt und ein Strom war. Und noch später Passau, obwohl das dann drei Ströme waren. Und Paris, obwohl die Sei­ne kein Strom war und ich sie überhaupt nicht gesehen habe. Und dann wieder der Rhein, als ich ein Wochen­ende in Königswinter war; kann auch Rüdesheim gewesen sein. Eine wundermil­de Kollegin von mir war in Brasilien, Amazonas.

Ach ja: Mein Vater hat meinen Zwillingsbruder und meinen jüngeren Bruder und mich mal mit nach Bremen genommen: die Weser. Und einmal sind meine Frau und ich mit meinen plattdeutschen Schwiegereltern nach Hamburg gefahren: die Elbe. Genau, und als ich noch bei den Pionieren war, habe ich den Fährenführer-schein gemacht und auf der Donau, gegen die lehmige Strömung, Übersetzen geübt; Ingolstadt, Kloster Weltenburg, Donaudurchbruch.

Ich weiß noch, hinter dem Haus des ehemaligen Chefs meines Vaters machte der Dorfbach für unsere undichten Zigarrenkistenfrachter einen Umweg, mitten durch die Urwälder aus wildem Rhabarber. Weiter westlich floß die Aa, auf der mein Zwillingsbruder und ich einmal im April gekentert sind, beim Paddeln. Dann, noch weiter westlich, kam der Dortmund-Ems-Kanal. Wenn wir ihn entlanggingen, mußten wir am wasserabgewandten Außenrand des Leinpfades gehen; wir haben das auch dann getan, wenn meine Mutter nicht dabei war.

Noch weiter westlich kam die Ems mit ihren flachen Ufern. Wolkenfladen trieben auf dem Wasser, und wir konnten uns nicht vorstellen, wie tief es war. Noch wei­ter westlich, was wir aber nicht wußten, kam der Atlantik. An einer Stelle unserer Sonntagsspaziergänge stießen Ems, Kanal und Aa zusammen. (So ähnlich wie in Passau.) Und sie tun es heute noch.

Heute bin ich ein Emskopp. Es fällt mir leicht, das zuzugeben. Und ich kann darüb­er singen und sagen, daß meine Schulkameraden meine Eltern kinderreich gelacht haben. Wie lange habe ich die Ems verleugnet! Nicht aber die Weser, die Elbe, den Rhein, den Ganges – wie komm ich auf den Ganges? -, den Amazonas. (Ist der At­lantik überhaupt ein Strom? Oder nur der Golf?) Ich habe die Ems, wo sie mir ver­traut war, lange nicht mehr gesehen. Ich weiß, daß sie noch immer die flachen U­fer hat und den hohen milchblauen Himmel. An einigen Stellen ist das Wasser warm von den Kernkraftwerken, i immer mit ju Atom, hat meine Mutter immer gesagt, links und rechts schwären die Bleihütten und Wochenendhäuser; Laub­werk wie Tarnnetze.

Was ich an der Ems habe, habe ich woanders gelernt. Zum Beispiel in Köln. Der Fluß: die Schöne und das Biest: die Stadt. Die Weser, die Elbe, der Rhein, die Do­nau, der Ganges, der Amazonas, der Atlantik haben meine Ems, als wäre sie ein Herz, zum Überlaufen gebracht. Heute bin ich ein Emskopp, und das hat nichts mit dem Emsland zu tun. Nein, doch.

(Für unser Pappen)

 

 

Plattdeutschbefragung 1 im Landkreis Emsland 1989/90

Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen, die nur die passive Sprachkompetenz (das Verstehen) untersucht hatten, wurde hier erstmals auch das aktive Sprachvermögen durch ein komplexeres Verfahren in allen 4. Klassen sämtlicher Grundschulen des Landkreises Emsland untersucht.

Für jede Klasse wurde eine eigene Mappe angelegt: Hier die Grundschule Beesten, die Klassen- und Deutschlehrerin Frau Jansen unterrichtet 24 Kinder im 4 Schuljahr.

Auf den nachfolgenden Seiten soll dieser bisher einmalige Untersuchungsansatz, der wissenschaftlich einwandfrei erstmals sowohl die aktive als auch die passive Sprachkompetenz dokumentiert, vorgestellt werden.

Schriftliche Befragung der Grundschulen in den LK Emsland/Grafschaft Bentheim

Befragung der Grundschulen zum Stand des Plattdeutschen im Emsland und in der Grafschaft Bentheim im Jahre 2011

Die oben vorgestellte umfangreiche Untersuchung im Landkreis Emsland  hat seinerzeit auch mit dazu geführt, dass etliche Lehrpersonen auf Kreisebene in ihrer unterrichtfreien Zeit sich zusammengefunden haben, um im schulischen Bereich sich diesem Verfall der Sprachkompetenz im Plattdeutschen bei den Heranwachsenden entgegen zu stellen.

So wurde unter Leitung des damaligen emsländischen Regierungsschuldirektors Alfons Lögering ein sicher ansprechendes Lesebuch in Platt erstellt und mit finanzieller Unterstützung der Sparkassenstiftung allen Schulen im Landkreis Emsland zur Verfügung gestellt[1]. Die Grafschaft Bentheim war dabei leider noch nicht beteiligt.

1999 gründete sich ein Kreis von engagierten Pädagogen für das Projekt „Region im Unterricht“ unter dem Dach der „Emsländischen Landschaft für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim“, die sich der Aufgabe widmeten, nun auch noch ein plattdeutsches Liederbuch mit einer entsprechenden CD für alle Schulen des Raumes heraus zu bringen[2].

 

Jetzt waren auch Grafschafter Lehrpersonen und die Schulaufsichtsbeamten Udo Tiemann und Horst Mücke mit dabei. Diese neuen Unterrichtsmaterialien ermöglichten nun insbesondere den Musikpädagogen, die keine Plattdeutschkenntnisse hatten, diese „ansteckenden“ Lieder und Tänze in den Unterricht einzubauen. Erneut erhielten alle Schulen die neuen Lehrmaterialien kostenlos geliefert.

Was hat sich daraus in den letzten Jahren in den Schulen entwickelt? Dazu muss man wissen, dass sich die Verhältnisse in den Schulen insgesamt mit dem Jahr 2001 ziemlich veränderten. Der sogenannte „PISA-Schock“ überzog die deutsche Schullandschaft.

Daraufhin hatten offensichtlich etliche Unterrichtsinhalte beiseite zu stehen, die nicht dem Erwerb der international messbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten dienten. In Niedersachsen wurde die Schulinspektion geboren, die neben anderen Neuerungen die Arbeit vieler Kollegien in der Formulierung und Schaffung einheitlicher Standards gebunden hat. Für ein kreatives Schulleben, in dem auch die Region ihren Stellenwert hat, war nach dem Empfinden vieler Lehrpersonen häufig kein Platz mehr. So verschwand offensichtlich aus etlichen Lehrmittelzimmern der Klassensatz mit den plattdeutschen Lesebüchern, die zumindest im Landkreis Emsland jede Schule erhalten hatte. Wie soll man sonst verstehen, dass sogar das Liederbuch mit der CD in einigen Schulen nicht mehr vorhanden ist, obwohl die Sparkassenstiftung für eine kostenfreie Versorgung aller Schulen in der Emsländischen Landschaft gesorgt hatte?

Dieses ist ein Ergebnis der oben genannten Schulbefragung vom Februar 2011 in 31 Grundschulen der Grafschaft und in 42 Primarlehranstalten des Landkreises Emsland[3]. Dabei wurden im Landkreis Emsland insbesondere die Schulen ausgespart, die schon im Jahre 1989 kaum plattdeutsche Ansätze hatten, so etwa die 19 Grundschulen der Stadt Lingen. Dafür wurden aber alle Grundschulen im mittleren und nördlichen Landkreis angeschrieben.

In der Grundschule Leschede wurde die Praktikabilität der Umfrage geprobt: Die 15 Fragen an die Schulleitung und das jeweilige Kollegium konnten in fünf Minuten erledigt werden und belasteten den laufenden Unterrichtsbetrieb somit kaum. Für die Antwort war ein frankierter Rückumschlag beigelegt.

 

Die Auswertung

1. Als wichtigster Indikator für plattdeutsche Aktivitäten an einer Schule kann die Einrichtung einer plattdeutschen Arbeitsgemeinschaft (AG) gelten. Diese besteht zurzeit an 13 Schulen im Untersuchungsraum. In sechs Schulen wird diese AG nach Bedarf angeboten. In 39 Schulen existiert dieses Angebot nicht.

2. Das entspricht etwa genau der Zahl der Bildungseinrichtungen, an denen gar keine plattsprechenden Kinder mehr von den Lehrpersonen ausgemacht werden können (33 Schulen). Und hier liegt eindeutig das Kernproblem: 20 Grundschulen melden jeweils zwei bis fünf Kinder mit aktiven Plattdeutschkenntnissen. Nach dem sprachwissenschaftlichen Test von 1989 wären das vermutlich nicht einmal mehr ein Prozent der heutigen Grundschüler. Zur Erinnerung: Vor zwanzig Jahren waren es schon nur noch drei Prozent.

3. Und dann kann auch die Beantwortung der nächsten Frage kaum verwundern: „Holen Sie außerschulische Plattsprecher in den Unterricht?“ 50 Schulen nehmen diese Möglichkeit nicht in Anspruch, neun Grundschulen bedienen sich dieser Möglichkeit etwa in Zusammenarbeit mit dem  örtlichen Heimatverein.

4. Eine sicher wichtige Frage ist, ob Plattdeutsch an der jeweiligen Schule im Laufe der Grundschulzeit irgendwann ein festes Unterrichtsthema ist. Hier ist die Antwort aus beiden Landkreisen recht ernüchternd. Nur neun Schulen bejahen diese Frage (drei in der Grafschaft, sechs im Emsland), an 44 Schulen (25 Grafschaft, 19 Emsland) ist dies nicht der Fall.

5. Entgegengesetzt proportional zu den kaum vorhandenen Schülerkompetenzen im Plattdeutschen sieht es bei den Lehrpersonen in der Region aus: An 49 Schulen (24 Bentheimer Land, 25 Emsland) kann mindestens einer aus dem Kollegium Platt sprechen, verstehen können es mehrfach alle Lehrerinnen und Lehrer. Nur sieben Schulen müssen hier passen. Das war so nicht vermutet worden, nachdem es doch in etlichen Lehrerzimmern in den letzten Jahren einen fast kompletten Generationswandel gegeben hat.

6. Eine entscheidende Frage an die Pädagogen ist sicherlich auch, ob sie angesichts der vorgegebenen Themenvielfalt „Plattdeutsch“ im Unterricht von heute noch für sinnvoll bzw. notwendig halten. Davon war die Mehrheit von 47 Kollegien (20 Grafschaft, 17 Emsland) doch überzeugt.

7. Allerdings bezweifelt die überwiegende Mehrheit der Lehrpersonen (48 Schulen), dass der Elternwunsch zur Behandlung des Plattdeutschen in der Schule noch bei 68 Prozent – wie damals im Landkreis Emsland – liegt (19 Grafschaft, 19 Emsland).

8. Festzustellen ist, dass bis hierher bei den abgefragten Fakten und Einschätzungen in den Schulen die Grafschaft und der Landkreises Emsland sehr eng beieinander lagen.

9. Ein sicherlich erstaunlicher Unterschied zwischen den beiden benachbarten Landkreisen in der gleichen Kulturregion ist die Teilnahme am Wettbewerb „Schüler lesen Platt“, der landesweit von den Sparkassen angeboten wird. Während im Emsland 26 der angesprochenen Schulen sich regelmäßig daran beteiligen, sind es in der Grafschaft nur zwölf, obwohl in der Grafschaft 22 Kollegien diesen Wettbewerb immer noch für sinnvoll halten (Emsland auch 22 Schulen). Nur zwölf Schulen halten ihn für überholt (Grafschaft sechs, Emsland sechs) Dieser Wettbewerb ist für die Kinder durchaus attraktiv, weil schon die Klassengewinner mit großzügigen Geldpreisen belohnt werden. Allerdings dürfen die größtenteils durchaus gelungenen Schülervorträge bei dem Kreisentscheid von den Ausrichtern als Beweis für eine „heile Plattdeutschwelt“ bei den Heranwachsenden anschließend in der Presse nicht fehl gedeutet werden als Plattdeutschkompetenz, das ist in aller Regel nur angelesen. Diese und ähnliche Untersuchungen belegen das eindeutig.

10. Alle Schulen des Landkreises Emsland sind mit einem kostenlosen Klassensatz des zumindest damals ansprechenden Lesebuches „Platt lutt moij“ ausgestattet worden. Vier Schulen besitzen es gar nicht mehr und in 14 Kollegien wird es nicht mehr benutzt. Ähnlich ist es mit dem Liederbuch mit CD, das auch die Grafschafter Schulen erhalten haben: An 31 Lehranstalten ist sie noch vorhanden, an 26 nicht mehr da. Gebraucht wird beides öfters an 13, manchmal an 16 Schulen.

Eine Enklave zumindest im Bereich der Plattdeutschaktivitäten konnte bei der ansonsten anonymen Befragung ausgemacht werden: Die frühere Grund- und Hauptschule Veldhausen hat sich 2005 mit der Namensgebung „Carl-van-der Linde-Schule“ zu einem plattdeutschen Grafschafter Dichter und Schriftsteller (1861-1930) jüdischer Abstammung bekannt. Der Schulgemeinschaft ist dabei etwas Besonderes gelungen: ein Buchprojekt über ihren Namensgeber[4]. Theo Mönch-Tegeder schreibt voll des Lobes über das Werk: Man mag es beinahe nicht glauben, dass es eine Gemeinschaftsarbeit der Carl-van-der-Linde-Schule ist. Auch und gerade die Schülerinnen und Schüler, wohlgemerkt einer Grund- und Hauptschule, haben aktiv daran mitgearbeitet, indem sie in Veldhausen selbst und in den umliegenden Bibliotheken und Archiven viele unbekannte, bisher unveröffentlichte Arbeiten Carl van der Lindes aufgestöbert und interessantes Material über das facettenreiche Leben dieses plattdeutschen jüdischen Dichters in der Grafschaft Bentheim zusammengetragen haben. Jeden der abschätzig über die Qualität von Hauptschulen denkt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen und sich von der Begeisterungsfähigkeit und der hohen Leistung mitreißen lassen, welche die Schule mit diesem Buch dokumentiert. Man spürt, wie die ganze Gemeinschaft sich mit ihrem Namensgeber auseinandersetzt und ihn zum Gegenstand des Lernens, der Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbildung macht[5]. 

Schlussfolgerung aus der Untersuchung 2011

Obwohl in der Grafschaft offensichtlich noch ein etwas größeres Interesse am Kulturgut Plattdeutsch besteht (siehe Rücklaufquote) als in anderen Regionen[6], bestätigen obige Befragungsergebnisse die Erkenntnisse aus anderen niederdeutschen Sprachgebieten: Plattdeutsch ist bei den Heranwachsenden bis auf geringste Restkenntnisse nicht mehr vorhanden und auch die Opas und Omas werden ihre geliebte Muttersprache nicht mehr ausreichend an ihre Enkel weitergeben können. Ältere Schulpraktiker wissen: Plattdeutsch vermittelt man nicht mal ebenso mit sporadischen Arbeitsgemeinschaften.

Was kann man da noch machen?

Klar ist, dass die Lehrpersonen im heutigen Schulalltag mit der übrigen Unterrichtsfülle so ausgelastet sind, dass für dieses Thema kaum noch Platz ist, obwohl der noch gültige Plattdeutsch-Erlass dieses fordert. Auch sollte man völlig unsentimental folgende Erkenntnis des aus Schüttorf stammenden mittlerweile pensionierten Regierungsschuldirektors Alfred Möllers zu Kenntnis nehmen: Ich bin mir sicher, dass in den meisten Osnabrücker Kollegien gar nicht mehr bekannt ist, dass in ihrer Schule eine komplette Plattdeutsch-Bibliothek vorhanden ist, die ich in den 80iger Jahren mit den Lehrkräften erstellt habe.

Plattdeutsch im Unterricht von heute setzt Kontinuität und Beharrlichkeit voraus und konkurriert mit anderen Angeboten wie Sport, Erlernen eines Musikinstrumentes und steht natürlich auch im Wettstreit zu anderen Sprachen, mit denen die Heranwachsenden auf eine globalisierte Welt vorbereitet werden müssen.

Deshalb sollte sich die Erkenntnis durchsetzen den Kindern von heute – etwa einmal im Jahr – zu vermitteln: Plattdeutsch war über Jahrhunderte d i e Sprache in dieser Region auch über die holländische Grenze hinweg. Hier könnten die Heimatvereine die Schulen unterstützen etwa dadurch, dass sie sich ein plattdeutsches Repertoire zulegen in den Bereichen Tanzen, Singen, Lyrik, Sketch- und Textvortrag. Sie könnten damit in den Schulen einen „plattdeutschen Vormittag“ anbieten, der Schüler und Lehrer begeistert. Versierte pensionierte Lehrpersonen mit ausgezeichneten Plattdeutschkenntnissen und pädagogischem Geschick stehen sicherlich für die Beratung und Einweisung zur Hilfe bereit.

Wie wäre das: Großeltern mit ihren Enkeln gemeinsam beim „Danz up de Deel“ in der Turnhalle beim jährlichen schulischen Plattdeutschfest von zwei bis drei Schulstunden oder ganztätig im Rahmen eines „Plattdeutsch-Tages“ kurz vor den Sommerferien nach den Zeugniskonferenzen. So bliebe wenigstens in Erinnerung, was das Plattdeutsche einmal für die hiesige Region war.

[1] Platt lutt moij. Eein Lesebouk up Platt ut’t Emsland. Hrsg. vom Arbeitskreis beim Schulaufsichtsamt Emsland „Mester prootet Platt“. Redaktion: Karl Oldiges u.a., Meppen 1993 (weiterhin Platt lutt moj).

[2] Kinner singt un danzt. 30 plattdeutsche Kinderlieder aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim zum Musizieren und Mitsingen. Begleitheft zur gleichnamigen CD. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft, Sögel 1999.

[3] Der „Grafschafter“ berichtete bereits kurz über die beiden Untersuchungen und über das Grafschafter Abschneiden: Bernd Robben, Zum Stand des Plattdeutschen an Grafschafter Grundschulen. Arbeitsgruppe „Plattdeutsch-Befragung“ führte mit Universität Kiel Fragebogenaktion durch, in: Der Grafschafter Nr. 6 vom Juni 2011, Nordhorn, S. 23.

[4] Carl van der Linde, Löö und Tieden. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild. Hrsg. von Helga Vorrink/Siegfried Kessemeier, Veldhausen 2008 (weiterhin Vorrink/Kessemeier).

[5] Theo Mönch-Tegeder, Rezension: Carl van der Linde, Löö und Tieden, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 56/2010, Sögel 2009, 359-361, S. 360.

[6] In der monatlich erscheinenden Heimatbeilage der „Grafschafter Nachrichten“ (die am Jahresende gebunden erscheint) unter dem Namen „Der Grafschafter“ erscheinen daher regelmäßig nicht nur Beiträge auf Plattdeutsch, sondern auch häufig Artikel, die sich etwa mit der rechtlichen Situation des Plattdeutschen oder mit Forschungen zu dieser Sprache beschäftigen. Siehe dazu etwa im Jahrgang 2010: Nr. 1 vom Januar (3 Beiträge zum Thema Plattdeutsch, Nr. 3 vom März (1 Beitrag), Nr. 6 vom Juni (1 Beitrag), Nur. 7 vom Juli (1 Beitrag), Nr. 8 vom August (1 Beitrag), Nr. 10 vom Oktober (1 Beitrag), Nr. 11 vom November (1 Beitrag), Nr. 12 vom Dezember (2 Beiträge). So veranstaltete er der Landkreis Grafschaft Bentheim im September 2010 eine Tagung mit rund 40 Grundschullehrer/innen, die sich bei einer ostfriesischen Expertin für den plattdeutschen Unterricht über Methoden des bilingualen Unterrichts informierten (Platt-AG erstellt Unterrichtsmaterialien für Grundschulen – Grete Saathoff informierte über Methoden mehrsprachigen Unterrichts, in: Der Grafschafter Nr. 11 vom November 2010, S. 42).

Teil der Anschreiben an die Grundschulen