Schriftliche Befragung der Grundschulen in den LK Emsland/Grafschaft Bentheim

Befragung der Grundschulen zum Stand des Plattdeutschen im Emsland und in der Grafschaft Bentheim im Jahre 2011

Die oben vorgestellte umfangreiche Untersuchung im Landkreis Emsland  hat seinerzeit auch mit dazu geführt, dass etliche Lehrpersonen auf Kreisebene in ihrer unterrichtfreien Zeit sich zusammengefunden haben, um im schulischen Bereich sich diesem Verfall der Sprachkompetenz im Plattdeutschen bei den Heranwachsenden entgegen zu stellen.

So wurde unter Leitung des damaligen emsländischen Regierungsschuldirektors Alfons Lögering ein sicher ansprechendes Lesebuch in Platt erstellt und mit finanzieller Unterstützung der Sparkassenstiftung allen Schulen im Landkreis Emsland zur Verfügung gestellt[1]. Die Grafschaft Bentheim war dabei leider noch nicht beteiligt.

1999 gründete sich ein Kreis von engagierten Pädagogen für das Projekt „Region im Unterricht“ unter dem Dach der „Emsländischen Landschaft für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim“, die sich der Aufgabe widmeten, nun auch noch ein plattdeutsches Liederbuch mit einer entsprechenden CD für alle Schulen des Raumes heraus zu bringen[2].

 

Jetzt waren auch Grafschafter Lehrpersonen und die Schulaufsichtsbeamten Udo Tiemann und Horst Mücke mit dabei. Diese neuen Unterrichtsmaterialien ermöglichten nun insbesondere den Musikpädagogen, die keine Plattdeutschkenntnisse hatten, diese „ansteckenden“ Lieder und Tänze in den Unterricht einzubauen. Erneut erhielten alle Schulen die neuen Lehrmaterialien kostenlos geliefert.

Was hat sich daraus in den letzten Jahren in den Schulen entwickelt? Dazu muss man wissen, dass sich die Verhältnisse in den Schulen insgesamt mit dem Jahr 2001 ziemlich veränderten. Der sogenannte „PISA-Schock“ überzog die deutsche Schullandschaft.

Daraufhin hatten offensichtlich etliche Unterrichtsinhalte beiseite zu stehen, die nicht dem Erwerb der international messbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten dienten. In Niedersachsen wurde die Schulinspektion geboren, die neben anderen Neuerungen die Arbeit vieler Kollegien in der Formulierung und Schaffung einheitlicher Standards gebunden hat. Für ein kreatives Schulleben, in dem auch die Region ihren Stellenwert hat, war nach dem Empfinden vieler Lehrpersonen häufig kein Platz mehr. So verschwand offensichtlich aus etlichen Lehrmittelzimmern der Klassensatz mit den plattdeutschen Lesebüchern, die zumindest im Landkreis Emsland jede Schule erhalten hatte. Wie soll man sonst verstehen, dass sogar das Liederbuch mit der CD in einigen Schulen nicht mehr vorhanden ist, obwohl die Sparkassenstiftung für eine kostenfreie Versorgung aller Schulen in der Emsländischen Landschaft gesorgt hatte?

Dieses ist ein Ergebnis der oben genannten Schulbefragung vom Februar 2011 in 31 Grundschulen der Grafschaft und in 42 Primarlehranstalten des Landkreises Emsland[3]. Dabei wurden im Landkreis Emsland insbesondere die Schulen ausgespart, die schon im Jahre 1989 kaum plattdeutsche Ansätze hatten, so etwa die 19 Grundschulen der Stadt Lingen. Dafür wurden aber alle Grundschulen im mittleren und nördlichen Landkreis angeschrieben.

In der Grundschule Leschede wurde die Praktikabilität der Umfrage geprobt: Die 15 Fragen an die Schulleitung und das jeweilige Kollegium konnten in fünf Minuten erledigt werden und belasteten den laufenden Unterrichtsbetrieb somit kaum. Für die Antwort war ein frankierter Rückumschlag beigelegt.

 

Die Auswertung

1. Als wichtigster Indikator für plattdeutsche Aktivitäten an einer Schule kann die Einrichtung einer plattdeutschen Arbeitsgemeinschaft (AG) gelten. Diese besteht zurzeit an 13 Schulen im Untersuchungsraum. In sechs Schulen wird diese AG nach Bedarf angeboten. In 39 Schulen existiert dieses Angebot nicht.

2. Das entspricht etwa genau der Zahl der Bildungseinrichtungen, an denen gar keine plattsprechenden Kinder mehr von den Lehrpersonen ausgemacht werden können (33 Schulen). Und hier liegt eindeutig das Kernproblem: 20 Grundschulen melden jeweils zwei bis fünf Kinder mit aktiven Plattdeutschkenntnissen. Nach dem sprachwissenschaftlichen Test von 1989 wären das vermutlich nicht einmal mehr ein Prozent der heutigen Grundschüler. Zur Erinnerung: Vor zwanzig Jahren waren es schon nur noch drei Prozent.

3. Und dann kann auch die Beantwortung der nächsten Frage kaum verwundern: „Holen Sie außerschulische Plattsprecher in den Unterricht?“ 50 Schulen nehmen diese Möglichkeit nicht in Anspruch, neun Grundschulen bedienen sich dieser Möglichkeit etwa in Zusammenarbeit mit dem  örtlichen Heimatverein.

4. Eine sicher wichtige Frage ist, ob Plattdeutsch an der jeweiligen Schule im Laufe der Grundschulzeit irgendwann ein festes Unterrichtsthema ist. Hier ist die Antwort aus beiden Landkreisen recht ernüchternd. Nur neun Schulen bejahen diese Frage (drei in der Grafschaft, sechs im Emsland), an 44 Schulen (25 Grafschaft, 19 Emsland) ist dies nicht der Fall.

5. Entgegengesetzt proportional zu den kaum vorhandenen Schülerkompetenzen im Plattdeutschen sieht es bei den Lehrpersonen in der Region aus: An 49 Schulen (24 Bentheimer Land, 25 Emsland) kann mindestens einer aus dem Kollegium Platt sprechen, verstehen können es mehrfach alle Lehrerinnen und Lehrer. Nur sieben Schulen müssen hier passen. Das war so nicht vermutet worden, nachdem es doch in etlichen Lehrerzimmern in den letzten Jahren einen fast kompletten Generationswandel gegeben hat.

6. Eine entscheidende Frage an die Pädagogen ist sicherlich auch, ob sie angesichts der vorgegebenen Themenvielfalt „Plattdeutsch“ im Unterricht von heute noch für sinnvoll bzw. notwendig halten. Davon war die Mehrheit von 47 Kollegien (20 Grafschaft, 17 Emsland) doch überzeugt.

7. Allerdings bezweifelt die überwiegende Mehrheit der Lehrpersonen (48 Schulen), dass der Elternwunsch zur Behandlung des Plattdeutschen in der Schule noch bei 68 Prozent – wie damals im Landkreis Emsland – liegt (19 Grafschaft, 19 Emsland).

8. Festzustellen ist, dass bis hierher bei den abgefragten Fakten und Einschätzungen in den Schulen die Grafschaft und der Landkreises Emsland sehr eng beieinander lagen.

9. Ein sicherlich erstaunlicher Unterschied zwischen den beiden benachbarten Landkreisen in der gleichen Kulturregion ist die Teilnahme am Wettbewerb „Schüler lesen Platt“, der landesweit von den Sparkassen angeboten wird. Während im Emsland 26 der angesprochenen Schulen sich regelmäßig daran beteiligen, sind es in der Grafschaft nur zwölf, obwohl in der Grafschaft 22 Kollegien diesen Wettbewerb immer noch für sinnvoll halten (Emsland auch 22 Schulen). Nur zwölf Schulen halten ihn für überholt (Grafschaft sechs, Emsland sechs) Dieser Wettbewerb ist für die Kinder durchaus attraktiv, weil schon die Klassengewinner mit großzügigen Geldpreisen belohnt werden. Allerdings dürfen die größtenteils durchaus gelungenen Schülervorträge bei dem Kreisentscheid von den Ausrichtern als Beweis für eine „heile Plattdeutschwelt“ bei den Heranwachsenden anschließend in der Presse nicht fehl gedeutet werden als Plattdeutschkompetenz, das ist in aller Regel nur angelesen. Diese und ähnliche Untersuchungen belegen das eindeutig.

10. Alle Schulen des Landkreises Emsland sind mit einem kostenlosen Klassensatz des zumindest damals ansprechenden Lesebuches „Platt lutt moij“ ausgestattet worden. Vier Schulen besitzen es gar nicht mehr und in 14 Kollegien wird es nicht mehr benutzt. Ähnlich ist es mit dem Liederbuch mit CD, das auch die Grafschafter Schulen erhalten haben: An 31 Lehranstalten ist sie noch vorhanden, an 26 nicht mehr da. Gebraucht wird beides öfters an 13, manchmal an 16 Schulen.

Eine Enklave zumindest im Bereich der Plattdeutschaktivitäten konnte bei der ansonsten anonymen Befragung ausgemacht werden: Die frühere Grund- und Hauptschule Veldhausen hat sich 2005 mit der Namensgebung „Carl-van-der Linde-Schule“ zu einem plattdeutschen Grafschafter Dichter und Schriftsteller (1861-1930) jüdischer Abstammung bekannt. Der Schulgemeinschaft ist dabei etwas Besonderes gelungen: ein Buchprojekt über ihren Namensgeber[4]. Theo Mönch-Tegeder schreibt voll des Lobes über das Werk: Man mag es beinahe nicht glauben, dass es eine Gemeinschaftsarbeit der Carl-van-der-Linde-Schule ist. Auch und gerade die Schülerinnen und Schüler, wohlgemerkt einer Grund- und Hauptschule, haben aktiv daran mitgearbeitet, indem sie in Veldhausen selbst und in den umliegenden Bibliotheken und Archiven viele unbekannte, bisher unveröffentlichte Arbeiten Carl van der Lindes aufgestöbert und interessantes Material über das facettenreiche Leben dieses plattdeutschen jüdischen Dichters in der Grafschaft Bentheim zusammengetragen haben. Jeden der abschätzig über die Qualität von Hauptschulen denkt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen und sich von der Begeisterungsfähigkeit und der hohen Leistung mitreißen lassen, welche die Schule mit diesem Buch dokumentiert. Man spürt, wie die ganze Gemeinschaft sich mit ihrem Namensgeber auseinandersetzt und ihn zum Gegenstand des Lernens, der Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbildung macht[5]. 

Schlussfolgerung aus der Untersuchung 2011

Obwohl in der Grafschaft offensichtlich noch ein etwas größeres Interesse am Kulturgut Plattdeutsch besteht (siehe Rücklaufquote) als in anderen Regionen[6], bestätigen obige Befragungsergebnisse die Erkenntnisse aus anderen niederdeutschen Sprachgebieten: Plattdeutsch ist bei den Heranwachsenden bis auf geringste Restkenntnisse nicht mehr vorhanden und auch die Opas und Omas werden ihre geliebte Muttersprache nicht mehr ausreichend an ihre Enkel weitergeben können. Ältere Schulpraktiker wissen: Plattdeutsch vermittelt man nicht mal ebenso mit sporadischen Arbeitsgemeinschaften.

Was kann man da noch machen?

Klar ist, dass die Lehrpersonen im heutigen Schulalltag mit der übrigen Unterrichtsfülle so ausgelastet sind, dass für dieses Thema kaum noch Platz ist, obwohl der noch gültige Plattdeutsch-Erlass dieses fordert. Auch sollte man völlig unsentimental folgende Erkenntnis des aus Schüttorf stammenden mittlerweile pensionierten Regierungsschuldirektors Alfred Möllers zu Kenntnis nehmen: Ich bin mir sicher, dass in den meisten Osnabrücker Kollegien gar nicht mehr bekannt ist, dass in ihrer Schule eine komplette Plattdeutsch-Bibliothek vorhanden ist, die ich in den 80iger Jahren mit den Lehrkräften erstellt habe.

Plattdeutsch im Unterricht von heute setzt Kontinuität und Beharrlichkeit voraus und konkurriert mit anderen Angeboten wie Sport, Erlernen eines Musikinstrumentes und steht natürlich auch im Wettstreit zu anderen Sprachen, mit denen die Heranwachsenden auf eine globalisierte Welt vorbereitet werden müssen.

Deshalb sollte sich die Erkenntnis durchsetzen den Kindern von heute – etwa einmal im Jahr – zu vermitteln: Plattdeutsch war über Jahrhunderte d i e Sprache in dieser Region auch über die holländische Grenze hinweg. Hier könnten die Heimatvereine die Schulen unterstützen etwa dadurch, dass sie sich ein plattdeutsches Repertoire zulegen in den Bereichen Tanzen, Singen, Lyrik, Sketch- und Textvortrag. Sie könnten damit in den Schulen einen „plattdeutschen Vormittag“ anbieten, der Schüler und Lehrer begeistert. Versierte pensionierte Lehrpersonen mit ausgezeichneten Plattdeutschkenntnissen und pädagogischem Geschick stehen sicherlich für die Beratung und Einweisung zur Hilfe bereit.

Wie wäre das: Großeltern mit ihren Enkeln gemeinsam beim „Danz up de Deel“ in der Turnhalle beim jährlichen schulischen Plattdeutschfest von zwei bis drei Schulstunden oder ganztätig im Rahmen eines „Plattdeutsch-Tages“ kurz vor den Sommerferien nach den Zeugniskonferenzen. So bliebe wenigstens in Erinnerung, was das Plattdeutsche einmal für die hiesige Region war.

[1] Platt lutt moij. Eein Lesebouk up Platt ut’t Emsland. Hrsg. vom Arbeitskreis beim Schulaufsichtsamt Emsland „Mester prootet Platt“. Redaktion: Karl Oldiges u.a., Meppen 1993 (weiterhin Platt lutt moj).

[2] Kinner singt un danzt. 30 plattdeutsche Kinderlieder aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim zum Musizieren und Mitsingen. Begleitheft zur gleichnamigen CD. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft, Sögel 1999.

[3] Der „Grafschafter“ berichtete bereits kurz über die beiden Untersuchungen und über das Grafschafter Abschneiden: Bernd Robben, Zum Stand des Plattdeutschen an Grafschafter Grundschulen. Arbeitsgruppe „Plattdeutsch-Befragung“ führte mit Universität Kiel Fragebogenaktion durch, in: Der Grafschafter Nr. 6 vom Juni 2011, Nordhorn, S. 23.

[4] Carl van der Linde, Löö und Tieden. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild. Hrsg. von Helga Vorrink/Siegfried Kessemeier, Veldhausen 2008 (weiterhin Vorrink/Kessemeier).

[5] Theo Mönch-Tegeder, Rezension: Carl van der Linde, Löö und Tieden, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 56/2010, Sögel 2009, 359-361, S. 360.

[6] In der monatlich erscheinenden Heimatbeilage der „Grafschafter Nachrichten“ (die am Jahresende gebunden erscheint) unter dem Namen „Der Grafschafter“ erscheinen daher regelmäßig nicht nur Beiträge auf Plattdeutsch, sondern auch häufig Artikel, die sich etwa mit der rechtlichen Situation des Plattdeutschen oder mit Forschungen zu dieser Sprache beschäftigen. Siehe dazu etwa im Jahrgang 2010: Nr. 1 vom Januar (3 Beiträge zum Thema Plattdeutsch, Nr. 3 vom März (1 Beitrag), Nr. 6 vom Juni (1 Beitrag), Nur. 7 vom Juli (1 Beitrag), Nr. 8 vom August (1 Beitrag), Nr. 10 vom Oktober (1 Beitrag), Nr. 11 vom November (1 Beitrag), Nr. 12 vom Dezember (2 Beiträge). So veranstaltete er der Landkreis Grafschaft Bentheim im September 2010 eine Tagung mit rund 40 Grundschullehrer/innen, die sich bei einer ostfriesischen Expertin für den plattdeutschen Unterricht über Methoden des bilingualen Unterrichts informierten (Platt-AG erstellt Unterrichtsmaterialien für Grundschulen – Grete Saathoff informierte über Methoden mehrsprachigen Unterrichts, in: Der Grafschafter Nr. 11 vom November 2010, S. 42).

Teil der Anschreiben an die Grundschulen

 

 

… der Literatur

Die speziell niederdeutsche Literatur ist hier in einem Untermenü angesprochen. Diese ist in den einzelnen Regionen durch viele Autoren/innen vertreten und kann  nur in Ansätzen  in dieser Website aufgeführt sein.

Hier ist die Frage aufgeworfen, welchen Stellenwert die niederdeutsche Sprache in der  hochdeutschen Literatur hat an Beispielen:

  • Thomas Mann
  • Theodor Storm
  • und anderen

Der Niederländer Hennie Engelbertink

 

Beiderseits der Grenze eine Sprache

Als Ausländer – vom deutschen Standpunkt aus gese­hen – bin ich froh, daß auch ich als Autor für dieses Buch angesprochen wurde. Allerdings fühle ich mich in dieser Angelegenheit gar nicht als Ausländer, denn ich spreche die gleiche Sprache, ich gehöre zum gleichen Sprachgebiet: Der Nordosten der Niederlande und der Norden Deutschlands haben im Platt keine Verständi­gungsprobleme.

Ich bin geboren auf einem Bauernhof in Rossum in der Torenter Gegend. Auf dem Lande war es selbstverständlich, daß die Eltern platt mit ihren Kindern sprachen. In den Schulmeisterfamilien wurde allerdings schon niederländisch geredet, denn Terwey hatte 1885 in seiner Grammatik für zukünftige Lehrer geschrieben: „Die Sprache, die von gebildeten Landsleuten gesprochen und geschrieben wird, ist Niederländisch. Die Sprache der ungebildeten Niederländer ist Mundart.” Als Fünf­jähriger kam ich in den Kindergarten und hatte damit die erste Berührung mit dem Niederländischen. Natürlich machte das Schwierigkeiten. In der Schule erlernte ich dann den klaren Unterschied zwischen Niederländisch und Twents.

Als viele Eltern meinten, in dieser Zeit auch niederländisch mit ihren Kindern spre­chen zu müssen, kam dieser klare Unterschied nicht zustande. Was man da hören mußte, war kein Niederländisch und kein Platt, es ging alles durcheinander. Das Ergebnis war, der Dialekt schwindet und das Niederländische wird schlechter.

Als ich 1970 meine Frau heiratete, haben wir überlegt, welche Sprache wir mit un­seren Kindern sprechen sollten. Wir haben uns für Twents entschieden. Mit wel­chen Auswirkungen? Meine Tochter (heute 25) hatte Freundinnen, die schlecht niederländisch sprachen. Ihre Hochsprache leidet noch heute darunter. Sie hat bei ihren Altersgenossinnen Unmut erzeugt, wenn sie das richtige Niederländisch, wie sie es zu Hause und in der Schule erlernt hatte, anwandte. Unser Sohn (22) ist ganz anders, er hat in seiner Freizeit immer twents gesprochen. Die tägliche Wirk­lichkeit zeigt uns, daß Jungen eher platt sprechen als Mädchen.

Meine Frau und ich hatten mit unserer Entscheidung für den Dialekt auch eine bessere Verständigung unserer Kinder im niederländisch-deutschen Grenzraum erwartet. Leider habe ich damit schlechte Erfahrungen gemacht: Als wir einmal auf dem Isterberg waren, sprach mein Sohn einen deutschen Jungen auf Platt an, der konnte jedoch nur hochdeutsch.

Als ich etwa 20 war, wollte ich in Nordhorn auf Hochdeutsch einen Weg erfragen. Der Gefragte antwortete: „Doo mer röstig Platt”. Für mich bedeutete es, als wäre ich in meinem eigenen Land. Deshalb bin ich auch als Niederländer viel in Deutschland, ich würde sogar sagen, daß Deutschland mein zweites Land ist, fast so wie die Niederlande.

Als ich im Lehrerstudium war, bekamen wir die Möglichkeit, die Altendorfer Schule in Nordhorn zu visitieren. Meine besondere Vorliebe galt schon damals dem Fach Heimatkunde. Allerdings war ich in Nordhorn enttäuscht, was die Un­terrichtsinhalte dieses Faches anging. Insbesondere fehlten mir die Behandlung und der Umgang mit dem Dialekt. Ich habe den Kindern an folgendem Tafelsche­ma aufgezeigt, wie verwandt die Regionalsprachen diesseits und jenseits der Gren­zen sind:

Deutsch                 Nordhorns             Rossums                Niederländisch

Maulwurf               Vroot                     Vroot                     mol

Grünkohl               Moos                      Moos                     boerenkool

Raupe                     Rup                        Rup                        rups

Hose                      Boks                      Boks                         broek

manchmal             mangs                    mangs                 soms

Holzbündel           Busche                   Busche                   takkenbos

Gewitter                Grommelschur       Grommelschur       onweer

Iltis                         ülk                         ülk                         bunzing

rauchen                 roakn                     roakn                     roken

Nach meinem Diplom habe ich mich ab 1967 auch der Ahnenkunde zugewandt. Dabei stieß ich auf Namensverwandte auch auf deutscher Seite, wie zum Beispiel im Münsterland, im Artland (Groß Mimmelage), in Suddendorf und Haftenkamp in der Grafschaft. Es ließen sich gemeinsame Vorfahren nachweisen. Ich kam mit diesen Namensvettern in Kontakt, überall konnte ich in der gleichen Sprache mit ihnen sprechen. Das war eine sehr positive Erfahrung: überall dieselbe Mentalität, ruhige, zuverlässige, nette und freundliche Menschen.

Nachdem ich viele Unterlagen gesammelt hatte, haben wir am 7. November 1995 ein Namenstreffen gemacht, an dem Tag, als der Erzbischof Engelbert von Köln in früherer Zeit ermordet wurde. Zu diesem Anlaß habe ich das Buch „Kroniek Engelbertink” vorgestellt. Da ich ein Buch für Deutsche und Niederländer schreiben wollte, habe ich twents Platt gewählt.

Mir ist klar, daß der Dialekt eine Sprechsprache ist, aber ich finde, daß man eine Mundart auch auf eine höhere Ebene bringen kann durch das Schreiben, die Ver­wendung in der Schule und im Radio (geschieht in Friesland und anderen Gegen­den). Allerdings fehlt es bei uns völlig im Fernsehen, und wir sind eifersüchtig auf “Talk up Platt” auf deutscher Seite.

Die Mundart hat meinen Beruf bestimmt. Als ich etwa 11 Jahre alt war, las ein Lehrer aus einem Buch über Sagen und Legenden manchmal Twents vor. Davon War ich jeweils so begeistert, daß ich das später ebenfalls als Lehrer übernommen labe. Unser Grundschulunterrichtsgesetz läßt den Gebrauch der Mundart zu, deshalb habe ich es auch regelmäßig – auch wenn mein Schuldirektor heftig dagegen war – etwa jede Woche eine halbe Unterrichtsstunde praktiziert.

Insgesamt bin ich pessimistisch und denke, daß unser Säksisch (Platt) verlorengeht.

‘Fazit: In Deutschland propagiert man, niederländisch zu sprechen, und in den Niederlanden macht man Werbung für die deutsche Sprache. Wäre es nicht besser, unsere gemeinsame säksische Muttersprache zu fördern?

Prof. Dr. Utz Maas (Uni Osnabrück) zu GETAS und mehr

Der Sprachwissenschaftler Professor Dr. Utz Maas stellt auf einer Fachtagung in Herford in Zusammenarbeit mit den Fachkollegen Prof. Dr. Ludger Kremer (Antwerpen), Prof. Dr. Niebaum (Groningen) und Prof. Dr. Hans Taubken (Münster) fest (s. u.) :

Von dieser Untersuchung sind wichtige Differenzierungen gegenüber den allzu undifferenzierten Ergebnissen der GETAS Befragung zu erwarten.

Hier tritt also ein Schulpraktiker gegen einen Hochschullehrer an und dessen Kollegen stellen fest:

Alle waren sehr angetan von Ihrem Vorhaben und den Vorarbeiten. Im Rahmen des Machbaren (jedenfalls bei den institutionalen Rahmenbedingungen, unter denen Sie die Untersuchung durchführen wollen) handelt es sich sicherlich um ein Optimum.

Foto des Logo: Archiv Robben

Vergleich der Kosten GETAS – Untersuchung Emsland

Während die GETAS – Befragung unter Prof. Dr. Stellmacher (Universität Göttingen)  ca. 330.000 DM kostete, fielen bei der Untersuchung im Emsland lediglich etwa 6.000 DM an Kosten an, weil keine Personalkosten zu zahlen waren…

Dr. Stellmacher erklärt:

Eine großangelegte und repräsentativ ausgerichtete Untersuchung zur Lage des Niederdeutschen heute, bei der die Datensammlung in Zusammenarbeit mit der GETAS professionell erfolgen sollte, ist nicht billig. Für die finanzielle Absicherung traten die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit einem Beitrag von 224 000,- ein und die Bremer Wolfgang –  Ritter –  Stiftung, die die Restfinanzierung besorgte (20 000,-). Nicht zu vergessen sind die vom Institut für niederdeutsche Sprache übernommene Kosten für die Voruntersuchung und die Hochschullehrergespräche. (Seite 11/12)

Brief von Prof. Dr. Menke an Herrn Göken (Lk Emsland)

Sehr geehrter Herr Göken,

auf Ihre Rückfrage hin darf ich Ihnen antworten, daß von unserer Seite durch meinen Mitarbeiter, Herrn Frerk Möller, folgende Arbeiten durchgeführt werden:

  1. Erarbeitung der Kodieranweisung,
  2. Einweisung eines Mitarbeiters (beim Landkreis) in die Datenspeicherung,
  3. rechnerische Auswertung des in den Computer eingegebenen Datenmaterials (mit Fehlerbereinigung) = Strukturierung.

Die Kodierung der Fragebögen selbst (nach der Kodieranweisung)

und die Dateneingabe sollte durch einen Ihrer Mitarbeiter erfolgen.

Uns müßte dann nur die fertige Diskette zugeleitet werden.

Herr Möller, der Ihnen den genauen Arbeitsablauf alsbald selbst noch einmal mitteilen wird, erbittet für seine Arbeitsleistung einen Betrag in Höhe von DM 3.500,00 (dreitausendfünfhundert), Dieser Betrag entspricht den Unkosten, die seinerzeit von mir für eine vergleichbare Arbeit (flächendeckende Mikrozensus-Erhebung im nordfriesischen Regiolektraum) ausgezahlt wurden (Werkvertrag).

So hoffe ich, daß die Untersuchung alsbald fortgesetzt werden kann und bin mit freundlichen Grüßen

gez. Prof. Dr. H. Menke

Prof. Dr. H. Menke (Uni Kiel) zu GETAS

Auch Prof. Dr. Hubertus Menke, derzeitiger Lehrstuhlinhaber “Niederdeutsch” an der Universität Kiel, kritisiert die fachspezifische Aussagequalität der GETAS Umfrage deutlich:

Zur Sprachkompetenz des Erhebungsgebietes kann daher ohne Zweifel Konkretes ausgesagt werden, auf jeden Fall mehr als durch die Einschätzungserhebung der Ihnen womöglich bekannten GETAS-Untersuchung.

Noch einmal im Kontext zu der Beurteilung der Entwurfs der “Emsland – Untersuchung” (Robben):

Diese Hilfestellung fällt mir umso leichter, als das von Herrn Robben durchgeführte Erhebungsverfahren mir statistisch einwand­frei erscheint und sicher zu beurteilende bzw. zu kontrollierende Testführungen enthält. Zur Sprachkompetenz des Erhebungsgebietes kann daher ohne Zweifel Konkretes ausgesagt werden, auf jeden Fall mehr als durch die Einschätzungserhebung der Ihnen womöglich bekannten GETAS-Untersuchung. Ebenso scheint mir die Auswahl der Probanden-Gruppe signifikant für prognostizierende Schlüsse zu sein. Ich bin daher selbst auf die Ergebnisse gespannt.

Foto:https://de.wikipedia.org/wiki/Christian-Albrechts-Universit%C3%A4t_zu_Kiel#/media/File:Olshausenstrasse_Kiel_Zugang_Uni.jpg

Der Schmied zu Astrup

Hochdeutsche Fassung des Textes

Nicht weit von Diekens Hof wohnte der Schmied zu Astrup. Der war auf das Erdengut mehr bedacht als auf das Flimmlische. Trotz (obwohl) er genug hatte, wollte er immer noch mehr haben.

Es war ein Tag vor Weihnachten, als er einen neuen Wagen beschlug (eiserne Beschläge an einem neuen Wagen anbrachte). Aber wenn (obwohl, obschon) er noch so fleißig war, er konnte (es) nicht schaffen. Er dachte: “Nun kommen drei Feiertage nach der Reihe, wo (an denen) du nichts verdienen kannst, der Wagen soll fertig werden.”

Früh am Morgen, am ersten Weihnachtstag, als die anderen Leute noch schliefen, stand der Schmied mit seinen beiden Gesellen schon am Amboß. Als die ersten Nachbarn auf dein Weg zur 1. Messe am 1. Weihnachtstage (Kerzenandacht) waren, ging es in der Schmiede allemal (so zu): Drei Groschen der Nagel – drei Groschen der Nagel.

Da kam wieder ein Trupp Leute vorbei und sang Weihnachtslieder.

“Die wollen wir einmal erschrecken” sagte der Schmied, griff den Ham­mer, schmiß (schlug) ihn auf dein Amboß, spuckte darauf und hielt das glühende Eisenstück da hinein.

Hoch zog er den Hammer und mit aller Macht ließ er ihn auf dem Amboß fallen, daß (damit) es fürchterlich knallen sollte.

Es knallte auch mächtig, aber mit dem Schlag versank die Schmiede mitsamt dem Schmied und seinen Gesellen in der Erde. Da (so nämlich) kriegten (bekamen) sie von dem Teufel ihren Lohn.

Das Loch aber, wo die Schmiede gestanden hat, ist noch zu sehen, bei Diekens Hof in Astrup bei Schledehausen,

 

Seite 16

Unterrichtshilfen

Hier sollen verschiedene Ansätze geboten werden für den Unterricht und die Betreuungsstunden in der Schule. Diese können in verschiedener Form methodisch und didaktisch weiter entwickelt werden. Teilweise gibt es dazu auch Hörproben….

Zur Generalversammlung der KFD Hagen a.T.W. (18)

Vor 50 Jahren , an einem Sonntag, läuteten die Glocken zur Andacht vom alten Turm.

Zur gleichen Zeit klingelte es bei uns Sturm!

„Oh Mutter“; sag ich. „Was ist geschehen?“

„Ich bleib bei den Kindern, Du kannst noch zur Kirche gehen!

 

Heute ist Neuaufnahme vom Mütterverein.

Es wäre doch schön für Dich, dabei zu sein!“

Die Turmuhr schlug drei, die Orgel brauste los.

Ich huschte als Letzte in die Kirche und war noch etwas fassungslos.

 

Doch dann kam der gesetzte Herr Pastor Schnäwel

und begrüßte uns in der Predigt mit Freudentränen.

„Meine lieben Frauen und Mütter, ich muss Euch sagen:

Ihr seid das Leitwerk, das Bollwerk von Hagen!“

Mit einem Mutter-Anna-Bildchen und geschwellter Brust

kehrte ich zu meiner Familie zurück.

 

Es blieb eine Weile ruhig in unserem Verein.

Die Zeit ging dahin, was sollte schon sein?

Außer Kaffeetrinken und Ausflug einmal im Jahr,

nichts Besonderes bei uns geschah.

 

Doch dann stieg aus der nächsten Wahl

Frau Änne Rhotert aufs Portal.

Sie nahm das Amt fest in ihre Hände.

Von nun an gab es eine Wende!

 

Sie machte nicht alles allein: mitnichten!

Es wurden verteilt auf viele Frauen viele Pflichten!

Ihr Erbe gab sie nach Jahren dann

zu treuen Händen an tüchtige Frauen weiter.

Euch allen vielen Dank!

 

Heute gibt es einen Frühlings-, pardon Führungskreis,

wo jede um ihre Aufgaben weiß.

Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg und Glück,

denkt an die Worte von Pastor Schnäwel zurück!

Er würde heute zu Euch sagen:

„Ihr seid nun das Bollwerk von Hagen!“

 

 

Hagen a.T.W., 14. Februar 2007

Martha Herkenhoff geb. Koch

10 Jahre Singekreis des Heimatvereins (17)

 

 

 

  1. Et was eenmol in Maien,

datt was vö 10 Joahr,

dau mende partout de Heimatverein

to gründen eenen Chor.

Herr Kampe un auk Rektor Herkenhoff de löiten keine Ruh.

Ne Dirigentin, de hann se noa nich, de find sick woll irgendwo.

 

  1. Nu keimen eest moll 15 Mann,

de föngen ganz zaghaft an:

„Der Mai ist gekommen“, „Der Mond geht so still“,

„Am Bach die Veilchen blühen!“

Van Dage singe wie machet Läid,

un stellt us auk öffentlich doar.

Saugar mit de Sänger ut Sudenfeld,

singe wie schon gemischt mit im Chor.

 

  1. Un use Anni, genannt Felicitas,

datt helpet immer noa ut.

Sau lange wie et sick noa räigen kann,

kümp et doa nich mä herrut.

Wie olle segget een Dankeschön

un wünschket em usen Elan.

Dann kürn wie bestimmt singen in 10 Joahr

komplett noa den „Löwenzahn“!

 

Hagen a.T.W, im Jahr 1982

Martha Herkenhoff geb. Koch