Sprachwandel und Sprachwechsel im deutsch-niederländischen Grenzland

 

Von Ludger Kremer

Daor küert se al up Holland to.

Gemeint ist mit diesem Satz das Platt der westmünsterländischen Grenzregion. Oder, wie es der damalige Landrat des Kreises Borken 1863 ausdrückte: „Wegen der benachbarten Niederlande ist in der Nähe der Grenze dieses Idiom ein Gemisch von plattdeutscher und holländischer Sprache.“ Wer sich für die Mundarten entlang der deutsch-niederländischen Grenze interessiert, wird daher u.a. mit folgenden Fragen konfrontiert: Was verbindet die Mundarten (die Dialekte, das Platt) von Twente, Achterhoek, Westmünsterland und Grafschaft Bentheim miteinander, wodurch unterscheiden sie sich und wie sieht es mit ihrer Zukunft aus? Es geht also um die früheren Zusammenhänge zwischen den Mundarten beiderseits der Staatsgrenze und die Entwicklung von Struktur und Gebrauch während der letzten Jahrzehnte.

Grenzdialekte gestern und heute: vom Dialektkontinuum zur Bruchstelle

Nehmen wir als Ausgangspunkt die sprachlichen Verhältnisse etwa um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Die Dialekte beiderseits der Grenze waren Teil eines kontinental-westgermanischen Kontinuums, das sich von Dünkirchen im Westen bis Königsberg im Osten ausdehnte. Natürlich gab es kleinere oder größere Systemunterschiede zwischen den lokalen Dialekten und man konnte sie zu größeren Verbänden oder Sprachlandschaften gruppieren. Sie zeigten jedoch nirgendwo derart gravierende Systemunterschiede, dass man von einer echten Sprachgrenze, also einer sprachlichen Bruchstelle hätte reden können – auch nicht entlang der deutsch-niederländischen Staatsgrenze.

Dieses niederländisch-niederdeutsche Dialektkontinuum konnte bis ins 20. Jahrhundert relativ ungestört fortbestehen, denn zumindest bis zum Ersten Weltkrieg gab es eine recht lebhafte Kommunikation und damit sprachlichen Austausch über die Grenze hinweg.

(hier ungefähr das Foto Dialektforschung)

Die Standardsprachen Hochdeutsch und Niederländisch spielten bis zum Zweiten Weltkrieg im Alltagsleben der Bevölkerung keine bedeutende Rolle. Die Grenzdialekte waren zudem gekennzeichnet durch zahlreiche Entlehnungen sprachlicher Elemente von jenseits Grenze; dadurch hatten sie einen deutlichen Übergangscharakter. Das Achterhoeks, Twents und Drents, das Westmünsterländische, Bentheimische und Emsländische, sie bildeten gemeinsam eine Schwellenzone zwischen dem niederländischen und dem deutschen Sprachgebiet (das gilt auch für die kleverländischen Mundarten am Niederrhein und im angrenzenden niederländischen Gelderland). Die Staatsgrenze trennte als systemische Sprachgrenze lediglich die Standardsprachen Niederländisch und Deutsch, nicht aber die eng verwandten mundartlichen Alltagssprachen. Die Vredener und Gronauer, die in Winterswijk oder Enschede zu tun hatten, konnten sich dort mühelos mit ihrem heimischen Platt verständigen.

(hier ungefähr die Karte Wortgeographische Kerngebiete)

Wenn man beispielsweise den plattdeutschen Wortschatz der Grenzlande nach seinen Herkunftsgebieten durchleuchtet, stellt man fest, dass er im Wesentlichen den Schnittmengen von drei Kerngebieten oder Großverbänden entspricht, und die liegen in Westfalen, in den Ostniederlanden und am Niederrhein. Die nebenstehende Karte zeigt diese Verbände in großräumiger Perspektive und macht zugleich den Übergangscharakter der Grenzlandmundarten sichtbar. Eine detailliertere Betrachtung würde zeigen, dass Wörter oder Lautformen sich in diesem Raum überlagern, die sich aus unterschiedlichen Richtungen einfach über die Staatsgrenze hinweggeschoben haben. So haben sich beispielsweise der Langvokal ää im Wort Lääpel ‘Löffel‘ gegenüber älterem Läppel oder das Wort Pugge ‘Schwein‘ vom Niederrhein her über Teile des Westmünsterlandes und des Achterhoeks ausgedehnt, das Wort Naomad ‘zweiter Grasschnitt’ dagegen von Westfalen her über Teile der östlichen Niederlande, während Wörter wie Kiewe ‘Backenzahn’, Röile ‘Schaukel’ und Kidde ‘Heureihe’ konzentrisch nur den Achterhoek und das Westmünsterland überdecken. All diese Dialektformen lassen erkennen, dass die Staatsgrenze für ihre Ausbreitung kein Hindernis war. Das kann man bei modernen Kulturwörtern, die heute meist unverändert aus den Standardsprachen übernommen werden, nicht mehr feststellen; den „neuen“ Mundartwörtern Kühlschrank, Mähdrescher/ Maidorsker und Düsenjäger beispielsweise stehen in den ostniederländischen Mundarten die Wörter koelkast, combine und straaljager gegenüber. Seit dem Zusammenfall von Staats- und Kulturgrenze, was ungefähr in den 1920er Jahren beginnt, geht der Übergangscharakter der Grenzmundarten

allmählich verloren, hauptsächlich wegen der zunehmenden Entlehnungen aus der jeweils eigenen Standardsprache. Als Folge eines veränderten Kommunikationsverhaltens der Bevölkerung dringen die Standardsprachen Hochdeutsch und Niederländisch in mehr und mehr Sprachdomänen vor, die früher dem Dialekt vorbehalten waren, beispielsweise beim Gespräch innerhalb der Familie zwischen Eltern und Kindern. Dadurch wächst auch der Einfluss der Standardsprachen auf die Dialekte. So bekommen Twents und Achterhoeks einen stärker „holländischen“ und die Dialekte von Bentheim und Westmünsterland einen stärker „deutschen“ Charakter, sie nähern sich zunehmend den jeweiligen „Hochsprachen“ an. Die Staatsgrenze entwickelte sich dadurch zu einer Bruchstelle im früheren Dialektkontinuum; am auffälligsten ist das im Wortschatz der Fall: Wenn die Bewohner der Twente heute von oetkering, ziekenhoes und bejaordentehoes sprechen, dann reden die Westmünsterländer auch auf Platt über Arbäitslosengeld oder Hartz IV, über Krankenhuus und Altersheim, um nur einige alltägliche Beispiele zu nennen.

Sprachwandel oder Strukturverlust

Wir müssen also konstatieren, dass sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Staatsgrenze in zunehmendem Maße zur Dialekt- und Sprachgrenze entwickelt hat. Sozio-dialektologische Untersuchungen haben zudem ergeben, dass gleichzeitig ein sehr starker Rückgang in der Beherrschung und im Gebrauch der Mundarten stattgefunden hat, vor allem bei der jüngsten Generation, wo er gegen Null geht. Beim Vergleich der Daten zeigen sich gleichartige Tendenzen beiderseits der deutsch-niederländischen Grenze, aber mit folgendem Unterschied: Der Funktionsverlust, also der Rückgang im  Gebrauch der Mundart als Alltagssprache, ist in den östlichen Niederlanden weniger stark als auf der deutschen Seite der Grenze. Beim Strukturverlust, d.h. bei der Annäherung der Mundart an die überdachende Standardsprache hingegen ist es genau umgekehrt: Die westniederdeutschen Mundarten sind da stabiler als die ostniederländischen, vermutlich, weil sie wenig gebraucht werden und sprachstrukturell viel weiter vom Hochdeutschen entfernt sind als die ostniederländischen Mundarten vom Standardniederländischen. Der häufigere Gebrauch der Mundarten in den Ostniederlanden ist wohl der Tatsache zuzuschreiben, dass sie sich sehr stark in Richtung der Standardsprache bewegen; man könnte dort inzwischen eher von (großräumigen) Regiolekten als von (kleinräumigen) Dialekten sprechen.

Eine derartige Entwicklung ist an der deutschen Seite der Grenze bisher undenkbar – hier verschwinden die Dialekte ganz einfach aus dem Alltagsleben. Auf der deutschen Seite der Grenze spricht man also (noch) Gronauer, Borkener oder Rekener Platt, westlich der Grenze hingegen eher Achterhoeks oder Twents, wo man früher die Ortsmundart von Winterswijk, Hengelo oder Ootmarsum hören konnte. Dialektbeherrschung und -gebrauch weisen aber nicht nur regionale, sondern auch individuelle Unterschiede auf – je nach Sozialschicht, Generation, Geschlecht oder Wohngegend, Sprechsituation und Herkunft der Sprecher. Eine detaillierte Erläuterung dieser Parameter würde hier zu weit führen, man kann die gegenwärtigen Verhältnisse aber etwa so zusammenfassen: Beherrschung und Gebrauch der Mundart liegen einerseits relativ hoch bei älteren Menschen, bei Männern, bei Einheimischen, bei Landwirten, in intimen Sprechsituationen (mit Ausnahme des Eltern-Kind-Gesprächs) und in ländlichen Gebieten, und andererseits relativ niedrig bei Schulkindern, bei Frauen, bei Zugewanderten, bei Managern oder Ärzten, in öffentlichen Sprechsituationen und in städtischen Wohngebieten.

Sprachwechsel oder Funktionsverlust

Wie konnte es zu der prekären Situation des Plattdeutschen als Alltagssprache der norddeutschen Bevölkerung kommen? Wie angedeutet, hat das Plattdeutsche während der letzten beiden Generationen einen enormen Rückgang an kompetenten Sprechern erlebt. In den 1930er Jahren verwendeten in Niedersachsen und Westfalen noch zwischen 50 % und 80 % der Eltern Plattdeutsch im Umgang mit ihren Kindern (abgesehen von einigen städtischen Regionen mit bereits damals niedrigeren Werten). Das Hochdeutsche blieb mehr oder weniger beschränkt auf einige formelle Situationen und auf den schriftlichen Gebrauch. Aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg, und stärker dann in den 1920er und 1930er Jahren war unter dem Druck der Schulen eine Veränderung in Mundartbewertung und Mundartgebrauch in Gang gekommen. Diese veränderte Einstellung verlief seit dem Zweiten Weltkrieg rasend schnell und hatte den allgemeinen Sprachwechsel zum Hochdeutschen zur Folge. Wie das ablief, zeigt der mehrfach preisgekrönte Vredener Mundartautor Aloys Terbille (1936-2009) in seinem Gedicht Use Eegen.

(hier ungefähr im Kasten das Gedicht von Aloys Terbille: Use Eegen)

Um die Entwicklung zwischen den 1930er und den 2000er Jahren an einem Einzelbeispiel zu skizzieren, können wir auf die Entwicklung in der westmünsterländischen Gemeinde Heiden verweisen, für die – eher zufällig – entsprechende Daten zum Mundartgebrauch in der Konstellation „Eltern im Gespräch mit ihren Kindern“ vorliegen. Von 85 % im Jahre 1936 verläuft die Entwicklung über 51 % im Jahre 1964 auf 40 % 1971, dann auf 10 % 1981 und auf 2 % im Jahre 2001. Heute wird der Mundartgebrauch in dieser Konstellation vermutlich den Nullpunkt erreicht haben. Vergleichbare Zahlen werden auch aus anderen Grenzregionen genannt.

(hier ungefähr Abb. Mundartgebrauch i. d. Familie)

Außer den Eltern gibt es natürlich noch andere Bezugspersonen, von denen Kinder und Jugendliche die Mundart übernehmen könnten (z.B. die Großeltern, Nachbarn, Freunde, Kollegen usw.), und es gibt immer noch Regionen, wo die Mundart in etwas größerem Umfang an die Schulkinder weitergegeben wird, beispielsweise in der Grafschaft Bentheim und in Ostfriesland. Außerdem liegt die passive Beherrschung der Mundart (Hörverständnis) bei Kindern viel höher als die aktive; so hatten 1989 im Emsland 42,3 % der Zehnjährigen „gute“ sowie 37,4 % „nicht so gute“ Passivkenntnisse gegenüber 3 % „guten“ und 32,6 % „nicht so guten“ Aktivkenntnissen. In dieser ziemlich hohen passiven Dialektkompetenz könnte die Chance für Rettungsaktionen des Plattdeutschen liegen – wenn man denn wollte: Man müsste dann die Bevölkerung der bisher noch einigermaßen dialektbewahrenden Regionen (wie den Grenzgebieten Westmünsterland, Grafschaft Bentheim und Emsland) für die Einsicht gewinnen, dass man mit der Nicht-Weitergabe des Plattdeutschen freiwillig auf ein wichtiges Kulturerbe verzichtet und darüber hinaus der Kindergeneration die Vorteile der Zweisprachigkeit für die Entwicklung ihrer kognitiven Kompetenzen vorenthält. Aber könnte das gelingen?

Die Zukunft der Grenzmundarten: Kulturdialekt?

Das bisher skizzierte prekäre Bild der Grenzmundarten, vor allem auf deutscher Seite, steht in einem gewissen Gegensatz zu den Fortschritten, die das Niederdeutsche in Bereichen verbuchen konnte, die über die traditionellen Domänen Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis oder Arbeitsstelle hinausgehen. So gibt es heute an ungefähr zehn norddeutschen Universitäten Lehrstühle für niederdeutsche Sprach- und Literaturwissenschaft, und in allen norddeutschen Bundesländern besteht die Möglichkeit, das Niederdeutsche innerhalb des Deutschunterrichts zu behandeln. Dazu gehört auch die Pflege der niederdeutschen Literatur in Autoren- und Literaturvereinigungen („Schriewerkringe“), Kongressen und Zeitschriften, aber auch ein niederdeutsches Theater- und Musikleben und eine regelmäßige Präsenz in den Print- und Funkmedien, neuerdings auch im Internet. Und dazu gehört die Anerkennung des Niederdeutschen als Regionalsprache durch den Europarat 1999 mit Maßnahmen, die zu seiner Förderung von staatlichen Instanzen getroffen werden sollen. Gleiches gilt übrigens für das Nedersaksisch im Osten und für das Limburgische im Süden der Niederlande.

(hier ungefähr 2 Fotos Drögen Bokelt / Up de Däle)

Anders jedoch als in den östlichen Niederlanden, wo die inzwischen zu Regiolekten mutierten Dialekte eine gewisse Überlebenschance haben, macht die Entwicklung der letzten Jahrzehnte im westlichen Westfalen vorläufig wenig Hoffnung auf die Bewahrung des Niederdeutschen – außer in Straßen- und Wirtshausnamen. Es ist kaum zu erwarten, dass das Plattdeutsche wieder die Rolle der Alltagssprache übernehmen könnte, denn es wurde in den letzten zwei Generationen ja in fast allen – selbst in den intimen – Sprachdomänen durch das Hochdeutsche ersetzt.

Dennoch stellt sich die Frage, ob denn überhaupt keine Aussicht besteht, das Niederdeutsche in einer – wenn auch funktional begrenzten – Rolle zu bewahren. In Ostfriesland scheint das übrigens gelungen zu sein. Hierzulande wird man sich vorerst wohl mit Sprachverhältnissen begnügen müssen, die man mit „kleine Zweisprachigkeit“ umschrieben hat: Plattdeutsch als Zweitsprache, als Kulturdialekt, als Hobby und Freizeitbeschäftigung, notfalls reduziert auf nur noch passive Kompetenz. Ein Anfang zur Verbesserung seines Ansehens könnte darin liegen, dass man Schüler im Deutschunterricht neugierig macht, indem man überhaupt noch darüber spricht. Vor allem müsste man aber die Einstellung eines großen Teils der Bevölkerung verändern, ein schwieriges Unterfangen.

Es geht dabei um die Definition der regionalen oder lokalen Identität, ausgehend von der Annahme: Je mehr sich jemand mit seiner Region oder seinem Wohnort identifiziert, je größer der Wunsch nach „Verwurzelung“ in einer bestimmten Landschaft, desto selbstverständlicher wäre dann die Einstellung, dass das Niederdeutsche auch heute noch zur Region gehört – nicht nur historisch, nicht nur in Frakturschrift und nicht nur bie’n Heimataobend!

Literatur

Ferdinand Freiherr von Hamelberg: Statistische Darstellung des Kreises Borken. Wesel 1863.

Ludger Kremer: Grenzmundarten und Mundartgrenzen. Untersuchungen zur wortgeographischen Funktion der Staatsgrenze im ostniederländisch-westfälischen Grenzgebiet (Niederdeutsche Studien, 28). 2 Bde. Köln, Wien 1979.

Ludger Kremer: Das westmünsterländische Sandplatt (Westfälische Mundarten, 2). Münster 2018.

Ludger Kremer, Veerle Van Caeneghem: Dialektschwund im Westmünsterland. Zum Verlauf des niederdeutsch-hochdeutschen Sprachwechsels im 20. Jahrhundert (Westmünsterland. Quellen und Studien, 17). Vreden 2007.

Gertrud Reershemius: Bilingualismus oder Sprachverlust? Zur Lage und zur aktiven Verwendung des Niederdeutschen in Ostfriesland am Beispiel einer Dorfgemeinschaft. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 69 (2002) 163-181.

Bernd Robben: Der Schwund der plattdeutschen Sprache in der Region Emsland/Grafschaft Bentheim – Zwei Untersuchungen von 1990 und 2011. In: Emsländische Geschichte 19 (2011) 101-138.

Karl Schulte Kemminghausen: Mundart und Hochsprache in Norddeutschland. Neumünster 1939.

Tom F. H. Smits: Strukturwandel in Grenzdialekten. Die Konsolidierung der niederländisch-deutschen Staatsgrenze als Dialektgrenze (ZDL Beihefte, 146). Stuttgart 2011.

Dieter Stellmacher: Wer spricht Plattdeutsch? Zur Lage des Niederdeutschen heute. Eine kurzgefaßte Bestandsaufnahme. Leer 1987.

Aloys Terbille: Welldage. Niederdeutsche Gedichte aus dem Grenzland. Zelhelm, Vreden 1997.

 

 

Info
Prof. Dr. Ludger Kremer ist emeritierter Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität
Antwerpen (Belgien). Seine Hauptarbeitsgebiete sind Dialektologie und Soziolinguistik sowie
Namenkunde der ostniederländisch-westfälischen Grenzregionen und deutsch-niederländischer
Sprachkontakt. Soeben erscheint von ihm im Aschendorff-Verlag das Buch Das westmünsterländische
Sandplatt (Westfälische Mundarten, 2). Münster 2018, 110 S., ISBN 978-3-402-14345-2.

 

Kindheit und Jugendzeit in einem Heuerhaus – in einer plattdeutschen Welt

 

von Rektor a.D. Franz Buitmann, Bersenbrück

„Zurück zu den Wurzeln“ – dieser Ausspruch ist in der gegenwärtigen Zeit ein gängiges Wort. Möchte man aber wirklich in eine Zeit zurück, die im Vergleich zu heute um ein Vielfaches schwieriger, härter, entbehrungsreicher und unsicherer war? Ich spreche von der Zeit in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges, von den Nachkriegsjahren und den Jahren des Wiederaufbaus Deutschlands in den fünfziger Jahren.

 

Diese Zeit habe ich, 1943 geboren, in einem Heuerhaus im Handruper Ortsteil Hestrup miterlebt. Mein Vater war wie so viele andere Männer Soldat der Wehrmacht geworden. Wie ich später von meiner Mutter erfuhr, in keinem Falle freiwillig. Viel lieber hätte er seine Arbeit als Stellmachermeister weiter geführt und wäre bei seiner Familie geblieben. So aber musste er in Russland an die Front gehen. Das letzte Lebenszeichen kam 1944 aus dem Raum Smolensk; seitdem galt er als „vermisst“. Bis heute habe ich keine Spur von ihm finden können, ich habe ihn also nicht bewusst kennen lernen dürfen.

Somit wuchs ich im Haus der Eltern meiner Mutter – eben in einem Heuerhaus – auf und wurde dadurch bedingt mit allen Arbeiten in der eigenen kleinen Landwirtschaft, aber auch auf dem großen Hof „unseres Bauern“, so sagten wir, vertraut. Da ich Einzelkind blieb, wurde ich von Anfang an wie selbstverständlich in den täglichen Lebensrhythmus einer Heuerlingsfamilie eingebunden.

Die anfallende Arbeit waren derart vielgestaltig, dass ich mehrere „Berufe“ gleichzeitig zu bewältigen hatte. Da galt es das Vieh zu versorgen, die Ländereien zu bestellen und später die Ernte einzufahren, Gartenarbeit zu verrichten, im Haushalt mitzuhelfen, Einkäufe zu tätigen, aufzuräumen, Ausbesserungen vorzunehmen, und vieles andere, angeleitet zunächst von meinen Großeltern und meiner Mutter. Aber zunehmend lernte ich selbstständig zu handeln und vor allem Verantwortung übernehmen – alles wichtige Erfahrungen für das spätere Leben. Was ich außerdem lernte, war mit Wenigem auszukommen. Die Heuer meiner Großeltern brachte gerade so viel ein, um „über die Runden zu kommen“.

Jeder Pfennig wurde zweimal umgedreht, bevor er ausgegeben wurde. Kleine Ersparnisse wurden trotzdem möglich, um für unvorhergesehene Ausgaben gewappnet zu sein. Es wurde kaum etwas „entsorgt“, so wie es heute üblich ist.

Speisereste wurden wieder verwertet, oder wenn nicht mehr genießbar, verfüttert. Der eigene Garten lieferte alles Notwendige, Fleisch stammte aus eigener Produktion.

Mit den nicht benötigten Hühnereiern wurden im Laden die Lebensmittel eingetauscht, die nicht selbst herzustellen waren. Nicht mehr brauchbare Haushaltsgegenstände wurden nicht weggeworfen, sondern auf den Boden gebracht, „man kann ja vielleicht noch mal Teile davon gebrauchen“. Dieses Aufbewahren galt auch für Geräte aus der Landwirtschaft. Bis heute fällt es mir schwer, mich von Gegenständen zu trennen, diese Art von Sparsamkeit hat sich bei mir tief eingegraben.

In meiner Erinnerung an das Leben in einem Heuerhaus ist mir besonders die Abhängigkeit, teilweise Hilflosigkeit, dem „Bauern“ gegenüber im Gedächtnis geblieben. Da hatte man für den nächsten Tag die Arbeit in der eigenen Landwirtschaft geplant, am späten Abend kam ein Kind des Bauern, um für den nächsten Tag einen Arbeitseinsatz auf dem Hof anzufordern. Da wurde nicht gefragt, ob man es einrichten könne, die eigene geplante Arbeit musste zurück gestellt werden. Als Entlohnung waren am Tag 50 Pfennige vereinbart worden, auch damals nicht gerade ein „Mindestlohn“. In einem eigenen Heft wurden die beim Bauern geleisteten Arbeitstage eingetragen. Die Gesamtzahl der Arbeitstage war mit dem Bauern vereinbart worden, konnte aber in besonderen Situationen geändert werden.

 

Unser Heuerhaus war teilweise mit Stroh gedeckt. Die Wände bestanden zum Teil aus Lehmgefachen. Nach und nach wurden die Lehmwände zwar durch Ziegelsteine ersetzt, aber ohne irgendeine Isolierung. Bei strengeren Wintern wachte ich morgens nicht selten auf, um an der Innenwand eine Eisschicht vorzufinden, die in der Nacht durch die Atmungsfeuchtigkeit entstanden war. Das Strohdach war an vielen Stellen undicht. Es wurde aus Kostengründen nur notdürftig mit eigener Hand ausgebessert. Ich entsinne mich, dass Ratten in das Stroh Löcher gefressen hatten. Nach einer längeren Trockenperiode schauten sie bei einsetzendem Regen aus den Löchern heraus, um zu trinken. Ich machte mir den Spaß, sie mit Erdklumpen oder Steinchen treffen und vertreiben zu wollen.

Die Toilette befand sich in einem Häuschen mit „Plumpsklo“ im Außenbereich des Hauses. Besonders im Winter und bei Nacht wurde es nicht gerade gern aufgesucht. Wasser schöpften wir zeitweilig aus einem Brunnen, später wurde es mit Hilfe einer Pumpe in der Waschküche gefördert. Nitratwerte waren ein Fremdwort.

Dabei wurde die anfallende Jauche von Mensch und Tier und ebenso das Material vom Misthaufen, auf dem alles Mögliche entsorgt wurde, in der Nähe des Brunnens in reichlicher Menge als Dünger ausgebracht. Das Abwasser floss – natürlich ungeklärt – in den nächsten Graben.

Auch wenn sicher der Heuermann in einer Abhängigkeit zum Bauern stand – letztendlich war es eine „Schicksalsgemeinschaft“, man war doch irgendwie aufeinander angewiesen. Ich muss sagen, unser Verhältnis zum Bauern war ein freundschaftliches. Wir fühlten uns nicht ausgenutzt. Feste wurden gemeinsam gefeiert, genauso wurde gemeinsam getrauert. Wenn meine Mutter im Winter dem Bauern beim Schlachten helfen musste, brachte sie abends immer ein Stück Fleisch als Dankeschön mit nach Hause. Das galt auch in Zeiten der Ernte bei Obst und Gemüse.

Ende der fünfziger Jahre näherte sich das Ende der Heuermannszeit. Zunehmend bekamen die Heuerleute die Möglichkeit, von ihrem Bauern das Haus mit einigen Hektar Land zu erwerben. So war es auch bei uns. An uns und zwei weitere Heuermannsfamilien verkaufte unser Bauer die Anwesen. Durch einen Neubau konnte die Wohnsituation bei uns wesentlich verbessert werden; die Zeit der Abhängigkeit war vorüber.

 

Ein bezeichnendes Erlebnis verdeutlicht die soziale Stellung eines Heuermanns in der Gesellschaft der damaligen Zeit. Am Ende der Grundschulzeit stand in der Volksschule bei Kindern, die das Zeug für eine weiterführende Schule hatten, die Frage eines Wechsels an.

 

Meine Mutter und meine Großeltern wären nie auf den Gedanken gekommen, mich auf ein Gymnasium zu schicken. „Wat segget wohl dei Naobers un Verwandten, een Hürmann-Junge kann dao nich hen!“ – das gehörte sich einfach nicht. Mein damaliger Klassenlehrer hatte alle Mühe, Mutter und Großeltern von einem derartigen Vorhaben zu überzeugen. Mit Tränen in den Augen aus Sorge um das drohende Gerede im Dorf stimmten sie schließlich zu.

Dass ich dann im Kloster Handrup mein Abitur machen konnte, in Vechta die Pädagogische Hochschule besuchte und 42 Jahre als Lehrer in Bersenbrück tätig sein konnte, davon 18 Jahre als Konrektor einer Orientierungsstufe und 15 Jahre als Rektor einer großen Grundschule – dieser Weg war mir sicher nicht im Handruper Heuerhaus in die Wiege gelegt worden. Mit Dankbarkeit und auch ein wenig Stolz blicke ich heute auf meinen Lebensweg zurück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Bremer Autor Ernst Dünnbier

https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/stadtteile-bremen-sued_artikel,-Ernst-Duennbier-ist-tot-_arid,1231913.html

Neustädter Urgestein ist 94 Jahre alt geworden

Ernst Dünnbier ist tot

Neustadt. „Bloß nich argern, denn lachen deit got“– nach dieser Devise lebte Ernst B. R.

Ernst Dünnbier, der in der Neustadt bekannt war wie ein bunter Hund, ist jetzt gestorben. (Walter Gerbracht)

„Bloß nich argern, denn lachen deit got“ – nach dieser Devise lebte Ernst B. R. Dünnbier beinahe sein gesamtes Leben. Der Autor, Journalist und begeisterte Sportler war nicht nur in der Neustadt, sondern auch weit über die Grenzen der Hansestadt – seiner Stadt – bekannt wie ein bunter Hund. Dünnbier starb am 20. September, nur wenige Tage nach einer akuten schweren Erkrankung.

Einen klangvollen Namen machte sich das Neustädter „Urgestein“, das eigentlich aus der Bremer Innenstadt stammt, als wortgewaltiger und nimmermüder Dichter und Denker. Überall in seiner Wohnung hatte er Stift und Papier liegen, sobald ihm eine Idee für ein Gedicht oder einen Artikel in den Sinn kam, notierte Dünnbier diesen und machte daraus nur wenig später ein Buch oder einen Bericht für verschiedene Medien. Besonders morgens vor dem Aufstehen oder abends vor dem Zubettgehen habe er seine besten Einfälle gehabt, erzählte Dünnbier einmal. Gefürchtet, aber auch durchaus angesehen war der langjährige Reederei-Kaufmann für sein offenes Wort. Kritiker, aber vor allen Dingen gute Freunde, beschrieben ihn als „kritisch, brummelig, aber stets ehrlich“.

Ernst Dünnbier absolvierte zunächst eine Ausbildung als Feinkosthändler und war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in zahlreichen Bereichen tätig. Ob in der Küche oder im Büro, ob als Buchhalter oder Lagermeister – Ernst Dünnbier hatte zahlreiche Talente und wusste diese auch stets im Sinne des Allgemeinwohls einzubringen. So betreute er mehr als zwei Jahrzehnte die Hauszeitschrift der Sloman Neptun Schiffahrts AG, gilt als „Vater“ der Vereinszeitschrift der BTS Neustadt, schrieb als freier Autor für den „Neustädter Bürgerverein“ und das „Neustädter Echo“. Zudem moderierte Dünnbier die Sendung „Musik und Sport“ im offenen Kanal und war mit seinen Gedichten und Geschichten auch Stammgast beim „Niederdeutschen Hauskalender“ von Radio Bremen.

Wenn Dünnbier gemeinsam mit Ehefrau Hannelore durch „seinen“ Stadtteil flanierte, wurde aus einem harmlosen Spaziergang nicht selten „ein Spießrutenlauf“, wie Dünnbier einmal augenzwinkernd erklärte. Die Ehe mit Hannelore war bezeichnend für seine Ausdauer in nahezu sämtlichen Lebensbereichen – mehr als 65 Jahre waren die beiden verheiratet, im vergangenen Jahr feierte das Paar die eiserne Hochzeit.

Kennengelernt hatten sie sich vor mehr als etwa 80 Jahren beim Bremischen Schwimmverein (BSV), 1949 kamen sie zusammen und heirateten. Aus der Ehe mit Hannelore gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor, neben der Erziehung der Kinder und ihrer Arbeit stand für die Dünnbiers der Sport stets im Mittelpunkt. Mit „jugendlichen“ 58 Jahren absolvierten sie ihren ersten Marathon, neben dem Laufen liebten beide das Wandern und besonders den Tanzsport. 2009 legten sie die Prüfung für das bronzene Tanzsportabzeichen ab, bis zuletzt haben die Eheleute noch die Gymnastikabteilung besucht. Mit Ernst B. R. Dünnbier verliert die Hansestadt Bremen einen stets streitbaren, aber immer fairen und kreativen Mitbürger, der seine persönlichen Befindlichkeiten grundsätzlich hintanstellte, wenn er im Dienst der guten Sache unterwegs war

Niederdeutsches Theater

Das Niederdeutsche Theater wurde 2014 von der Deutschen UNESCO-Kommission e.V. in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Eben dort ist es sehr anschaulich und kompakt beschrieben:
https://www.unesco.de/kultur/immaterielles-kulturerbe/bundesweites-verzeichnis/eintrag/niederdeutsches-theater.html

Das Niederdeutsche Theater ist die Hauptsäule niederdeutscher Kultur.

Sein besonderer Charakter resultiert aus der Kombination von Theater und der Regionalsprache Niederdeutsch: Niederdeutsch ist in ihrer kommunikativen Reichweite weitgehend auf soziale Einheiten wie Familie, Freunde, Nachbarschaft und Arbeitskollegen beschränkt und existiert vorrangig als gesprochene Sprache. In Verbindung mit den Ausdrucksformen des Theaters gewinnt die „Nahsprache“ eine künstlerische Dimension. Theater in der Nahsprache ist vor allem Theater der Nähe. Dies macht den besonderen Reiz für die Spieler wie die Zuschauer aus.

Aktuell praktizieren etwa 4.500 Spielgruppen das Niederdeutsche Theater.

Die überwiegende Mehrzahl besteht aus kleinen kommunalen Bühnen in den ländlichen Regionen Norddeutschlands: die Speelkoppel eines Turnvereins im ostfriesischen Dornum, eine plattdeutsche Sketchgruppe im schleswig-holsteinischen Itzehoe, eine Speeldeel in Mecklenburg-Vorpommern, ein Feuerwehrverein im nordrhein-westfälischen Telgte. Was diese Aktivitäten verbindet, ist zum einen die Freude am szenischen Rollenspiel und zum anderen der Umgang mit der traditionellen Nahsprache Niederdeutsch.

Das niederdeutsche Bühnenspiel ist angesiedelt in einer Übergangszone zwischen dem Alltagsleben und kulturellen Praktiken.

Ein definiertes künstlerisches Niveau steht für diese Grundschicht niederdeutscher Bühnenarbeit nicht im Vordergrund. Dies ändert sich bei den größeren Theatern, die in den drei Niederdeutschen Bühnenbünden organisiert sind. Zur Bandbreite zählen schließlich auch die beiden professionell betriebenen niederdeutschen Theater in Hamburg und Schwerin.

Es ist Teil der Bühnenpraxis vieler Kleinbühnen, dass die Stücke von Mitgliedern, abgestimmt auf die eigenen Bedürfnisse und konkreten Gegebenheiten, selbst verfasst oder von den Ensembles entwickelt werden.

Auf diese Weise spiegeln solche Stücke immer auch unmittelbar die soziale Wirklichkeit in den jeweiligen Kommunen wider. Das niederdeutsche Bühnenspiel in seiner heutigen Form hat seine Ursprünge in der Heimatkunstbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Die Gründung der meisten größeren Bühnen erfolgte in den 1920er Jahren. In dieser Zeit ist auch eine reiche Bühnenliteratur entstanden. Es überwiegen zeitgebundene Stücke, doch findet man bis heute auch eine ganze Reihe von Klassikern auf den Spielplänen. Bis in die 1980er Jahre wurden nahezu ausnahmslos originär in niederdeutscher Sprache verfasste Stücke auf die Bühne gebracht. Die Gattung und die sie tragenden Strukturen sind vital. Gefährdungen resultieren in erster Linie aus einem allgemeinen Rückgang der niederdeutschen Sprache. Mit Blick auf eine Stabilisierung der sprachlichen Situation kommt dem niederdeutschen Bühnenspiel eine zentrale Rolle zu.

Die Strukturierung durch Überschriften ist nachträglich vorgenommen worden und entspricht nicht dem Original-

Hier die Anschriften und Ansprechpartner(innen) dazu:

Niederdeutscher Bühnenbund Niedersachsen und Bremen e.V.
Herwig Dust, Leiter der Geschäftsstelle
Haarenufer 45a
26122 Oldenburg
E-Mail: Buehnenbund@t-online.de

Niederdeutscher Bühnenbund Schleswig-Holstein e.V.
Rainer Seidel, Geschäftsführer
An der Schule 14
27894 Tolk
E-Mail: seidel@buehnenbund.com

Niederdeutscher Bühnenbund Mecklenburg-Vorpommern
Marion Suri, Geschäftsführerin
Schulstraße 5
17237 Hohenzieritz
E-Mail: nd-buehne-nb@vodafone.de

Plattdeutsche Bühne Haltern/Westfalen
Ulrich Backmann
Südwall 5
45721 Haltern
E-Mail: uli.backmann@freenet.de

Weitere Details folgen…

 

Niederdeutsches Theater

Das Niederdeutsche Theater wurde 2014 von der Deutschen UNESCO-Kommission e.V. in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Eben dort wird es sehr kompakt und anschaulich vorgestellt:

https://www.unesco.de/kultur/immaterielles-kulturerbe/bundesweites-verzeichnis/eintrag/niederdeutsches-theater.htmlKontakt

Das Niederdeutsche Theater ist die Hauptsäule niederdeutscher Kultur.

Sein besonderer Charakter resultiert aus der Kombination von Theater und der Regionalsprache Niederdeutsch: Niederdeutsch ist in ihrer kommunikativen Reichweite weitgehend auf soziale Einheiten wie Familie, Freunde, Nachbarschaft und Arbeitskollegen beschränkt und existiert vorrangig als gesprochene Sprache. In Verbindung mit den Ausdrucksformen des Theaters gewinnt die „Nahsprache“ eine künstlerische Dimension. Theater in der Nahsprache ist vor allem Theater der Nähe. Dies macht den besonderen Reiz für die Spieler wie die Zuschauer aus.

Aktuell praktizieren etwa 4.500 Spielgruppen das Niederdeutsche Theater.

Die überwiegende Mehrzahl besteht aus kleinen kommunalen Bühnen in den ländlichen Regionen Norddeutschlands: die Speelkoppel eines Turnvereins im ostfriesischen Dornum, eine plattdeutsche Sketchgruppe im schleswig-holsteinischen Itzehoe, eine Speeldeel in Mecklenburg-Vorpommern, ein Feuerwehrverein im nordrhein-westfälischen Telgte. Was diese Aktivitäten verbindet, ist zum einen die Freude am szenischen Rollenspiel und zum anderen der Umgang mit der traditionellen Nahsprache Niederdeutsch.

Das niederdeutsche Bühnenspiel ist angesiedelt in einer Übergangszone zwischen dem Alltagsleben und kulturellen Praktiken.

Ein definiertes künstlerisches Niveau steht für diese Grundschicht niederdeutscher Bühnenarbeit nicht im Vordergrund. Dies ändert sich bei den größeren Theatern, die in den drei Niederdeutschen Bühnenbünden organisiert sind. Zur Bandbreite zählen schließlich auch die beiden professionell betriebenen niederdeutschen Theater in Hamburg und Schwerin.

Es ist Teil der Bühnenpraxis vieler Kleinbühnen, dass die Stücke von Mitgliedern, abgestimmt auf die eigenen Bedürfnisse und konkreten Gegebenheiten, selbst verfasst oder von den Ensembles entwickelt werden.

Auf diese Weise spiegeln solche Stücke immer auch unmittelbar die soziale Wirklichkeit in den jeweiligen Kommunen wider. Das niederdeutsche Bühnenspiel in seiner heutigen Form hat seine Ursprünge in der Heimatkunstbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Die Gründung der meisten größeren Bühnen erfolgte in den 1920er Jahren. In dieser Zeit ist auch eine reiche Bühnenliteratur entstanden. Es überwiegen zeitgebundene Stücke, doch findet man bis heute auch eine ganze Reihe von Klassikern auf den Spielplänen. Bis in die 1980er Jahre wurden nahezu ausnahmslos originär in niederdeutscher Sprache verfasste Stücke auf die Bühne gebracht. Die Gattung und die sie tragenden Strukturen sind vital. Gefährdungen resultieren in erster Linie aus einem allgemeinen Rückgang der niederdeutschen Sprache. Mit Blick auf eine Stabilisierung der sprachlichen Situation kommt dem niederdeutschen Bühnenspiel eine zentrale Rolle zu.

Die Hervorhebung der Überschriften ist nachträglich vorgenommen worden und entspricht nicht dem Ursprungstext.

Hier sind diese kulturellen Einrichtungen mit den Ansprechpartner(innen) aufgeführt:

Niederdeutscher Bühnenbund Niedersachsen und Bremen e.V.
Herwig Dust, Leiter der Geschäftsstelle   (mit Herrn Dust ist in Kürze ein Interviewgespräch vorgesehen)
Haarenufer 45a
26122 Oldenburg
E-Mail: Buehnenbund@t-online.de

Niederdeutscher Bühnenbund Schleswig-Holstein e.V.
Rainer Seidel, Geschäftsführer
An der Schule 14
27894 Tolk
E-Mail: seidel@buehnenbund.com

Niederdeutscher Bühnenbund Mecklenburg-Vorpommern
Marion Suri, Geschäftsführerin
Schulstraße 5
17237 Hohenzieritz
E-Mail: nd-buehne-nb@vodafone.de

Plattdeutsche Bühne Haltern/Westfalen
Ulrich Backmann
Südwall 5
45721 Haltern
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In den Untermenüs sollen nach und nach einige Bühnen vorgestellt werden.

Es sollen aber auch Spielgruppen in den einzelnen Regionen Norddeutschlands besucht und in Gesprächen und Interviews so die Eigentümlichkeiten und die Vielgestaltigkeit dieser beliebten Kulturszene besonders beleuchtet werden auch über die Fragestellung:

  1. Wie schaffen es die Bühnenkünstler, das Niederdeutsche noch so tief und eindringlich “unters Volk” zu bringen?” 
  2. Können sich andere Sparten des sprachlichen Kulturlebens hier etwas abschauen?

Zunächst wird vorgestellt werden:

  • Die August-Hinrichs-Bühne e.V.  in Oldenburg (Oldb.)

Im Emsland und in der Grafschaft Bentheim ( aber auch in das Oldenburger Münsterland) hat vor einigen Jahren das Stück Wech van to Hus  die Hintergründe der Auswanderungswellen insbesondere der besitzlosen Landbevölkerung Nordwestdeutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr eindrucksvoll in die Vorstellungswelt der Zuschauer(innen) bringen können.

Sprachwandel und Sprachwechsel im deutsch-niederländischen Grenzland

Von Ludger Kremer

Daor küert se al up Holland to. Gemeint ist mit diesem Satz das Platt der westmünsterländischen
Grenzregion. Oder, wie es der damalige Landrat des Kreises Borken 1863 ausdrückte: „Wegen der
benachbarten Niederlande ist in der Nähe der Grenze dieses Idiom ein Gemisch von plattdeutscherund holländischer Sprache.“ Wer sich für die Mundarten entlang der deutsch- niederländischen Grenze interessiert, wird daher u.a. mit folgenden Fragen konfrontiert: Was verbindet die Mundarten (die Dialekte, das Platt) von Twente, Achterhoek, Westmünsterland und Grafschaft Bentheim miteinander, wodurch unterscheiden sie sich und wie sieht es mit ihrer Zukunft aus? Es geht also um die früheren Zusammenhänge zwischen den Mundarten beiderseits der Staatsgrenze und die Entwicklung von Struktur und Gebrauch während der letzten Jahrzehnte.

Grenzdialekte gestern und heute: vom Dialektkontinuum zur Bruchstelle
Nehmen wir als Ausgangspunkt die sprachlichen Verhältnisse etwa um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Die Dialekte beiderseits der Grenze waren Teil eines kontinental-westgermanischen Kontinuums, das sich von Dünkirchen im Westen bis Königsberg im Osten ausdehnte. Natürlich gab es kleinere oder größere Systemunterschiede zwischen den lokalen Dialekten und man konnte sie zu größeren Verbänden oder Sprachlandschaften gruppieren. Sie zeigten jedoch nirgendwo derart gravierende Systemunterschiede, dass man von einer echten Sprachgrenze, also einer sprachlichen Bruchstelle hätte reden können – auch nicht entlang der deutsch-niederländischen Staatsgrenze.
Dieses niederländisch-niederdeutsche Dialektkontinuum konnte bis ins 20. Jahrhundert relativ ungestört fortbestehen, denn zumindest bis zum Ersten Weltkrieg gab es eine recht lebhafte Kommunikation und damit sprachlichen Austausch über die Grenze hinweg

Die Standardsprachen Hochdeutsch und Niederländisch spielten bis zum Zweiten Weltkrieg im Alltagsleben der Bevölkerung keine bedeutende Rolle. Die Grenzdialekte waren zudem gekennzeichnet durch zahlreiche Entlehnungen sprachlicher Elemente von jenseits Grenze; dadurch hatten sie einen deutlichen Übergangscharakter. Das Achterhoeks, Twents und Drents, das Westmünsterländische, Bentheimische und Emsländische, sie bildeten gemeinsam eine Schwellenzone zwischen dem niederländischen und dem deutschen Sprachgebiet (das gilt auch für die kleverländischen Mundarten am Niederrhein und im angrenzenden niederländischen Gelderland). Die Staatsgrenze trennte als systemische Sprachgrenze lediglich die Standardsprachen Niederländisch und Deutsch, nicht aber die eng verwandten mundartlichen Alltagssprachen. Die Vredener und Gronauer, die in Winterswijk oder Enschede zu tun hatten, konnten sich dort mühelos mit ihrem heimischen Platt verständigen.

Wenn man beispielsweise den plattdeutschen Wortschatz der Grenzlande nach seinen Herkunftsgebieten durchleuchtet, stellt man fest, dass er im Wesentlichen den Schnittmengen von drei Kerngebieten oder Großverbänden entspricht, und die liegen in Westfalen, in den Ostniederlanden und am

Eine detailliertere Betrachtung würde zeigen, dass Wörter oder Lautformen sich in diesem Raum überlagern, die sich aus unterschiedlichen Richtungen einfach über die Staatsgrenze hinweggeschoben haben. So haben sich beispielsweise der Langvokal ää im Wortäpel ‘Löff Läel‘ gegenüber älterem Läppel oder das Wort Pugge ‘Schwein‘ vom Niederrhein her über Teile des Westmünsterlandes und des Achterhoeks ausgedehnt, das Wort Naomad ‘zweiter Grasschnitt’ dagegen von Westfalen her über Teile der östlichen Niederlande, während Wörter wie Kiewe ‘Backenzahn’, Röile ‘Schaukel’ und Kidde ‘Heureihe’ konzentrisch nur den Achterhoek und das Westmünsterland überdecken. All diese Dialektformen lassen erkennen, dass die Staatsgrenze für ihre Ausbreitung kein Hindernis war.

Das kann man bei modernen Kulturwörtern, die heute meist unverändert aus den Standardsprachen übernommen werden, nicht mehr feststellen; den „neuen“ Mundartwörtern Kühlschrank, Mähdrescher/Maidorsker und Düsenjäger beispielsweise stehen in den ostniederländischen Mundarten die Wörter koelkast, combine und straaljager gegenüber. Seit dem Zusammenfall von Staats- und Kulturgrenze, was ungefähr in den 1920er Jahren beginnt, geht der Übergangscharakter der Grenzmundarten allmählich verloren, hauptsächlich wegen der zunehmenden Entlehnungen aus der jeweils eigenen Standardsprache. Als Folge eines veränderten Kommunikationsverhaltens der Bevölkerung dringen die Standardsprachen Hochdeutsch und Niederländisch in mehr und mehr Sprachdomänen vor, die früher dem Dialekt vorbehalten waren, beispielsweise beim Gespräch innerhalb der  zwischen Eltern und Kindern. Dadurch wächst auch der Einfluss der Standardsprachen auf die Dialekte. So bekommen Twents und Achterhoeks einen stärker „holländischen“ und die Dialekte von Bentheim und Westmünsterland einen stärker „deutschen“ Charakter, sie nähern sich zunehmend den jeweiligen „Hochsprachen“ an. Die Staatsgrenze entwickelte sich dadurch zu einer im früheren Dialektkontinuum; am auffälligsten ist das im Wortschatz der Fall: Wenn die Bewohner der Twente heute von oetkering, ziekenhoes und bejaordentehoes sprechen, dann reden die Westmünsterländer auch auf Platt über Arbäitslosengeld oder Hartz IV, über Krankenhuus und Altersheim, um nur einige alltägliche Beispiele zu nennen.

Sprachwandel oder Strukturverlust
Wir müssen also konstatieren, dass sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Staatsgrenze in zunehmendem Maße zur Dialekt- und Sprachgrenze entwickelt hat. Sozio-dialektologische Untersuchungen haben zudem ergeben, dass gleichzeitig ein sehr starker Rückgang in der Beherrschung und im Gebrauch der Mundarten stattgefunden hat, vor allem bei der jüngsten Generation, wo er gegen Null geht. Beim Vergleich der Daten zeigen sich gleichartige Tendenzen beiderseits der deutsch-niederländischen Grenze, aber mit folgendem Unterschied: Der Funktionsverlust, also der Rückgang im Gebrauch der Mundart als Alltagssprache, ist in den östlichen Niederlanden weniger stark als auf der deutschen Seite der Grenze. Beim Strukturverlust, d.h. bei der Annäherung der Mundart an die überdachende Standardsprache hingegen ist es genau umgekehrt: Die westniederdeutschen Mundarten sind da stabiler als die ostniederländischen, vermutlich, weil sie wenig gebraucht werden und sprachstrukturell viel weiter vom Hochdeutschen entfernt sind als die ostniederländischen Mundarten vom Standardniederländischen. Der häufigere Gebrauch der Mundarten in den Ostniederlanden
ist wohl der Tatsache zuzuschreiben, dass sie sich sehr stark in Richtung der Standardsprache bewegen; man könnte dort inzwischen eher von (großräumigen) Regiolekten als von (kleinräumigen) Dialekten sprechen.
Eine derartige Entwicklung ist an der deutschen Seite der Grenze bisher undenkbar – hier verschwinden die Dialekte ganz einfach aus dem Alltagsleben. Auf der deutschen Seite der Grenze
spricht man also (noch) Gronauer, Borkener oder Rekener Platt, westlich der Grenze hingegen eher
Achterhoeks oder Twents, wo man früher die Ortsmundart von Winterswijk, Hengelo oder Ootmarsum hören konnte.
Dialektbeherrschung und -gebrauch weisen aber nicht nur regionale, sondern auch individuelle Unterschiede auf – je nach Sozialschicht, Generation, Geschlecht oder Wohngegend, Sprechsituation und Herkunft der Sprecher. Eine detaillierte Erläuterung dieser Parameter würde hier zu weit führen, man kann die gegenwärtigen Verhältnisse aber etwa so zusammenfassen: Beherrschung und Gebrauch der Mundart liegen einerseits relativ hoch bei älteren Menschen, bei Männern, bei Einheimischen, bei Landwirten, in intimen Sprechsituationen (mit Ausnahme des Eltern-Kind-Gesprächs) und in ländlichen Gebieten, und andererseits relativ niedrig bei Schulkindern, bei Frauen, bei Zugewanderten, bei Managern oder Ärzten, in öffentlichen Sprechsituationen und in städtischen Wohngebieten.

Sprachwechsel oder Funktionsverlust

Wie konnte es zu der prekären Situation des Plattdeutschen als Alltagssprache der norddeutschen
Bevölkerung kommen? Wie angedeutet, hat das Plattdeutsche während der letzten beiden Generationen einen enormen Rückgang an kompetenten Sprechern erlebt. In den 1930er Jahren verwendeten in Niedersachsen und Westfalen noch zwischen 50 % und 80 % der Eltern Plattdeutsch im Umgang mit ihren Kindern (abgesehen von einigen städtischen Regionen mit bereits damals niedrigeren Werten). Das Hochdeutsche blieb mehr oder weniger beschränkt auf einige formelle Situationen und auf den schriftlichen Gebrauch. Aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg, und stärker dann in den 1920er und 1930er Jahren war unter dem Druck der Schulen eine Veränderung in Mundartbewertung und Mundartgebrauch in Gang gekommen. Diese veränderte Einstellung verlief seit dem Zweiten Weltkrieg rasend schnell und hatte den allgemeinen Sprachwechsel zum Hochdeutschen zur Folge. Wie das ablief, zeigt der mehrfach preisgekrönte Vredener Mundartautor Aloys Terbille (1936-2009) in seinem Gedicht Use Eegen.
Um die Entwicklung zwischen den 1930er und den 2000er Jahren an einem Einzelbeispiel zu skizzieren, können wir auf die Entwicklung in der westmünsterländischen Gemeinde Heiden verweisen, für die – eher zufällig – entsprechende Daten zum Mundartgebrauch in der Konstellation „Eltern im Gespräch mit ihren Kindern“ vorliegen. Von 85 % im Jahre 1936 verläuft die Entwicklung über 51 % im Jahre 1964 auf 40 % 1971, dann auf 10 % 1981 und auf 2 % im Jahre 2001. Heute wird der Mundartgebrauch in dieser Konstellation vermutlich den Nullpunkt erreicht haben. Vergleichbare Zahlen werden auch aus anderen Grenzregionen genannt.

Außer den Eltern gibt es natürlich noch andere Bezugspersonen, von denen Kinder und Jugendliche die Mundart übernehmen könnten (z.B. die Großeltern, Nachbarn, Freunde, Kollegen usw.), und es gibt immer noch Regionen, wo die Mundart in etwas größerem Umfang an die Schulkinder weitergegeben wird, beispielsweise in der Grafschaft Bentheim und in Ostfriesland. Außerdem liegt die passive Beherrschung der Mundart (Hörverständnis) bei Kindern viel höher als die aktive; so hatten 1989 im Emsland 42,3 % der Zehnjährigen „gute“ sowie 37,4 % „nicht so gute“ Passivkenntnisse gegenüber 3 % „guten“ und 32,6 % „nicht so guten“ Aktivkenntnissen. In dieser ziemlich hohen passiven Dialektkompetenz könnte die Chance für Rettungsaktionen des Plattdeutschen liegen – wenn man denn wollte: Man müsste dann die Bevölkerung der bisher noch einigermaßen dialektbewahrenden Regionen (wie den Grenzgebieten Westmünsterland, Grafschaft Bentheim und Emsland) für die Einsicht gewinnen, dass man mit der Nicht-Weitergabe des Plattdeutschen freiwillig auf ein wichtiges Kulturerbe verzichtet und darüber hinaus der Kindergeneration die Vorteile der Zweisprachigkeit für die Entwicklung ihrer kognitiven Kompetenzen vorenthält. Aber könnte das gelingen?

Die Zukunft der Grenzmundarten: Kulturdialekt?
Das bisher skizzierte prekäre Bild der Grenzmundarten, vor allem auf deutscher Seite, steht in einem gewissen Gegensatz zu den Fortschritten, die das Niederdeutsche in Bereichen verbuchen
konnte, die über die traditionellen Domänen Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis oder Arbeitsstelle hinausgehen. So gibt es heute an ungefähr zehn norddeutschen Universitäten Lehrstühle für niederdeutsche Sprach- und Literaturwissenschaft, und in allen norddeutschen Bundesländern bestehtdie Möglichkeit, das Niederdeutsche innerhalb des Deutschunterrichts zu behandeln. Dazu gehört auch die Pflege der niederdeutschen Literatur in Autoren- und Literaturvereinigungen („Schriewerkringe“), Kongressen und Zeitschriften, aber auch ein niederdeutsches Theater- und Musikleben und eine regelmäßige Präsenz in den Print- und Funkmedien, neuerdings auch im Internet. Und dazu gehört die Anerkennung des Niederdeutschen als Regionalsprache durch den Europarat 1999 mit Maßnahmen, die zu seiner Förderung von staatlichen Instanzen getroffen werden sollen. Gleiches gilt übrigens für das Nedersaksisch im Osten und für das Limburgische im Süden der Niederlande.

Anders jedoch als in den östlichen Niederlanden, wo die inzwischen zu Regiolekten mutierten Dialekte eine gewisse Überlebenschance haben, macht die Entwicklung der letzten Jahrzehnte im westlichen Westfalen vorläufig wenig Hoffnung auf die Bewahrung des Niederdeutschen – außer in Straßen- und Wirtshausnamen. Es ist kaum zu erwarten, dass das Plattdeutsche wieder die Rolle der Alltagssprache übernehmen könnte, denn es wurde in den letzten zwei Generationen ja in fast allen – selbst in den intimen – Sprachdomänen durch das Hochdeutsche ersetzt.
Dennoch stellt sich die Frage, ob denn überhaupt keine Aussicht besteht, das Niederdeutsche in einer – wenn auch funktional begrenzten – Rolle zu bewahren. In Ostfriesland scheint das übrigens
gelungen zu sein. Hierzulande wird man sich vorerst wohl mit Sprachverhältnissen begnügen müssen, die man mit „kleine Zweisprachigkeit“ umschrieben hat: Plattdeutsch als Zweitsprache, als
Kulturdialekt, als Hobby und Freizeitbeschäftigung, notfalls reduziert auf nur noch passive Kompetenz.
Ein Anfang zur Verbesserung seines Ansehens könnte darin liegen, dass man Schüler im
Deutschunterricht neugierig macht, indem man überhaupt noch darüber spricht. Vor allem müsste
man aber die Einstellung eines großen Teils der Bevölkerung verändern, ein schwieriges Unterfangen.
Es geht dabei um die Definition der regionalen oder lokalen Identität, ausgehend von der Annahme: Je mehr sich jemand mit seiner Region oder seinem Wohnort identifiziert, je größer der
Wunsch nach „Verwurzelung“ in einer bestimmten Landschaft, desto selbstverständlicher wäre
dann die Einstellung, dass das Niederdeutsche auch heute noch zur Region gehört – nicht nur historisch, nicht nur in Frakturschrift und nicht nur bie’n Heimataobend!

 

Literatur

Ferdinand Freiherr von Hamelberg: Statistische Darstellung des Kreises Borken. Wesel 1863.

Ludger Kremer: Grenzmundarten und Mundartgrenzen. Untersuchungen zur wortgeographischen Funktion der Staatsgrenze im ostniederländisch-westfälischen Grenzgebiet (Niederdeutsche Studien, 28). 2 Bde. Köln, Wien 1979.

Ludger Kremer: Das westmünsterländische Sandplatt (Westfälische Mundarten, 2). Münster 2018.
Ludger Kremer, Veerle Van Caeneghem: Dialektschwund im Westmünsterland. Zum Verlauf des niederdeutsch-hochdeutschen Sprachwechsels im 20. Jahrhundert (Westmünsterland. Quellen und Studien, 17). Vreden 2007.

Gertrud Reershemius: Bilingualismus oder Sprachverlust? Zur Lage und zur aktiven Verwendung des Niederdeutschen in Ostfriesland am Beispiel einer Dorfgemeinschaft. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 69 (2002) 163-181.

Bernd Robben: Der Schwund der plattdeutschen Sprache in der Region Emsland/Grafschaft Bentheim – Zwei Untersuchungen von 1990 und 2011. In: Emsländische Geschichte 19 (2011) 101-138.

Karl Schulte Kemminghausen: Mundart und Hochsprache in Norddeutschland. Neumünster 1939.
Tom F. H. Smits: Strukturwandel in Grenzdialekten. Die Konsolidierung der niederländisch-deutschen Staatsgrenze als Dialektgrenze (ZDL Beihefte, 146). Stuttgart 2011.

Dieter Stellmacher: Wer spricht Plattdeutsch? Zur Lage des Niederdeutschen heute. Eine kurzgefaßte Bestandsaufnahme.Leer 1987.

Aloys Terbille: Welldage. Niederdeutsche Gedichte aus dem Grenzland. Zelhelm, Vreden 1997.