Hermann Fenbert

Selbstbewußtsein zeigen!

Plattdeutsch ist meine Muttersprache. Die ersten Wör­ter, die ich mir als Kind unbewußt einprägte, waren aus dem Plattdeutschen. Mit meinen Eltern und Geschwi­stern fand die Kommunikation auf Plattdeutsch statt. Hochdeutsch habe ich bewußt erst nach der Einschu­lung gelernt. Und ich gebe zu, das inhalierte Platt­deutsch war für die Umstellung auf Hochdeutsch eine Hürde. Zur Zeit meiner Kindheit wurde zu Hause in der Familie, aber auch im Dorf und in der dörflichen Umge­bung plattdeutsch gesprochen.

Erst mit meinem Eintritt ins Internat in Papenburg wur­de Hochdeutsch auch zur täglichen Umgangssprache. Der Übergang vom Hochdeutschen ins Plattdeutsche erfolgt immer noch ansatzlos. Plattdeutsch habe ich hin und wieder zu schreiben versucht. Die Schreibweise und Grammatik ist nicht so exakt definiert, daß das Schreiben flüssig von der Hand geht. Dies beruht wohl auch darauf, daß das Platt­deutsche von Dorf zu Dorf – also auf engstem Raum – variiert. Es ist eine Sprache, die mündlich weitergegeben wird, die sich gleicher schriftlicher Fixierung selbst für eine Region entzieht (Dietrich Ohlmeyer hat dies in „Dat grode Plattdütsch-Book”, Verden/Aller, 1997, sehr plausibel beschrieben)

Als ich aus beruflichen Gründen nach Süddeutschland zog und nach einigen Jah­ren aufgrund regionaler Zuordnung der Aufgaben wieder nach Norddeutschland, insbesondere ins westliche Niedersachsen kam, war das Plattdeutsche nicht selten der Türöffner zum Geschäftspartner. Ich habe das Plattdeutsche dann auch bei of­fiziellen Veranstaltungen für Begrüßungen oder für Grußworte eingesetzt. Die Bausparkasse Schwäbisch Hall in Verbindung mit Plattdeutsch führte direkt zu Nachfragen, Wieso und Warum, und war nicht nur Gesprächsstoff, sondern bot Anknüpfungspunkte für weitere Beziehungen.

Die gute Verbindung zum Plattdeutsch-Fan und Herausgeber des oben erwähnten Buches, Herrn Dietrich Ohlmeyer, den ich beim Genossenschaftsverband Hanno­ver kennenlernte und der später als Wirtschaftsprüfer Jahresabschlüsse der Bausparkasse Schwäbisch Hall testierte, als ich für das Rechnungswesen der Bausparkasse zuständig war, beruht sicher auch auf unserer gemeinsamen Sprache Plattdeutsch.

Auffällig für mich war, daß immer dann, wenn wir uns auf dem Weg von Schwäbisch – Hall ins Emsland Münster näherten oder passiert hatten, wir unbewußt unsere Unterhaltung ins Plattdeutsche wechselten. In Schwäbisch Hall sprechen wir in der Familie nicht plattdeutsch; sind wir im Emsland, fließen schon plattdeutsche Sätze ein. Bestimmte Aussagen lassen sich in Plattdeutsch besser sagen als auf Hochdeutsch.

Plattdeutsch ist zu pflegen, wenn es erhalten bleiben soll. Während meiner Kind­heit war es die Sprache in der Familie und in der Umgebung. Heute spreche ich mit gleichaltrigen Bewohnern in Hesselte plattdeutsch, mit jüngeren ohne Über­gang Hochdeutsch. Plattdeutsch ist selbst in landwirtschaftlichen Haushalten nicht mehr die Tagessprache. Also: Pflege tut Not, wenn die Sprache erhalten bleiben soll. Es ist eben keine Mundart, also ein eingefärbtes Hochdeutsch, sondern eine Sprache, die verlangt: Entweder spreche ich hochdeutsch oder plattdeutsch. Daher st die Pflege der Sprache erforderlich.

Bisherige Veröffentlichungen auf Plattdeutsch und weitere Veröffentlichungen al­lein werden die Sprache nicht erhalten können. Es muß wieder eine mündliche Überlieferung einsetzen! Und es gibt eigentlich keinen Grund, sich dieser Sprache zu schämen. Mit dem wachsenden Selbstbewußtsein über die wirtschaftliche Ent­wicklung in Norddeutschland wird hoffentlich auch das Selbstbewußtsein für das Plattdeutsche wieder wachsen.

Der Niederländer Hennie Engelbertink

 

Beiderseits der Grenze eine Sprache

Als Ausländer – vom deutschen Standpunkt aus gese­hen – bin ich froh, daß auch ich als Autor für dieses Buch angesprochen wurde. Allerdings fühle ich mich in dieser Angelegenheit gar nicht als Ausländer, denn ich spreche die gleiche Sprache, ich gehöre zum gleichen Sprachgebiet: Der Nordosten der Niederlande und der Norden Deutschlands haben im Platt keine Verständi­gungsprobleme.

Ich bin geboren auf einem Bauernhof in Rossum in der Torenter Gegend. Auf dem Lande war es selbstverständlich, daß die Eltern platt mit ihren Kindern sprachen. In den Schulmeisterfamilien wurde allerdings schon niederländisch geredet, denn Terwey hatte 1885 in seiner Grammatik für zukünftige Lehrer geschrieben: „Die Sprache, die von gebildeten Landsleuten gesprochen und geschrieben wird, ist Niederländisch. Die Sprache der ungebildeten Niederländer ist Mundart.” Als Fünf­jähriger kam ich in den Kindergarten und hatte damit die erste Berührung mit dem Niederländischen. Natürlich machte das Schwierigkeiten. In der Schule erlernte ich dann den klaren Unterschied zwischen Niederländisch und Twents.

Als viele Eltern meinten, in dieser Zeit auch niederländisch mit ihren Kindern spre­chen zu müssen, kam dieser klare Unterschied nicht zustande. Was man da hören mußte, war kein Niederländisch und kein Platt, es ging alles durcheinander. Das Ergebnis war, der Dialekt schwindet und das Niederländische wird schlechter.

Als ich 1970 meine Frau heiratete, haben wir überlegt, welche Sprache wir mit un­seren Kindern sprechen sollten. Wir haben uns für Twents entschieden. Mit wel­chen Auswirkungen? Meine Tochter (heute 25) hatte Freundinnen, die schlecht niederländisch sprachen. Ihre Hochsprache leidet noch heute darunter. Sie hat bei ihren Altersgenossinnen Unmut erzeugt, wenn sie das richtige Niederländisch, wie sie es zu Hause und in der Schule erlernt hatte, anwandte. Unser Sohn (22) ist ganz anders, er hat in seiner Freizeit immer twents gesprochen. Die tägliche Wirk­lichkeit zeigt uns, daß Jungen eher platt sprechen als Mädchen.

Meine Frau und ich hatten mit unserer Entscheidung für den Dialekt auch eine bessere Verständigung unserer Kinder im niederländisch-deutschen Grenzraum erwartet. Leider habe ich damit schlechte Erfahrungen gemacht: Als wir einmal auf dem Isterberg waren, sprach mein Sohn einen deutschen Jungen auf Platt an, der konnte jedoch nur hochdeutsch.

Als ich etwa 20 war, wollte ich in Nordhorn auf Hochdeutsch einen Weg erfragen. Der Gefragte antwortete: „Doo mer röstig Platt”. Für mich bedeutete es, als wäre ich in meinem eigenen Land. Deshalb bin ich auch als Niederländer viel in Deutschland, ich würde sogar sagen, daß Deutschland mein zweites Land ist, fast so wie die Niederlande.

Als ich im Lehrerstudium war, bekamen wir die Möglichkeit, die Altendorfer Schule in Nordhorn zu visitieren. Meine besondere Vorliebe galt schon damals dem Fach Heimatkunde. Allerdings war ich in Nordhorn enttäuscht, was die Un­terrichtsinhalte dieses Faches anging. Insbesondere fehlten mir die Behandlung und der Umgang mit dem Dialekt. Ich habe den Kindern an folgendem Tafelsche­ma aufgezeigt, wie verwandt die Regionalsprachen diesseits und jenseits der Gren­zen sind:

Deutsch                 Nordhorns             Rossums                Niederländisch

Maulwurf               Vroot                     Vroot                     mol

Grünkohl               Moos                      Moos                     boerenkool

Raupe                     Rup                        Rup                        rups

Hose                      Boks                      Boks                         broek

manchmal             mangs                    mangs                 soms

Holzbündel           Busche                   Busche                   takkenbos

Gewitter                Grommelschur       Grommelschur       onweer

Iltis                         ülk                         ülk                         bunzing

rauchen                 roakn                     roakn                     roken

Nach meinem Diplom habe ich mich ab 1967 auch der Ahnenkunde zugewandt. Dabei stieß ich auf Namensverwandte auch auf deutscher Seite, wie zum Beispiel im Münsterland, im Artland (Groß Mimmelage), in Suddendorf und Haftenkamp in der Grafschaft. Es ließen sich gemeinsame Vorfahren nachweisen. Ich kam mit diesen Namensvettern in Kontakt, überall konnte ich in der gleichen Sprache mit ihnen sprechen. Das war eine sehr positive Erfahrung: überall dieselbe Mentalität, ruhige, zuverlässige, nette und freundliche Menschen.

Nachdem ich viele Unterlagen gesammelt hatte, haben wir am 7. November 1995 ein Namenstreffen gemacht, an dem Tag, als der Erzbischof Engelbert von Köln in früherer Zeit ermordet wurde. Zu diesem Anlaß habe ich das Buch „Kroniek Engelbertink” vorgestellt. Da ich ein Buch für Deutsche und Niederländer schreiben wollte, habe ich twents Platt gewählt.

Mir ist klar, daß der Dialekt eine Sprechsprache ist, aber ich finde, daß man eine Mundart auch auf eine höhere Ebene bringen kann durch das Schreiben, die Ver­wendung in der Schule und im Radio (geschieht in Friesland und anderen Gegen­den). Allerdings fehlt es bei uns völlig im Fernsehen, und wir sind eifersüchtig auf “Talk up Platt” auf deutscher Seite.

Die Mundart hat meinen Beruf bestimmt. Als ich etwa 11 Jahre alt war, las ein Lehrer aus einem Buch über Sagen und Legenden manchmal Twents vor. Davon War ich jeweils so begeistert, daß ich das später ebenfalls als Lehrer übernommen labe. Unser Grundschulunterrichtsgesetz läßt den Gebrauch der Mundart zu, deshalb habe ich es auch regelmäßig – auch wenn mein Schuldirektor heftig dagegen war – etwa jede Woche eine halbe Unterrichtsstunde praktiziert.

Insgesamt bin ich pessimistisch und denke, daß unser Säksisch (Platt) verlorengeht.

‘Fazit: In Deutschland propagiert man, niederländisch zu sprechen, und in den Niederlanden macht man Werbung für die deutsche Sprache. Wäre es nicht besser, unsere gemeinsame säksische Muttersprache zu fördern?

Wichtige Aussprüche zum Plattdeutschen 1

 

Uwe Friedrichsen

Schauspieler, 1934 in Hamburg Altona geboren

Ich halte das Niederdeutsche für eine ungemein kraftvolle und lebendige Sprache, die in der Skala ihrer Ausdrucksmöglichkeiten und in der Treffsicherheit ihrer Bilder, Vergleiche und Sprichwörter das hochdeutsche weit in den Schatten stellt. Nicht umsonst haben ja die Dichter und Schriftsteller, dieser Sprache mächtig sind, bekannt, dass sie sich am liebsten Niederdeutsch ausdrücken.

in: Niederdeutsch heute Seite 74 https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/25/Uwe_Friedrichsen.jpg

 

Knut Kiesewetter

Musiker        * 1941 Stettin;     † 2016

.Als ich 1971 das erste plattdeutsche Lied aufnahm, wußte ich nicht, welche Welle sich in Bewegung setzen würde. Auf der einen Seite freute mich das natürlich sehr, auf der anderen Seite mußte ich aber inzwischen zu meinem Bedauern feststellen, daß auch die vielen inzwischen plattdeutsch- oder friesischsingenden jungen Leute nicht mithelfen können, diese Sprachen vor dem Untergang zu retten. Schade!

In: Niederdeutsch heute, Seite 133

 

Walter Kempowski

https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Kempowski#/media/File:Kempowski.jpg

Schriftsteller 1929 – 2007

Mein Großvater sprach Platt ausschließlich, mein Vater gelegentlich, und ich verstehe es. Es ist mir immer als lieber, drastischer Bruder des Hochdeutschen vorgekommen, den man unverdienter Weise in der Küche oder im Stall lässt, wenn der Besuch kommt. Beim Schreiben kommen mir häufig plattdeutsche Ausdrücke unter, deren Treffsicherheit in diesem Falle vom Hochdeutschen nicht erreicht wird. Bereiche gibt es freilich, die dem Platt verschlossen sind. Eine plattdeutsche Predigt: Hier sagt mein Sprachgefühl “ nein“. Die größte Berechtigung dazu sein, hat diese Sprache dort, wo sie lebt: im Gespräch über den Zaun. Sie wird noch lange leben, länger als wir.

Aus: Niederdeutsch heute, Seite 131

 

Helmut Schmidt

https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Schmidt#/media/File:Verteidigungsminister_Helmut_Schmidt.jpg

Bundeskanzler         1918 in Hamburg geboren

Wo, wann und wie sind Sie mit der niederdeutschen Sprache in Berührung gekommen?

Schon als Kind. In den zwanziger Jahren wurde in vielen Stadtteilen Ham­burgs bei den Arbeitern und bei den Kindern auf der Straße Platt gespro­chen; mein Großvater väterlicherseits, der Lagerarbeiter im Hafen war, sprach nur Platt mit uns Enkelkindern, meistens ebenso unsere Großmutter. Aber auch in der Schule lernten wir zum Beispiel plattdeutsche Gedichte.

Welche Erfahrungen haben Sie im aktiven oder passiven Umgang mit dieser Sprache gewonnen?

Die niederdeutsche Sprache vermittelt ein Gefühl der Gelassenheit und „Gemütlichkeit”. Manche Dinge lassen sich auf Platt leichter sagen als auf Hochdeutsch, vieles klingt nicht so hart.

Was bedeuten diese Kenntnisse und Erfahrungen heute in Ihrem privaten und beruflichen Leben?

In Schleswig-Holstein, Hamburg oder im nördlichen Niedersachsen spreche ich ganz gerne Platt — häufig in der Form von Einschiebseln in der Rede oder der Diskussion, bisweilen aber auch im persönlichen Gespräch. Der Kontakt zur Landbevölkerung, aber auch zu Bauarbeitern oder zu ganzen Belegschaftsversammlungen in Fabriken, ist vieler Orten immer noch auf Platt besser herzustellen. Auch in Holland und in Flandern kann man manchmal mit Platt Gutes bewirken.

Welche Meinung haben Sie über die soziale und kulturelle Bedeutung dieser Sprache in unserer Zeit?

Das Niederdeutsche ist eine eigene Sprache, kein Dialekt. Das Niederdeutsche ist ein Teil unserer Kultur mit eigenständiger Prosa und Poesie. Schon aus diesem Grunde sollte es gepflegt werden. Vielleicht sollten wir nicht nur Naturschutz und Denkmalspflege betreiben, sondern auch Sprachschutz.

aus: Niederdeutsch heute Seite 220

 

Dr. Werner Remmers

ehem. Niedersächsischer Kultus- und Umweltminister

Helmut Kohl sagte einmal: Wenn Remmers einem was unterjubeln will, spricht er immer plattdeutsch.’ Da war was dran.”

 

 

 

Dr. Bernard Krone

Fabrikant

Ich kann durch meine plattdeutsche Sprache auch meine innere Überzeugung kundtun, daß die Leute ehrlich davon überzeugt sind, der Krone ist noch bodenständig, er gehört zu uns Emsländern.

Foto: Archiv Robben

 

Dr. Hans Tiedeken

ehem. Präsident des Deutschen Heimatbundes

Ein besonderes Erlebnis war für mich ein Besuch beim Papenburger Club in New York. Hier trafen sich Papenburger Einwanderer, und Pflichtsprache war Platt.

Foto: Archiv Robben

Friedrich Scholten

ehem. Präsident der Landwirtschaftskammer Weser-Ems

Durch Platt werden Hierarchien abgebaut.

Foto: Archiv Robben

 

Dr. Gerhard Stoltenberg

ehem. Ministerpräsident des Landes Schleswig Holstein

https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Stoltenberg#/media/File:Verteidigungsminister_Dr._Gerhard_Stoltenberg_(4909220253).jpg

Wie ich bei meinem jüngsten Amerika­besuch aus Anlaß des 200jährigen Jubiläums der USA feststellen konnte, beherrschen selbst nach mehreren Generationsfolgen die Nachkommen noch vielfach die niederdeutsche — oft ausschließlich durch mündliche Überliefe­rung von Großeltern und Eltern —, dagegen nicht die hochdeutsche Sprache. Noch heute gibt es zahlreiche damals gegründete plattdeutsche Vereine in den USA, die die niederdeutsche Sprache pflegen. Diese Erfahrung beweist, wie lebenskräftig das Plattdeutsche ist.

Bericht über Reiseerfahrungen in den USA 1975

aus: Niederdeutsch heute Seite 248

 

Prof. Dr. Hans Taubken

Ich hatte in meiner Kindheit zwar ein plattdeutsches Ohr, aber keine plattdeutsche Zunge, das heißt: meine nicht gerade umfangreichen Kennt­nisse des Plattdeutschen waren mehr passiver Art.

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http://www.watt-up-platt.de/wp-admin/post.php?post=824&action=edit

 

Dr. Andreas Eiynck

 

Die Sputnik-Generation

 

Daß der Niedergang der niederdeutschen Sprache mit einem Ereignis im Weltall zusammenhängen könnte, mag auf den ersten Blick unwahrscheinlich erscheinen. Als aber im Herbst 1957 die Sowjetunion die beiden Satelliten Sputnik I und II mit der Polarhündin Leika in den Weltraum katapultierte, wurde dieses Ereignis zu einem wesentlichen Auslöser der bildungs- und gesellschaftspolitischen Diskussionen und Reformen der 60er Jahre. Es entstand die sogenannte „Sputnik-Generation”, die mit Kurzschuljahren in das Bildungssystem eingeführt, mit der Abschaffung der Volksschule und der Zwergschulen weiterbetreut und schließlich, nun schon in den 70er Jahren, mit der Einführung der reformierten Oberstufe beglückt wurde. Mengenlehre, englische Sprache und nicht zuletzt die Popmusik haben das Denken (und Handeln?) dieser Generation geprägt, zu der zu zählen auch ich mich glücklich schätzen darf

Denn eigentlich, das muß man offen bekennen, fehlte es uns, den Kindern und Ju¬gendlichen der 60er und 70er Jahre, an nichts. Alles konnten wir werden, haben, erreichen, nur eines war verpönt – die plattdeutsche Sprache und die damit verbundene traditionelle Lebenswelt auf dem Lande, die als ein entscheidender Hemmschuh für „fortschrittliche Entwicklung” von Bildung uni Gesellschaft und vor allem bei der korrekten Erlernung der schwierigen hochdeutschen Sprache angesehen wurde.

Auch in unserem münsterländischen Landstädtchen vermieden es unsere Eltern ganz bewußt, ihre überlieferte Mundart an uns weiterzugeben. Aus uns sollte schließlich etwas werden: Lehrer, Beamter oder gar Ingenieur. Plattdeutsch konnte bei solchen Bildungszielen nur hinderlich sein.

So plagten wir uns mit „mir” und „mich” oder „wem” und „wen”, wobei den Möglichkeiten zur grammatikalischen Hilfestellung durch unsere Erzieher gelegentlich enge Grenzen gesetzt waren. Nur wer Glück hatte, konnte bei Großeltern, Verwandten oder Nachbarn auch plattdeutsche Grundkenntnisse aufschnappen – und das in der Heimat von Augustin Wibbelt und Karl Wagenfeld, Anton Aulke und Natz Thier.

Aber – ehrlich gesagt – so richtig vermißt haben wir als Kinder und Jugendliche das Plattdeutsche damals nicht. Ganz sang- und klanglos verschwand innerhalb einer Generation das Plattdeutsche aus vielen Familien und aus der Öffentlichkeit.

Zum Stand des Plattdeutschen im Kreis Lingen 1954

Im Jahre 1954 beschäftigt sich Prof. Dr. Theodor Baader aus Münster mit dem Plattdeutschen im damaligen Landkreis Lingen

 Im überwiegenden Teil seiner Studie untersucht er die Lautverschiedenheiten in der Aussprache bestimmter Wörter von Ort zu Ort.

Erst im letzten Teil seiner Abhandlung spricht er die Verbreitung des Gebrauchs der Mundart zur damaligen Zeit an.

 

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DEU_Kreis_Lingen_COA.svg

 

 

Leben und Kraft der Mundart

Mit Ausnahme der Stadt Lingen, wo es nur noch wenige Mundartsprecher gibt, aber die meisten Alteinheimischen Plattdeutsch doch noch verstehen, hat sich im übrigen Kreise Lingen die Mundart als tägliche Verkehrssprache hinsichtlich ihres Lautsystems und ihrer typischen Sprachform noch einigermaßen gut erhalten. Aber als bedauerliche Tatsache ist zu verzeichnen, daß manche altertümliche Wörter von der Jugend nicht mehr benutzt werden, ja auch den Alten nur noch schwer erinnerlich sind. Es sind dies Wörter für kleine Tiere, Kräuter und umgangssprachliche Ausdrücke, die ich in der Zeit zwischen etwa 1910 bis 1914 aus dem damals noch lebendigen Wortschatz notieren konnte. Neubelebung des Alten aber wird im Kreise erstrebt u. a. auch durch mundartliche Beiträge in den für den Kreis Lingen von der Lehrerschaft unter der beseelenden Leitung des vorn E ichsfeld stammenden Emsbürener Lehrers Chr. Oberthür herausgegebenen „Heimatkundlichen Lesebogen”. Durch dieses Mittel soll auch der altertümliche Lingensche Wortschatz der Jugend wieder näher gebracht werden.

Verwertung der ungemischten Heimatsprache für die gute Reimdichtung und Prosa-Erzählung ist erst vor kurzem Tatsache geworden, indem die begabte, heute ungefähr fünfzigjährige, in Meppen tätige Gewerbe-Oberlehrerin Maria Mönch-Tegeder, ein Kind des gleichnamigen Hofes in Mehringen, Kirchspiel Emsbüren, ihre unverfälschte plattdeutsche Muttersprache in urwüchsiger Form in die Literatur eingeführt hat. Ihr Buch „Land unner Gottes Thron”  (von Dr. Alma Rogge gewürdigt in „Niedersachsen” 52, 1952, S. 30) und ihre geistreiche realistische Schilderung „Plattdütske Romräse mit Härohm, Köster und Börgermester” und kleinere Schöpfungen sind die ersten wirklich bodenständigen Sprachdenkmäler, die der Lingensche Sprachraum aufzuweisen hat. Früher haben sich „Ausländer” wohl in der Lingenschen Mundart versucht, so der vom Hümmling stammende bekannte Pastor B. Köster, der in Spelle und Lengerich tätig war. Sein Roman „Bur, holl faste wat du häst”, in der Oranierzeit spielend, bemüht sich um das Lingener Platt. Der aus dem Osnabrücker Land stammende Lehrer Joseph Tiesmeyer (gest. in Emsbüren) und der 1933 in Spelle verstorbene Lehrer Heinrich Wellmann haben zwar auch mundartliches Sprachgut gesammelt, aber Lautung und Sammelgut sind aus anderer Mundart gemischt, hauptsächlich aus der Osnabrücker Landschaft.

Forschungsmittel zur Erhaltung der Lingener Mundart

Um die akustischen Werte der Lingener Hauptmundarttypen der künftigen Forschung zu überliefern, habe ich im Jahre 1950 drei Magnetophonbandaufnahmen gemacht, und zwar von den Ortsmundarten Bawinkel, Berge (Kirchspiel Emsbüren) und Lohne (Kirchspiel Schepsdorf), im Jahre 1951 von zwei weiteren, nämlich Freren und Mehringen (Kirchspiel Emsbüren), für jede dieser Mundarten je 147 Sätze und eine freie Erzählung. Die diesem Aufsatz beigefügten Sprachkarten beruhen auf einer Auswahl des landeskundlich Wichtigsten aus rund 300 Einzelkarten. Ausführlicher soll der bis jetzt nach direkter Methode gesammelte Sprachstoff in einer Darstellung der ganzen emsländischen Sprachlandschaft behandelt werden.

 

aus: Baader, Theodor, Mundarten: Der Kreis Lingen im nordwestdeutschen Sprachraum in: Pohlendt, Der Landkreis Lingen, Bremen 194, Seite 242

 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b6/Landkreis_Lingen_1974.png

Vergebliche Mühen beim Enkel

Platt mit meinem Enkel Mats Bernd

Im November 2012 wird mein Enkel Mats Bernd Robben geboren.

Seine Eltern leben in direkter Nachbarschaft zu uns weniger als hundert Meter entfernt.

Beide sind als Lehrpersonen berufstätig. Mein Wunsch, meinen Enkel von Anfang an in der plattdeutschen Sprache zu begleiten, wird von beiden Elternteilen begrüßt. Sie werden mit ihrem Sohn hochdeutsch sprechen.

Diese verabredete unterschiedliche Sprachsituation gestaltet sich praktisch so, dass ich nahezu durchgehend täglich mit ihm zusammen bin. Seine sprachliche Entwicklung läuft also in regelmäßiger Selbstverständlichkeit völlig unproblematisch bilingual ab.

Die plattdeutsche Sprachanwendung durch seinen Großvater nimmt er bis zu einem Alter von 3 Jahren und 4 Monaten als selbstverständlich hin. Wie aus heiterem Himmel bringt er zu diesem Zeitpunkt deutlich Kritik an: Opa, du sagst immer “Water” , Mama und Papa aber “Wasser” . Aber Papa und Mama haben Recht, ich will nicht mehr plattdeutsch mit dir sprechen.

Wir haben in dieser Situation Familienrat abgehalten mit dem Ergebnis, dass ich vorläufig weiterhin mit ihm plattdeutsch sprechen solle. Als er dann erneut nach etwa zwei Wochen deutlich macht, dass auch ich mit ihm hochdeutsch sprechen soll, habe ich von mir aus das Plattdeutsche aufgegeben –  vor allen Dingen auch mit der Frage: Mit wem soll Mats Bernd denn in zwanzig Jahren noch plattdeutsch sprechen?

Mehrfach habe ich mittlerweile von ähnlichen negativen Erfahrungen anderer Omas und Opas Kenntnis bekommen.

Foto: Bildmontage aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Kindheit#/media/File:Pieter_Bruegel_the_Elder_-_Children%E2%80%99s_Games_-_Google_Art_Project.jpg

Prof. Dr. Utz Maas zur Untersuchung im Emsland

Erläuterungen zu dem Brief von Prof. Dr. Utz Maas:

Zunächst die eigene Einschätzung von Dr. Maas, der bei seinen Studierenden durchaus als Hardliner bekannt war:

Von Ihren gründlichen und reflektierten Vorüberlegungen bin ich sehr beeindruckt.

Eigentlich geht das gar nicht, was nun kommt: Eine Reihe von Lehrstuhlinhabern Niederdeutsch bestätigen übereinstimmend einem Dorfschulmeister, dass er ein Optimum in ihrem angestammten Wissenschaftsbereich liefert.

Alle waren sehr angetan von ihrem Vorhaben und den Vorarbeiten. Im Rahmen des Machbaren (…) handelt es sich sicherlich um ein Optimum.

Im nächsten Satz kommt noch die Steigerung: Der damalige Plattdeutschpapst Prof. Dr. Stellmacher (Lehrstuhlinhaber an der Uni Göttingen und derzeitiger Chef des Niederdeutschen Institutes in Bremen) bringt eine Beschreibung und Auswertung seiner  Plattdeutschbefragung im gesamten niederdeutschen Sprachbereich heraus und eben dieser Dorfschulleiter aus dem Emsland wagt es, diesen Fachwissenschaftlicher zu kritisieren:

Von dieser Untersuchung (Robben) sind wichtige Differenzierungen gegenüber den allzu undifferenzierten Ergebnissen der GETAS – Umfrage (Prof. Dr. Stellmacher) zu erwarten.

Prof. Dr. Ludger Kremer – mittlerweile emeritiert – war lange Jahre an der Universität in Antwerpen als Sprachwissenschaftler tätig. Er hat mich mehrfach bei meiner Arbeit hier im Emsland unterstützt.

Das beste Lob für Ihre Vorarbeiten liegt vielleicht darin, dass der Kollege Kremer für seine 1991 geplante Wiederholung der Umfrage im  westmünsterländlichen Raum Ihre Erweiterung seines Fragebogens übernehmen will. Mit den Ergebnissen Ihrer Untersuchung hätten wir dafür ein vorzügliches Instrument in den Händen.

Und nun der sicher ehrlich gemeinte Wunsch des Wissenschaftlers.

In diesem Sinne kann ich Ihnen nur wünschen, dass Sie für die Durchführung Ihres Vorhabens die nötige Unterstützung im dienstlichen Bereich, aber auch bei den materiellen Ressourcen finden und nicht zuletzt: dass Sie den Mut und die Energien für ein so aufwändiges Vorhaben weiterhin aufbringen.

Nun lag erstmals eine Untersuchung von aktiver und passiver Kompetenz vor.

Gesteckte Ziele nicht erreicht – Landschaftstag 2012

 

KOMMENTAR zum Landschaftstag 2012 im Kloster Frenswegen. Veranstalter war die Emsländische Landschaft

Ostfriesen nacheifern

Von Ludger Jungeblut

Plattdeutsch fasziniert bis heute. Deshalb ist es vornehmste Aufgabe der Emsländischen Landschaft, sich um den Erhalt und um die Verbreitung der niederdeutschen Sprache zu kümmern, die den Bewohnern der Region eine unverwechselbare Identität gibt.

Die Emsländische Landschaft widmete dieser Thematik am 16. November 2012 im Kloster Frenswegen einen ganzen Landschaftstag.

Ehrgeizige Ziele wurden gesteckt.

Doch die Zwischenbilanz sei ambivalent, stellte jetzt der Geschäftsführer der Emsländischen Landschaft, Josef Grave, in der Mitgliederversammlung in Lingen ehrlicherweise fest.

Einige Projekte ließen sich nicht verwirklichen, während andere Vorhaben im Zusammenhang mit Kindergärten auf gutem Weg seien.

Die Herausforderung ist groß. denn Plattdeutsch ist inzwischen in Städten wie zum Beispiel Lingen fast völlig verschwunden. Jetzt rächt es sich, dass viele Schulen im hiesigen Raum in den Sechziger-und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts Plattdeutsch aus dem Unterricht regelrecht verbannten.

Es bleibt also spannend, ob es doch noch gelingt, die plattdeutsche Sprache langfristig zu erhalten und in dieser Hinsicht den Ostfriesen nachzueifern. Landschaftspräsident Hermann Bröring wird im Team mit vielen Mitstreitern nichts unversucht lassen, dieses große Ziel zu erreichen.

I.jungeblut@

lingener-tagespost.de  Montag, 13. Januar 2014

https://www.noz.de/lokales/lingen/artikel/442154/den-ostfriesen-nacheifern

 

Prof. Dr. Utz Maas (Uni Osnabrück) zu GETAS und mehr

Der Sprachwissenschaftler Professor Dr. Utz Maas stellt auf einer Fachtagung in Herford in Zusammenarbeit mit den Fachkollegen Prof. Dr. Ludger Kremer (Antwerpen), Prof. Dr. Niebaum (Groningen) und Prof. Dr. Hans Taubken (Münster) fest (s. u.) :

Von dieser Untersuchung sind wichtige Differenzierungen gegenüber den allzu undifferenzierten Ergebnissen der GETAS Befragung zu erwarten.

Hier tritt also ein Schulpraktiker gegen einen Hochschullehrer an und dessen Kollegen stellen fest:

Alle waren sehr angetan von Ihrem Vorhaben und den Vorarbeiten. Im Rahmen des Machbaren (jedenfalls bei den institutionalen Rahmenbedingungen, unter denen Sie die Untersuchung durchführen wollen) handelt es sich sicherlich um ein Optimum.

Foto des Logo: Archiv Robben