Prof. Dr. H. Menke (Uni Kiel) zu GETAS

Auch Prof. Dr. Hubertus Menke, derzeitiger Lehrstuhlinhaber “Niederdeutsch” an der Universität Kiel, kritisiert die fachspezifische Aussagequalität der GETAS Umfrage deutlich:

Zur Sprachkompetenz des Erhebungsgebietes kann daher ohne Zweifel Konkretes ausgesagt werden, auf jeden Fall mehr als durch die Einschätzungserhebung der Ihnen womöglich bekannten GETAS-Untersuchung.

Noch einmal im Kontext zu der Beurteilung der Entwurfs der “Emsland – Untersuchung” (Robben):

Diese Hilfestellung fällt mir umso leichter, als das von Herrn Robben durchgeführte Erhebungsverfahren mir statistisch einwand­frei erscheint und sicher zu beurteilende bzw. zu kontrollierende Testführungen enthält. Zur Sprachkompetenz des Erhebungsgebietes kann daher ohne Zweifel Konkretes ausgesagt werden, auf jeden Fall mehr als durch die Einschätzungserhebung der Ihnen womöglich bekannten GETAS-Untersuchung. Ebenso scheint mir die Auswahl der Probanden-Gruppe signifikant für prognostizierende Schlüsse zu sein. Ich bin daher selbst auf die Ergebnisse gespannt.

Foto:https://de.wikipedia.org/wiki/Christian-Albrechts-Universit%C3%A4t_zu_Kiel#/media/File:Olshausenstrasse_Kiel_Zugang_Uni.jpg

Dr. W. Lindow zu GETAS

Auch der ansonsten sehr zurückhaltende und sachliche damalige Geschäftsführer  des ins, Dr. Wolfgang Lindow, nimmt klar Stellung zur GETAS Befragung:

Sehr geehrter Herr Robben,

für die Überlassung des reichen Materials danke ich Ihnen sehr herzlich, enthält es doch eine Fülle von Anregungen und viele Ansätze, die erfolgversprechend scheinen. Ich möchte Ihrem Anlagenschema entsprechend wunschgemäß zu dem einen oder anderen einige Anmerkungen machen.

Anmerkungen zur GETAS-UMFRAGE

Die relativ guten Ergebnisse sind nicht nur bei Ihnen auf Skepsis gestoßen, weichen sie doch von denen ab, die man aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen herleitet.

——

Kurzum: Mir scheint bei dieser gründlichen Vorbereitung ein wirklich mustergültiger Test entstanden zu sein, der so auch Grundlage für vergleichbare Erhebungen in anderen Regionen werden könnte. Ich wünsche dem Vorhaben viel Erfolg und den Beteiligten Freude an dieser Arbeit.

Mit freundlichen Grüßen

INSTITUT FÜR NIEDERDEUTSCHE SPRACHE

 

 

 

 

 


Da dieser Brief über mehrere Seiten geht, wurde er auf die hier wesentlichen Ausführungen eingekürzt. Das Original liegt vor.

Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_niederdeutsche_Sprache#/media/File:Schnoor-01.jpg

Der Schmied zu Astrup

Hochdeutsche Fassung des Textes

Nicht weit von Diekens Hof wohnte der Schmied zu Astrup. Der war auf das Erdengut mehr bedacht als auf das Flimmlische. Trotz (obwohl) er genug hatte, wollte er immer noch mehr haben.

Es war ein Tag vor Weihnachten, als er einen neuen Wagen beschlug (eiserne Beschläge an einem neuen Wagen anbrachte). Aber wenn (obwohl, obschon) er noch so fleißig war, er konnte (es) nicht schaffen. Er dachte: “Nun kommen drei Feiertage nach der Reihe, wo (an denen) du nichts verdienen kannst, der Wagen soll fertig werden.”

Früh am Morgen, am ersten Weihnachtstag, als die anderen Leute noch schliefen, stand der Schmied mit seinen beiden Gesellen schon am Amboß. Als die ersten Nachbarn auf dein Weg zur 1. Messe am 1. Weihnachtstage (Kerzenandacht) waren, ging es in der Schmiede allemal (so zu): Drei Groschen der Nagel – drei Groschen der Nagel.

Da kam wieder ein Trupp Leute vorbei und sang Weihnachtslieder.

“Die wollen wir einmal erschrecken” sagte der Schmied, griff den Ham­mer, schmiß (schlug) ihn auf dein Amboß, spuckte darauf und hielt das glühende Eisenstück da hinein.

Hoch zog er den Hammer und mit aller Macht ließ er ihn auf dem Amboß fallen, daß (damit) es fürchterlich knallen sollte.

Es knallte auch mächtig, aber mit dem Schlag versank die Schmiede mitsamt dem Schmied und seinen Gesellen in der Erde. Da (so nämlich) kriegten (bekamen) sie von dem Teufel ihren Lohn.

Das Loch aber, wo die Schmiede gestanden hat, ist noch zu sehen, bei Diekens Hof in Astrup bei Schledehausen,

 

Seite 16

     De Schmedt to Astrup

 De Schmedt to Astrup (up Platt)

(abgedruckt im Ossenbrügger Platt-Lesebuch, S. 172)

Nich wiet van Diekens Huawe wuohnde de Schmedt to Astrup. De was up dat Erdengout mehr bedacht os up dat himmelske. Trotz dat he genoug hadde, woll he ümmer no mehr hebben.

Et was’n Dag vo Wiehnachten, os he äinen niggen Wagen beschlöig. Owwer wenn he nau so fliedig was, he konn’t nich schaffen. He dachte: “Nu kuomt dräi Fierdage no de Riege, wo du nix vodäinen kanns, de Wagen schalt ftrrig wenn.”

Frouh an’n Muorden, an’n ersten Wiehnachtsdag, os de annern Lüe no schlöipen, stönd de Schmedt met siene MWen Gesellen ol an’n Amboß. Os de ersten Nauwers up den Weg no de Kassuchte wörn, göng et in de Schmie’e ol: Dräi Grössen de Nagel – Dräi Grössen de Nagel. Do keimp we’n Tropp Lüe vorbi un sttng Wiehnachtsläider.

“De wüllt wi es voftihrden”, siär de Schmedt, greip den Hamer, schmeit’n up den Amboß, spiggede dor up un höilt dat glöinige Iesenstücke dor in. Hauge töig he den Hammer un met olle Macht löit he em up den Amboß fallen, dat et fürchterlick knallen scholl.

Et knallde auk mächtig, owwer met den Schlag vosünk de Schmie’e met-samt den Schmedt un siene Gesellen in de Erden. Dor kreigen se von den Düwl iären Lauhn.

Dat Lock owwer, wor de Schmie’e stauhn heff, es no to säihn, bi Diekens Huawe in Astrup bi Schliäsen.                 Seite 15 Deutsch

Unterrichtshilfen

Hier sollen verschiedene Ansätze geboten werden für den Unterricht und die Betreuungsstunden in der Schule. Diese können in verschiedener Form methodisch und didaktisch weiter entwickelt werden. Teilweise gibt es dazu auch Hörproben….

Bestandsaufnahme im Landkreis Borken 1983

 

Dieser Landkreis, der sich südlich der Grafschaft Bentheim entlang der niederländischen Grenze in Richtung Ruhrgebiet erstreckt, ist im gesamten niederdeutschen Grenzbereich sprachwissenschaftlich auf die Entwicklung des Plattdeutschen wohl am besten untersucht. Bereits 1981 lag die schon erwähnte umfangreiche Bestandsaufnahme von Prof. Dr. Ludger Kremer vor, die 2001 in etwas kleinerem Rahmen wiederholt wurde und damit die weitere Sprachentwicklung dieses Zeitraumes von 20 Jahren nachzeichnet. Waren damals schon ähnliche Ergebnisse wie zehn Jahre später im Landkreis Emsland festgestellt worden, heißt es 2001: Ist es trotz der inzwischen überwiegend positiven Einstellung der Bevölkerung zum Plattdeutschen gegenüber dem Westmünsterland – wie auch anderswo – nicht gelungen, die tatsächliche Zahl der Plattsprecher zu erhöhen, im Gegenteil: Der Dialektschwund setzt sich mit erhöhtem Tempo fort. An anderer Stelle wird diese Feststellung so untermauert: Die Zahlen für 2001 zeigen uns also im Vergleich zu 1981 sehr deutlich, in welcher Weise die sozial höheren Schichten als Leitbild fungiert haben: Die Arbeiter haben sich ihnen angepasst und inzwischen bei Dialektkompetenz und -gebrauch die niedrigen Werte der (Leitenden) Angestellten von 1981 fast erreicht, selbst die relativ sprachkonservative Gruppe der Landwirte tendiert in die gleiche Richtung und kann kaum noch als nennenswerte Bastion des Plattdeutschen verstanden werden[1].

Wo liegt die Hauptursache für diese Sprachentwicklung?

In hohem Maße verantwortlich … ist die Schule … Die Schule war im 19. und im frühen 20. Jahrhundert eine der frühesten und erfolgreichsten Vorkämpfer für das Hochdeutsche, sie war der Grund für die Entscheidung der letzten drei Elterngenerationen in Niederdeutschland, mit ihren Kindern (zunächst einmal) Hochdeutsch zu sprechen, um ihnen – so hoffte man wenigstens – Schulschwierigkeiten zu ersparen[2].

Wenn das seinerzeit so war – und alle Erfahrungen sprachen dafür –, lag es nahe, die Situation rund um den Stellenwert des Plattdeutschen Ende der 80er  auch in den Grundschulen des Emslandes näher zu untersuchen.

 


[1] Ludger Kremer/Veerle Van Caeneghem, Dialektschwund im Westmünsterland. Zum Verlauf des niederdeutsch-hochdeutschen Sprachwechsels im 20. Jahrhundert (Westmünsterland. Quellen und Studien, Bd. 17), Vreden 2007, S. 129-130.

[2] Ebd. S. 130.

Auswertung der Untersuchung zum Stand des Plattdeutschen im Landkreis Emsland 1989

 Vorgeschichte

Sprache ist ohne Zweifel das höchste Kulturgut des Menschen. Und da verschwindet eine über Jahrhunderte angestammte Regionalsprache innerhalb weniger Jahrzehnte fast völlig. Deshalb wurde schon im Jahre 1989 eine umfassende Bestandsaufnahme bei allen Kindern des vierten Schuljahres (insgesamt 3185 Mädchen und Jungen) im Landkreis Emsland durchgeführt[1]. Die damaligen Ergebnisse der kombinierten Schüler- und Elternbefragung waren ernüchternd. Da diese Untersuchung mittlerweile mehr als zwanzig Jahre her ist und für eine erneute Befragung nach damaligem Muster die Ressourcen fehlen, bot es sich an, sich in einer Art Kurzbefragung (15 Kernfragen) in den Kollegien der Grundschulen zu erkundigen, wie es gegenwärtig um die plattdeutschen Aktivitäten und Kompetenzen bei Schülern und Lehrern steht. Dabei wurde nun die Grafschaft Bentheim ebenfalls in die anonyme Befragung mit einbezogen. Bei der Durchführung hat sich gezeigt, dass die Ausweitung dieser Untersuchung auf das Bentheimer Land sehr sinnvoll war. Sie ist dort in den Schulen auf stärkeres Interesse und größere Akzeptanz gestoßen als im Landkreis Emsland. 28 von 31 (= 90 Prozent) angeschriebenen Grafschafter Schulen haben geantwortet. Im benachbarten Landkreis Emsland schickten von 42 angeschriebenen Schulen 30 (= 72 Prozent) die ausgefüllten Antwortbögen zurück. Der enorme Rückgang des plattdeutschen Sprachvermögens von Heranwachsenden schon vor zwanzig Jahren mit dem Vergleich der Plattdeutschaktivitäten von heute in einem Großteil der Grundschulen im Arbeitsbereich der Emsländischen Landschaft zeigt unumstößlich: Der aktive Umgang mit dem Plattdeutschen ist in der jüngeren Generation nicht mehr gegeben, da er im Elternhaus offensichtlich (bewusst) nicht vermittelt wird. Umso interessanter wird damit die Frage, welche Rolle die Grundschule von heute als nächste Vermittlungsinstanz spielt.

Anlass und Ziel der Untersuchung im Landkreis Emsland im Jahre 1989/90

Der eigentliche damalige Anlass für die doch sehr aufwändige Untersuchung war ein Besuch im Niederdeutschen Institut im Schnoorviertel in Bremen in den Sommerferien 1987 mit dem Ziel der Sichtung neuen Unterrichtsmaterials für die Plattdeutsch AG in der Schule. Im Gespräch mit dem damaligen Geschäftsführer Dr. Schuppenhauer kam das Gespräch auf die derzeitige Plattdeutschsituation an den Schulen im niederdeutschen Sprachbereich. Dazu holte Dr. Schuppenhauer zwei noch jüngere Untersuchungen von seinem Schreibtisch. Das war zum einen die Untersuchungen von Prof. Dr. Dieter Stellmacher (Lehrinstuhlinhaber Niederdeutsch Universität Göttingen) mit dem Titel „Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute“[2] aus dem Jahre 1987 und zum anderen eine Enquete aus dem Jahre 1982 von Professor Dr. Ludger Kremer von der Reijksuniversität Antwerpen im Landkreis Westmünsterland[3].

Die Bestandsaufnahme von Stellmacher war im Auftrage des Niederdeutschen Institutes im gesamten niederdeutschen Sprachbereich (Kosten: über 300.000 DM) durchgeführt worden. Allerdings mussten dem kundigen Leser in der kurz gefassten Bestandsaufnahme von 1987 deutliche Widersprüche auffallen (siehe Seite…). Diese wurden indirekt bestätigt durch die Lektüre der Umfrageauswertung von Professor Kremer im Landkreis Borken.

So reifte die Idee, durch eine umfassende Befragung aller Schüler und Schülerinnen der 4. Schuljahre im Landkreis Emsland einen aktuellen Forschungsbefund in Nordwestdeutschland vorstellen zu können, der um eine wichtige Untersuchungskomponente ergänzt werden sollte: die aktive Sprachkompetenz.

Dieser Plan gefiel dem damaligen Leiter des Schulaufsichtsamtes Emsland Alfons Lögering und er richtete eine Arbeitsgruppe zu diesem Vorhaben unter seiner Leitung ein. Nahezu zeitgleich begann ein anderer Lehrerarbeitskreis mit der Planung eines plattdeutschen Lesebuches auf Landkreisebene. In den benachbarten Regionen Oldenburg und Osnabrück gab es solche Unterrichtswerke schon und sie erfreuten sich ständig größerer Beliebtheit in den Schulen. Hierbei stellte sich heraus, dass in der Lehrerschaft der Primar- und Sekundarstufe 1 dieses Raumes eine hohe Plattdeutschkompetenz vorhanden war: Nahezu 40 Prozent der Lehrpersonen konnte platt sprechen.

Vorbereitung und Durchführung der Befragung 1989/90

Die Untersuchung wurde nun mit der Unterstützung des Schulaufsichtsamtes des Kreises Emsland durchgeführt[4]. In zwei Vorläufen in den fünften Klassen der Orientierungsstufen in Emsbüren und in Spelle wurden die Entwürfe zum Fragebogen getestet und verbessert. Schließlich wurden alle Klassenlehrer des vierten Schuljahres im gesamten Emsland in den sechs einzelnen Dezernaten zur Dienstbesprechung eingeladen und in das genauere Verfahren eingewiesen. Jedem Klassenlehrer wurden eine bespielte Tonkassette und eine Mappe mit zwei Arbeitsbögen für die Schüler nebst einem Elternfragebogen überreicht. Die Schüler hatten zunächst einen plattdeutschen Text, der auf der Kassette vorgesprochen wurde, ins Plattdeutsche zu übersetzen. Danach mussten die Kinder hochdeutsche Wortgruppen ins Plattdeutsche übertragen. Anschließend wurden diese Tests von den jeweiligen Klassenlehrpersonen vorauswertet. Diese Methode hat sich als sehr praktikabel erwiesen. Insgesamt war die Art der Beteiligung der Grundschullehrpersonen sehr positiv, was sich insbesondere bei Rückfragen zeigte, die vereinzelt nötig waren.

Zeitgleich war zunächst schriftlich, dann telefonisch und schließlich persönlich Kontakt aufgenommen zu dem niederdeutschen Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Ludger Kremer, der gezielt die jeweiligen Schritte im Emsland fachspezifisch kommentierte und Tipps gab zu der weiteren Vorgehensweise. Weiterhin stellte er das emsländische Vorhaben auf der jährlichen Pfingsttagung der beteiligten niederdeutschen Sprachwissenschaftler vor. Daraus ergab sich das Angebot des Kieler Lehrstuhlinhabers Prof. Dr. Hubertus Menke, dass in der dortigen niederdeutschen Abteilung die emsländischen Daten sprachwissenschaftlich ausgewertet werden konnten. Da vom Landkreis die entsprechende finanzielle Zusage kam, konnten nach einer Vorauswertung fast 10.000 Seiten Schüler- und Elternbefragung nach Kiel gebracht werden.

Veröffentlichung der Ergebnisse

Damit lag eine umfangreiche regionale Untersuchung vor, die erstmals unterschied zwischen aktiver und passiver Sprachkompetenz auf Grund objektiver Testdaten. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Untersuchungswerten war auch in Fachkreisen so nicht vermutet worden: Nur noch drei Prozent der damals Zehnjährigen konnten gut plattdeutsch sprechen, aber über 40 Prozent der Heranwachsenden vermochten plattdeutsch noch gut zu verstehen.

Im Vorfeld zu dieser Untersuchung war von dem damaligen emsländischen Oberkreisdirektor Karl-Heinz Brümmer in einem persönlichen Gespräch in Aussicht gestellt worden, dass die Ergebnisse etwa im Rahmen der schon bestehenden Buchreihe „Wald im Emsland und „Moor im Emsland“ unter dem Titel „Plattdeutsch im Emsland“ veröffentlicht werden könnten. Als dann die Auswertungen der umfangreichen Untersuchungsdaten schriftlich vorlagen, zeigte der Nachfolger des plötzlich verstorbenen Karl-Heinz Brümmer auf dem Chefsessel der Kreisverwaltung offenbar wenig Interesse an einer Veröffentlichung des Aufsatzes in der Region, obwohl die bisherigen Sachkosten für diese Enquete großzügig vom Landkreis bezahlt worden waren. In einem Gespräch mit ihm und zwei weiteren Treffen mit dem Leiter der Schul- und Kulturabteilung des Landkreises stellte sich zunehmend deutlicher heraus, dass eine Veröffentlichung von dort nicht unterstützt werden sollte.

Daraufhin bot Prof. Dr. Ludger Kremer an, die Auswertung aufzunehmen in eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Diglossiestudien“[5]. Darin wurden weitere, allerdings kleinere Untersuchungen diesseits und jenseits der holländischen Grenze jeweils in der Landessprache vorgestellt. Damit war nun leider verbunden, dass diese emsländischen Ergebnisse in Wort und Grafik nur einem ganz begrenzten sprachwissenschaftlich interessierten Leserkreis vornehmlich außerhalb des Untersuchungsgebietes zugängig waren.

[1] Bernd und Eva Robben, Mundartgebrauch im Kreis Emsland. Eine regionale Schüler- und Elternbefragung, in: Diglossiestudien. Dialekt und Standardsprache im niederländisch-deutschen Grenzland. Hrsg. von Ludger Kremer/Landeskundliches Institut Westmünsterland (Westmünsterland. Quellen und Studien, Bd. 1), Vreden 1993, S. 89-122 (das letztere weiterhin, Kremer, Diglossiestudien). Für die Grafschaft Bentheim gibt es eine neuere Studie über die Sprachverhältnisse unter den Altreformierten hauptsächlich der Niedergrafschaft, die lange Zeit dreisprachig (Niederländisch, Hochdeutsch und Plattdeutsch) waren, wobei sowohl das Niederländische wie das Plattdeutsche an Boden verlieren (Melanie Bolks, Zur Triglossie in der Evangelisch-altreformierten Kirche der Grafschaft Bentheim – eine empirische Untersuchung, in: Niederdeutsches Wort. Beiträge zur niederdeutschen Philologie Bd. 44, Münster 2004, S. 217-233).

[2] Dieter Stellmacher, Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute. Eine kurzgefaßte Bestandsaufnahme (Schriften des Instituts für niederdeutsche Sprache, Reihe Dokumentation, Nr. 14), Leer 1987.

[3] Die Befragung wurde von Kremer in Zusammenarbeit mit dem Schulamt des Kreises Borken im Jahre 1981 durchgeführt, die Ergebnisse wurden in zusammengefasster Form veröffentlicht in: Ludger Kremer, Mundart im Westmünsterland. Aufbau, Gebrauch, Literatur (Schriftenreihe des Kreises Borken, Bd. 5), Borken 1983 (weiterhin Kremer, Westmünsterland).

[4] Der damalige Leiter des Schulaufsichtsamtes Emsland, Schulamtsdirektor Alfons Lögering, nahm dankenswerterweise sofort die Idee der kombinierten Schüler- und Elternbefragung auf und richtete zu ihrer Vorbereitung eine Arbeitsgruppe mit Helmut Diers, Karl Oldiges und Bernhard Tengen ein.

[5] Kremer, Diglossiestudien (wie Anm. 1).

Untersuchung im Landkreis Emsland 1989

Vorgeschichte

Sprache ist ohne Zweifel das höchste Kulturgut des Menschen. Und da verschwindet eine über Jahrhunderte angestammte Regionalsprache innerhalb weniger Jahrzehnte fast völlig. Deshalb wurde schon im Jahre 1989 eine umfassende Bestandsaufnahme bei allen Kindern des vierten Schuljahres (insgesamt 3185 Mädchen und Jungen) im Landkreis Emsland durchgeführt[1]. Die damaligen Ergebnisse der kombinierten Schüler- und Elternbefragung waren ernüchternd. Da diese Untersuchung mittlerweile mehr als zwanzig Jahre her ist und für eine erneute Befragung nach damaligem Muster die Ressourcen fehlen, bot es sich an, sich in einer Art Kurzbefragung (15 Kernfragen) in den Kollegien der Grundschulen zu erkundigen, wie es gegenwärtig um die plattdeutschen Aktivitäten und Kompetenzen bei Schülern und Lehrern steht. Dabei wurde nun die Grafschaft Bentheim ebenfalls in die anonyme Befragung mit einbezogen. Bei der Durchführung hat sich gezeigt, dass die Ausweitung dieser Untersuchung auf das Bentheimer Land sehr sinnvoll war. Sie ist dort in den Schulen auf stärkeres Interesse und größere Akzeptanz gestoßen als im Landkreis Emsland. 28 von 31 (= 90 Prozent) angeschriebenen Grafschafter Schulen haben geantwortet. Im benachbarten Landkreis Emsland schickten von 42 angeschriebenen Schulen 30 (= 72 Prozent) die ausgefüllten Antwortbögen zurück. Der enorme Rückgang des plattdeutschen Sprachvermögens von Heranwachsenden schon vor zwanzig Jahren mit dem Vergleich der Plattdeutschaktivitäten von heute in einem Großteil der Grundschulen im Arbeitsbereich der Emsländischen Landschaft zeigt unumstößlich: Der aktive Umgang mit dem Plattdeutschen ist in der jüngeren Generation nicht mehr gegeben, da er im Elternhaus offensichtlich (bewusst) nicht vermittelt wird. Umso interessanter wird damit die Frage, welche Rolle die Grundschule von heute als nächste Vermittlungsinstanz spielt.

Anlass und Ziel der Untersuchung im Landkreis Emsland im Jahre 1989/90

Der eigentliche damalige Anlass für die doch sehr aufwändige Untersuchung war ein Besuch im Niederdeutschen Institut im Schnoorviertel in Bremen in den Sommerferien 1987 mit dem Ziel der Sichtung neuen Unterrichtsmaterials für die Plattdeutsch AG in der Schule. Im Gespräch mit dem damaligen Geschäftsführer Dr. Schuppenhauer kam das Gespräch auf die derzeitige Plattdeutschsituation an den Schulen im niederdeutschen Sprachbereich. Dazu holte Dr. Schuppenhauer zwei noch jüngere Untersuchungen von seinem Schreibtisch. Das war zum einen die Untersuchungen von Prof. Dr. Dieter Stellmacher (Lehrinstuhlinhaber Niederdeutsch Universität Göttingen) mit dem Titel „Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute“[2] aus dem Jahre 1987 und zum anderen eine Enquete aus dem Jahre 1982 von Professor Dr. Ludger Kremer von der Reijksuniversität Antwerpen im Landkreis Westmünsterland[3].

Die Bestandsaufnahme von Stellmacher war im Auftrage des Niederdeutschen Institutes im gesamten niederdeutschen Sprachbereich (Kosten: über 300.000 DM) durchgeführt worden. Allerdings mussten dem kundigen Leser in der kurz gefassten Bestandsaufnahme von 1987 deutliche Widersprüche auffallen (siehe Seite…). Diese wurden indirekt bestätigt durch die Lektüre der Umfrageauswertung von Professor Kremer im Landkreis Borken.

So reifte die Idee, durch eine umfassende Befragung aller Schüler und Schülerinnen der 4. Schuljahre im Landkreis Emsland einen aktuellen Forschungsbefund in Nordwestdeutschland vorstellen zu können, der um eine wichtige Untersuchungskomponente ergänzt werden sollte: die aktive Sprachkompetenz.

Dieser Plan gefiel dem damaligen Leiter des Schulaufsichtsamtes Emsland Alfons Lögering und er richtete eine Arbeitsgruppe zu diesem Vorhaben unter seiner Leitung ein. Nahezu zeitgleich begann ein anderer Lehrerarbeitskreis mit der Planung eines plattdeutschen Lesebuches auf Landkreisebene. In den benachbarten Regionen Oldenburg und Osnabrück gab es solche Unterrichtswerke schon und sie erfreuten sich ständig größerer Beliebtheit in den Schulen. Hierbei stellte sich heraus, dass in der Lehrerschaft der Primar- und Sekundarstufe 1 dieses Raumes eine hohe Plattdeutschkompetenz vorhanden war: Nahezu 40 Prozent der Lehrpersonen konnte platt sprechen.

Vorbereitung und Durchführung der Befragung 1989/90

Die Untersuchung wurde nun mit der Unterstützung des Schulaufsichtsamtes des Kreises Emsland durchgeführt[4]. In zwei Vorläufen in den fünften Klassen der Orientierungsstufen in Emsbüren und in Spelle wurden die Entwürfe zum Fragebogen getestet und verbessert. Schließlich wurden alle Klassenlehrer des vierten Schuljahres im gesamten Emsland in den sechs einzelnen Dezernaten zur Dienstbesprechung eingeladen und in das genauere Verfahren eingewiesen. Jedem Klassenlehrer wurden eine bespielte Tonkassette und eine Mappe mit zwei Arbeitsbögen für die Schüler nebst einem Elternfragebogen überreicht. Die Schüler hatten zunächst einen plattdeutschen Text, der auf der Kassette vorgesprochen wurde, ins Plattdeutsche zu übersetzen. Danach mussten die Kinder hochdeutsche Wortgruppen ins Plattdeutsche übertragen. Anschließend wurden diese Tests von den jeweiligen Klassenlehrpersonen vorauswertet. Diese Methode hat sich als sehr praktikabel erwiesen. Insgesamt war die Art der Beteiligung der Grundschullehrpersonen sehr positiv, was sich insbesondere bei Rückfragen zeigte, die vereinzelt nötig waren.

Zeitgleich war zunächst schriftlich, dann telefonisch und schließlich persönlich Kontakt aufgenommen zu dem niederdeutschen Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Ludger Kremer, der gezielt die jeweiligen Schritte im Emsland fachspezifisch kommentierte und Tipps gab zu der weiteren Vorgehensweise. Weiterhin stellte er das emsländische Vorhaben auf der jährlichen Pfingsttagung der beteiligten niederdeutschen Sprachwissenschaftler vor. Daraus ergab sich das Angebot des Kieler Lehrstuhlinhabers Prof. Dr. Hubertus Menke, dass in der dortigen niederdeutschen Abteilung die emsländischen Daten sprachwissenschaftlich ausgewertet werden konnten. Da vom Landkreis die entsprechende finanzielle Zusage kam, konnten nach einer Vorauswertung fast 10.000 Seiten Schüler- und Elternbefragung nach Kiel gebracht werden.

Veröffentlichung der Ergebnisse

Damit lag eine umfangreiche regionale Untersuchung vor, die erstmals unterschied zwischen aktiver und passiver Sprachkompetenz auf Grund objektiver Testdaten. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Untersuchungswerten war auch in Fachkreisen so nicht vermutet worden: Nur noch drei Prozent der damals Zehnjährigen konnten gut plattdeutsch sprechen, aber über 40 Prozent der Heranwachsenden vermochten plattdeutsch noch gut zu verstehen.

Im Vorfeld zu dieser Untersuchung war von dem damaligen emsländischen Oberkreisdirektor Karl-Heinz Brümmer in einem persönlichen Gespräch in Aussicht gestellt worden, dass die Ergebnisse etwa im Rahmen der schon bestehenden Buchreihe „Wald im Emsland und „Moor im Emsland“ unter dem Titel „Plattdeutsch im Emsland“ veröffentlicht werden könnten. Als dann die Auswertungen der umfangreichen Untersuchungsdaten schriftlich vorlagen, zeigte Hermann Bröring als Nachfolger des plötzlich verstorbenen Karl-Heinz Brümmer auf dem Chefsessel der Kreisverwaltung offenbar wenig Interesse an einer Veröffentlichung des Aufsatzes in der Region, obwohl die bisherigen Sachkosten für diese Enquete großzügig vom Landkreis bezahlt worden waren. In einem Gespräch mit ihm und zwei weiteren Treffen mit Herrn Diekmann als Leiter der Schul- und Kulturabteilung des Landkreises stellte sich zunehmend deutlicher heraus, dass eine Veröffentlichung von dort nicht unterstützt werden sollte.

Daraufhin bot Prof. Dr. Ludger Kremer an, die Auswertung aufzunehmen in eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Diglossiestudien“[5]. Darin wurden weitere, allerdings kleinere Untersuchungen diesseits und jenseits der holländischen Grenze jeweils in der Landessprache vorgestellt. Damit war nun leider verbunden, dass diese emsländischen Ergebnisse in Wort und Grafik nur einem ganz begrenzten sprachwissenschaftlich interessierten Leserkreis vornehmlich außerhalb des Untersuchungsgebietes zugängig waren.

[1] Bernd und Eva Robben, Mundartgebrauch im Kreis Emsland. Eine regionale Schüler- und Elternbefragung, in: Diglossiestudien. Dialekt und Standardsprache im niederländisch-deutschen Grenzland. Hrsg. von Ludger Kremer/Landeskundliches Institut Westmünsterland (Westmünsterland. Quellen und Studien, Bd. 1), Vreden 1993, S. 89-122 (das letztere weiterhin, Kremer, Diglossiestudien). Für die Grafschaft Bentheim gibt es eine neuere Studie über die Sprachverhältnisse unter den Altreformierten hauptsächlich der Niedergrafschaft, die lange Zeit dreisprachig (Niederländisch, Hochdeutsch und Plattdeutsch) waren, wobei sowohl das Niederländische wie das Plattdeutsche an Boden verlieren (Melanie Bolks, Zur Triglossie in der Evangelisch-altreformierten Kirche der Grafschaft Bentheim – eine empirische Untersuchung, in: Niederdeutsches Wort. Beiträge zur niederdeutschen Philologie Bd. 44, Münster 2004, S. 217-233).

[2] Dieter Stellmacher, Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute. Eine kurzgefaßte Bestandsaufnahme (Schriften des Instituts für niederdeutsche Sprache, Reihe Dokumentation, Nr. 14), Leer 1987.

[3] Die Befragung wurde von Kremer in Zusammenarbeit mit dem Schulamt des Kreises Borken im Jahre 1981 durchgeführt, die Ergebnisse wurden in zusammengefasster Form veröffentlicht in: Ludger Kremer, Mundart im Westmünsterland. Aufbau, Gebrauch, Literatur (Schriftenreihe des Kreises Borken, Bd. 5), Borken 1983 (weiterhin Kremer, Westmünsterland).

[4] Der damalige Leiter des Schulaufsichtsamtes Emsland, Schulamtsdirektor Alfons Lögering, nahm dankenswerterweise sofort die Idee der kombinierten Schüler- und Elternbefragung auf und richtete zu ihrer Vorbereitung eine Arbeitsgruppe mit Helmut Diers, Karl Oldiges und Bernhard Tengen ein.

[5] Kremer, Diglossiestudien (wie Anm. 1).

Untersuchung in den Grundschulen EL und Grafschaft Bentheim 2011

Befragung der Grundschulen zum Stand des Plattdeutschen im Emsland und in der Grafschaft Bentheim

Die oben vorgestellte umfangreiche Untersuchung im Landkreis Emsland hat seinerzeit auch mit dazu geführt, dass etliche Lehrpersonen auf Kreisebene in ihrer unterrichtfreien Zeit sich zusammengefunden haben, um im schulischen Bereich sich diesem Verfall der Sprachkompetenz im Plattdeutschen bei den Heranwachsenden entgegen zu stellen.

So wurde unter Leitung des damaligen emsländischen Regierungsschuldirektors

Alfons Lögering ein sicher ansprechendes Lesebuch in Platt erstellt und mit finanzieller Unterstützung der Sparkassenstiftung allen Schulen im Landkreis Emsland zur Verfügung gestellt[1]. Die Grafschaft Bentheim war dabei leider noch nicht beteiligt. 1999 gründete sich ein Kreis von engagierten Pädagogen für das Projekt „Region im Unterricht“ unter dem Dach der „Emsländischen Landschaft für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim“, die sich der Aufgabe widmeten, nun auch noch ein plattdeutsches Liederbuch mit einer entsprechenden CD für alle Schulen des Raumes heraus zu bringen[2]. Jetzt waren auch Grafschafter Lehrpersonen und die Schulaufsichtsbeamten Udo Tiemann und Horst Mücke mit dabei. Diese neuen Unterrichtsmaterialien ermöglichten nun insbesondere den Musikpädagogen, die keine Plattdeutschkenntnisse hatten, diese „ansteckenden“ Lieder und Tänze in den Unterricht einzubauen. Erneut erhielten alle Schulen die neuen Lehrmaterialien kostenlos geliefert. Was hat sich daraus in den letzten Jahren in den Schulen entwickelt? Dazu muss man wissen, dass sich die Verhältnisse in den Schulen insgesamt mit dem Jahr 2001 ziemlich veränderten. Der sogenannte „PISA-Schock“ überzog die deutsche Schullandschaft.

 

Daraufhin hatten offensichtlich etliche Unterrichtsinhalte beiseite zu stehen, die nicht dem Erwerb der international messbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten dienten. In Niedersachsen wurde die Schulinspektion geboren, die neben anderen Neuerungen die Arbeit vieler Kollegien in der Formulierung und Schaffung einheitlicher Standards gebunden hat. Für ein kreatives Schulleben, in dem auch die Region ihren Stellenwert hat, war nach dem Empfinden vieler Lehrpersonen häufig kein Platz mehr. So verschwand offensichtlich aus etlichen Lehrmittelzimmern der Klassensatz mit den plattdeutschen Lesebüchern, die zumindest im Landkreis Emsland jede Schule erhalten hatte. Wie soll man sonst verstehen, dass sogar das Liederbuch mit der CD in einigen Schulen nicht mehr vorhanden ist, obwohl die Sparkassenstiftung für eine kostenfreie Versorgung aller Schulen in der Emsländischen Landschaft gesorgt hatte?

Dieses ist ein Ergebnis der oben genannten Schulbefragung vom Februar 2011 in 31 Grundschulen der Grafschaft und in 42 Primarlehranstalten des Landkreises Emsland[3]. Dabei wurden im Landkreis Emsland insbesondere die Schulen ausgespart, die schon im Jahre 1989 kaum plattdeutsche Ansätze hatten, so etwa die 19 Grundschulen der Stadt Lingen. Dafür wurden aber alle Grundschulen im mittleren und nördlichen Landkreis angeschrieben. In der Grundschule Leschede wurde die Praktikabilität der Umfrage geprobt: Die 15 Fragen an die Schulleitung und das jeweilige Kollegium konnten in fünf Minuten erledigt werden und belasteten den laufenden Unterrichtsbetrieb somit kaum. Für die Antwort war ein frankierter Rückumschlag beigelegt.

Die Auswertung

  1. Arbeitsgemeinschaften (AGs)                                                                                            Als wichtigster Indikator für plattdeutsche Aktivitäten an einer Schule kann die Einrichtung einer plattdeutschen Arbeitsgemeinschaft (AG) gelten. Diese besteht zurzeit an 13 Schulen im Untersuchungsraum. In sechs Schulen wird diese AG nach Bedarf angeboten. In 39 Schulen existiert dieses Angebot nicht.
  2. Sprachkompetenz der Schülerinnen und Schüler                                                        Das entspricht etwa genau der Zahl der Bildungseinrichtungen, an denen gar keine plattsprechenden Kinder mehr von den Lehrpersonen ausgemacht werden können (33 Schulen). Und hier liegt eindeutig das Kernproblem: 20 Grundschulen melden jeweils zwei bis fünf Kinder mit aktiven Plattdeutschkenntnissen. Nach dem sprachwissenschaftlichen Test von 1989 wären das vermutlich nicht einmal mehr ein Prozent der heutigen Grundschüler. Zur Erinnerung: Vor zwanzig Jahren waren es schon nur noch drei Prozent.
  3. Einsatz außerschulischer Plattsprecher                                                                       Und dann kann auch die Beantwortung der nächsten Frage kaum verwundern: „Holen Sie außerschulische Plattsprecher in den Unterricht?“ 50 Schulen nehmen diese Möglichkeit nicht in Anspruch, neun Grundschulen bedienen sich dieser Möglichkeit etwa in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Heimatverein.
  4. Ist Platt festes Unterrichtsthema                                                                                     Eine sicher wichtige Frage ist, ob Plattdeutsch an der jeweiligen Schule im Laufe der Grundschulzeit irgendwann ein festes Unterrichtsthema ist. Hier ist die Antwort aus beiden Landkreisen recht ernüchternd. Nur neun Schulen bejahen diese Frage (drei in der Grafschaft, sechs im Emsland), an 44 Schulen (25 Grafschaft, 19 Emsland) ist dies nicht der Fall.
  5. Sprachkompetenz der Lehrer/innen                                                          Entgegengesetzt proportional zu den kaum vorhandenen Schülerkompetenzen im Plattdeutschen sieht es bei den Lehrpersonen in der Region aus: An 49 Schulen (24 Bentheimer Land, 25 Emsland) kann mindestens einer aus dem Kollegium Platt sprechen, verstehen können es mehrfach alle Lehrerinnen und Lehrer. Nur sieben Schulen müssen hier passen. Das war so nicht vermutet worden, nachdem es doch in etlichen Lehrerzimmern in den letzten Jahren einen fast kompletten Generationswandel gegeben hat.
  6. Platt im Unterricht sinnvoll?                                                                                           Eine entscheidende Frage an die Pädagogen ist sicherlich auch, ob sie angesichts der vorgegebenen Themenvielfalt „Plattdeutsch“ im Unterricht von heute noch für sinnvoll bzw. notwendig halten. Davon war die Mehrheit von 47 Kollegien (20 Grafschaft, 17 Emsland) doch überzeugt.
  7. Elternwunsch zum Plattdeutschen                                                                     Allerdings bezweifelt die überwiegende Mehrheit der Lehrpersonen (48 Schulen), dass der Elternwunsch zur Behandlung des Plattdeutschen in der Schule noch bei 68 Prozent – wie damals im Landkreis Emsland – liegt (19 Grafschaft, 19 Emsland).
  8. Einschätzungen dazu in beiden Kreisen nahezu identisch                    Festzustellen ist, dass bis hierher bei den abgefragten Fakten und Einschätzungen in den Schulen die Grafschaft und der Landkreises Emsland sehr eng beieinander lagen.
  9.                                                                                                              Ein sicherlich erstaunlicher Unterschied zwischen den beiden benachbarten Landkreisen in der gleichen Kulturregion ist die Teilnahme am Wettbewerb „Schüler lesen Platt“, der landesweit von den Sparkassen angeboten wird. Während im Emsland 26 der angesprochenen Schulen sich regelmäßig daran beteiligen, sind es in der Grafschaft nur zwölf, obwohl in der Grafschaft 22 Kollegien diesen Wettbewerb immer noch für sinnvoll halten (Emsland auch 22 Schulen). Nur zwölf Schulen halten ihn für überholt (Grafschaft sechs, Emsland sechs) Dieser Wettbewerb ist für die Kinder durchaus attraktiv, weil schon die Klassengewinner mit großzügigen Geldpreisen belohnt werden. Allerdings dürfen die größtenteils durchaus gelungenen Schülervorträge bei dem Kreisentscheid von den Ausrichtern als Beweis für eine „heile Plattdeutschwelt“ bei den Heranwachsenden anschließend in der Presse nicht fehl gedeutet werden als Plattdeutschkompetenz, das ist in aller Regel nur angelesen. Diese und ähnliche Untersuchungen belegen das eindeutig.
  10. Nutzung des Lehrmaterials                                                                                                Alle Schulen des Landkreises Emsland sind mit einem kostenlosen Klassensatz des zumindest damals ansprechenden Lesebuches „Platt lutt moij“ ausgestattet worden. Vier Schulen besitzen es gar nicht mehr und in 14 Kollegien wird es nicht mehr benutzt. Ähnlich ist es mit dem Liederbuch mit CD, das auch die Grafschafter Schulen erhalten haben: An 31 Lehranstalten ist sie noch vorhanden, an 26 nicht mehr da. Gebraucht wird beides öfters an 13, manchmal an 16 Schulen.

 

Eine Enklave zumindest im Bereich der Plattdeutschaktivitäten konnte bei der ansonsten anonymen Befragung ausgemacht werden: Die frühere Grund- und Hauptschule Veldhausen hat sich 2005 mit der Namensgebung „Carl-van-der Linde-Schule“ zu einem plattdeutschen Grafschafter Dichter und Schriftsteller (1861-1930) jüdischer Abstammung bekannt. Der Schulgemeinschaft ist dabei etwas Besonderes gelungen: ein Buchprojekt über ihren Namensgeber[4]. Theo Mönch-Tegeder schreibt voll des Lobes über das Werk: Man mag es beinahe nicht glauben, dass es eine Gemeinschaftsarbeit der Carl-van-der-Linde-Schule ist. Auch und gerade die Schülerinnen und Schüler, wohlgemerkt einer Grund- und Hauptschule, haben aktiv daran mitgearbeitet, indem sie in Veldhausen selbst und in den umliegenden Bibliotheken und Archiven viele unbekannte, bisher unveröffentlichte Arbeiten Carl van der Lindes aufgestöbert und interessantes Material über das facettenreiche Leben dieses plattdeutschen jüdischen Dichters in der Grafschaft Bentheim zusammengetragen haben. Jeden der abschätzig über die Qualität von Hauptschulen denkt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen und sich von der Begeisterungsfähigkeit und der hohen Leistung mitreißen lassen, welche die Schule mit diesem Buch dokumentiert. Man spürt, wie die ganze Gemeinschaft sich mit ihrem Namensgeber auseinandersetzt und ihn zum Gegenstand des Lernens, der Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbildung macht[5].

 Schlussfolgerung aus der Untersuchung 2011

Obwohl in der Grafschaft offensichtlich noch ein etwas größeres Interesse am Kulturgut Plattdeutsch besteht (siehe Rücklaufquote) als in anderen Regionen[6], bestätigen obige Befragungsergebnisse die Erkenntnisse aus anderen niederdeutschen Sprachgebieten: Plattdeutsch ist bei den Heranwachsenden bis auf geringste Restkenntnisse nicht mehr vorhanden und auch die Opas und Omas werden ihre geliebte Muttersprache nicht mehr ausreichend an ihre Enkel weitergeben können. Ältere Schulpraktiker wissen: Plattdeutsch vermittelt man nicht mal ebenso mit sporadischen Arbeitsgemeinschaften.

Was kann man da noch machen?

Klar ist, dass die Lehrpersonen im heutigen Schulalltag mit der übrigen Unterrichtsfülle so ausgelastet sind, dass für dieses Thema kaum noch Platz ist, obwohl der noch gültige Plattdeutsch-Erlass dieses fordert. Auch sollte man völlig unsentimental folgende Erkenntnis des aus Schüttorf stammenden mittlerweile pensionierten Regierungsschuldirektors Alfred Möllers zu Kenntnis nehmen: Ich bin mir sicher, dass in den meisten Osnabrücker Kollegien gar nicht mehr bekannt ist, dass in ihrer Schule eine komplette Plattdeutsch-Bibliothek vorhanden ist, die ich in den 80iger Jahren mit den Lehrkräften erstellt habe.

Plattdeutsch im Unterricht von heute setzt Kontinuität und Beharrlichkeit voraus und konkurriert mit anderen Angeboten wie Sport, Erlernen eines Musikinstrumentes und steht natürlich auch im Wettstreit zu anderen Sprachen, mit denen die Heranwachsenden auf eine globalisierte Welt vorbereitet werden müssen.

Deshalb sollte sich die Erkenntnis durchsetzen den Kindern von heute – etwa einmal im Jahr – zu vermitteln: Plattdeutsch war über Jahrhunderte d i e Sprache in dieser Region auch über die holländische Grenze hinweg. Hier könnten die Heimatvereine die Schulen unterstützen etwa dadurch, dass sie sich ein plattdeutsches Repertoire zulegen in den Bereichen Tanzen, Singen, Lyrik, Sketch- und Textvortrag. Sie könnten damit in den Schulen einen „plattdeutschen Vormittag“ anbieten, der Schüler und Lehrer begeistert. Versierte pensionierte Lehrpersonen mit ausgezeichneten Plattdeutschkenntnissen und pädagogischem Geschick stehen sicherlich für die Beratung und Einweisung zur Hilfe bereit.

Wie wäre das: Großeltern mit ihren Enkeln gemeinsam beim „Danz up de Deel“ in der Turnhalle beim jährlichen schulischen Plattdeutschfest von zwei bis drei Schulstunden oder ganztätig im Rahmen eines „Plattdeutsch-Tages“ kurz vor den Sommerferien nach den Zeugniskonferenzen. So bliebe wenigstens in Erinnerung, was das Plattdeutsche einmal für die hiesige Region.

[1] Platt lutt moij. Eein Lesebouk up Platt ut’t Emsland. Hrsg. vom Arbeitskreis beim Schulaufsichtsamt Emsland „Mester prootet Platt“. Redaktion: Karl Oldiges u.a., Meppen 1993 (weiterhin Platt lutt moj).

[2] Kinner singt un danzt. 30 plattdeutsche Kinderlieder aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim zum Musizieren und Mitsingen. Begleitheft zur gleichnamigen CD. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft, Sögel 1999.

[3] Der „Grafschafter“ berichtete bereits kurz über die beiden Untersuchungen und über das Grafschafter Abschneiden: Bernd Robben, Zum Stand des Plattdeutschen an Grafschafter Grundschulen. Arbeitsgruppe „Plattdeutsch-Befragung“ führte mit Universität Kiel Fragebogenaktion durch, in: Der Grafschafter Nr. 6 vom Juni 2011, Nordhorn, S. 23.

[4] Carl van der Linde, Löö und Tieden. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild. Hrsg. von Helga Vorrink/Siegfried Kessemeier, Veldhausen 2008 (weiterhin Vorrink/Kessemeier).

[5] Theo Mönch-Tegeder, Rezension: Carl van der Linde, Löö und Tieden, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 56/2010, Sögel 2009, 359-361, S. 360.

[6] In der monatlich erscheinenden Heimatbeilage der „Grafschafter Nachrichten“ (die am Jahresende gebunden erscheint) unter dem Namen „Der Grafschafter“ erscheinen daher regelmäßig nicht nur Beiträge auf Plattdeutsch, sondern auch häufig Artikel, die sich etwa mit der rechtlichen Situation des Plattdeutschen oder mit Forschungen zu dieser Sprache beschäftigen. Siehe dazu etwa im Jahrgang 2010: Nr. 1 vom Januar (3 Beiträge zum Thema Plattdeutsch, Nr. 3 vom März (1 Beitrag), Nr. 6 vom Juni (1 Beitrag), Nur. 7 vom Juli (1 Beitrag), Nr. 8 vom August (1 Beitrag), Nr. 10 vom Oktober (1 Beitrag), Nr. 11 vom November (1 Beitrag), Nr. 12 vom Dezember (2 Beiträge). So veranstaltete er der Landkreis Grafschaft Bentheim im September 2010 eine Tagung mit rund 40 Grundschullehrer/innen, die sich bei einer ostfriesischen Expertin für den plattdeutschen Unterricht über Methoden des bilingualen Unterrichts informierten (Platt-AG erstellt Unterrichtsmaterialien für Grundschulen – Grete Saathoff informierte über Methoden mehrsprachigen Unterrichts, in: Der Grafschafter Nr. 11 vom November 2010, S. 42

 

Karl Oldiges

 

Karl Oldiges 1944 in Esterwegen geboren, war Rektor der Grund-und Hauptschule mit Orientierungsstufe in Surwold/Börgermoor. Er schreibt Geschichten zum Nachdenken und kriti­schen Hinterfragen in hümmmlingisch-emsländischem Platt. Veröffentli­chungen in den Jahr­büchern des Emsländischen Heimatbundes, im Literaturtelefon etc.

Ich habe den Unsinn geglaubt

Mein Verhältnis zur plattdeutschen Sprache ist zumin­dest in den Urspüngen mit dem fast aller Emsländer meiner Generation zu vergleichen. Aufgewachsen in ei­nem plattdeutschen Elternhaus, wurde für mich in der Schule das Hochdeutsche zur ersten Fremdsprache. Ge­nau wie fast allen meinen Altersgenossen wurde mir eingeredet, daß Hochdeutsch gleichzusetzen sei mit Bil­dung, mit Weiterkommen, mit sozial, kulturell und ge­sellschaftlich hervorgehobener Stellung, während das Plattdeutsche die Sprache des einfachen Volkes, die Sprache der Handwerker, Arbeiter und Bauern unter­einander sei und damit weit weniger wertvoll und an­gesehen als das „gebildete” Hochdeutsch. Genau wie viele meiner Altersgenossen machte ich jahrelang den Fehler, diesen Unsinn zu glauben.

Erst sehr viel später wurde mir klar, daß ich das ganz große Glück hatte, zweisprachig aufzuwachsen. Daß dadurch das sprachliche Verständnis, der bessere Zu­gang zu grammatikalischen Strukturen nicht nur zwischen diesen beiden Spra­chen und damit der Zugang zu Fremdsprachen erheblich erleichtert wurde, führte die Behauptung – auch vieler meiner Lehrer – ad absurdum, daß Plattdeutsch we­niger wert sei als Hochdeutsch. Leider hat sich diese Erkenntnis nicht bei allzu-vielen Zeitgenossen durchgesetzt. Die Weitergabe von Sprache an die Kinder er­folgte bald fast ausschließlich auf Hochdeutsch, und der Erwerb des Plattdeutschen kam erst viel später hinterher. Wohlmeinende Versuche vieler gegenwärtiger Schreiber, durch Häppkes und Dönkes das Plattdeutsche zu erhalten, verfestigten in aller Regel bestehende Vorurteile. Eigene Versuche, fast ausschließlich platt­deutsch zu reden, führten zu der für mich immer noch schockierenden Erkenntnis eines Freundes, der da sagte: „Du kaenns die daet erlauben, du haes Abitur; wenn ick plattdütschk proote, bün ick ‘n dummen Buur.”

Hartnäckiges Festhalten an der Ursprache bewirkte – zumindest in meinem Be­kanntenkreis – ein allmähliches Umdenken und Akzeptieren dessen, was anfangs als „Spleen” allenfalls wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. Auch bei Behörden, Institutionen und Ämtern wird mittlerweile mein Plattdeutsch akzep­tiert und bei vielen „Freizeitplattdeutschen” freudig erwidert. Auch gibt es mittler­weile wieder plattdeutsche Literatur auf anspruchsvoll sehr hohem Niveau, die be­weist, daß alle Themenbereiche von der Philosophie bis zur Religion, von der Ge­schichte bis zur Kultur und von der Dramatik im Theater bis zur leichten Muse problemlos abgedeckt werden können. Dies berechtigt mich zu der Hoffnung, daß die rapide Auszehrung des Plattdeutschen sich erheblich verlangsamt und zumindest in gewissen Kreisen einer Umkehr im Denken Platz gemacht hat.

Äußerste Vorsicht scheint mir insofern geboten, als – zumindest in der Öffentlich­keit – das Plattdeutsche einer gewissen intellektuellen Schicht als Forum dient und nicht die ganze Bandbreite der Bevölkerung abdeckt und in dieser wieder zur be­herrschenden – möglicherweise sogar zur einzigen Umgangssprache wird. Um es auf den Punkt zu bringen: Nicht nur der intellektuell hohe Anspruch einiger- zu­gegebenermaßen exzellenter – Kenner ist allein entscheidend für den Fortbestand unserer plattdeutschen Sprache, sondern die Erkenntnis in der gesamten Bevölke­rung, daß wir dieses hohe Kulturgut pflegen müssen – und es ist ohne Wenn und Aber wert, gepflegt zu werden – und daß die Erhaltung nur möglich ist, wenn die Alltagssprache wieder plattdeutsch wird.