Hermann Fenbert

Selbstbewußtsein zeigen!

Plattdeutsch ist meine Muttersprache. Die ersten Wör­ter, die ich mir als Kind unbewußt einprägte, waren aus dem Plattdeutschen. Mit meinen Eltern und Geschwi­stern fand die Kommunikation auf Plattdeutsch statt. Hochdeutsch habe ich bewußt erst nach der Einschu­lung gelernt. Und ich gebe zu, das inhalierte Platt­deutsch war für die Umstellung auf Hochdeutsch eine Hürde. Zur Zeit meiner Kindheit wurde zu Hause in der Familie, aber auch im Dorf und in der dörflichen Umge­bung plattdeutsch gesprochen.

Erst mit meinem Eintritt ins Internat in Papenburg wurde Hochdeutsch auch zur täglichen Umgangssprache. Der Übergang vom Hochdeutschen ins Plattdeutsche erfolgt immer noch ansatzlos. Plattdeutsch habe ich hin und wieder zu schreiben versucht. Die Schreibweise und Grammatik ist nicht so exakt definiert, daß das Schreiben flüssig von der Hand geht. Dies beruht wohl auch darauf, daß das Platt­deutsche von Dorf zu Dorf – also auf engstem Raum – variiert. Es ist eine Sprache, die mündlich weitergegeben wird, die sich gleicher schriftlicher Fixierung selbst für eine Region entzieht (Dietrich Ohlmeyer hat dies in „Dat grode Plattdütsch-Book”, Verden/Aller, 1997, sehr plausibel beschrieben)

Als ich aus beruflichen Gründen nach Süddeutschland zog und nach einigen Jah­ren aufgrund regionaler Zuordnung der Aufgaben wieder nach Norddeutschland, insbesondere ins westliche Niedersachsen kam, war das Plattdeutsche nicht selten der Türöffner zum Geschäftspartner. Ich habe das Plattdeutsche dann auch bei of­fiziellen Veranstaltungen für Begrüßungen oder für Grußworte eingesetzt. Die Bausparkasse Schwäbisch Hall in Verbindung mit Plattdeutsch führte direkt zu Nachfragen, Wieso und Warum, und war nicht nur Gesprächsstoff, sondern bot Anknüpfungspunkte für weitere Beziehungen.

Die gute Verbindung zum Plattdeutsch-Fan und Herausgeber des oben erwähnten Buches, Herrn Dietrich Ohlmeyer, den ich beim Genossenschaftsverband Hanno­ver kennenlernte und der später als Wirtschaftsprüfer Jahresabschlüsse der Bausparkasse Schwäbisch Hall testierte, als ich für das Rechnungswesen der Bausparkasse zuständig war, beruht sicher auch auf unserer gemeinsamen Spra­che Plattdeutsch.

Auffällig für mich war, daß immer dann, wenn wir uns auf dem Weg von Schwä­bisch Hall ins Emsland Münster näherten oder passiert hatten, wir unbewußt unsere Unterhaltung ins Plattdeutsche wechselten. In Schwäbisch Hall sprechen wir in der Familie nicht plattdeutsch; sind wir im Emsland, fließen schon plattdeutsche Sätze ein. Bestimmte Aussagen lassen sich in Plattdeutsch besser sagen als auf Hochdeutsch.

Plattdeutsch ist zu pflegen, wenn es erhalten bleiben soll. Während meiner Kind­heit war es die Sprache in der Familie und in der Umgebung. Heute spreche ich mit gleichaltrigen Bewohnern in Hesselte plattdeutsch, mit jüngeren ohne Über­gang Hochdeutsch. Plattdeutsch ist selbst in landwirtschaftlichen Haushalten nicht mehr die Tagessprache. Also: Pflege tut Not, wenn die Sprache erhalten bleiben soll. Es ist eben keine Mundart, also ein eingefärbtes Hochdeutsch, sondern eine Sprache, die verlangt: Entweder spreche ich hochdeutsch oder plattdeutsch. Daher ist die Pflege der Sprache erforderlich.

Bisherige Veröffentlichungen auf Plattdeutsch und weitere Veröffentlichungen al­lein werden die Sprache nicht erhalten können. Es muß wieder eine mündliche Überlieferung einsetzen! Und es gibt eigentlich keinen Grund, sich dieser Sprache zu schämen. Mit dem wachsenden Selbstbewußtsein über die wirtschaftliche Ent­wicklung in Norddeutschland wird hoffentlich auch das Selbstbewußtsein für das Plattdeutsche wieder wachsen.

Mariele Fasselt

Gell, Öhme, dös is fei guat!

Als Vorsitzende des Kulturkreises Impulse e.V., der es sich zur Aufgabe gemacht hat, neue kulturelle Akzente in der Region Emsland zu setzen, habe ich zur platt­deutschen Spache ein zwiespältiges Verhältnis. Einer­seits verkörpert sie für mich Tradition, nicht über den Tellerrand blicken, das Beharren auf Strukturen. In vie­len – nicht allen – Texten plattdeutscher Mundart kann man diesen Denkansatz wiederfinden.

Andererseits bin ich selbst Emsländerin, geboren in Freren, und plattdeutsche Klänge bedeuten für mich ein Stück zu Hause. Ich bin in einer Großfamilie aufge­wachsen, und meine Oma, die vom Bauernhof Afting in Speile stammt und von uns Kindern liebevoll Öhme genannt wurde, sprach mit uns plattdeutsch. Eine wunderbare Mischung von Mundarten erklang jedesmal, wenn unsere bayeri­schen Cousins zu dem von uns lang ersehnten Besuch in den Sommerferien ein‑

trafen. „Gell, Öhme, dös is fei guat!”

Über eine wirklich wahre Geschichte aus dem Leben meiner Großeltern haben wir in unserer Familie immer herzlich gelacht und sie immer wieder in allen Va­riationen erzählt. Der Molkereibesitzer und „wirbelnde” Unternehmer Heinrich Brüne (er stammte nicht aus dem Emsland) und seine Ehefrau Anne, geb. Afting, waren auf einer Urlaubsreise in Freiburg. Dort soll es an einem Tag viele Unstim­migkeiten gegeben haben. Mein Opa wollte den Abend harmonisch beenden und kaufte zwei Theaterkarten. Er redete mit „Engelszungen” auf seine Frau ein, mit ihm in die Vorstellung zu gehen. Meine Oma aber ließ sich nicht erweichen. „Watt soll ick met Theater? Goh mi wech doarmet. Theater, Theater, ick hebb vandage all Theater nooch hatt!” – Für mich ein lebendiges Stück Familiengeschichte.

Interessant finde ich die Ähnlichkeit der plattdeutschen Sprache mit dem Nieder­ländischen und Englischen unserer europäischen Nachbarn. So könnte Platt­deutsch zu einer grenzübergreifenden Gemeinsamkeit im „neuen Europa” wer‑

den.

Josef Grave

Begegnung auf dem Meppener Markt

Textbeitrag in Wat, de kann Platt aus dem Jahre 1998

 

Die „plattdeutsche” Woche hatte es in sich gehabt

Da hatten die Texte für das nächste Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes zur Bearbeitung angestanden: Die Durchgängigkeit der Schreibweise war zu überprü­fen gewesen, über eine plausible Anwendung des Apo­strophs hatte man sich schlüssig werden müssen; die Interpunktion – ein Stiefkind so manchen plattdeut­schen Autors – war zu modifizieren gewesen. Zu allem Überfluß waren wir von der Schriftleitung nicht umhin gekommen, einen Autor auf das übernächste Jahrbuch zu vertrösten, einen weiteren Lyriker um eine Überar­beitung seines Gedichtes zu bitten, und einem dritten Plattdeutsch-Schreiber schließlich hatte man eine höfli­che, aber bestimmte Absage zukommen lassen müs­sen. Ein leidiges, immer wiederkehrendes Problem erübrigte jegliche Diskussion über einen in Frage kommenden Abdruck: Ein Text hat noch lange keinen literarischen Wert, nur weil er auf Plattdeutsch geschrieben ist.

Zudem hatte die Woche einmal mehr gezeigt, daß niederdeutsche Autoren zum Teil ausgesprochen empfindliche Individualisten sind. Werkkritik zu üben ist eine schöne Sache, sie jedoch einstecken zu müssen, löst alles andere als Begeisterung aus, provoziert rasch harsche Reaktionen.

Am Ende der Arbeitswoche: Seele baumeln lassen auf dem alten Meppener Markt, Kaffee trinken in Sichtweite des Rathauses, Wahrzeichen dieser lange Zeit kleinen, halt ackerbürgerlichen, aber alten und auch selbstbewußten Stadt.

Das Sinnieren über die Begegnungen mit der plattdeutschen Sprache im Verlauf des letzten Jahrzehnts macht Halt bei so manchem Erlebnis der besonderen Art; einem wohlgemeinten und an sich auch durchaus erfolgreichen Plattdeutsch-Fe­stival beispielsweise, das vor einer Reihe von Jahren in der emsländischen Kreis­stadt durchgeführt wurde. Die vom Ausrichter beauftragte „Full-Service-Agentur” aus Hannover und die Projektleiterin – sinnigerweise eine Neuseeländerin – hatten im Vorfeld dieses Autorenwettbewerbes einen enormen Wirbel veranstaltet. Pla­kate hingen aus, Handzettel und Aufkleber wurden verteilt, die Presse berichtete „headline”. Nur an eines hatte man nicht gedacht: Die Zahl der von den einzelnen Teilnehmern einzusendenden Geschichten zu begrenzen. Die Folgen waren kräf­tezehrend: Tagelang, ja ein ganzes Wochenende im Harz, hatte ich als Jurymitglied damit zugebracht, plattdeutsche Texte, darunter gute Literatur, aber auch um­ständlich erzählte Dönkes und zahllose Gelegenheitsgedichte, zu lesen.

Die unerfreulichen Auseinandersetzungen bei der Gründung eines Autorenkreises gehen mir durch den Kopf. Die dabei zu Tage getretene Intoleranz gegenüber Platt­deutsch-Schreibern aus einer Nachbarregion war erschreckend gewesen. Die im­mer wiederkehrenden Auseinandersetzungen um das „richtige” Platt, die „richti­ge” Schreibweise hatten ermüdend gewirkt.

Schließlich gab es auch im Bereich des Niederdeutschen den im kulturellen Leben heute alltäglichen Vorgang der Ausgrenzung nach dem Motto „WIR – will heißen ICH – besetze(n) das Thema”. Kompetenz: zweitrangig; Konzeption: interessiert nicht; kultureller Alleinvertretungsanspruch: Maß aller Dinge!

Sicherlich, es gab auch die schlichtweg erfreulichen Ansätze: den Ruck, der durch die Schulen gegangen war, als das plattdeutsche Lesebuch vom Landkreis veröf­fentlicht und verteilt wurde. Auch die Qualität etlicher emsländischer Autorinnen und Autoren hatte sich enorm entwickelt. Zu Recht erfreute sich so mancher emsländische Schriever mittlerweile der Anerkennung in überregionalen Vereinigun­gen wie dem Schrieverkring und kam auf diesem rutschigen Terrain gut zurecht. Mit der unvergessenen Maria Mönch-Tegeder war die Kette lesenswerter platt­deutscher Schreiber nicht endgültig abgerissen. Bücher wurden in den letzten Jah­ren wieder gedruckt, zum Teil sogar geschmackvoll gestaltet, danach gekonnt und mit der nötigen Sorgfalt hergestellt – Bücher, die man gern zur Hand nimmt.

Namentlich in Meppen, aber auch andernorts – beispielsweise in Thuine – waren in den letzten Jahren Musikgruppen entstanden, die – unerwartet – Furore mach­ten, mit ihren neuen, teilweise selbst getexteten und komponierten Liedern begei­sterten, mühelos Säle wie den Kossehof füllten.

Und auch in der niederdeutschen Theaterszene tat sich einiges: Niederdeutsche Theatergruppen zeigten einfach besseres Theater, spürten in zunehmendem Maße ihre Bedeutung für das kulturelle Leben im Dorf. Ihre Ankündigungen, ihre Ju­biläumsfeiern waren Spiegelbild gewachsenen Selbstbewußtseins. Ein nieder­deutscher Theaterwettbewerb war Initialzündung für zwei bemerkenswerte neue Inszenierungen: „Liek moket” und „Der Bettelpfarrer”. Von einer Hümmlingerin geschrieben und von einer engagierten Theatergruppe auf die Bühne gebracht, hat­te das Stück unter der Regie eines jungen Theatermachers des Theaterpädagogi­schen Zentrums der Emsländischen Landschaft viele Besucher von Lingen bis Papenburg beeindruckt und Betroffenheit ausgelöst. Auch die Begeisterung nament­lich junger Menschen auf einem plattdeutschen Wochenende in der Nordhorner Kornmühle war mir in allerbester Erinnerung geblieben.

Trotzdem, die Förderung der plattdeutschen Sprache hatte sich im Laufe der Jahre als ein schwieriges Feld erwiesen, mit vielen Komplikationen und der immer wie­derkehrenden Frage: „Lohnt sich das Ganze noch, wo doch kaum noch Kinder und Jugendliche bei uns zu finden sind, die zweisprachig, also hochdeutsch und nie­derdeutsch aufwachsen. Und außerdem: Ist der Aufwand vertretbar angesichts der enormen Dynamik in den Bevölkerungs- und Sozialstrukturen des Emslandes, der zunehmend problematischer werdenden Lage wachsender Randgruppen und der Tatsache, daß das Emsland mit dem unabweisbaren ökonomischen Modernisie­rungsdruck auch die typischen gesellschaftlichen Modernisierungslasten erfährt?”

Die Stimme, die ich von einem Nachbartisch plötzlich höre, kommt mir bekannt vor, kenne ich doch aus längst vergangenen Tagen in Freren, von gemeinsamen Zeiten im Kindergarten an der Goldstraße, Jahren in der Franziskus-Demann-Schule. Wir hatten zusammen gespielt auf dem Bauernhof seiner Eltern auf dem Lünsfeld, später gemeinsam eine katholische Jugendgruppe geleitet, unvergessene Fe­ten zusammen gefeiert und waren in jugendlichem Enthusiasmus gemeinsam und nachhaltig in ein paar Fettnäpfchen des nach unserer Meinung allzu behäbigen Städtchens getreten. Dann, in Studienzeiten, waren noch gelegentlich Besuche vorgekommen, schließlich hatten wir uns aus den Augen verloren. Er war Lehrer geworden an einer berufsbildenden Schule in Ostfriesland. Ein engagierter Pädago­ge, der über die Schule hinaus sich als langjähriger Leiter des Arbeitskreises „Re­gionalentwicklung” im Regionalen Pädagogischen Zentrum der Ostfriesischen Landschaft einen Namen gemacht hatte. 1996 war ihm für dieses Engagement der „Upstalsboom-Taler” verliehen worden.

Ein zwangloses, aber intensives Gespräch folgt. Es gibt viel zu erzählen, Privates und Berufliches, von Interessen und Projekten, aus Ostfriesland und dem Emsland. Ein Gespräch in unserer Sprache: Plattdeutsch. Wir hatten immer plattdeutsch mit­einander gesprochen – in der Sprache, mit der wir in unseren Elternhäusern groß geworden waren. Alles andere war gar nicht denkbar. Sogar in der Straßenbahn in Braunschweig zwischen Berliner Straße und Katharinenkirche hatten wir uns in heimischem Platt unterhalten. Damals, Mitte der 70er Jahre, gab es – ohne daß wir es zunächst merkten – unter den Fahrgästen eine Reihe verblüffter Gesichter.

Auch wenn nur wenig Zeit ist, das Gespräch hat mich berührt, auch ob seiner Un­kompliziertheit und der sich rasch wieder einstellenden Vertrautheit. Nicht nur die gemeinsame Erinnerung, auch die Sprache, ist Schlüssel zu vergessen geglaubten Bildern, aber auch zum offenen Austausch über Sorgen und Probleme.

Diese Sprache ist nun einmal ein Kernbestandteil unserer Identität, der gemeinsa­men Kultur! Allemal also verlangt ein Blick in ihre Zukunft zunächst einmal schlichte Ehrlichkeit. Das bedeutet: Wohl kaum wird man auch meine Zweifel aus­räumen können, daß das Niederdeutsche als „gesprochene” Sprache in unserem Alltag die nächsten Jahrzehnte überstehen wird! Aber deshalb nichts machen? In der zuweilen allzu partikularen kulturellen Landschaft des Emslandes wird immer noch zu wenig für das Niederdeutsche getan. Gelegentliche Blicke nach Ostfries­land machen bei aller Kenntnis der unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen zuweilen geradezu beschämend die Unterschiede deutlich. Dabei geht es den Emsländern doch nicht anders als ihren Nachbarn. Das Verschwinden des Platt­deutschen würde uns ein Stück heimatloser machen.

Heinrich Hanneken

Tägliche Umgangssprache

Das Plattdeutsche ist für mich im wahrsten Sinne des Wortes die „Muttersprache”. Mein Elternhaus steht in der Hümmlinggemeinde Esterwegen. Mein Vater, der in seinem Heimatdorf Esterwegen eine Manufaktur-und Kolonialwarenhandlung eröffnete, sprach selbst­verständlich plattdeutsch, ebenso meine Mutter, eine gebürtige Aschendorferin. Der hochdeutschen Sprache bedienten sich nur die Geistlichen, Lehrer und Lehre­rinnen. Ich pflege bis heute noch Freundschaften, die in den Kindertagen erwuchsen. Bei Besuchen und Treffen wird plattdeutsch gesprochen – auch wenn diese Be­gegnungen weit von Esterwegen stattfinden.

Unsere Eltern waren allerdings darauf bedacht, daß wir, wenn wir uns der hochdeutschen Sprache bedien­ten, diese korrekt sprachen. Es kam zu einem Test, als ich als Zwölfjähriger das Bischöfliche Konvikt in Meppen bezog und dort das staatliche Gymnasium be­suchte. Ich freute mich zwar über jeden Mitschüler, mit dem ich mich in platt­deutscher Sprache unterhalten konnte, doch ich erlebte keineswegs dadurch Nachteile, daß bislang das Plattdeutsche meine Umgangssprache gewesen war. Meine Schwächen waren die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer. In den Fächern Deutsch, Latein, Griechisch und Englisch erhielt ich durch­weg gute Noten.

Wenn ich in meiner Tätigkeit als Priester erlebe, daß sich Menschen plattdeutsch unterhalten – und das geschieht oft -, nehme ich jedesmal die Gelegenheit wahr, meine Kenntnis der plattdeutschen Sprache zu demonstrieren. Das schafft sofort Kontakte. Zwar habe ich als Pfarrer einer Emslandgemeinde in der Regel mit den Menschen hochdeutsch gesprochen. Ich hatte immer den Eindruck, daß man es auch vom Pastor erwartete. Doch gerade ältere Menschen waren dankbar, wenn der Pastor sich mit ihnen in plattdeutscher Sprache unterhielt.

Das Plattdeutsche ist für mich heute tägliche Umgangssprache. Meine Schwester führt unseren Haushalt. Es würde auf uns als befremdend wirken, wenn wir uns nicht in unserer Muttersprache unterhielten. Selbstverständlich läuft bei Geschwi­stertreffen die Konversation auf Plattdeutsch. Es stimmt mich etwas traurig, daß die nachfolgende Generation in meiner Verwandtschaft diese Sprache nicht mehr ge­lernt hat.

Mir sind allerdings auch die Grenzen dieser Sprache bewußt geworden. Ich habe fast 20 Jahre für den NDR plattdeutsche Morgenandachten gehalten und vom NDR die Aufgabe übertragen bekommen, die Ansprachen der katholischen Auto­ren zu korrigieren. Mir hat es große Mühen bereitet, spirituelle und theologische Inhalte in plattdeutscher Sprache auszudrücken. Mir wurde bald klar, daß ich die Sätze nicht zunächst hochdeutsch vordenken und vorformulieren durfte, um sie dann ins Plattdeutsche zu übersetzen. Ich mußte theologische Begriffe mit Sätzen umschreiben. Mir wurde deutlich, daß Hauptsätze mehr der plattdeutschen Denk­weise entsprechen als Nebensätze, vor allem, wenn diese in größerer Zahl in ei­nem Satzgefüge auftauchen.

Ich wurde in meiner Zeit als Landjugendseelsorger des Bistums öfter zu plattdeut­schen Gottesdiensten eingeladen. Ich habe aufgrund der Erfahrung mit dieser Art der Gottesdienste den Entschluß gefaßt, solche Einladungen nicht mehr anzuneh­men. Es war ausgesprochen mühsam, liturgische Gedanken, Formulierungen und Sätze plattdeutsch auszudrücken. Schließlich kam es dann doch immer wieder zum „germanisierten Platt”. Ich hatte den Eindruck, daß ich damit weder dem Gut der plattdeutschen Sprache diente noch der Erbauung der Gläubigen.

Als sich in Hannover der neugewählte Landtag konstituierte, sprach der Präsident, dem die Eröffnungszeremonie oblag, einleitend einige Gedanken in plattdeutscher Sprache. Er wollte sicher damit unserer Muttersprache einen guten Dienst erwei­sen. Doch als ich diese Eröffnung im Fernsehen verfolgte, wurde mir noch einmal deutlich, daß sich beim besten Willen gewisse Sachbereiche nicht plattdeutsch for­mulieren lassen. Der Präsident mußte – ob er wollte oder nicht – sich mehrerer hochdeutscher Begriffe bedienen. Um den Eigenwert der plattdeutschen Sprache zu erhalten, würde ich in einer solchen Situation lieber nur hochdeutsch sprechen.

Nicht ganz ohne Probleme sind für mich die Aufführungen plattdeutscher Thea­terstücke. Sie erfreuen sich zwar einer hohen Akzeptanz. Sie haben durchaus ei­nen hohen Unterhaltungswert. Sie sind sicher auch ein Betätigungsfeld für schau­spielerische Naturtalente. Doch wird in solchen Stücken das eigentliche plattdeut­sche Lebensgefühl wiedergegeben? Es werden nie Stücke aufgeführt, die zum Nachdenken anregen. Immer sind es Lachnummern. Wer den Alltag der ländli­chen Familie erlebt hat, weiß um die Sorgen, um Krisen und um schmerzliche Le­bensentscheidungen. Ich möchte mit diesen kritischen Anmerkungen nicht die vielen Frauen, Männer und Jugendlichen verletzen, die sich mit großem Engage­ment um das Laienspiel bemühen. Doch ist es mir sicher erlaubt, einige Fragen zu stellen, die sonst kaum gestellt werden.

Ich wünschte, daß die plattdeutsche Sprache als lebendige Sprache erhalten bleibt. Die Schule kann ihren Beitrag dazu leisten. Doch dieser Beitrag kann nur subsidiär sein. Das Eigentliche muß in den Familien geschehen. Ich habe großes Verständ­nis dafür, daß Eltern ihre Kinder zunächst in die hochdeutsche Sprache einführen. Doch muß das ausschließen, daß die Kinder von einem gewissen Alter an auch plattdeutsch sprechen, ja, diese Sprache zu ihrer Umgangssprache machen?

In der plattdeutschen Sprache wird ein bestimmtes Lebensgefühl zum Ausdruck gebracht: Sie birgt den Geruch des Dorfes in sich. Damit ist Nähe und Vertrautheit ausgedrückt. Es verbindet sich damit die Vorstellung von Feldern, Gärten, Wald und unbetonierten Wegen. Immer mehr Menschen schätzen das Leben dieser Art. Es lohnt sich, eine Sprache zu erhalten, die in besonderer Weise dieses Leben in Worte faßt.

Josef Hanekamp

Die Großeltern als Sprachlehrer

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In Werlte aufgewachsen, begann meine Erfahrung mit der Hümmlinger Mundart im Elternhaus. Mit mir, dem männlichen Nachwuchs, wurde Mundart, mit meinen drei Schwestern dagegen hochdeutsch gesprochen. Selbst bei Tisch klappte diese unterschiedliche Unter haltung problemlos. In Mundart war der Sohn ange­sprochen, in Hochdeutsch die Töchter. Die ältere Schwester wurde mit der Mundart über Nachbarn und Freundinnen bekannt, die jüngeren später weniger. In der Schulzeit waren die Verhältnisse ähnlich denen in der Familie.

Jungen untereinander sprachen Mundart, mit den Mädchen wurde hochdeutsch gesprochen. Im Berufsleben als Bierverle­ger mit einem Kundenkreis in einem Raum von 15 Kilometern besuchte ich über­wiegend Gaststätten, wo fast ausschließlich Mundart gesprochen wurde. Dabei er­fuhr ich, daß oftmals schon von Ort zu Ort unterschiedliche Ausdrücke für be­stimmte Gegenstände verwandt wurden.

Einige Beispiele: reden ist proten, rääden, snacken
Kartoffeln heißen Tuffeln, Tüwweken, Tüffeln
Ferkel: Biggen, Faerken, Ficken

In den zum Land Oldenburg gehörenden Nachbargemeinden wurden wir stets mit folgendem Satz gehänselt: Lat den Wagen man up dei Straate stahn, dau dor nen Pahl vor etc. In Oldenburger Mundart wurde statt a ein o benutzt. Die Hümm-linger Mundart wurde in den späteren Jahren auch auf dem Hümmling immer wei­ter zurückgedrängt. Mit unseren Kindern habe auch ich keine Mundart gespro­chen – auch nicht mit meinem Sohn. Heute bedauern wir dieses Verhalten.

Gibt es ein Zurück zur emsländischen Mundart? In einem Ort wie Werlte, in dem seit 1989 mehr als 20 Prozent Neubürger zugezogen sind, wird eine Renaissance der Mundart doppelt schwierig, aber auch nötig sein. Wir sollten uns bemühen. Die Bereitschaft ist meiner Meinung nach vorhanden.

Abschließend eine Begebenheit, die eventuell einen möglichen Weg aufzeigt. In einem Cafe im ostfriesischen Leer kam ein junges Ehepaar mit zwei noch nicht schulpflichtigen Kindern zu meiner Frau und mir an den Tisch. Die Mutter sprach mit ihren Kindern hervorragend in ostfriesischer Mundart. Als ich der Mutter da­zu gratulierte, erwiderte diese: „Das Lob muß ich an meine Mutter weitergeben. Die hat unseren Kindern die Mundart vermittelt, und ich habe sie durch meine Kinder wieder gelernt.” Wäre das eine Möglichkeit?

Adelheid Hanneken-Heidelberg

Papenburg, die Völkermühle an der Ems

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„Das müßtest du eigentlich aufschreiben”, hieß es oft, wenn ich einmal wieder eine Geschichte von früher er­zählte. Warum eigentlich nicht? Und als ich mich be­sann, was bei mir so alles hängengeblieben war von früher, fiel mir auf: das habe ich plattdeutsch gehört, und wenn es gut ankommen soll, muß es plattdeutsch geschrieben werden!

Bald wurde mir klar, Plattdeutsch ist keine Schriftsprache. Um mein Papenburger Platt aufzuschreiben, mußte ich in mehrere Wörterbücher schauen. Meine Hei­matstadt war durch Torfgewinnung und Schiffbau zu einer Art Völkermühle an der Ems geworden. Oldenburger, Ostfriesen, Niederländer und auch Franzosen und Engländer haben hier ihre Spuren hinterlassen. Zum Glück fand ich Anschluß an Leute aus dem Emsland und Ostfriesland, die sich zu einer „Schreibwerkstatt” zu­sammengetan hatten.

Im Gespräch mit den Schreibern stellte ich folgendes fest: Leute, die aus kleineren Ortschaften stammen, haben einen viel größeren plattdeutschen Wortschatz als die aus größeren. Für Papenburg kann ich mit Bestimmtheit sagen, daß man viele Ausdrücke weggelassen und lieber eine „Übersetzung” aus dem Hochdeutschen vorgenommen hat. Man galt als grob und ungebildet, wenn man die überkomme­ne Sprache wortgetreu sprach. Beispiel: Tofel – Tisch – Disk.

Das Plattdeutsche galt auch in meiner Kinderzeit als Zeichen, wenig begütert und angesehen zu sein. Das wollte man vermeiden. Dadurch gerieten viele typisch plattdeutsche Ausdrücke, die sich eben nicht so einfach übersetzen ließen, in Ver­gessenheit. In Ostfriesland dagegen ist das Plattdeutsche viel präsenter. Die Ost­friesen sind für die Bewohner unserer Straße unmittelbare Nachbarn, uns trennt nur ein Graben. Von daher muß ich zum Thema „Plattdeutsch im Emsland” auch die Entwicklung bei unseren Nachbarn heranziehen.

Wie war die sprachliche Entwicklung bei mir? Ich wuchs als Einzelkind bei Onkel und Tante auf. Man sprach mit dem Kind hochdeutsch, wahrscheinlich die Höhe­re Schule schon im Hinterkopf. Es war ein Hochdeutsch, das plattdeutsch gedacht war und daher grammatikalisch falsch sein mußte. Meine Umgebung sprach platt; so wuchs ich zweisprachig auf.

Tatsächlich konnte ich dann das Gymnasium besuchen und mußte beim Sprechen oft korrigiert werden. Mit dem Schreiben ging es besser, schließlich wurde ja Rechtschreibung gelehrt. Mit der Zeit hatte ich auch im mündlichen Ausdruck kei­ne Schwierigkeiten mehr. Nun aber fiel es mir auf, wenn ich meine Familie die ty­pischen Fehler sprechen hörte. Ich war unklug genug, sie mit meinem „Besser-wissen” (wie sie sagte) zu verärgern. Warum sprach man nicht so, wie man’s am besten konnte?

Viel später fand ich die Antwort. Im Plattdeutschen kennt man die Artikel „der, die, das” nicht, nur „de”. Ja, wie dann nun? Den Artikel einfach weglassen! So kamen Sätze zustande wie „Ich geh nach Kirche”. Oder die Mutter zum Kind: „Lauf nicht auf Straße!” Ich vermute, durch die seit Generationen geführte Zweisprachigkeit hält sich dieser Fehler hartnäckig – auch bei denen, die hochdeutsch sprechen; sie übernehmen den falschen Satzbau.

Heute ist die Umgangssprache in meiner Familie und näheren Umgebung Platt­deutsch. Natürlich habe auch ich mit meinen Kindern hochdeutsch gesprochen ­gleichzeitig mit anderen plattdeutsch. So wuchsen meine Kinder auch zweispra­chig auf. Es laufen meist Gespräche, bei denen – je nach Bedarf – munter von Hoch zu Platt gewechselt wird, und man bemerkt es meistens nicht einmal. Wenn mir im Hochdeutschen mal der treffezde Ausdruck fehlt, wechsele ich kurzerhand ins Plattdeutsche. Mitunter ist der Ausdruck viel treffender und meistens nicht so scharfkantig, verletzend.

An einem schönen Sommertag machten wir eine Auto-Fahrradtour von Ditzum aus. Als wir am Deich Rast machten, hörte ich nebenan eine Oma mit ihrer Enke­lin platt sprechen. Wir kamen ins Gespräch. „Ja”, meinte sie, „meine Enkel sollen plattdeutsch sprechen. Inzwischen darf man das ja wieder.” „Darf?” „la, Platt­deutsch ist wieder in. Bei meinen Kindern war das noch anders. Der Lehrer mei­nes Sohnes erklärte mir eines Tages: ,Ihr Kind beherrscht seine Muttersprache nicht.’ – ,Sien Maudersprook, de kann he heil fix, kann ween, dat he mit de Amts-sprook noch nich torecht kummt, habe ich gesagt.”

Das ist es, was ich mir wünsche. Leute, die plattdeutsch denken und träumen, müssen auch so sprechen dürfen, frei und offen. Es ist ihre Muttersprache!

Dr. Karl-Heinz Hense

Platt ist wie Fahrradfahren

Von Kindesbeinen an habe ich das Plattdeutschsprechen gelernt. Heute, nachdem ich in den letzten gut dreißig Jahren nur noch gelegentlich auf Besuch ins Emsland komme, spreche ich mit meiner Mutter oder mit verbliebenen Kumpels und Freunden aus der Volks­schulzeit wie ganz selbstverständlich immer noch platt. Plattdeutsch ist wie Fahrradfahren: wenn man es ein­mal kann, verlernt man es nicht mehr.

Ich habe einen Freund in Osnabrück, der ist Landma­schinenvertreter. Und er hat für diesen Beruf durchaus das passende physische und mentale Format. Aber er ist ein Stadtkind. „Wenn ich dich um etwas wirklich beneide”, pflegt er.zu mir zu sagen, „dann ist es dein Platt.” Wenn man platt spricht, gehört man in gewissen, meist ländlichen Kreisen dazu. Das war immer so – auch, als es in anderen gewissen Kreisen als unfein galt, platt zu sprechen. Für meinen Freund, den Landmaschinenvertreter, wäre es durchaus absatzfördernd, wenn er richtig platt könnte und nicht nur fast richtig. Richtig platt kann man aber nur, wenn man es von Kindesbeinen an gelernt hat.

Das emsländische Platt, wiewohl von Dorf zu Dorf verschieden, ist leider schon ei­ne dekadente Form des Plattdeutschen; im normalen Gebrauch ist es von vielen hochdeutschen und halbhochdeutschen Wörtern durchsetzt. Das ist in anderen Gegenden, in Ostfriesland etwa oder auch im Oldenburger Münsterland, anders. Da ist Platt noch eine richtige, eigene Sprache. Ich habe fünf Jahre in Oldenburg ge­lebt, und ich erinnere mich gern daran, daß ich damals noch den Entertainer Hein­rich Diers kennengelernt habe, der es wie kaum jemand verstand, sein Publikum auf original Oldenburger Platt zu unterhalten.

Das emsländische Platt ist vielleicht keine eigene Sprache mehr, aber es hat seine Eigenart. Für mich persönlich bereichert es die Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks und der Verständigung auf eine sehr amüsante und liebenswerte Art und Weise. Viele plattdeutsche Wörter und Ausdrücke haben keine hochdeutsche Entsprechung. Wenn ich von einem gering zu schätzenden Sonderling sprechen will, dann nenne ich ihn auf Platt einen „Paijatz”; geht es gar um einen üblen Lum­pen und Beutelschneider, dann spreche ich von einem „Schmeerlapp”. Und wie­viel schöner ist es doch, einem Kind zu sagen: „Dat hestu aber mooi makt!” („mooi” je nach gewünschter Intensität auch mit drei oder noch mehr o zu schreiben und vor allem zu sprechen), als wenn ich es mit den Worten lobe: „Das hast du aber schön gemacht.” Auch das Wort „strumpeldune” sagt viel aus über emsländische Eigenheiten, während das ebenso gebräuchliche „scheißendicke” schon wieder ein Zwitter ist.

Schweinigeln läßt es sich auf Plattdeutsch natürlich auch viel besser und vor allem viel gesellschaftsfähiger als auf Hochdeutsch. Ein in richtig schönem Platt erzählter Witz darf ruhig ein bißchen schmutzig sein (manche meinen, er muß sogar schmutzig sein!), der Dialekt neutralisiert das Unanständige. Und erst das platt­deutsche Fluchen! Man möge in Bückers „Der Herzog und sein Kumpan” nachle­sen, dort ist viel darüber zu erfahren.

Aber ich will nicht verschweigen, daß Plattdeutsch für mich auch negative Kon­notationen und Konsonanzen hat. Das platte Emsland meiner Kindheit und Jugend ist leider nicht nur idyllisch, sondern auch bigott und intolerant, ja streckenweise chauvinistisch und reaktionär. Anders sein zu wollen, anders auszusehen und sich anders zu verhalten als der Durchschnitt, bedeutete in der plattdeutschen Gesell­schaft nicht selten, nahezu aussätzig zu sein. Mich hat vor allem die latente, manchmal auch manifeste Sympathie für Deutschlands braune Vergangenheit, die mir als Kind ganz normal vorkam, weil ich sie fast täglich erlebte, später sehr ge­stört – auch Antisemitisches und Chauvinistisches, das auf dem platten Lande selbstverständlicher, alltäglicher war als in anderen Gegenden Deutschlands, die ich inzwischen kennengelernt habe.

Sicher, das hat mit der plattdeutschen Sprache direkt nichts zu tun, aber ich asso­ziiere es sehr leicht, wenn ich das emsländische Platt höre. Auch kann ich die kri­tiklose Preisung von Emsland-Büchern wie dem eben genannten „Der Herzog und sein Kumpan” nicht nachvollziehen, die ich etwa auf dem Georgianum in Lingen von Lehrern häufig gehört habe; der darin verpackte Chauvinismus und Antise­mitismus sind (oder hoffentlich: waren) eben auch ein Kennzeichen des platten Emslands: Die schwindelnd hohe Auflage, die das Buch inzwischen erreicht hat, spricht Bände.

Trotz allem spreche ich gern platt. Einmal, auf einem akademischen Seminar, wo ‘sich allerhand gelehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Referentinnen und Re­ferenten tummelten, traf ich einen, der mindestens genausogut platt konnte wie ich. Die anderen konnten es alle nicht. Wir beide haben uns dann abends beim gemütlichen Teil des Seminars, apres etudes` sozusagen, so richtig schön mitten in die kleine Kneipe gesetzt und uns nichtendenwollend auf Platt unterhalten, aber so, daß alle es hören mußten. Wir haben angegeben wie die Sülzsäcke. Es war zu einer Zeit, als es gerade wieder einmal schick war, Dialekt zu sprechen. Mein Gott, hat man uns respektvoll zur Kenntnis genommen! Wer eine solch schöne Sprache könne, sei doch beneidenswert, meinte man. Wir fühlten uns kulturell und über­haupt bedeutend.

Möge also das Platt nicht aussterben und möge es an Menschen nicht mangeln, die sich der Mühe unterziehen, auf Platt zu schreiben. Denn das kann ich nicht, jedenfalls nicht richtig. Ich habe zur Vorbereitung dieses kleinen Textes nochmal Fritz Reuter konsultiert, den Goethe der Mundartdichtung, das ist nun leider wie­der Mecklenburger Platt, ganz was anderes als Emsländer Platt. Aber meine Reuter-Ausgabe hat ein schönes kleines Wörterbuch als Supplement, in dem man nachschlagen kann. Ich weiß nicht, ob es so etwas auch schon für das Emsländer Platt gibt; wenn nicht, dann sollten die Edlen es sich ihren Schweiß wert sein las­sen, etwas entsprechendes anzufertigen. Dann kämen vielleicht auch manche in­zwischen weitgehend vergessene Wörter wieder ans Licht und zu Ehren, wie zum Beispiel „föddelk” oder „klössen”, „puchen” oder „ampatt”. – In diesem Sinne: Munterholn!

Sch`manks

sch`morgens

sch`mirrages

sch`nommirrages

sch`noms

sch`nachens

sch maitiets

Margret Heuking-Seeger

Abgewöhnen ging nicht


Plattdeutsch zu sprechen und in sehr vielen Situationen auch zu denken, zeigt mir bis heute immer wieder mei­ne Wurzeln. Ich bin zehn Jahre nach Kriegsende gebo­ren und gehöre bestimmt zu der Generation, der man das Plattdeutsche eigentlich „abgewöhnen” mußte, da­mit sie – wie es in den sechziger Jahren allgemein ge­sellschaftlich und wirtschaftlich der Fall war – „aufstre­ben” konnte, damit sie es „besser haben” meine Eltern, meine drei Brüder und ich wohnten – wie meine Großeltern und deren Vorfahren – in einem kleinen emsländischen Dörf­chen (Wettrup). So ein Dorf ist eine abgeschlossene Welt, in der jeder jeden kennt. Bis auf den Pfarrer und die Lehrer (damals hatten wir noch zwei in unserer klei­nen Volksschule) sprachen alle dieselbe Sprache -Plattdeutsch. Öffnete sich unse­re Welt einmal und fuhren wir (mein Vater erwarb sein erstes Auto, als ich sieben Jahre alt war) zu Verwandten oder Freunden, gab es auch dort keine Änderung in der gegenseitigen Verständigung: Man sprach plattdeutsch. Lediglich bei Einkäu­fen – in Lingen beispielsweise – hörte ich meine Eltern hochdeutsch sprechen und stellte als Kind deutlich fest: Das ist die Fremde, und es verschwand jene Art von Sicherheit oder Geborgenheit, die wir Kinder ansonsten kannten.

Ostern 1962 wurden wir eingeschult, meine Cousine und ich. Wir erwarteten die­sen Tag voller Vorfreude und Spannung – im Unterschied zu einigen Mitschülern, die voller Ängstlichkeit auf ihre Mütter schauten. Woher aber kam unsere unge­trübte Vorfreude? Wir hatten doch bereits Hochdeutsch geübt, das heißt, wir gehör­ten nicht zu den Schulneulingen, die in die Lage kommen konnten, ihre neue Leh­rerin eventuell nicht zu verstehen! Und tatsächlich war es so: Am ersten Schultag mußte sich unsere Lehrerin besonders große Mühe geben, sich verständlich zu machen; daß sie sich auch einiger plattdeutscher Ausdrücke bediente, um den Kin­dern den Schulanfang zu erleichtern, rief besonders bei uns sechs Mädchen Gelächter hervor, sprach sie doch alle plattdeutschen Wörter völlig falsch aus. Noch heute erinnere ich mich an die gemeinsamen Schulwege der ersten Tage: Hochdeutsche Sätze wie „Darf ich deinen Griffel nehmen?” oder „Meine Fibel hat einen neuen Umschlag” wurden akzentuiert ausgesprochen beziehungsweise geübt.

Von nun an wuchsen wir also „zweisprachig” auf – aber mit Beginn meiner Schul­zeit machten meine Eltern mir immer mehr deutlich, daß die plattdeutsche Spra­che mir eines Tages im Wege stehen werde. Sehr zum Leidwesen meiner Großel­tern gehörten auch meine Eltern zu denjenigen, die überzeugt waren, das Plattdeutsche verhindere einen höheren Schulabschluß. Allerdings wagten sie es nicht, innerhalb der Familie, der Verwandtschaft und Nachbarschaft das Hochdeutsche einzuführen – denn das hätte Ärger mit den Großeltern beziehungsweise die Iso­lation im eigenen Dorf bedeutet.

Als Kind spürte ich die Diskrepanz trotzdem sehr stark. Meine Großeltern, beson­ders meine Großmutter, waren gute Erzähler. Ihre Stärke bestand im Erzählen von lustigen Begebenheiten und Anekdoten aus den vorherigen Generationen. Wir Kinder lernten Onkel und Tanten unserer Eltern kennen mit all ihren Liebens­würdigkeiten und Schwächen. Manchmal zeigte meine Großmutter uns dazu auch noch die passenden Fotos. Ich erinnere mich daran, daß sie teilweise völlig andere Ausdrücke gebrauchte, als ich sie von meinen Eltern kannte. Bei ihr gab es „koatmaude” Blusen, die bei meiner Mutter „koatärmelich” waren – und besonders diese noch älteren Wörter reizten mich, hörten sie sich doch so gut an und hatten keinerlei Ähnlichkeit mit dem Hochdeutschen.

Im Jahre 1963 – ich war acht Jahre alt und ging bereits über ein ganzes Jahr zur Schule – hatte ich (so sehe ich es heute) eine Art Schlüsselerlebnis mit der platt­deutschen Sprache. Da ich ziemlich untergewichtig war, sollte ich zwölf Wochen zur Kinderkur fahren, um (so war vielleicht die Vorstellung) als pausbackiges, ker­niges Kind zurückzukommen. Ich fuhr nach Oberammergau und sprach in der ge­samten Zeit dort kein einziges plattdeutsches Wort. Dort lernte ich einen anderen Dialekt kennen, das Bayrische, und habe erfahren, wie schnell eine Dialektfärbung (besonders bei Kindern) erfolgen kann. Zwölf Wochen Trennung von der gewohn­ten Umgebung, von Eltern und Geschwistern waren für mich damals eine halbe Ewigkeit. Erst einen Tag vor meiner Abreise aus Oberammergau kam mir er­schreckend klar zu Bewußtsein, daß ich nicht mehr plattdeutsch sprechen konnte. In all der Zeit dort hatte ich nur schriftlichen Kontakt mit Zuhause gehabt, und der war selbstverständlich hochdeutsch (an diese Briefe meiner Eltern, die nicht die ge­wohnte Wärme und Anteilnahme ausdrücken konnten, erinnere ich mich – da ich dort sehr unter Heimweh litt – schmerzlich). Mein ältester Bruder drückte nach meiner Ankunft sein eher entsetztes Erstaunen darüber in seiner Frage „Kanns du denn goa kien Plattdütsk mehr” aus, die ich nie vergessen habe.

Ich fühlte mich plötzlith fremd. Ich weiß heute nicht mehr, wie lange es dauerte, bis ich mich wieder heimisch fühlte; aber eine für mich wichtige Begebenheit ha­be ich noch klar vor Augen. Meine Mutter hatte es tagelang beobachtet, daß ich Schwierigkeiten mit dem Plattdeutschen hatte. Teilweise lachte sie über meine „Mischmasch-Sätze” (wie sie sie nannte). Und dann machte sie mir den Vorschlag, der doch drängenden Charakter hatte, beim Hochdeutschen zu bleiben. Für die Schule und mein späteres Leben sei das sowieso besser, und jetzt sei der günstig­ste Zeitpunkt für eine Umstellung. Ich glaube nicht, daß meiner Mutter damals überhaupt bewußt war, was sie mir da riet. Ich erinnere mich daran, daß ich die­sen Vorschlag – wohl wissend, was er bedeutete – kategorisch abgelehnt habe. Noch mehr und häufiger weilte ich bei meiner Großmutter und folgte ihr auf Schritt und Tritt, um mir mein plattdeutsches heimisches Gefilde wieder zurück­zuerobern (wobei meine Großmutter, die Mutters „Vorschlag” wohl vernommen hatte, mir besonders freudig half).

Im Laufe der nächsten Jahre war die Frage Plattdeutsch oder Hochdeutsch nach und nach unwichtig geworden, da meine Eltern merkten, daß wir Kinder mühelos das Plattdeutsche und Hochdeutsche miteinander vereinbaren konnten. Allerdings ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben, daß wir in vielen Gesprächssituationen außerhalb unseres Dorfes nicht unbedingt zu erkennen geben sollten, daß wir des Plattdeutschen mächtig waren; Plattdeutschsprechen war wohl gleichzusetzen mit völliger Rückständigkeit, einem Dasein jenseits von Kultur und Bildung. Wir Kin­der erspürten diese Situation, wenn wir, mit unseren Eltern unterwegs waren, ganz intuitiv – ein Verbot, plattdeutsch zu sprechen, ist nie ausgesprochen worden.

Ich habe dann später „trotz” plattdeutscher Sprache das Abitur gemacht und zu­dem ausgerechnet Germanistik studiert. Nachteile hat mir persönlich die platt­deutsche Sprache nicht gebracht; ich möchte eher auf meine Vorteile im Englisch­unterricht und später im Studium beim Übersetzen des Mittelhochdeutschen hin­weisen. Zudem heben mit Sicherheit viele Ausdrucksmöglichkeiten, die ich be­nutze, ihren festen Platz im plattdeutschen Sprachgebrauch.

Heute spreche ich fast ausschließlich hochdeutsch; ich bin Lehrerin und unter­richte das Fach Deutsch in der Erwachsenenbildung. In den Jahren meiner Unter­richtstätigkeit ist es allerdings einmal vorgekommen, daß ich einen Schüler hatte, der zu Unterrichtsbeginn fast kein Hochdeutsch sprach, und diesem Schüler konn­te ich durch mein Plattdeutsch die anfänglichen Barrieren abbauen. Inzwischen leite ich eine Seniorenarbeitsgruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, die sogenannte „alte Zeit” zum Leben zu erwecken. In einer 60minütigen Radiosendung (Ems-Vechte-Welle) mit dem Titel „Fröher gaft dat nich…” berichten die Senioren – natür­lich auf Plattdeutsch – aus ihrer Zeit. Diese Arbeit macht mir sehr viel Freude – se­he ich dadurch oft wieder das kleine Mädchen vor mir, das gespannt lächelnd sei­ner aus alten Zeiten erzählenden Großmutter lauschte.

Soziale und kulturelle Komponenten sind immer eng verbunden mit der Sprache, die diese im großen Maße bedingen, wobei dieser „Dialekt” nicht unmittelbar in eine „andere Sprache” transferiert werden kann, haben doch „Übersetzungen” le­diglich approximativen Charakter, wobei die eigentliche Semantik (Assoziationen, Konnotationen, Denotationen) häufig „auf der Strecke” bleiben muß. Demgemäß sehe ich die plattdeutsche Sprache als wichtiges Medium an, das alte „Werte”, sprich Kulturgüter, im Original rettet. Dabei kommt der zunehmende Trend, Platt­deutsch wieder salonfähig zu machen, diesem Ansinnen sicherlich sehr entgegen.

Auf den Punkt gebracht: Wenn wir unseren Kindern eine Vorstellung vom Leben ihrer Vorfahren erhalten wollen und ihnen damit ermöglichen, ihre Existenz als Kontinuum zu begreifen, müssen wir vor allen Dingen die Sprache ihrer Vorfahren erhalten.

Hubert Hüring

So richtig emsländisches Urgestein

Frage: Herr Hüring, welche Beziehungen haben Sie zur plattdeutschen Sprache?

Anwort: Meine Eltern haben untereinander nur platt­deutsch gesprochen, mit uns Kindern wurde jedoch ausschließlich hochdeutsch geredet. Ich nehme an, daß hauptsächlich mit Blick auf die spätere Schullaufbahn die Entscheidung gegen das Plattdeutsche gefallen war. Ich habe also die plattdeutsche Sprache nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Wenn ich heute platt spreche

– ich meine eigentlich, daß ich das einigermaßen kann -, dann sagen mir meine plattdeutschen Gegenüber, so zum Beispiel Gerd Gerdes, der früher beim SV Mep pen spielte: „Hör up, du kaas dat nich!” Ich bin also doch wohl kein Plattdeutscher im herkömmlichen Sinne.

Aber eine gewisse Zuneigung zu dieser Sprache scheinen Sie doch zu hegen?

Es ist eine Vorliebe von mir, Witze, die eigentlich nur auf plattdeutsch wirken, zum besten zu geben. Ich habe diese zumeist von Bernhard Hoveding, der war eine Zeitlang Chef auf der Freilichtbühne in Meppen. Ein Witz fällt mir spontan ein: Ein Bauer geht mit seinem neuen Jagdhund auf die Jagd und schießt über einem See ei­ne Ente ab. Daraufhin befiehlt er seinem Hund: „Apport”. Der läuft schnurstracks über das Wasser, kommt zurückgelaufen mit der Ente im Maul und legt sie neben dem erstaunten Herrn ab. Das geschieht zum wiederholten Male. Diese Errun­genschaft des Hundes will er am nächsten Tag seinem Jagdgenossen Gerd zeigen und nimmt ihn am Abend ebenfalls mit zur Entenjagd. Sie kommen wieder an den See, der Bauer schießt eine Ente, der Hund rennt auf Kommando über das Wasser und bringt die Jagdbeute seinem Herrn zurück. Gerd denkt: „Verdüllt, dat kann doch nich!” Aber er sagt nichts. Nach einer Weile wiederholt sich das Schauspiel: Schuß! Der Hund flitzt über das Wasser und bringt das tote Federwild sofort zu sei­nem Herrn zurück. Als Gerd sich noch immer nichts anmerken läßt, fragt ihn der erfolgreiche Jäger: „Gerd, fallt di an miene Rüe nix up?” Gerd krault sich an sei­nem Bart und antwortet bedächtig: Jao, ick woll die dat nich so seggen, man ick glöwe, dien Hund, de kann gar nich schwömmen!”

Sie stammen aus Lathen. Haben denn Ihre Klassenkameraden damals denn nicht in der Mehrzahl platt gesprochen?

Einige haben plattdeutsch gesprochen, aber nicht die Mehrzahl meiner Altersge­nossen.

Wilhelm Horstmeyer

De Duwen in Köln

Wer Platt spricht, spricht eine Sprache mehr! Dieser Grundsatz hat sich in meinem Leben – sowohl im privaten als auch beruflichen – und bei der Übernahmahme von Ämtern im öffentlichen Bereich immer wieder bestätigt und bewährt.

Aufgewachsen bin ich in Ostfriesland in einer Familie, in der nicht grundsätzlich plattdeutsch gesprochen wur­de. Mein Vater unterhielt sich in Platt, wenn seine Ge­schwister zu Besuch kamen, aber meine Mutter war nicht mit dieser Sprache aufgewachsen.

Selbst lernte ich Plattdeutsch nach meiner Einschulung in Emden kennen und vor allem sprechen. Es war fastselbstverständlich, daß in der Pause auf dem Schulhof unter den Schülern die neuesten Erlebnisse in dieser Sprache ausgetauscht wur­den. Besonders bemerkbar machte sich das bei dem  Besuch des Gymnasiums, als mehr Klassenkameraden vom Lande zu uns kamen. Plattsprechen war für uns ein Gegengewicht gegenüber dem Lateinischen und Griechischen, was wir zu büffeln hatten. Freude bereitete es uns, wenn wir Lehrer „aus Deutschland” hatten, die mit dem Plattdeutschen nichts anzufangen wußten. Manche Spitznamen unserer Lehrer kamen auch aus dem Plattdeutschen, und ich habe nicht den Namen „Schaapkäs” vergessen.

Beim Eintritt in das praktische Berufsleben als Schiffbau-Volontär bei den Nord­seewerken in Emden wäre ich ohne Plattdeutsch kaum weitergekommen. Der Ge­selle, dem ich zugeteilt wurde, fragte mich einfach „Woar heest du?” und „Wat maakt dien Vader” oder „Hest all’ mal ‘nen Hamer in’t Hand hat?”

Gleiche Erlebnisse hatte ich während meiner Wehrdienstzeit bei der Marine. Oft waren viele Norddeutsche an Bord, und selbstverständlich wurde auch hier platt­deutsch gesprochen. Erst recht bekam ich nach 1945 mit der plattdeutschen Spra­che zu tun, als ich meine Ausbildung in der Landwirtschaft begann. Schiffbau hat­te nach Kriegsende keine Zukunft, und eine Weiterführung des Studiums war für mich aussichtslos. In der ostfriesischen Marsch begann ich meine Lehre.

Neue Ausdrücke des Plattdeutschen lernte ich kennen – Ausdrücke, die nicht ins Hochdeutsche übersetzt werden können. An dem ostfriesischen Stelzpflug befin­det sich, um den von Pferden gezogenen Pflug weit an die Grabenkanten führen zu können, „dat ruum End”. Jeder Fachmann weiß, was das ist, aber „ein raumes Ende” ist in der hochdeutschen Sprache nicht zu verstehen. Besonders in der Land­wirtschaft und im ländlichen Raum hat das Plattdeutsche meines Erachtens heute noch ein Zuhause.

Unter den norddeutschen Studenten war Plattdeutsch auch während meiner anschließenden landwirtschaftlichen und pädagogischen Studierzeit die Umgangs­sprache. Warum sollte man seine Heimatsprache verleugnen? Während des Pädagogikstudiums zum Landwirtschaftlichen Berufsschullehrer wurde uns die Bedeutung des Plattdeutschen im Unterricht auch immer wieder mit Beispielen klar gemacht. Ich erinnere mich an eine Vorlesung, in welcher der Professor uns erzählte, daß während seiner Lehrerzeit in einer Grundschule plötzlich ein Junge ohne Worte die Klasse verließ und wegrannte. Als er nach einiger Zeit ins Klas­senzimmer zurückkehrte und gefragt wurde, wo er denn gewesen sei, habe er ge­antwortet: „Ick haar vergeten, mien Kaninen to fooren.” „Was hätte ich”, – so der Professor – „in dem Jungen an Pflichtbewußtsein zerstört, wenn ich ihn nicht ver­standen und gemaßregelt hätte.”

Ähnliche Beispiele kann ich aus meiner eigenen Unterrichtstätigkeit erzählen. Auf der Fahrt mit einer Ihrufschulklasse an den Rhein machten wir in Köln Halt. Die Höhe und bauliche Ausstrahlungskraft des Domes und auch die Größe des Haupt­bahnhofes beeindruckten die Fahrtteilnehmer kaum. Plattdeutsche Worte wie „Mußt eben kieken, doar sind Duwen” und die Frage „Düren wie hier ok platt prooten” waren viel wichtiger. Eine Schülerin erzählte nach Verlassen des Domes von anderen Besuchern: „De hebbt uns fragt, of wie Hollanders wären”.

Im Jahre 1956 kam ich in den Landkreis Grafschaft Bentheim, um hier die Leitung der Landwirtschaftlichen Berufsbildenden Schulen zu übernehmen. Bei dieser Aufgabe, den vielen Elternbesuchen und Verhandlungen mit den Vertretern von landwirtschaftlichen Organisationen, kamen mir ebenfalls meine plattdeutschen Sprachkenntnisse zugute. Im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern war Plattdeutsch eine Brücke zum gegenseitigen Verständnis. Neben der Schule her begannen wir gemeinsam mit der Landjugendarbeit, und bei dieser Arbeit stand das plattdeutsche Laienspiel mit im Mittelpunkt. Seit dem Jahre 1960 spielt die Landjugend Nordhorn – wie auch andere Landjugendgruppen im Kreisgebiet – in je­dem Winterhalbjahr ein plattdeutsches Stück und zählt bei etwa acht Aufführun­gen tausende Besucher.

Ist Plattdeutsch überholt und eine zurückgehende Sprache? Die vorliegenden Zah­len beweisen meines Erachtens das Gegenteil. Leider sind zu wenige plattdeutsche Stücke im Grafschafter Platt geschrieben. Und werden sie aus anderen Regionen übernommen, besteht die Gefahr, daß nichttypische Grafschafter Ausdrücke mit einfließen.

Um das Plattdeutsche zu fördern, habe ich seit etwa 30 Jahren im zweijährigen Turnus als Vorstandsmitglied des Heimatvereins in Verbindung mit der Kreissparkasse und dem Schulaufsichtsamt die Organisation von plattdeutschen Lesewett bewerben übernommen. Wider Erwarten zeigt die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler bei jedem Wettbewerb eine steigende Tendenz, so daß wir seit elnl gen Jahren vor den Kreisentscheiden in den einzelnen interessierten Schulen Vor entscheide einführen mußten. Beim letzten Wettbewerb haben in den Voreilt scheiden von 36 Schulen etwa 530 Schülerinnen und Schüler teilgenommen, von denen sich 140 für den Kreisentscheid qualifizieren konnten.

Änderungen in den Bevölkerungsstrukturen durch Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen und auch Änderungen im Schulsystem durch Einführung von zentralen Schulen, Kindergärten und Spielkreisen haben in den letzten Jahrzehn­ten für die Beibehaltung des Plattdeutschen negative Spuren hinterlassen. Sollen und müssen wir aber auf das, was hier in unserer Region eigenständig und ge­wachsen ist, verzichten? Für heimatverbundene Organisationen, Elternhäuser und schulische Einrichtungen besteht zur Erhaltung des Plattdeutschen nach meiner Auffassung eine besondere Verpflichtung! Plattdeutsch darf in der Schule zum Bei­spiel nicht als „Fach” unterrichtet werden, sondern muß Unterrichtsprinzip sein. Das setzt voraus, daß an den Schulen Lehrkräfte als Ansprechpartner (Obleute) zur Verfügung stehen, die sich verstärkt für die Erhaltung der regionalen Sprache ein­setzen.

Viele Jahre hindurch war ich im kommunalpolitischen Bereich tätig und hatte auch führende Ämter übernommen. Wenn auch im offiziellen Bereich die hochdeut­sche Sprache Amtssprache war, so war im Gespräch mit den Menschen vor Ort vielfach das Plattdeutsche vorherrschend. Gerne denke ich an Besuche bei älteren Mitbürgern zurück, wenn sie Geburtstage hatten oder Ehejubiläen feiern konnten. Die Berichte von früher wurden meistens im Grafschafter Platt vorgetragen, und ich bedaure im nachhinein, daß ich kein Tonbandgerät bei mir hatte, um die Er­lebnisse aus früheren Zeiten aufnehmen zu können. Berichte aus den landwirt­schaftlichen Betrieben und aus den Anfängen der Textilindustrie sowie dem Wach­sen der Stadt Nordhorn, der Anbindung an den Verkehr, der Entwicklung von Handel und Wandel in der Stadt und im Kreisgebiet, dem Fertigwerden mit den Grenzproblemen – einschließlich des Schmuggels – auf Grafschafter Platt vorgetra­gen, sind leider unwiederbringliche Kostbarkeiten, und ich kann nur darauf hin­weisen, in dieser Hinsicht f4tzuhalten, was heute noch festzuhalten ist.

Wie sehr gerade die plattdeutsche Sprache vermag, Menschen anzusprechen und sich mit ihren Problemen dem Gesprächspartner anzuvertrauen, habe ich als Bür­germeister von Nordhorn in meinen wöchentlichen Sprechstunden erfahren kön­nen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Sozialhilfeempfängerin, die eine Jahresabrechnung von den Versorgungsbetrieben nicht begleichen konnte, weil ihr der geringe Betrag fehlte. Wie muß die Frau sich selbst überwunden haben, um überhaupt ins Rathaus zu kommen und mir das vorzutragen. Sie meinte, ihr Pro­blem hochdeutsch mitteilen zu müssen, und erst als ich sie ermuntert hatte, mir das Anliegen plattdeutsch zu erzählen, war die Scheu überwunden. Daß ihr zu helfen war, war in diesem Falle zweitrangig, aber in dem dann weiterführenden Ge­spräch stellte sich heraus, daß sie auch noch andere Sorgen in der Familie und in der persönlichen Lebensführung hatte, bei denen ich ihr raten und einige Vor­schläge unterbreiten konnte. Diese Unterhaltung hat mir in besonderer Weise ge­zeigt, wie wichtig es ist, plattdeutsch zu verstehen und zu sprechen, und daß es hilft, Menschen aufgeschlossener und freier werden zu lassen.

In der Zeit meiner öffentlichen Ämter habe ich einige Male auswärtige Gäste in plattdeutscher Sprache begrüßt. Das löste in manchen Fällen Erstaunen aus, den sogenannten „Aha-Effekt”, auf den keiner gefaßt war. Während einer Tagung des plattdeutschen „Schrieverkrings” wurde ich von den Gästen gebeten, bei einer Rundfahrt die Stadt Nordhorn in Platt vorzustellen. Diese Bitte habe ich als per­sönliche Herausforderung verstanden und sie befolgt. Es geht! •

Grafschafter Platt und das Platt aus der benachbarten Twente in den Niederlanden sind sehr miteinander verwandt. Als die Räte der Stadt Nordhorn und der Ge­meinde Denekamp NL im Jahre 1993 nach Öffnung der Grenze zum ersten Male zusammen tagten, um gemeinsam über Fragen der Grenzöffnung und des ge­meinsamen Europas zu beraten, hielt ein Wethouder (Dezernent) der Nachbarge­meinde sein Referat auf Twenter Platt. Verkehrsfragen, Straßenführungen, Vor-und Nachteile des Wegfalls der Grenzkontrollen usw. wurden auch in dieser Re­gionalsprache von allen verstanden.

Erlebt habe ich bei einem Empfang von Grafschaftern, die nach dem Kriege in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren und zu einem Besuch in ihrer alten Hei­mat weilten, wie sie heute – nach über 45 Jahren – noch untereinander plattdeutsch sprechen. Nur bei der nachwachsenden Generation nimmt das Englische als Um­gangssprache zu. Bei dem offiziellen Empfang der Gruppe durch die Stadt Nord­horn wurde vom Plattdeutschen ins Englische und umgekehrt gedolmetscht. Wo hat es so etwas bei Empfängen auf diplomatischer Bühne schon gegeben!

Und privat? Meine Frau und ich sprechen nur plattdeutsch miteinander und teilen darin auch Freude und Sorgen. Selbst wenn ich aus naher oder weiter Entfernung zu Hause anrufe, schalte ich unwillkürlich auf das Plattdeutsche um. Die Mehrzahl unserer Kinder und Enkelkinder sind leider nicht mehr in der Grafschaft Bentheim, da sie beruflich anderswo ihre Arbeit gefunden haben. Sie sprechen nicht platt­deutsch, verstehen es aber sehr gut. Die Enkel haben damit größere Schwierigkei­ten. Das darf uns hier in unserer engeren Heimat aber nicht dazu verleiten, die bei uns als bodenständig geltende Sprache zu vernachlässigen. Wir müssen sie als un­wiederbringliches und unersetzliches Kulturgut weiterhin beibehalten und för­dern.