Friedrich Scholten

Sprache des Gesprächs

Ja, auch ich spreche plattdeutsch.

Es ist die Sprache, die an meiner Wiege gesprochen wurde und mit der ich aufgewachsen und groß geworden bin. Auch heute noch, wo ich im Dienst überwiegend die hochdeutsche Sprache spreche, denke ich plattdeutsch. Das äußert sich dadurch, daß mir manchmal unbeabsichtigt platt­deutsche Wörter im Gespräch herausrutschen. Für mich ein Zeichen dafür, wie tief sich die Muttersprache bei mir festgesetzt hat – „Mutters Sprache” eben.

Welche Bedeutung hat die plattdeutsche Sprache für mich heute? Wenn ich mich mit jemandem auf Platt un­terhalte, dann ist dort sofort eine größere Nähe zu spüren. Es ist für mich die Sprache des Gesprächs. Eine Kommunikationsebene und Kommunikationsmöglichkeit nach dem Gleichheits­prinzip. Für mich werden durch „Platt” Hierarchien abgebaut.

Auch glaube ich, daß die plattdeutsche Sprache besonders geeignet ist, kulturelle und soziale Nähe zu dokumentieren. Wie sonst sind die vielen mundartlichen Va­riationen zu erklären? Oftmals sind diese Nuancen ja schon zwischen einzelnen Bauernschaften zu erkennen. Fachleute sind in der Lage, den Herkunftsort – nicht nur den Kreis oder die Region – an der mundartlichen Ausgestaltung der plattdeut­schen Sprache des Gesprächspartners zu erkennen. Eine solche kleinräumige Dif­ferenziertheit ist bei der hochdeutschen Sprache unbekannt – für mich ein höchst bedeutsames Zeichen von Identität, in einer sich immer globaler gestaltenden Um­welt ein nicht hoch genug einzuschätzender Umstand. Ich bin davon überzeugt, daß in einem zusammenwachsenden Europa, in dem die nationalen Grenzen im­mer durchlässiger und damit weniger sichtbar sein werden, solche kulturellen und sozialen Kristallisationsmerkmale eine immer größere Bedeutung erlangen. Sie werden in Zukunft vielleicht Wegweiserfunktionen in einer globalen Welt sein, die den einzelnen Bürger auch überfordern kann.

Ich wäre aber unaufrichtig, würde ich die negativen Begleitumstände für mich nicht auch erwähnen. Ich war in der Schule im Fach Englisch immer besser als in Deutsch. Das bedeutet für mich bis heute, daß ich in der hochdeutschen Sprache eine gewisse Unsicherheit spüre. Für mich war diese Unsicherheit Grund genug, meinen Kindern diese Erfahrung dadurch zu ersparen, daß meine Frau und ich mit ihnen hochdeutsch sprechen. Leider ist es uns bisher noch nicht gelungen, ihnen die plattdeutsche Sprache auch als praktisch angewandte Sprache beizubringen. Da sie die Sprache jedoch sehr gut verstehen können, hoffe ich sehr, daß sie sie eines Tages auch sprechen werden. Da ich, wie schon erwähnt, von der kulturellen und sozialen Bedeutung dieser Sprache überzeugt bin, kann ich es ihnen nur wün­schen.

Ich möchte an dieser Stelle noch auf eine besondere Komponente der sozialen Be­deutung des Plattdeutschen hinweisen. „Platt” ist für mich in erster Linie eine Spra­che des Gesprächs, ich deutete es ja schon an. Anders als die hochdeutsche Spra­che eignet sie sich darum nicht zu geschliffenen Formulierungen. Unterschiede in der Bildung oder auch der sozialen Herkunft werden durch die Benutzung der plattdeutschen Sprache weniger offenkundig. Sie ist dadurch eine Sprache, die Vor­urteile abbaut – für mich ein wichtiges Mittel, Spannungen, Ressentiments schnel­ler bewältigen zu können.

Ich will ein Beispiel bringen: Mein Geburtsjahrgang ist 1947, und ich wohne di­rekt an der holländischen Grenze. Als Kinder bekamen wir die großen Spannun­gen nach dem Krieg zwischen Deutschen und Holländern direkt zu spüren. Ich ha­be erlebt, daß mein Vater es Anfang der fünfziger Jahre kaum wagte, nach Holland entlaufene Rinder zurückzuholen. Wenn ich die deutsch-holländische Beziehung heute rekapituliere, dann – glaube ich – hat die gemeinsame Sprache unter den Menschen beiderseits der Grenze schneller und tiefer zu entscheidenden Verbes­serungen geführt. Ich bin heute davon überzeugt, daß die gemeinsame platte Spra­che ein wesentliches Kriterium dazu war. Durch sie kam es abseits der großen Po­litik sehr viel schneller zu einem Gespräch der Menschen beiderseits der Grenze, in dem dann die Weichen in eine bessere Zukunft gestellt werden konnten.

Auch heute gibt es zwischen den landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland und Holland große lnteressenskonflikte. Sie entstanden durch unterschiedliche Entwicklungen der Höfe und des dazugehörenden vor- und nachgelagerten Wirt­schaftsbereichs. Wenn wir heute diese Interessensunterschiede als Freunde und Partner innerhalb der EU offen und manchmal auch hart diskutieren können, dann auch oder gerade wegen unserer gemeinsamen Sprache.

Wenn in der EU immer mehr von einem Europa der Regionen gesprochen wird, dann sind das für mich Regionen mit vergleichbaren Strukturen, identischen In­teressen und mit einer gemeinsamen Kultur. Klammer Nummer eins in der Region hier im Grenzgebiet zu den Niederlanden wird unsere gemeinsame Sprache sein.

 

Albert Rötterink

Ich denke sogar plattdeutsch

 

Ich bin von Haus aus plattdeutsch aufgewachsen auf dem Bauernhof meiner Eltern in Ringe. Hochdeutsch war meine erste Fremdsprache. Ich erlernte sie ab der Einschulung 1951 in der damaligen Volksschule in Großringe. Im Elternhaus wurde aber nach wie vor plattdeutsch gesprochen, ebenso mit den Nachbarn und Verwandten.

 

Ich habe im Umgang mit der plattdeutschen Sprache stets gute Erfahrungen gemacht und bin auch heute noch ein starker Verfechter und Befürworter der platt­deutschen Sprache. Nach wie vor ist sie meine Haupt­sprache – sowohl zwischen meiner Frau und mir als auch im Umgang mit Nach­barn und vielen Bekannten. Ja, ich kann sagen, ich denke auch plattdeutsch.

Selbst bei meiner beruflichen Tätigkeit habe ich sehr oft Gelegenheit, plattdeutsch zu sprechen, oder andersherum: Ich lasse keine Gelegenheit dazu aus. Auch mit einer Anzahl von Arbeitskollegen, von denen ich weiß, daß sie plattdeutsch spre­chen können, unterhalte ich mich auf diese Weise.

Da ich beruflich viel mit Baufirmen zu tun habe, deren Beschäftigte auch noch zu einem Großteil platt sprechen, pflege ich die Sprache auch hier bei jeder Gelegen­heit; ebenso im Umgang mit den niederländischen Verwandten, Bekannten und Firmen.

Meine plattdeutschen Kenntnisse und Erfahrungen haben bei mir sowohl im pri­vaten als auch im beruflichen Leben einen sehr großen Stellenwert. Selbst in den Gremien und Vereinen, in denen ich ehrenamtlich tätig bin, wird zu einem großen Teil platt gesprochen, so zum Beispiel auch bei den Aufsichtsratssitzungen bei der Volksbank Emlichheim.

Viele Personen kennen mich zum Beispiel vom Groafschupper Plattproater Kring her, dessen Vorsitzender ich seit 1984 bin, und sprechen mich von sich aus auf Plattdeutsch an. Das ist natürlich sehr schön und angenehm und stellt vielfach schon gleich ein besonderes persönliches Verhältnis her.

Ich bin der Meinung, daß unsere Sprache in unserem gesellschaftlichen Leben ­ich spreche hier natürlich nur die norddeutschen Gebiete an – eine nicht zu unter­schätzende soziale und kulturelle Bedeutung hat. Doch wir müssen auch etwas dafür tun, daß sie erhalten bleibt. Besonders wichtig ist es, daß auch in den Schulen Plattdeutsch angeboten wird. Meine Kinder sind Ende der sechziger und An­fang der siebziger Jahre geboren. Leider haben wir aus heutiger Sicht nicht von Be­ginn an mit ihnen auch plattdeutsch gesprochen. Doch das war zu der Zeit so eine Welle, in der es hieß, man solle mit den Kindern nur hochdeutsch sprechen. Heu­te würde ich es wieder anders machen; meine Frau sieht das genauso. Insgesamt bin ich aber noch zuversichtlich, daß wir die plattdeutsche Sprache noch eine Wei­le hinüberretten.

Heiner Schwering

Der alte Torfstecher Jan Bossrum

Et fallt mi heller schwor, jau in hochdütsk tau schrieven. Hochdütsk was för mi de erste Frömdspraoke. Dennoch will ik jau, so wie säi wünscht, in Hochdütsk schrieven.

Die plattdeutsche Sprache muß ich wohl mit der Mut­termilch eingesogen haben. Mein Elternhaus war für mich die erste Schule, wo ich das Plattdeutsche mitbe­kommen habe. Meine Eltern unter sich und mit uns Kindern, aber auch wir Kinder untereinander, sprachen nur plattdeutsch. Nur die Gebete, Morgen- und Abendgebet und die Tischgebete, wurden in Hochdeutsch gesprochen. Auch rings um uns in der Nachbarschaft kannten wir kein Hochdeutsch. Dies hat sich geändert, als während des zweiten Weltkrieges die ersten Flüchtlingskinder in unser Dorf kamen.

In der Schule hatte ich es anfangs schwer, mich an das Hochdeutsche zu gewöh­nen. Immer wieder kam das Plattdeutsche durch. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als wir mit unserem Lehrer – er kam mit Berliner Jungs im Rahmen der Landverschickung in unser Dorf und wohnte bei uns in der Nachbarschaft – ge­meinsam zur Schule gingen und plötzlich ein Eichhörnchen den Weg überquerte. Ich rief laut: „Da, ein Kartäiker!” Der Lehrer fragte nach: „Was ist das?” Ich sagte: „Ein Kartäiker”, und meinte, ihm damit auf Hochdeutsch geantwortet zu haben. Er verbesserte mich und sagte, es sei ein Eichhörnchen. Seitdem weiß ich, daß ein Kartäiker ein Eichhörnchen ist.

Ähnlich erging es mir in der Schule, als wir aufzählen sollten, welche Spiele wir Kinder in der Freizeit so machen. Aufgezählt wurden unter anderem Ball- und Murmelspiele, Versteckspielen, Hinkepinke, Reigenspiele. Ich sagte: „Räuber und Schönndäm.” Da sagte die Lehrerin zu mir: „Das heißt Räuber und Gendarm.”

Dies sind zwei Beispiele, wo ich mich meiner plattdeutschen Sprache sicher ge­schämt habe. Ansonsten habe ich immer sehr gute Erfahrungen mit Plattdeutsch gemacht. Ohne diese Sprache kann ich mir mein Zuhause, mein Dorf, meine Hei­mat, use Emsland, die Familienfeiern und Volksfeste nicht vorstellen. Es bereitet mir immer wieder große Freude, wenn ich auf Festlichkeiten, bei Geburtstagen, Hochzeiten oder Jubiläen, in Plattdeutsch Vorträge halte und damit die Gäste er­freuen kann. Meistens trete ich als alter Torfstecher „Jan Bossrum” auf. Platt­deutsch, wo immer es auch in meiner Nähe gesprochen wird, ob daheim oder in der Fremde, ist ein Stück Heimat für mich.

Neben dem christlichen Glauben, den ich im Elternhaus und im Religionsunter­richt mitbekommen habe, ist das Plattdeutsche eines der wichtigsten Kulturgüter für mich.

Auch in fast vier Jahrzehnten Kommunalpolitik in Gemeinde und Landkreis kommt mir die plattdeutsche Sprache bestens aus. Dies nicht so sehr in großen Re­den – auf Hochdeutsch gehalten -, sondern vielmehr in persönlichen, meistens in Platt geführten Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen in Rat und Kreistag sowie mit der Verwaltung. Man kann in Plattdütsk de Dinge vull dröcker up`n Punkt brängen un somit för de Mitmensken masse drock und unkompliziert be-wägen.

Ich bin sehr froh darüber, wenn ich durch unser schönes Emsland und durch die Grafschaft fahre und überall schmucke Heimathäuser sehe. Es sind Stätten der Be­gegnungen unserer Bürgerinnen und Bürger, wo das Plattdeutsche in Vorträgen, Liedern, Lesungen oder Theaterspielen gepflegt wird.

Neben der noch intakten Natur, die wir in unserer emsländischen Landschaft ha­ben, ist sicherlich unsere plattdeutsche Sprache auch ein Werbeträger für den Tou­rismus. Wir sollten sie auf jeden Fall hegen und pflegen. Leider kommt meines Er­achtens die plattdeutsche Sprache in unseren Kindergärten und Schulen zu kurz, trotz plattdeutscher Lieder- und Lesebücher. Auch in unseren Familien wird das Platt immer mehr verdrängt. Elternhäuser, Kindergärten, Schulen – auch die Volks­hochschulen – sind aufgerufen, die plattdeutsche Sprache nicht verkommen zu las­sen. Ich begrüße es daher, daß es Bürgerinnen und Bürger gibt, die plattdeutsche Bücher, Geschichten und Dönkes oder gar plattdeutsche Wörterbücher schreiben.

Dr. Josef Stecker

Eine plattdeutsche Begrüßung

Als ich 1916 das Licht des Emslandes erblickte, wurde ich mit einem ganz besonderen plattdeutschen Gruß empfangen. Das war so: Die männlichen Mitglieder un­ser

er Großfamilie waren als Soldaten im Felde, und so wirkte in den Kriegsjahren ein angeheirateter „Onkel Dirk”, der wegen eines Unfallschadens nicht Soldat war, als “Taufpate vom Dienst”. Er war Junggeselle und ein lebensfroher Schalk. Als er sich humpelnd in feier­lichem Gehrock auf den Weg zu meiner Taufe in der Werlter Kirche machte, soll er – wohl auch mit einem ge­wissen Stolz auf seine Würde – gesagt haben: „Daor bünnt de Keerlße in Urlaub wään, und ich mott wär mit’n Zylinder taugänge!” Immerhin erhielt ich von ihm seinen.schönen Vornamen Theodor als Zweitnamen und ein goldenes 20 Mark-Stück als Taufgeschenk.

Auch sonst spielte sich in der damaligen Zeit auf dem Hümmling noch alles in platt­deutscher Sprache ab. In Wehm bei Werlte, meinem Geburtsort mit 400 Einwoh­nern, lernten die Kinder in der einklassigen Volksschule das Hochdeutsche als er­ste Fremdsprache. Und meinem Vater war das als Lehrer auch sehr recht, denn die Versuche mancher sich schon etwas städtisch dünkenden Eltern, ihren Kindern Hochdeutsch beizubringen, führten oft zu schwer ausrottbaren sprachlichen Fehl­leistungen. Da war es schon besser, wenn den Kindern vom Lehrer im ersten Schuljahr beigebracht wurde, daß aus dem „Pärd” ein Pferd, aus der ,Tunge” eine Zunge und aus dem „Dood” ein Tod wurde – praktische Beispiele der zweiten sprachlichen Lautverschiebung, die wir Niederdeutschen ja nicht mitgemacht ha­ben. Die Schwierigkeiten, „mir” und „mich” zu unterscheiden, blieben allerdings trotz aller Lehrermühen oft bis ins Alter erhalten. Mein Vater pflegte das etwas re­signierend zu kommentieren: Hauptsache, daß sie gelernt haben, Mein und Dein zu unterscheiden.

Bei uns zu Haus war der Sprachgebrauch etwas komplizierter. Die Eltern und Großeltern sprachen zwar mit uns Kindern hochdeutsch, aber untereinander nur plattdeutsch, obwohl sie in unterschiedlichen Regionen unseres Vaterlandes auf­gewachsen waren: Auf dem Hümmling, im benachbarten Oldenburger Münster-land, im Kreis Höxter und in Bremen. Man mixte eben die verschiedenen Dialek­te mit Tendenz zum Hümmlinger Platt, das wir Kinder sehr bald von unseren Spiel­freunden lernten. Vielleicht hat bei mir das bewußte Erlebnis der unterschiedli­chen Dialekte ein besonders herzliches Verhältnis zu unserer Heimatsprache er­zeugt: Ich käme mir heute noch im hohen Alter komisch vor, wenn ich mit meinen Geschwistern hochdeutsch sprechen würde – ganz gleich, wo wir uns begeg­nen, und das Gleiche gilt, wenn ich irgendwo in der Welt Hümmlinger Landsleu­ten begegne.

Vorbild waren mir dabei auch zwei akademische Originale, die in meiner Kindheit in Werlte tätig waren: Der als Heimatschriftsteller bekannt gewordene Apotheker Trautmann und der einzige Arzt im östlichen Hümmling, Sanitätsrat Dr. Meister­mann. Beide lebten mit dem plattdeutschen Volk und fühlten sich in der Sprache des Volkes zu Hause. „Ick segge, daut mien’ n Foß man en Stück Broot”, pflegte der Doktor zu sagen, wenn er bei einem armen Schlucker eines der vielen Kinder be­handelt hatte und nach dem Honorar gefragt wurde. „Dei Foß” – das war sein treu­es Kutschpferd, das ihn auf den weiten Fahrten von Esterwegen und Lorup bis Lahn und Ahmsen befördern mußte. Und wenn ein Patient über Verstopfung klag­te, lautete die Therapie gelegentlich schlicht: „Ick segge, Löninger Bäier, wenn eei-ne Fläske nich helpet, dänn twäie.”

Die Nachfolger dieser Originale waren dann nur noch „Hochdeutsche”, wie über­haupt in den zwanziger und dreißiger Jahren das Plattdeutsche immer mehr in den Ruf einer Sprache für das „einfache Volk” kam. Die Menschen auch im Emsland wurden durch Krieg und Nachkriegszeit mobiler; Zeitung und Radio fanden Ver­breitung und lieferten hochdeutschen Gesprächsstoff, so daß immer mehr das Plattdeutsche der ganz flachen Umgangssprache vorbehalten blieb. Die Naziherr­schaft tat ein Übriges: Alte Heimatfreunde, die bewußt die plattdeutsche Sprache gepflegt hatten, zogen sich vielfach zurück, weil ihnen die Blut- und Boden-Ideo­logie mit ihrer braunen Soße die Heimatarbeit vergällt hatte.

Ich selbst kam dann nach dem letzten Krieg noch einmal so richtig in die platt­deutsche Praxis, als ich in meiner Ausbildung als Referendar beim Amtsgericht Sö-gel und dem dortigen Rechtsanwalt Beimesche einige Zeit verbrachte und die rechtssuchenden alten Menschen meine bevorzugten Klienten waren. Ich habe so manches Mal in den Augen dieser Leute ein Leuchten gesehen, wenn ich ihnen sagte, sie könnten mir auf Plattdeutsch ihr Anliegen vortragen. Sie hatten ja außer der sonntäglichen Predigt nur in und mit ihrer Muttersprache gelebt; und nun soll­ten komplizierte Sachverhalte hochdeutsch niedergelegt werden. Da waren platt­deutsche Erläuterungen und Umschreibtingen schon sehr hilfreich, und diese machten mir selbst auch viel Freude.

So fand ich denn auch sehr schnell Zugang zu den plattdeutschen Heimatfreunden in Meppen, als ich als junger Oberkreisdirektor dort Anfang der fünfziger Jahre meine Arbeit aufnahm. Maria Mönch-Tegeder, damals Lehrerin an der Kreisbe­rufsschule, hat mich als echten Emsländer geradezu enthusiastisch begrüßt. Ich sollte wohl als ein richtiger ‚Jung-Siegfried” die verwackelte Heimatfront wieder auf Linie bringen. Und in der Tat: Sie hat mich mit ihren Erzählungen, Geschich­ten und Anekdoten, aber besonders auch mit einer ausgeprägten persönlichen Lie­benswürdigkeit für die Heimatarbeit und besonders auch für die Pflege des Plattdeutschen begeistert. Da war es nur eine natürliche Folge, daß wir mit der Grün­dung des Emsländischen Heimatbundes unseren Bemühungen auch den gehöri­gen Rahmen gaben.

Die Arbeit durfte ja nicht zur Heimattümelei verkommen, und gerade im Rahmen der großen Emslanderschließung durften wir nicht einfach Überkommenes kon­servieren, es mußte auf bewährter Grundlage und im echten emsländischen Geist weiterentwickelt werden. Meine Devise in allen Bereichen war deshalb: „Handle so, wie die besten unserer Vorfahren handeln würden, wenn sie heute lebten.” Und das heißt für die plattdeutsche Sprache, daß wir diese nicht auf breiter Grund­lage als Umgangssprache erhalten können.

Aber das heißt auch, daß wir sie nicht einfach abschreiben dürfen. Jede zusätzli­che Sprache ist ja eine Bereicherung und eine Hilfe für die lebendige Weiterent­wicklung der Schriftsprache. Ich selbst empfinde Plattdeutsch auch heute noch als eine uns Norddeutschen besonders gemäße Sprache, die ich immer gern als „Ein­schub” bei Unterhaltungen verwende: Sie ist manchmal hart, aber nicht verlet­zend, eher gemütlich und zutraulich, eine Nahsprache, die Menschen zusammen­führen kann, eine Hilfe bei der Suche nach Menschlichkeit und Geborgenheit. Deshalb ist es schon des Schweißes der Edlen wert, die Pflege des Plattdeutschen in Wort und Schrift in Schulen, „Schrieverkringen”, Vorlesewettbewerben und an­deren Heimatveranstaltungen lebendig zu erhalten.

 

Spökenkieker

Seit 1992 Jahren versuchen wir, die Gruppe „Spökenkieker” aus Meppen, die Mu­sikszene im Emsland mit Liedern in Platt und hochdeutscher Sprache zu berei­chern. Wir sind in Meppen geboren und aufgewachsen und somit schon früh mit der plattdeutschen Sprache in Berührung gekommen, auch wenn zu Hause nicht platt gesprochen wurde.

Als Musikanten haben wir schnell erkannt, daß in jedem plattdeutsch gesproche­nen Klangbild schon eine „Grund-Musik” vorhanden ist. Inge Streeck hat versucht, diese aus ihren Texten herauszuhören und musikalisch umzusetzen, so daß ei­gentlich jedes Lied ganz selbstverständlich klingt – so, als hätte man es immer schon gesungen. Alltägliches, Erlebtes und Gehörtes, auch eigene Schwächen und Probleme geben dem Zuhörer oft das Gefühl, sich in unseren Liedern wiederzufinden.

Erfeulich ist auch, daß Kinder gerne zu unseren Konzerten kommen, schnell die Refrains mitsingen und zu Hause die CDs oder Cassetten abspielen, wie uns Eltern hinterher berichten. Wenn hiermit nur ein kleiner Beitrag geleistet werden kann, die Liebe zum Platt in die nächste Generation zu übertragen, Freude beim Hören zu wecken und zu zeigen, daß Platt auch in der heutigen Zeit zeitgemäß ist, moti­viert uns das zum weitermachen. Wir haben auch Gedichte von Alfons Sanders so­wie Maria Mönch-Tegeder vertont und damit auch über die Grenzen des Emslandes hinweg wie in Berlin, Hamburg oder Hannover hören lassen, wie es bei uns im Emsland klingt. Die Lieder – fröhlich und besinnlich – werden begleitet von In­strumenten wie Gitarre, Mandoline, Flöten, Fidel, Mundharmonika. Musik, hand­gemacht, ohne elektronische Verstärkung, so daß alles noch natürlich und ur­sprünglich klingt.

Prof. Dr. Hans Taubken (Münster)

Die Wissenschaft vom Platt

Um es vorweg deutlich zu sagen: Das Plattdeutsche ist zwar die Sprache meiner Mutter, aber es ist nicht mei­ne „Muttersprache”. Mir erging es wohl nicht anders als vielen Altersgenossen in den norddeutschen Klein­städten nach dem zweiten Weltkrieg. Deren Eltern wa­ren im sprachlichen Umgang mit ihren Kindern zum Hochdeutschen übergegangen – aus welchen Gründen auch immer.

Dennoch war das Plattdeutsche rundherum präsent: wenn meine Eltern mit ihren Eltern oder mit ihren Ge­schwistern sprachen, wenn ein Onkel bei Familienfe­sten plattdeutsche Lieder zum besten gab, wenn die Mutter meines Spielkamera­den gern plattdeutsche Wörter gebrauchte, um uns zu erheitern. Hinzu kam die Nähe zum Dorf Altenlingen, wo wir als Kinder im Herbst Kartoffeln sammelten und wo manche plattsprechenden Schulkameraden wohnten; die eine oder ande­re plattdeutsche Wendung prägte sich als Variante neben dem Hochdeutschen still­schweigend ein. Ich hatte in meiner Kindheit zwar ein plattdeutsches Ohr, aber keine plattdeutsche Zunge, das heißt: meine nicht gerade umfangreichen Kennt­nisse des Plattdeutschen waren mehr passiver Art.

Vielleicht hat das aber den Ausschlag gegeben, daß mich später während des Ger­manistikstudiums in Münster die niederdeutsche Sprache und Literatur besonders interessierte. Eine meiner ersten Seminararbeiten behandelte die Flurnamen von Altenlingen, die ich in direkter Befragung vor Ort, aber auch durch die Bearbeitung von Hofesakten und älteren archivalischen Quellen ermittelte. Als Student mit dem Ziel des Lehramtes an Gymnasien war mein Studium zum größten Teil auf die Schule hin konzipiert. Eine Wende bedeutete für mich das Angebot eines meiner akademischen Lehrer, über die wechselhafte Sprachgeschichte der Grafschaft Lin-gen vom Niederdeutschen zum Niederländischen und schließlich zum Hochdeut­schen zu promovieren. Als mir dann noch eine Stelle als wissenschaftlicher Mit­arbeiter am großlandschaftlichen Westfäliscilen Wörterbuch in Münster angebo­ten wurde, fiel mir der Entschluß leicht, mich künftig beruflich ganz der nieder­deutschen Sprache und Literatur zu widmen.

Das Bearbeitungsgebiet des Wörterbuchs umfaßte auch den emsländisch-bentheimischen Raum, für den ich mich natürlich besonders interessierte. Die lange Zu­sammenarbeit mit dem Hauptlehrer Bernhard Garmann, der eine Sprichwortsammlung in der Mundart von Beesten zusammengetragen hatte, war für mich zunächst der intensivste Einblick in einen emsländischen Ortsdialekt (1978). Meine inzwischen beruflich erworbenen fachwissenschaftlichen Kenntnisse führten nach zahlreichen Befragungen innerhalb des emsländisch-bentheimischen Raumes zu einer umfangreichen Studie über die Lautgeographie der emsländischen Mundarten in der Veröffentlichungsreihe der Emsländischen Landschaft (1985). Eine besondere Bereicherung war die mehrjährige Zusammenarbeit mit Dr. Heinrich Book am Hümmlinger Wörterbuch, von dem soeben eine zweite, stark er­weiterte Auflage erschienen ist.

Meine Mitarbeit in der 1983 gegründeten Augustin-Wibbelt-Gesellschaft e.V., in deren Auftrag ich die plattdeutschen Werke des ostmünsterländischen Dialekt­autors neu herausgebe, hat inzwischen dazu geführt, daß ich eine recht ansehnli­che aktive Kompetenz der münsterländischen Mundart erlangt habe.

Als Lehrbeauftragter an der Universität Paderborn (seit 1978) habe ich Gelegen­heit, den Studierenden Kenntnisse über die tausendjährige Geschichte des Nie­derdeutschen, über seine Sprache und Literatur von den älteren Zeiten bis in die Gegenwart zu vermitteln.

Rein beruflich gesehen ist das Plattdeutsche für mich in erster Linie ein For­schungsgegenstand. Die Ergebnisse anderer Wissenschaftler und meine eigenen publizierten und nicht publizierten Forschungen auch an weitere interessierte Per­sonenkreise weiterzugeben, ist mir gelegentlich durch Vorträge möglich. Ein Pub­likum durch lustige plattdeutsche Veranstaltungen zu erheitern, liegt mir allerdings fern. Im übrigen bin ich ein ausgesprochener Freund des plattdeutschen Bühnen­spiels: In keinem Jahr lasse ich mir den Besuch von zwei oder drei Theaterstücken entgehen.

Der erwähnte Autor Wibbelt hat einmal in einer Abhandlung geschrieben: „Der Professor kann das Plattdeutsche nicht retten, der Dichter kann es.” Ich meine, ein Wissenschaftler hat nicht die Aufgabe, das Plattdeutsche zu retten, sondern es zu erforschen, die Ergebnisse seiner Studien zu publizieren und wenn möglich auch über den Kreis der Fachwissenschaftler hinaus verständlich darzustellen. Ob tatsächlich durch die Literatur das Plattdeutsche gerettet werden kann, ist meines Erachtens fraglich. Es widerspricht geradezu der sprachlichen Realität. Und wie lange wird es überhaupt noch plattdeutsche Dichter geben, wenn die Sprache von denen, die sie noch beherrschen, nicht an die folgende Generation weitergegeben wird? Das, was bei mir und meinen Altersgenossen in der Kleinstadt Lingen vor über 50 Jahren der Fall war, ist heute ja längst auch auf dem Lande Realität ge­worden.

Dieser Aufsatz stammt aus dem Buch “Wat, de kann Platt”, herausgegeben von Theo Mönch – Tegeder und Bernd Robben, Emsbüren 1998, Seite 255/256

 

Professor Dr. Hans Taubken, 1943 in Lingen geboren, war hauptberuflich bis zu seiner Pensionierung (2008) 35 Jahre in der Kommission für Mundart- und Namenforschung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe tätig, seit 1990 als Geschäftsführer der Kommission.

Seine ehrenamtliche Mitarbeit in der Augustin Wibbelt-Gesellschaft sowohl als Redakteur des Jahrbuches und auch als Bearbeiter der neuen Wibbelt-Edition  haben ihn in weiten Kreisen auch außerhalb seiner wissenschaftlichen Arbeit bekannt gemacht. 

Er ist 2015 verstorben.

Dr. Hans Tiedeken

Sogar in New York

Zunächst zu mir selbst. Wie komme ich dazu, mich zu diesem Thema zu äußern? Nun, zum einen, weil mich die Herausgeber dieses Buches darum gebeten haben. Aber das allein rechtfertigt noch nicht meine Mitarbeit. Zum anderen aber hängt es wohl damit zusammen, daß ich rund 20 Jahre Oberkreisdirektor im Emsland, dann 12 Jahre Hauptgeschäftsführer eines kommunalen Spit­zenverbandes in Bonn gewesen bin und jetzt seit 16 Jahren Präsident des Deutschen Heimatbundes bin. Diese Tätigkeiten haben mir Einblicke in die soziale und kulturelle Bedeutung regionaler Lebens- und Sprachformen, gerade auch des Plattdeutschen, vermit­telt. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Man kann die Bedeutung der Mundart – hier des Plattdeutschen – für die Erhaltung und Pflege einer regionalen Lebensform, zur Bewahrung regionaler Identität und Eigenart gar nicht hoch genug einschätzen. Wie komme ich aber zu dieser Einschätzung gerade in einer Zeit, wo Grenzen fal­len oder abgebaut werden und alle Welt von Globalisierung, Maßstabsvergröße-rung und Vereinheitlichung spricht? Wie läßt sich das in Einklang bringen: auf der einen Seite größere Gebilde wie die Europäische Union, eine vernetzte, globale Welt mit der Weltsprache Englisch und auf der anderen Seite das Bekenntnis zur Erhaltung regionaler Lebensformen und Eigenheiten mit der plattdeutschen Mundart? Ist das nicht ein Widerspruch, der sich beim Blick über den regionalen Tellerrand von selbst auflöst?

Nein, dem ist nicht so. Größere Gebilde wie die Europäische Union oder eine ver­netzte Welt brauchen überschaubare, sozial und kulturell gefestigte Räume. Sie brauchen Regionen, die bereit sind, sie mitzutragen. Regionale Bausteine wie das Emsland sind die Grundpfeiler 4m größeren System. Wenn sie funktionieren, ei­genverantwortlich arbeiten und regionales Leben in Kultur, Sprache und Brauch­tum entfalten, können sie das größere System tragen und sind auch dazu bereit. Diese föderale Ordnung hat unser Grundgesetz vorgegeben, sie hat sich bewährt und auf ein föderal gegliedertes Europa – das Europa der Regionen – hingeführt. To­talitäre Systeme haben sich – wie gerade die neuere Geschichte lehrt – nicht halten können. Sie haben die Regionalität mißachtet, regionale Lebensformen unter­drückt und sich damit ad absurdum geführt.

Das heutige Europa – die Europäische Union – erkennt regionale Lebensformen aus­drücklich an. Das haben die zuständigen Organe der EU durch die Verabschiedung der Charta der kommunalen Selbstverwaltung und der Charta der regionalen Selbstverwaltung – an denen ich für den Deutschen Landkreistag mitgearbeitet ha­be – deutlich gemacht. Und dazu zählen eigenständiger kultureller und sozialer Zu­schnitt wie auch die Pflege eigenständiger Mundart.

Das war nicht für alle Mitglieder der EU mit zum Teil zentralistischen Vorstellun­gen von vornherein selbstverständlich. Aber das wurde durchgesetzt – mit deutli­cher Aufwertung regionalen Denkens. Man kann sogar feststellen, daß politische und administrative Tendenzen zur Vereinheitlichung, zur zentralen Lenkung und globalen Handhabung – auf welcher Ebene auch immer – Gegenbewegungen, spür­bare regionale Aktivitäten hervorgerufen haben, die wie ein Gegenstrom wirken und die Menschen in ihrer und für ihre Region beflügeln. Der Weg zur größeren Einheit hat gleichzeitig den Zug zur Entfaltung regionaler Lebensformen, zur Be­wahrung regionaler Identität und Eigenart, gerade auch auf dem Gebiet von Brauchtum und Mundart, herausgefordert und gefördert.

Das gilt auch für das Plattdeutsch im Emsland.

Ich bin mit der plattdeutschen Mundart als Papenburger von Kind an in Berührung gekommen, beim Spielen und auch in der Schule (allerdings auf dem Schulhof). Zu Hause sprachen wir zwar hochdeutsch, aber im Geschäft meines Vaters sprach die Kundschaft oftmals platt, und dadurch lernte ich es auch. Seinerzeit wurde die plattdeutsche Sprache (leider!) „etwas tief” angesiedelt; man sprach hochdeutsch!

Aber als ich nach Kriegszeit und Ausbildung in den 50er Jahren wieder beruflich ins Emsland zurückkehrte, nahm der Stellenwert des Plattdeutschen zu. Für mich war das Platt auch wichtig; denn die Bürgermeister und Gemeindevertreter der da­mals noch 53 Gemeinden im Landkreis Aschendorf-Hümmling und zuvor im Krei­se Meppen sprachen, abgesehen von den Städten, gern platt. Man kam besser über das Plattdeutsch an das Anliegen seiner Gesprächspartner heran, und man kam sich auch viel näher. In ihrer Heimatsprache fühlten sich die Bürgermeister und Gemeindevertreter sicherer, und manches läßt sich auch im Plattdeutschen viel besser und vor allem treffender ausdrücken. Das Plattdeutsch ist plastischer und griffiger.

Ohne Plattdeutsch hätte ich manches gar nicht erfahren und wäre damit ein schlecht unterrichteter Oberkreisdirektor gewesen. Mir persönlich hat es man­chen Zugang erleichtert. Für kommunale Vertreter im Emsland ist die Kenntnis des Plattdeutschen ein großer Vorteil, ich würde fast sagen (leicht überspitzt!) Einstel­lungsvoraussetzung!

In meiner Bonner Zeit war das Plattdeutsch nicht so gefragt – abgesehen von be­sonderen Veranstaltungen in der Niedersächsischen Landesvertretung, vor allem in der Zeit, wo Minister Hasselmann der Bonner Vertretung vorstand, oder wenn Minister Werner Remmers dort auftrat; dann wurde „platt gekürt”.

Ein besonderes Erlebnis war für mich mein Besuch Ende der 60er Jahre beim Pa-penburger Club in New York. Hier trafen sich am ersten Montagabend in jedem Monat Papenburger Einwanderer, und Pflichtsprache war Papenburger Platt. Auch Hermann Lenger, der 1925 ausgewandert war und den ich damals besuchte, sprach mit mir bei sich zu Hause platt. Leider gibt es heute diesen Papenburger Club nicht mehr; die nachwachsende Generation hat die Verbindung zur Heimat und Heimatsprache leider nicht mehr so gepflegt.

Im Deutschen Heimatbund haben wir eine eigene Fachgruppe für Brauchtum und Mundart ins Leben gerufen, die zusammen mit unseren 18 Landesverbänden und ihren Vertretern intensiv arbeitet und sich um die Erfassung und Erhaltung von Brauchtum, Trachten und Heimatsprache kümmert. Gleiches gilt für den Nieder­sächsischen Heimatbund. Man sieht also, daß der Rahmen in Europa und in unse­rem Lande gesteckt worden ist. Es gilt, ihn auszufüllen. Im Emsland und besonders beim Emsländischen Heimatbund sind dafür gute Voraussetzungen gegeben. Zu­nehmende Aktivitäten belegen: „Man kürt gern platt!”

Helena Ubbenjans

Dörfliches Leben ­plattdeutsches Leben

Hier in den Dörfern des alten Hümmling wurde und wird überwiegend plattdeutsch gesprochen. In meinem Elternhaus, wo ich mit acht Geschwistern aufgewach­sen bin, war Plattdeutsch unsere alltägliche Umgangs­sprache. Auch in den Familien unserer Verwandtschaft, die über den ganzen Hümmling reichte, wurde immer plattdeutsch gesprochen.

Als Kindern im Vorschulalter war uns aber die hoch­deutsche Sprache nicht fremd, weil in der Familie die täglichen Gebete auf Hochdeutsch gesprochen wurden. Unsere Eltern und auch die älteren Geschwister sangen mit uns Kinderlieder auf Hochdeutsch. In der Schu­le wurde nur das Hochdeutsche angewandt. In den Pausen verfielen die Kinder dann ohne Ausnahme in ihr heimisches Platt.

An den Schulen wurde die plattdeutsche Sprache von den Lehrkräften ganz un­terschiedlich bewertet. Die Kinder am Mariengymnasium in Papenburg durften auch in den Pausen auf dem Schulhof kein Plattdeutsch sprechen, wohingegen ei­ne junge Lehrerin aus Sögel am Gymnasium ganz angetan meinte: „Ihre Kinder sprechen ja zwei Sprachen!” So verschieden sind die Bewertungen und die Ein­stellungen zu unserer Ursprache.

Zur Zeit meiner Eltern – mein Vater war im Jahr 1870 geboren, meine Mutter 1875 – war es auch schon so, daß in der Kirche und in der Schule hochdeutsch geredet und geschrieben wurde. Mein Vater hat immer erzählt, daß er mitgespielt habe im Theater vom Heiligen Franz von Assisi, und auch im Gesangverein habe er mitge­sungen.

Es war genauso wie heute, nur gab es kein Fernsehen und kein Radio. Es wurde unter Nachbarn, Verwandten und Bekannten viel mehr erzählt, und man besuch­te sich mehr als heute. Dann wurde immer plattdeutsch gesprochen. Die alten Bräuche: Dätt Neijohr offwinnen, dätt Dreikönigssingen, dätt Palmbessen utbrin-gen, dei Tunschere of dei Wärpelraut bringen, gehören zur uralten Hümmlinger Kultur. Man müßte noch schreiben über Geburt, Hochzeit, Kindtaufe und das En­de des Lebens. Bei all diesen Anlässen war Nachbarhilfe angesagt.

Heutzutage wird kein Kind auf dem Schulhof plattdeutsch sprechen, weil viele jun­ge Eltern die plattdeutsche Sprache nicht mehr beherrschen und weil sie bei eini­gen als rückständig angesehen wird. In meiner Umgebung, ob es nun Kinder oder Familienfeiern auf dem Lande, um das zu erleben. An dieser Stelle sei ein Wort zu den plattdeutschen Lesewettbewerben erlaubt: Kein noch so guter Lesewettbe­werb kann die wenn auch nur in homöopathischen Dosen verabreichten platt­deutschen Äußerungen eines methodisch geschickt agierenden Lehrers ersetzen; im Unterricht wird Plattdeutsch erlebt, im Lesewettbewerb viel zu oft ohne Ver­innerlichung nachgeahmt.

In meinem heutigen Leben bereitet es mir jedes Mal Vergnügen, mit plattdeutsch sprechenden Menschen zusammenzukommen. Der Kontakt zu Nachbarn, Hand­werkern und anderen läßt sich, wenn das Wort erlaubt ist, viel gemütlicher an, man fällt nicht mit der Tür ins Haus, erst kommt ein „Prötken över`t Weer”: „Wi mött sao nödig Regen hebben…!” Danach wird dann das gewünschte Anliegen vorgebracht. Plattdeutsch zu sprechen hat immer auch etwas mit „Zeit haben” zu tun. Vielleicht gehört das Prötken auch in den immerwährenden Rhythmus von Arbeit und Pause.

Die soziale Bedeutung des gemeinsamen Plattdeutsch ist seit dem letzten Krieg nicht mehr gegeben. Die erheblich gewachsene Bevölkerung bietet einen sprach­lichen Flickenteppich, von dem man nicht weiß, wie er sich weiterhin gestalten wird, zumal Medien und Werbung als nicht willkommene Sprachlehrer einen im­mer größeren Einfluß erhalten. Die gegenwärtige kulturelle Bedeutung des Platt­deutschen sehe ich darin, daß es eine der wichtigsten Ausdrucksformen bietet, um altes emsländisches Brauchtum zu beschreiben, das von seiner damals verwende­ten Sprache nicht zu trennen ist. Desgleichen bedarf es auch des überlieferten Plattdeutsch, um frühere menschliche Schicksale in dieser Landschaft zu beschrei­ben, die immer etwas mit Sprache zu tun hatten.

Cornelis van der Hoek

Wenn der Doktor kommen muß

 

Als ich als junger Arzt meinte, in der Grafschaft glück­lich werden zu können – nicht gehindert durch die deutsche Sprache und sowieso nicht durch Kenntnisse des Plattdeutschen -, stieß ich schnell auf Probleme. Nicht nur, daß meine an der Universität eingeprägten Ideale schlecht über die Bühnenbegrenzung zu bringen waren, ich war dabei anscheinend auch noch schlecht zu verstehen.

Ermutigungen, es doch „up Hollansch te doun”, erbrachten auch keinen Erfolg, weil ich ein anderes Holländisch redete, verglichen mit der Sprache Kanaans, die man in reformierten Kreisen der Grafschaft beherrschte.

Ich war erst eine Woche in der Grafschaft, als Oma M. im Sterben lag. Sie war gut in den 90er Jahren und lebenssatt. Ihr Sohn, auch bereits Ende 60, nahm nach meiner Ankündigung, daß das Sterben nahe sei, die Statenbibel hervor und las Psalm 91. Mühsam, mit seiner tiefen Stimme, las der Sohn das antike Holländisch, und fügte damit für mich der Wahrheit am Krankenbett eine neue Dimension hin­zu. Von dem, was sonst noch gesagt wurde zwischen der Oma und ihrer Familie, verstand ich kein Wort.

Langsam habe ich im Laufe der Jahre das Platt kennen- und liebengelernt – richtig sprechen nie, aber verstehen kann ich es gut. Auffallend blieb mir in all den 36 Jah­ren, daß auf Platt die Tatsachen des Lebens selten beim Namen genannt werden. Auf meine Empfehlung, doch lieber ins Krankenhaus zu gehen, sagte man selten „Nein”. „Da wok nig gerre”, oder – noch verwirrender – ein lang gezogenes „Joaa” bedeutete meistens, daß man absolut nicht vorhatte, den Vorschlag zu befolgen.

Und ging es dem Patienten besser, lautete die Antwort im Idealfall: „Et is nich lieder worden”. Ich war dann schon sehr zufrieden mit meinem Erfolg, aber es dau­erte wohl einige Jahre, bis ich kapierte, daß dieser unterkühlte Ausdruck das Ma­ximum der Gefühle ausdrückte.

Selbstmord heißt im Grafschafter Platt: „He häf sick te kort doane”, oder noch sanf­ter: „He is nig utludt”. Komisch fand ich auch, daß sehr alte und sehr kranke Pa­tienten feminisieren, also verweiblichen – nicht nur als psychologisches Phäno­men, sondern auch als Idiom: „See is zwoar zeek, Dokter!” – und dann war es der Opa, der ärztliche Hilfe brauchte.

Homophilie gab es nicht. Ein schon einigermaßen betagter Mann gab auf mein Be­fragen, warum er sich keine Frau gesucht habe, zur Antwort: „As se mi met Stickerdroat op een Wief bunden, dann konn eck der doch nicks met!”

„Kusenkellen” ist auf Platt so nahezu das Schlimmste, was man bekommen kann. Und ich habe entdeckt, man erfährt am meisten, wenn man versucht, jemandem auf Platt die eigenen Leiden mit den „Kusen” zu erzählen. Was man dann alles zu hören bekommt an menschlichem Leid und Leiden!

Ein alter Bauer war als Zeuge beim Schiedsgericht geladen. Zwei Nachbarn hatten sich in Anwesenheit des Bauern über einen Baum und dessen Verhältnis zum Grenzstein gestritten, und im Laufe des Gesprächs war es zu körperlicher Gewalt gekommen. Die große Frage war nun, wer hatte mit der Schlägerei begonnen. Der Bauer: „Eck har mie net umdreht un ek drehde weer trugge, an doar lagge see up-mekare un hoaden sick.” Nicht unschlau, denke ich.

Meine etwas krumme deutsche Frage, wie eine Patientin verkehrsmäßig ausge­stattet sei, provozierte die Antwort: „Eer:moal toe Kermis en eenmoal toe Nee-joahr.” Und es war Anfang Januar und so nicht gemeint!

Ich bin überzeugt, daß das Grafschafter Platt auf ganz besondere Weise den Volks­charakter spiegelt. „Dokter, kunn ieh miene Fraow nich schonend biebrengen, dat se sterft?”, war so eine Bitte, mit der man versuchte, das Unabwendbare zu be­sänftigen. Konflikte werden so weit wie möglich gemieden. Im Notfall probiert man, das Problem vor sich herzuschieben, in der Hoffnung, daß es sich von allein löst.

Vergessen tut man aber auch nichts. „Wie kunt nich tegen joe proaten, wel tegen joe stimmen”, bekam ein Pastor zu hören, nachdem ein unbeliebter Vorschlag von seiner Gemeinde diskussionslos abgeschmettert wurde. Ich war gern Arzt in der Grafschaft, aber für kein Geld in der Welt hätte ich hier Pastor sein wollen!

Dr. Hermann Wiarda

„Har’n Se`n Törfpand…”

Wer wie ich aus einer ostfriesischen Familie stammt und dessen Vater noch in einer hochdeutschen, platt­deutschen und niederländischen Sprachumgebung auf­wuchs, hat zu dem Plattdeutschen eine ganz besonde­re Beziehung, obwohl bei uns zu Hause die Umgangs­sprache zwischen Eltern und sechs Geschwistern Hochdeutsch war.

Das Plattdeutsche tröpfelte jedoch jeden Tag in unsere Ohren: „He ridd up`t Perd un` söcht daornao!”, „Wat se half weet, kann se ganz verteilen!”, „Kieneen is so klook äs man sülvs!” und „Loop nich mit Ian un alle Mann!” bemerkte mein vaier spaßig oder mahnend; las abends im Familienkreis platt­deutsche Geschichten von Fritz Reuter vor und versank, wenn alte Freunde oder Bekannte aus seiner Jugend- und Studienzeit kamen, regelrecht in dem ihm ver­trauten ostfriesischen Platt.

Wir Kleinen standen dabei und hörten staunend zu. Als Kinder kamen wir infolge der Versetzung meines Vaters nach Lünne in eine Emsländer Platt sprechende Ein­wohnerschaft, die meinte, mit uns Pastorenkindern hochdeutsch reden zu müs­sen, dabei aber viele plattdeutsche Wortgebilde einfließen ließ, so daß wir zu Hau­se zurückfragten, was wohl gemeint gewesen sei. Weil ich mich in jeder freien Mi­nute bei den Bauern in der Nachbarschaft aufhielt, lernte ich das Plattdeutsche im täglichen Umgang ganz von selbst und erwarb während meiner landwirtschaftli­chen Lehre im ehemaligen Landkreis Lingen auch ein Gespür für die in dem Platt­deutschen sehr wohl vorhandenen Sprachebenen, die zahlreichen Lautmalereien und Sprachbilder, Sprichwörter und nicht zuletzt für den tieferen Sinn der zahlrei­chen emsländischen Dönkes.

Im Verlauf meiner langjährigen Tätigkeit als freier Mitarbeiter bei der hiesigen Zei­tung kam es zu intensiven Berührungen mit dem plattdeutschen Theaterspiel, das ich bis heute mit viel Freude in der gleichen Sprache kommentiere. Meine Erfah­rungen in dem aktiven Umgang mit dem Plattdeutschen sind mir heute zu einer glücklichen Erinnerung geworden. Mir ist immer wieder aufgefallen, daß das Platt­deutsche unter den in dieser Mundart Kundigen sofort Vertrautheit schafft; man er­freut sich nicht nur gleicher regionaler Herkunft, sondern fühlt sich auch zusam­mengehörig. Menschen einer Landschaft denken in ähnlichen Kategorien, wie sie durch das Zusammenleben von mehreren Generationen, den Rhythmus von Saat und Ernte, die Verknüpfung von Arbeit und Lebensunterhalt und auch durch Ge­burt und Tod bestimmt werden.

Ich erinnere zum Beispiel an die Pluralanrede gegenüber alten Menschen und oft auch gegenüber den ergrauten eigenen Eltern. Mir sind die Koseworte gegenüber kleinen Kindern ebenso in den Ohren wie die sehr differenziert angewendete sprachliche Begegnung mit Gleichgestellten, höher oder niedriger betrachteten Menschen. Der Begriff der Sprachsoziologie war noch nicht formuliert, aber dem Kenner des Plattdeutschen innerhalb der gewohnten Wortbedeutungen und ver­wendeten Lautierung vertraut. Jede Generation übernahm den Wortschatz von der vorhergehenden; das Plattdeutsche konnte sich, da es nicht in die Fesseln einer Schriftsprache eingebunden war, immer weiter entwickeln und viele Dialekte bil­den.

Plattdeutsch bleibt im Menschen auch dann haften, wenn er, aus welchen Gründen auch immer, einer hochdeutschen Umgebung und einer zusätzlichen und ver­pflichtenden hochdeutschen Amtssprache ausgesetzt wird. Die eingeschlagenen Pfosten plattdeutschen Wortschatzes zur humorvollen Beschreibung besonderer Umstände, das Instrument einer wohl angeborenen Lautmalerei und das Wich-tigsein einer menschlichen Gesprächsatmosphäre treten immer wieder hervor und kennzeichnen sowohl die Menschen des emsländischen als auch des ostfriesischen Raumes. In Aurich war (und ist hoffentlich noch) an dem Regierungsgebäude auf einer unübersehbaren Tafel zu lesen. „Hier word Platt prot`t!”

Für mich als Leiter eines Studienseminars zur Ausbildung von Studienreferenda­ren für das Lehramt an berufsbildenden Schulen war die Verwendung des Platt­deutschen ein vielseitiges methodisches Instrument. Lehrer und Lehrerinnen, die platt sprechen, sind den emsländischen und ostfriesischen Schülern auch heute noch näher und vertrauter als ein „nur” hochdeutscher Pädagoge. Die Auszubil­denden haben mehr Möglichkeiten, sich im Unterrichtsgespräch zu artikulieren und vor allem ihrer Meinung zu dem jeweiligen Stoff deutliche Konturen zu ver­leihen, die manchmal sogar zu einem vielschichtigen Statement werden.

Ein Schüler sagte am Ende einer Stunde, in der über die Abhängigkeit der Bevöl­kerung von dem Erdöl gesprochen wurde, seinem erstaunten Lehrer: „Har’n

Törfpand, har’n Se kiene Ölkrise; awer Se bünt ja nick von hier!” Als der junge Kollege das Argument einer drohenden Arbeitslosigkeit in das Gespräch einbrachte, lautete die Antwort: „Dann häbt wi Tied, alles önnlick naotokieken, uptorümen un alles in Schuß to brengen!” Dem plattdeutsch sprechenden Lehrer steht ein Vielfaches an Möglichkeiten der Impulsgebung zur Verfügung, weil er alle Lernenden mittels unterschiedlichen Sprachgebrauchs und damit reicherer Verwendung von Verben ansprechen kann und auch die erreicht, die als Auszubildende einem ausschließlich plattdeutsch sprechenden Meister oder Gesellen und vielfach auch Kunden gegenüber stehen.

Vergessen wir nicht: Das Emsland und besonders Ostfriesland sind mit Ausnahme der Städte, scharf formuliert, auch heute noch plattdeutsch geprägte Räume, die sich dem Hochdeutschen geöffnet haben. Man gehe einmal zu Volksfesten oder Familienfeiern auf dem Lande, um das zu erleben. An dieser Stelle sei ein Wort zu den plattdeutschen Lesewettbewerben erlaubt: Kein noch so guter Lesewettbe­werb kann die wenn auch nur in homöopathischen Dosen verabreichten platt­deutschen Äußerungen eines methodisch geschickt agierenden Lehrers ersetzen; im Unterricht wird Plattdeutsch erlebt, im Lesewettbewerb viel zu oft ohne Ver­innerlichung nachgeahmt.

In meinem heutigen Leben bereitet es mir jedes Mal Vergnügen, mit plattdeutsch sprechenden Menschen zusammenzukommen. Der Kontakt zu Nachbarn, Hand­werkern und anderen läßt sich, wenn das Wort erlaubt ist, viel gemütlicher an, man fällt nicht mit der Tür ins Haus, erst kommt ein „Prötken över`t Weer”: „Wi mött sao nödig Regen hebben…!” Danach wird dann das gewünschte Anliegen vorgebracht. Plattdeutsch zu sprechen hat immer auch etwas mit „Zeit haben” zu tun. Vielleicht gehört das Prötken auch in den immerwährenden Rhythmus von Arbeit und Pause.

Die soziale Bedeutung des gemeinsamen Plattdeutsch ist seit dem letzten Krieg nicht mehr gegeben. Die erheblich gewachsene Bevölkerung bietet einen sprach­lichen Flickenteppich, von dem man nicht weiß, wie er sich weiterhin gestalten wird, zumal Medien und Werbung als nicht willkommene Sprachlehrer einen im­mer größeren Einfluß erhalten. Die gegenwärtige kulturelle Bedeutung des Platt­deutschen sehe ich darin, daß es eine der wichtigsten Ausdrucksformen bietet, um altes emsländisches Brauchtum zu beschreiben, das von seiner damals verwende­ten Sprache nicht zu trennen ist. Desgleichen bedarf es auch des überlieferten Plattdeutsch, um frühere menschliche Schicksale in dieser Landschaft zu beschrei­ben, die immer etwas mit Sprache zu tun hatten.