Ich bin von Haus aus plattdeutsch aufgewachsen auf dem Bauernhof meiner Eltern in Ringe. Hochdeutsch war meine erste Fremdsprache. Ich erlernte sie ab der Einschulung 1951 in der damaligen Volksschule in Großringe. Im Elternhaus wurde aber nach wie vor plattdeutsch gesprochen, ebenso mit den Nachbarn und Verwandten.
Ich habe im Umgang mit der plattdeutschen Sprache stets gute Erfahrungen gemacht und bin auch heute noch ein starker Verfechter und Befürworter der plattdeutschen Sprache. Nach wie vor ist sie meine Hauptsprache – sowohl zwischen meiner Frau und mir als auch im Umgang mit Nachbarn und vielen Bekannten. Ja, ich kann sagen, ich denke auch plattdeutsch.
Selbst bei meiner beruflichen Tätigkeit habe ich sehr oft Gelegenheit, plattdeutsch zu sprechen, oder andersherum: Ich lasse keine Gelegenheit dazu aus. Auch mit einer Anzahl von Arbeitskollegen, von denen ich weiß, daß sie plattdeutsch sprechen können, unterhalte ich mich auf diese Weise.
Da ich beruflich viel mit Baufirmen zu tun habe, deren Beschäftigte auch noch zu einem Großteil platt sprechen, pflege ich die Sprache auch hier bei jeder Gelegenheit; ebenso im Umgang mit den niederländischen Verwandten, Bekannten und Firmen.
Meine plattdeutschen Kenntnisse und Erfahrungen haben bei mir sowohl im privaten als auch im beruflichen Leben einen sehr großen Stellenwert. Selbst in den Gremien und Vereinen, in denen ich ehrenamtlich tätig bin, wird zu einem großen Teil platt gesprochen, so zum Beispiel auch bei den Aufsichtsratssitzungen bei der Volksbank Emlichheim.
Viele Personen kennen mich zum Beispiel vom Groafschupper Plattproater Kring her, dessen Vorsitzender ich seit 1984 bin, und sprechen mich von sich aus auf Plattdeutsch an. Das ist natürlich sehr schön und angenehm und stellt vielfach schon gleich ein besonderes persönliches Verhältnis her.
Ich bin der Meinung, daß unsere Sprache in unserem gesellschaftlichen Leben ich spreche hier natürlich nur die norddeutschen Gebiete an – eine nicht zu unterschätzende soziale und kulturelle Bedeutung hat. Doch wir müssen auch etwas dafür tun, daß sie erhalten bleibt. Besonders wichtig ist es, daß auch in den Schulen Plattdeutsch angeboten wird. Meine Kinder sind Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre geboren. Leider haben wir aus heutiger Sicht nicht von Beginn an mit ihnen auch plattdeutsch gesprochen. Doch das war zu der Zeit so eine Welle, in der es hieß, man solle mit den Kindern nur hochdeutsch sprechen. Heute würde ich es wieder anders machen; meine Frau sieht das genauso. Insgesamt bin ich aber noch zuversichtlich, daß wir die plattdeutsche Sprache noch eine Weile hinüberretten.
Et fallt mi heller schwor, jau in hochdütsk tau schrieven. Hochdütsk was för mi de erste Frömdspraoke. Dennoch will ik jau, so wie säi wünscht, in Hochdütsk schrieven.
Die plattdeutsche Sprache muß ich wohl mit der Muttermilch eingesogen haben. Mein Elternhaus war für mich die erste Schule, wo ich das Plattdeutsche mitbekommen habe. Meine Eltern unter sich und mit uns Kindern, aber auch wir Kinder untereinander, sprachen nur plattdeutsch. Nur die Gebete, Morgen- und Abendgebet und die Tischgebete, wurden in Hochdeutsch gesprochen. Auch rings um uns in der Nachbarschaft kannten wir kein Hochdeutsch. Dies hat sich geändert, als während des zweiten Weltkrieges die ersten Flüchtlingskinder in unser Dorf kamen.
In der Schule hatte ich es anfangs schwer, mich an das Hochdeutsche zu gewöhnen. Immer wieder kam das Plattdeutsche durch. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als wir mit unserem Lehrer – er kam mit Berliner Jungs im Rahmen der Landverschickung in unser Dorf und wohnte bei uns in der Nachbarschaft – gemeinsam zur Schule gingen und plötzlich ein Eichhörnchen den Weg überquerte. Ich rief laut: „Da, ein Kartäiker!” Der Lehrer fragte nach: „Was ist das?” Ich sagte: „Ein Kartäiker”, und meinte, ihm damit auf Hochdeutsch geantwortet zu haben. Er verbesserte mich und sagte, es sei ein Eichhörnchen. Seitdem weiß ich, daß ein Kartäiker ein Eichhörnchen ist.
Ähnlich erging es mir in der Schule, als wir aufzählen sollten, welche Spiele wir Kinder in der Freizeit so machen. Aufgezählt wurden unter anderem Ball- und Murmelspiele, Versteckspielen, Hinkepinke, Reigenspiele. Ich sagte: „Räuber und Schönndäm.” Da sagte die Lehrerin zu mir: „Das heißt Räuber und Gendarm.”
Dies sind zwei Beispiele, wo ich mich meiner plattdeutschen Sprache sicher geschämt habe. Ansonsten habe ich immer sehr gute Erfahrungen mit Plattdeutsch gemacht. Ohne diese Sprache kann ich mir mein Zuhause, mein Dorf, meine Heimat, use Emsland, die Familienfeiern und Volksfeste nicht vorstellen. Es bereitet mir immer wieder große Freude, wenn ich auf Festlichkeiten, bei Geburtstagen, Hochzeiten oder Jubiläen, in Plattdeutsch Vorträge halte und damit die Gäste erfreuen kann. Meistens trete ich als alter Torfstecher „Jan Bossrum” auf. Plattdeutsch, wo immer es auch in meiner Nähe gesprochen wird, ob daheim oder in der Fremde, ist ein Stück Heimat für mich.
Neben dem christlichen Glauben, den ich im Elternhaus und im Religionsunterricht mitbekommen habe, ist das Plattdeutsche eines der wichtigsten Kulturgüter für mich.
Auch in fast vier Jahrzehnten Kommunalpolitik in Gemeinde und Landkreis kommt mir die plattdeutsche Sprache bestens aus. Dies nicht so sehr in großen Reden – auf Hochdeutsch gehalten -, sondern vielmehr in persönlichen, meistens in Platt geführten Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen in Rat und Kreistag sowie mit der Verwaltung. Man kann in Plattdütsk de Dinge vull dröcker up`n Punkt brängen un somit för de Mitmensken masse drock und unkompliziert be-wägen.
Ich bin sehr froh darüber, wenn ich durch unser schönes Emsland und durch die Grafschaft fahre und überall schmucke Heimathäuser sehe. Es sind Stätten der Begegnungen unserer Bürgerinnen und Bürger, wo das Plattdeutsche in Vorträgen, Liedern, Lesungen oder Theaterspielen gepflegt wird.
Neben der noch intakten Natur, die wir in unserer emsländischen Landschaft haben, ist sicherlich unsere plattdeutsche Sprache auch ein Werbeträger für den Tourismus. Wir sollten sie auf jeden Fall hegen und pflegen. Leider kommt meines Erachtens die plattdeutsche Sprache in unseren Kindergärten und Schulen zu kurz, trotz plattdeutscher Lieder- und Lesebücher. Auch in unseren Familien wird das Platt immer mehr verdrängt. Elternhäuser, Kindergärten, Schulen – auch die Volkshochschulen – sind aufgerufen, die plattdeutsche Sprache nicht verkommen zu lassen. Ich begrüße es daher, daß es Bürgerinnen und Bürger gibt, die plattdeutsche Bücher, Geschichten und Dönkes oder gar plattdeutsche Wörterbücher schreiben.
Als ich 1916 das Licht des Emslandes erblickte, wurde ich mit einem ganz besonderen plattdeutschen Gruß empfangen. Das war so: Die männlichen Mitglieder unser
er Großfamilie waren als Soldaten im Felde, und so wirkte in den Kriegsjahren ein angeheirateter „Onkel Dirk”, der wegen eines Unfallschadens nicht Soldat war, als “Taufpate vom Dienst”. Er war Junggeselle und ein lebensfroher Schalk. Als er sich humpelnd in feierlichem Gehrock auf den Weg zu meiner Taufe in der Werlter Kirche machte, soll er – wohl auch mit einem gewissen Stolz auf seine Würde – gesagt haben: „Daor bünnt de Keerlße in Urlaub wään, und ich mott wär mit’n Zylinder taugänge!” Immerhin erhielt ich von ihm seinen.schönen Vornamen Theodor als Zweitnamen und ein goldenes 20 Mark-Stück als Taufgeschenk.
Auch sonst spielte sich in der damaligen Zeit auf dem Hümmling noch alles in plattdeutscher Sprache ab. In Wehm bei Werlte, meinem Geburtsort mit 400 Einwohnern, lernten die Kinder in der einklassigen Volksschule das Hochdeutsche als erste Fremdsprache. Und meinem Vater war das als Lehrer auch sehr recht, denn die Versuche mancher sich schon etwas städtisch dünkenden Eltern, ihren Kindern Hochdeutsch beizubringen, führten oft zu schwer ausrottbaren sprachlichen Fehlleistungen. Da war es schon besser, wenn den Kindern vom Lehrer im ersten Schuljahr beigebracht wurde, daß aus dem „Pärd” ein Pferd, aus der ,Tunge” eine Zunge und aus dem „Dood” ein Tod wurde – praktische Beispiele der zweiten sprachlichen Lautverschiebung, die wir Niederdeutschen ja nicht mitgemacht haben. Die Schwierigkeiten, „mir” und „mich” zu unterscheiden, blieben allerdings trotz aller Lehrermühen oft bis ins Alter erhalten. Mein Vater pflegte das etwas resignierend zu kommentieren: Hauptsache, daß sie gelernt haben, Mein und Dein zu unterscheiden.
Bei uns zu Haus war der Sprachgebrauch etwas komplizierter. Die Eltern und Großeltern sprachen zwar mit uns Kindern hochdeutsch, aber untereinander nur plattdeutsch, obwohl sie in unterschiedlichen Regionen unseres Vaterlandes aufgewachsen waren: Auf dem Hümmling, im benachbarten Oldenburger Münster-land, im Kreis Höxter und in Bremen. Man mixte eben die verschiedenen Dialekte mit Tendenz zum Hümmlinger Platt, das wir Kinder sehr bald von unseren Spielfreunden lernten. Vielleicht hat bei mir das bewußte Erlebnis der unterschiedlichen Dialekte ein besonders herzliches Verhältnis zu unserer Heimatsprache erzeugt: Ich käme mir heute noch im hohen Alter komisch vor, wenn ich mit meinen Geschwistern hochdeutsch sprechen würde – ganz gleich, wo wir uns begegnen, und das Gleiche gilt, wenn ich irgendwo in der Welt Hümmlinger Landsleuten begegne.
Vorbild waren mir dabei auch zwei akademische Originale, die in meiner Kindheit in Werlte tätig waren: Der als Heimatschriftsteller bekannt gewordene Apotheker Trautmann und der einzige Arzt im östlichen Hümmling, Sanitätsrat Dr. Meistermann. Beide lebten mit dem plattdeutschen Volk und fühlten sich in der Sprache des Volkes zu Hause. „Ick segge, daut mien’ n Foß man en Stück Broot”, pflegte der Doktor zu sagen, wenn er bei einem armen Schlucker eines der vielen Kinder behandelt hatte und nach dem Honorar gefragt wurde. „Dei Foß” – das war sein treues Kutschpferd, das ihn auf den weiten Fahrten von Esterwegen und Lorup bis Lahn und Ahmsen befördern mußte. Und wenn ein Patient über Verstopfung klagte, lautete die Therapie gelegentlich schlicht: „Ick segge, Löninger Bäier, wenn eei-ne Fläske nich helpet, dänn twäie.”
Die Nachfolger dieser Originale waren dann nur noch „Hochdeutsche”, wie überhaupt in den zwanziger und dreißiger Jahren das Plattdeutsche immer mehr in den Ruf einer Sprache für das „einfache Volk” kam. Die Menschen auch im Emsland wurden durch Krieg und Nachkriegszeit mobiler; Zeitung und Radio fanden Verbreitung und lieferten hochdeutschen Gesprächsstoff, so daß immer mehr das Plattdeutsche der ganz flachen Umgangssprache vorbehalten blieb. Die Naziherrschaft tat ein Übriges: Alte Heimatfreunde, die bewußt die plattdeutsche Sprache gepflegt hatten, zogen sich vielfach zurück, weil ihnen die Blut- und Boden-Ideologie mit ihrer braunen Soße die Heimatarbeit vergällt hatte.
Ich selbst kam dann nach dem letzten Krieg noch einmal so richtig in die plattdeutsche Praxis, als ich in meiner Ausbildung als Referendar beim Amtsgericht Sö-gel und dem dortigen Rechtsanwalt Beimesche einige Zeit verbrachte und die rechtssuchenden alten Menschen meine bevorzugten Klienten waren. Ich habe so manches Mal in den Augen dieser Leute ein Leuchten gesehen, wenn ich ihnen sagte, sie könnten mir auf Plattdeutsch ihr Anliegen vortragen. Sie hatten ja außer der sonntäglichen Predigt nur in und mit ihrer Muttersprache gelebt; und nun sollten komplizierte Sachverhalte hochdeutsch niedergelegt werden. Da waren plattdeutsche Erläuterungen und Umschreibtingen schon sehr hilfreich, und diese machten mir selbst auch viel Freude.
So fand ich denn auch sehr schnell Zugang zu den plattdeutschen Heimatfreunden in Meppen, als ich als junger Oberkreisdirektor dort Anfang der fünfziger Jahre meine Arbeit aufnahm. Maria Mönch-Tegeder, damals Lehrerin an der Kreisberufsschule, hat mich als echten Emsländer geradezu enthusiastisch begrüßt. Ich sollte wohl als ein richtiger ‚Jung-Siegfried” die verwackelte Heimatfront wieder auf Linie bringen. Und in der Tat: Sie hat mich mit ihren Erzählungen, Geschichten und Anekdoten, aber besonders auch mit einer ausgeprägten persönlichen Liebenswürdigkeit für die Heimatarbeit und besonders auch für die Pflege des Plattdeutschen begeistert. Da war es nur eine natürliche Folge, daß wir mit der Gründung des Emsländischen Heimatbundes unseren Bemühungen auch den gehörigen Rahmen gaben.
Die Arbeit durfte ja nicht zur Heimattümelei verkommen, und gerade im Rahmen der großen Emslanderschließung durften wir nicht einfach Überkommenes konservieren, es mußte auf bewährter Grundlage und im echten emsländischen Geist weiterentwickelt werden. Meine Devise in allen Bereichen war deshalb: „Handle so, wie die besten unserer Vorfahren handeln würden, wenn sie heute lebten.” Und das heißt für die plattdeutsche Sprache, daß wir diese nicht auf breiter Grundlage als Umgangssprache erhalten können.
Aber das heißt auch, daß wir sie nicht einfach abschreiben dürfen. Jede zusätzliche Sprache ist ja eine Bereicherung und eine Hilfe für die lebendige Weiterentwicklung der Schriftsprache. Ich selbst empfinde Plattdeutsch auch heute noch als eine uns Norddeutschen besonders gemäße Sprache, die ich immer gern als „Einschub” bei Unterhaltungen verwende: Sie ist manchmal hart, aber nicht verletzend, eher gemütlich und zutraulich, eine Nahsprache, die Menschen zusammenführen kann, eine Hilfe bei der Suche nach Menschlichkeit und Geborgenheit. Deshalb ist es schon des Schweißes der Edlen wert, die Pflege des Plattdeutschen in Wort und Schrift in Schulen, „Schrieverkringen”, Vorlesewettbewerben und anderen Heimatveranstaltungen lebendig zu erhalten.
Seit 1992 Jahren versuchen wir, die Gruppe „Spökenkieker” aus Meppen, die Musikszene im Emsland mit Liedern in Platt und hochdeutscher Sprache zu bereichern. Wir sind in Meppen geboren und aufgewachsen und somit schon früh mit der plattdeutschen Sprache in Berührung gekommen, auch wenn zu Hause nicht platt gesprochen wurde.
Als Musikanten haben wir schnell erkannt, daß in jedem plattdeutsch gesprochenen Klangbild schon eine „Grund-Musik” vorhanden ist. Inge Streeck hat versucht, diese aus ihren Texten herauszuhören und musikalisch umzusetzen, so daß eigentlich jedes Lied ganz selbstverständlich klingt – so, als hätte man es immer schon gesungen. Alltägliches, Erlebtes und Gehörtes, auch eigene Schwächen und Probleme geben dem Zuhörer oft das Gefühl, sich in unseren Liedern wiederzufinden.
Erfeulich ist auch, daß Kinder gerne zu unseren Konzerten kommen, schnell die Refrains mitsingen und zu Hause die CDs oder Cassetten abspielen, wie uns Eltern hinterher berichten. Wenn hiermit nur ein kleiner Beitrag geleistet werden kann, die Liebe zum Platt in die nächste Generation zu übertragen, Freude beim Hören zu wecken und zu zeigen, daß Platt auch in der heutigen Zeit zeitgemäß ist, motiviert uns das zum weitermachen. Wir haben auch Gedichte von Alfons Sanders sowie Maria Mönch-Tegeder vertont und damit auch über die Grenzen des Emslandes hinweg wie in Berlin, Hamburg oder Hannover hören lassen, wie es bei uns im Emsland klingt. Die Lieder – fröhlich und besinnlich – werden begleitet von Instrumenten wie Gitarre, Mandoline, Flöten, Fidel, Mundharmonika. Musik, handgemacht, ohne elektronische Verstärkung, so daß alles noch natürlich und ursprünglich klingt.
Um es vorweg deutlich zu sagen: Das Plattdeutsche ist zwar die Sprache meiner Mutter, aber es ist nicht meine „Muttersprache”. Mir erging es wohl nicht anders als vielen Altersgenossen in den norddeutschen Kleinstädten nach dem zweiten Weltkrieg. Deren Eltern waren im sprachlichen Umgang mit ihren Kindern zum Hochdeutschen übergegangen – aus welchen Gründen auch immer.
Dennoch war das Plattdeutsche rundherum präsent: wenn meine Eltern mit ihren Eltern oder mit ihren Geschwistern sprachen, wenn ein Onkel bei Familienfesten plattdeutsche Lieder zum besten gab, wenn die Mutter meines Spielkameraden gern plattdeutsche Wörter gebrauchte, um uns zu erheitern. Hinzu kam die Nähe zum Dorf Altenlingen, wo wir als Kinder im Herbst Kartoffeln sammelten und wo manche plattsprechenden Schulkameraden wohnten; die eine oder andere plattdeutsche Wendung prägte sich als Variante neben dem Hochdeutschen stillschweigend ein. Ich hatte in meiner Kindheit zwar ein plattdeutsches Ohr, aber keine plattdeutsche Zunge, das heißt: meine nicht gerade umfangreichen Kenntnisse des Plattdeutschen waren mehr passiver Art.
Vielleicht hat das aber den Ausschlag gegeben, daß mich später während des Germanistikstudiums in Münster die niederdeutsche Sprache und Literatur besonders interessierte. Eine meiner ersten Seminararbeiten behandelte die Flurnamen von Altenlingen, die ich in direkter Befragung vor Ort, aber auch durch die Bearbeitung von Hofesakten und älteren archivalischen Quellen ermittelte. Als Student mit dem Ziel des Lehramtes an Gymnasien war mein Studium zum größten Teil auf die Schule hin konzipiert. Eine Wende bedeutete für mich das Angebot eines meiner akademischen Lehrer, über die wechselhafte Sprachgeschichte der Grafschaft Lin-gen vom Niederdeutschen zum Niederländischen und schließlich zum Hochdeutschen zu promovieren. Als mir dann noch eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am großlandschaftlichen Westfäliscilen Wörterbuch in Münster angeboten wurde, fiel mir der Entschluß leicht, mich künftig beruflich ganz der niederdeutschen Sprache und Literatur zu widmen.
Das Bearbeitungsgebiet des Wörterbuchs umfaßte auch den emsländisch-bentheimischen Raum, für den ich mich natürlich besonders interessierte. Die lange Zusammenarbeit mit dem Hauptlehrer Bernhard Garmann, der eine Sprichwortsammlung in der Mundart von Beesten zusammengetragen hatte, war für mich zunächst der intensivste Einblick in einen emsländischen Ortsdialekt (1978). Meine inzwischen beruflich erworbenen fachwissenschaftlichen Kenntnisse führten nach zahlreichen Befragungen innerhalb des emsländisch-bentheimischen Raumes zu einer umfangreichen Studie über die Lautgeographie der emsländischen Mundarten in der Veröffentlichungsreihe der Emsländischen Landschaft (1985). Eine besondere Bereicherung war die mehrjährige Zusammenarbeit mit Dr. Heinrich Book am Hümmlinger Wörterbuch, von dem soeben eine zweite, stark erweiterte Auflage erschienen ist.
Meine Mitarbeit in der 1983 gegründeten Augustin-Wibbelt-Gesellschaft e.V., in deren Auftrag ich die plattdeutschen Werke des ostmünsterländischen Dialektautors neu herausgebe, hat inzwischen dazu geführt, daß ich eine recht ansehnliche aktive Kompetenz der münsterländischen Mundart erlangt habe.
Als Lehrbeauftragter an der Universität Paderborn (seit 1978) habe ich Gelegenheit, den Studierenden Kenntnisse über die tausendjährige Geschichte des Niederdeutschen, über seine Sprache und Literatur von den älteren Zeiten bis in die Gegenwart zu vermitteln.
Rein beruflich gesehen ist das Plattdeutsche für mich in erster Linie ein Forschungsgegenstand. Die Ergebnisse anderer Wissenschaftler und meine eigenen publizierten und nicht publizierten Forschungen auch an weitere interessierte Personenkreise weiterzugeben, ist mir gelegentlich durch Vorträge möglich. Ein Publikum durch lustige plattdeutsche Veranstaltungen zu erheitern, liegt mir allerdings fern. Im übrigen bin ich ein ausgesprochener Freund des plattdeutschen Bühnenspiels: In keinem Jahr lasse ich mir den Besuch von zwei oder drei Theaterstücken entgehen.
Der erwähnte Autor Wibbelt hat einmal in einer Abhandlung geschrieben: „Der Professor kann das Plattdeutsche nicht retten, der Dichter kann es.” Ich meine, ein Wissenschaftler hat nicht die Aufgabe, das Plattdeutsche zu retten, sondern es zu erforschen, die Ergebnisse seiner Studien zu publizieren und wenn möglich auch über den Kreis der Fachwissenschaftler hinaus verständlich darzustellen. Ob tatsächlich durch die Literatur das Plattdeutsche gerettet werden kann, ist meines Erachtens fraglich. Es widerspricht geradezu der sprachlichen Realität. Und wie lange wird es überhaupt noch plattdeutsche Dichter geben, wenn die Sprache von denen, die sie noch beherrschen, nicht an die folgende Generation weitergegeben wird? Das, was bei mir und meinen Altersgenossen in der Kleinstadt Lingen vor über 50 Jahren der Fall war, ist heute ja längst auch auf dem Lande Realität geworden.
Dieser Aufsatz stammt aus dem Buch “Wat, de kann Platt”, herausgegeben von Theo Mönch – Tegeder und Bernd Robben, Emsbüren 1998, Seite 255/256
Professor Dr. Hans Taubken, 1943 in Lingen geboren, war hauptberuflich bis zu seiner Pensionierung (2008) 35 Jahre in der Kommission für Mundart- und Namenforschung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe tätig, seit 1990 als Geschäftsführer der Kommission.
Seine ehrenamtliche Mitarbeit in der Augustin Wibbelt-Gesellschaft sowohl als Redakteur des Jahrbuches und auch als Bearbeiter der neuen Wibbelt-Edition haben ihn in weiten Kreisen auch außerhalb seiner wissenschaftlichen Arbeit bekannt gemacht.
Zunächst zu mir selbst. Wie komme ich dazu, mich zu diesem Thema zu äußern? Nun, zum einen, weil mich die Herausgeber dieses Buches darum gebeten haben. Aber das allein rechtfertigt noch nicht meine Mitarbeit. Zum anderen aber hängt es wohl damit zusammen, daß ich rund 20 Jahre Oberkreisdirektor im Emsland, dann 12 Jahre Hauptgeschäftsführer eines kommunalen Spitzenverbandes in Bonn gewesen bin und jetzt seit 16 Jahren Präsident des Deutschen Heimatbundes bin. Diese Tätigkeiten haben mir Einblicke in die soziale und kulturelle Bedeutung regionaler Lebens- und Sprachformen, gerade auch des Plattdeutschen, vermittelt. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Man kann die Bedeutung der Mundart – hier des Plattdeutschen – für die Erhaltung und Pflege einer regionalen Lebensform, zur Bewahrung regionaler Identität und Eigenart gar nicht hoch genug einschätzen. Wie komme ich aber zu dieser Einschätzung gerade in einer Zeit, wo Grenzen fallen oder abgebaut werden und alle Welt von Globalisierung, Maßstabsvergröße-rung und Vereinheitlichung spricht? Wie läßt sich das in Einklang bringen: auf der einen Seite größere Gebilde wie die Europäische Union, eine vernetzte, globale Welt mit der Weltsprache Englisch und auf der anderen Seite das Bekenntnis zur Erhaltung regionaler Lebensformen und Eigenheiten mit der plattdeutschen Mundart? Ist das nicht ein Widerspruch, der sich beim Blick über den regionalen Tellerrand von selbst auflöst?
Nein, dem ist nicht so. Größere Gebilde wie die Europäische Union oder eine vernetzte Welt brauchen überschaubare, sozial und kulturell gefestigte Räume. Sie brauchen Regionen, die bereit sind, sie mitzutragen. Regionale Bausteine wie das Emsland sind die Grundpfeiler 4m größeren System. Wenn sie funktionieren, eigenverantwortlich arbeiten und regionales Leben in Kultur, Sprache und Brauchtum entfalten, können sie das größere System tragen und sind auch dazu bereit. Diese föderale Ordnung hat unser Grundgesetz vorgegeben, sie hat sich bewährt und auf ein föderal gegliedertes Europa – das Europa der Regionen – hingeführt. Totalitäre Systeme haben sich – wie gerade die neuere Geschichte lehrt – nicht halten können. Sie haben die Regionalität mißachtet, regionale Lebensformen unterdrückt und sich damit ad absurdum geführt.
Das heutige Europa – die Europäische Union – erkennt regionale Lebensformen ausdrücklich an. Das haben die zuständigen Organe der EU durch die Verabschiedung der Charta der kommunalen Selbstverwaltung und der Charta der regionalen Selbstverwaltung – an denen ich für den Deutschen Landkreistag mitgearbeitet habe – deutlich gemacht. Und dazu zählen eigenständiger kultureller und sozialer Zuschnitt wie auch die Pflege eigenständiger Mundart.
Das war nicht für alle Mitglieder der EU mit zum Teil zentralistischen Vorstellungen von vornherein selbstverständlich. Aber das wurde durchgesetzt – mit deutlicher Aufwertung regionalen Denkens. Man kann sogar feststellen, daß politische und administrative Tendenzen zur Vereinheitlichung, zur zentralen Lenkung und globalen Handhabung – auf welcher Ebene auch immer – Gegenbewegungen, spürbare regionale Aktivitäten hervorgerufen haben, die wie ein Gegenstrom wirken und die Menschen in ihrer und für ihre Region beflügeln. Der Weg zur größeren Einheit hat gleichzeitig den Zug zur Entfaltung regionaler Lebensformen, zur Bewahrung regionaler Identität und Eigenart, gerade auch auf dem Gebiet von Brauchtum und Mundart, herausgefordert und gefördert.
Das gilt auch für das Plattdeutsch im Emsland.
Ich bin mit der plattdeutschen Mundart als Papenburger von Kind an in Berührung gekommen, beim Spielen und auch in der Schule (allerdings auf dem Schulhof). Zu Hause sprachen wir zwar hochdeutsch, aber im Geschäft meines Vaters sprach die Kundschaft oftmals platt, und dadurch lernte ich es auch. Seinerzeit wurde die plattdeutsche Sprache (leider!) „etwas tief” angesiedelt; man sprach hochdeutsch!
Aber als ich nach Kriegszeit und Ausbildung in den 50er Jahren wieder beruflich ins Emsland zurückkehrte, nahm der Stellenwert des Plattdeutschen zu. Für mich war das Platt auch wichtig; denn die Bürgermeister und Gemeindevertreter der damals noch 53 Gemeinden im Landkreis Aschendorf-Hümmling und zuvor im Kreise Meppen sprachen, abgesehen von den Städten, gern platt. Man kam besser über das Plattdeutsch an das Anliegen seiner Gesprächspartner heran, und man kam sich auch viel näher. In ihrer Heimatsprache fühlten sich die Bürgermeister und Gemeindevertreter sicherer, und manches läßt sich auch im Plattdeutschen viel besser und vor allem treffender ausdrücken. Das Plattdeutsch ist plastischer und griffiger.
Ohne Plattdeutsch hätte ich manches gar nicht erfahren und wäre damit ein schlecht unterrichteter Oberkreisdirektor gewesen. Mir persönlich hat es manchen Zugang erleichtert. Für kommunale Vertreter im Emsland ist die Kenntnis des Plattdeutschen ein großer Vorteil, ich würde fast sagen (leicht überspitzt!) Einstellungsvoraussetzung!
In meiner Bonner Zeit war das Plattdeutsch nicht so gefragt – abgesehen von besonderen Veranstaltungen in der Niedersächsischen Landesvertretung, vor allem in der Zeit, wo Minister Hasselmann der Bonner Vertretung vorstand, oder wenn Minister Werner Remmers dort auftrat; dann wurde „platt gekürt”.
Ein besonderes Erlebnis war für mich mein Besuch Ende der 60er Jahre beim Pa-penburger Club in New York. Hier trafen sich am ersten Montagabend in jedem Monat Papenburger Einwanderer, und Pflichtsprache war Papenburger Platt. Auch Hermann Lenger, der 1925 ausgewandert war und den ich damals besuchte, sprach mit mir bei sich zu Hause platt. Leider gibt es heute diesen Papenburger Club nicht mehr; die nachwachsende Generation hat die Verbindung zur Heimat und Heimatsprache leider nicht mehr so gepflegt.
Im Deutschen Heimatbund haben wir eine eigene Fachgruppe für Brauchtum und Mundart ins Leben gerufen, die zusammen mit unseren 18 Landesverbänden und ihren Vertretern intensiv arbeitet und sich um die Erfassung und Erhaltung von Brauchtum, Trachten und Heimatsprache kümmert. Gleiches gilt für den Niedersächsischen Heimatbund. Man sieht also, daß der Rahmen in Europa und in unserem Lande gesteckt worden ist. Es gilt, ihn auszufüllen. Im Emsland und besonders beim Emsländischen Heimatbund sind dafür gute Voraussetzungen gegeben. Zunehmende Aktivitäten belegen: „Man kürt gern platt!”
Hier in den Dörfern des alten Hümmling wurde und wird überwiegend plattdeutsch gesprochen. In meinem Elternhaus, wo ich mit acht Geschwistern aufgewachsen bin, war Plattdeutsch unsere alltägliche Umgangssprache. Auch in den Familien unserer Verwandtschaft, die über den ganzen Hümmling reichte, wurde immer plattdeutsch gesprochen.
Als Kindern im Vorschulalter war uns aber die hochdeutsche Sprache nicht fremd, weil in der Familie die täglichen Gebete auf Hochdeutsch gesprochen wurden. Unsere Eltern und auch die älteren Geschwister sangen mit uns Kinderlieder auf Hochdeutsch. In der Schule wurde nur das Hochdeutsche angewandt. In den Pausen verfielen die Kinder dann ohne Ausnahme in ihr heimisches Platt.
An den Schulen wurde die plattdeutsche Sprache von den Lehrkräften ganz unterschiedlich bewertet. Die Kinder am Mariengymnasium in Papenburg durften auch in den Pausen auf dem Schulhof kein Plattdeutsch sprechen, wohingegen eine junge Lehrerin aus Sögel am Gymnasium ganz angetan meinte: „Ihre Kinder sprechen ja zwei Sprachen!” So verschieden sind die Bewertungen und die Einstellungen zu unserer Ursprache.
Zur Zeit meiner Eltern – mein Vater war im Jahr 1870 geboren, meine Mutter 1875 – war es auch schon so, daß in der Kirche und in der Schule hochdeutsch geredet und geschrieben wurde. Mein Vater hat immer erzählt, daß er mitgespielt habe im Theater vom Heiligen Franz von Assisi, und auch im Gesangverein habe er mitgesungen.
Es war genauso wie heute, nur gab es kein Fernsehen und kein Radio. Es wurde unter Nachbarn, Verwandten und Bekannten viel mehr erzählt, und man besuchte sich mehr als heute. Dann wurde immer plattdeutsch gesprochen. Die alten Bräuche: Dätt Neijohr offwinnen, dätt Dreikönigssingen, dätt Palmbessen utbrin-gen, dei Tunschere of dei Wärpelraut bringen, gehören zur uralten Hümmlinger Kultur. Man müßte noch schreiben über Geburt, Hochzeit, Kindtaufe und das Ende des Lebens. Bei all diesen Anlässen war Nachbarhilfe angesagt.
Heutzutage wird kein Kind auf dem Schulhof plattdeutsch sprechen, weil viele junge Eltern die plattdeutsche Sprache nicht mehr beherrschen und weil sie bei einigen als rückständig angesehen wird. In meiner Umgebung, ob es nun Kinder oder Familienfeiern auf dem Lande, um das zu erleben. An dieser Stelle sei ein Wort zu den plattdeutschen Lesewettbewerben erlaubt: Kein noch so guter Lesewettbewerb kann die wenn auch nur in homöopathischen Dosen verabreichten plattdeutschen Äußerungen eines methodisch geschickt agierenden Lehrers ersetzen; im Unterricht wird Plattdeutsch erlebt, im Lesewettbewerb viel zu oft ohne Verinnerlichung nachgeahmt.
In meinem heutigen Leben bereitet es mir jedes Mal Vergnügen, mit plattdeutsch sprechenden Menschen zusammenzukommen. Der Kontakt zu Nachbarn, Handwerkern und anderen läßt sich, wenn das Wort erlaubt ist, viel gemütlicher an, man fällt nicht mit der Tür ins Haus, erst kommt ein „Prötken över`t Weer”: „Wi mött sao nödig Regen hebben…!” Danach wird dann das gewünschte Anliegen vorgebracht. Plattdeutsch zu sprechen hat immer auch etwas mit „Zeit haben” zu tun. Vielleicht gehört das Prötken auch in den immerwährenden Rhythmus von Arbeit und Pause.
Die soziale Bedeutung des gemeinsamen Plattdeutsch ist seit dem letzten Krieg nicht mehr gegeben. Die erheblich gewachsene Bevölkerung bietet einen sprachlichen Flickenteppich, von dem man nicht weiß, wie er sich weiterhin gestalten wird, zumal Medien und Werbung als nicht willkommene Sprachlehrer einen immer größeren Einfluß erhalten. Die gegenwärtige kulturelle Bedeutung des Plattdeutschen sehe ich darin, daß es eine der wichtigsten Ausdrucksformen bietet, um altes emsländisches Brauchtum zu beschreiben, das von seiner damals verwendeten Sprache nicht zu trennen ist. Desgleichen bedarf es auch des überlieferten Plattdeutsch, um frühere menschliche Schicksale in dieser Landschaft zu beschreiben, die immer etwas mit Sprache zu tun hatten.
Als ich als junger Arzt meinte, in der Grafschaft glücklich werden zu können – nicht gehindert durch die deutsche Sprache und sowieso nicht durch Kenntnisse des Plattdeutschen -, stieß ich schnell auf Probleme. Nicht nur, daß meine an der Universität eingeprägten Ideale schlecht über die Bühnenbegrenzung zu bringen waren, ich war dabei anscheinend auch noch schlecht zu verstehen.
Ermutigungen, es doch „up Hollansch te doun”, erbrachten auch keinen Erfolg, weil ich ein anderes Holländisch redete, verglichen mit der Sprache Kanaans, die man in reformierten Kreisen der Grafschaft beherrschte.
Ich war erst eine Woche in der Grafschaft, als Oma M. im Sterben lag. Sie war gut in den 90er Jahren und lebenssatt. Ihr Sohn, auch bereits Ende 60, nahm nach meiner Ankündigung, daß das Sterben nahe sei, die Statenbibel hervor und las Psalm 91. Mühsam, mit seiner tiefen Stimme, las der Sohn das antike Holländisch, und fügte damit für mich der Wahrheit am Krankenbett eine neue Dimension hinzu. Von dem, was sonst noch gesagt wurde zwischen der Oma und ihrer Familie, verstand ich kein Wort.
Langsam habe ich im Laufe der Jahre das Platt kennen- und liebengelernt – richtig sprechen nie, aber verstehen kann ich es gut. Auffallend blieb mir in all den 36 Jahren, daß auf Platt die Tatsachen des Lebens selten beim Namen genannt werden. Auf meine Empfehlung, doch lieber ins Krankenhaus zu gehen, sagte man selten „Nein”. „Da wok nig gerre”, oder – noch verwirrender – ein lang gezogenes „Joaa” bedeutete meistens, daß man absolut nicht vorhatte, den Vorschlag zu befolgen.
Und ging es dem Patienten besser, lautete die Antwort im Idealfall: „Et is nich lieder worden”. Ich war dann schon sehr zufrieden mit meinem Erfolg, aber es dauerte wohl einige Jahre, bis ich kapierte, daß dieser unterkühlte Ausdruck das Maximum der Gefühle ausdrückte.
Selbstmord heißt im Grafschafter Platt: „He häf sick te kort doane”, oder noch sanfter: „He is nig utludt”. Komisch fand ich auch, daß sehr alte und sehr kranke Patienten feminisieren, also verweiblichen – nicht nur als psychologisches Phänomen, sondern auch als Idiom: „See is zwoar zeek, Dokter!” – und dann war es der Opa, der ärztliche Hilfe brauchte.
Homophilie gab es nicht. Ein schon einigermaßen betagter Mann gab auf mein Befragen, warum er sich keine Frau gesucht habe, zur Antwort: „As se mi met Stickerdroat op een Wief bunden, dann konn eck der doch nicks met!”
„Kusenkellen” ist auf Platt so nahezu das Schlimmste, was man bekommen kann. Und ich habe entdeckt, man erfährt am meisten, wenn man versucht, jemandem auf Platt die eigenen Leiden mit den „Kusen” zu erzählen. Was man dann alles zu hören bekommt an menschlichem Leid und Leiden!
Ein alter Bauer war als Zeuge beim Schiedsgericht geladen. Zwei Nachbarn hatten sich in Anwesenheit des Bauern über einen Baum und dessen Verhältnis zum Grenzstein gestritten, und im Laufe des Gesprächs war es zu körperlicher Gewalt gekommen. Die große Frage war nun, wer hatte mit der Schlägerei begonnen. Der Bauer: „Eck har mie net umdreht un ek drehde weer trugge, an doar lagge see up-mekare un hoaden sick.” Nicht unschlau, denke ich.
Meine etwas krumme deutsche Frage, wie eine Patientin verkehrsmäßig ausgestattet sei, provozierte die Antwort: „Eer:moal toe Kermis en eenmoal toe Nee-joahr.” Und es war Anfang Januar und so nicht gemeint!
Ich bin überzeugt, daß das Grafschafter Platt auf ganz besondere Weise den Volkscharakter spiegelt. „Dokter, kunn ieh miene Fraow nich schonend biebrengen, dat se sterft?”, war so eine Bitte, mit der man versuchte, das Unabwendbare zu besänftigen. Konflikte werden so weit wie möglich gemieden. Im Notfall probiert man, das Problem vor sich herzuschieben, in der Hoffnung, daß es sich von allein löst.
Vergessen tut man aber auch nichts. „Wie kunt nich tegen joe proaten, wel tegen joe stimmen”, bekam ein Pastor zu hören, nachdem ein unbeliebter Vorschlag von seiner Gemeinde diskussionslos abgeschmettert wurde. Ich war gern Arzt in der Grafschaft, aber für kein Geld in der Welt hätte ich hier Pastor sein wollen!
Wer wie ich aus einer ostfriesischen Familie stammt und dessen Vater noch in einer hochdeutschen, plattdeutschen und niederländischen Sprachumgebung aufwuchs, hat zu dem Plattdeutschen eine ganz besondere Beziehung, obwohl bei uns zu Hause die Umgangssprache zwischen Eltern und sechs Geschwistern Hochdeutsch war.
Das Plattdeutsche tröpfelte jedoch jeden Tag in unsere Ohren: „He ridd up`t Perd un` söcht daornao!”, „Wat se half weet, kann se ganz verteilen!”, „Kieneen is so klook äs man sülvs!” und „Loop nich mit Ian un alle Mann!” bemerkte mein vaier spaßig oder mahnend; las abends im Familienkreis plattdeutsche Geschichten von Fritz Reuter vor und versank, wenn alte Freunde oder Bekannte aus seiner Jugend- und Studienzeit kamen, regelrecht in dem ihm vertrauten ostfriesischen Platt.
Wir Kleinen standen dabei und hörten staunend zu. Als Kinder kamen wir infolge der Versetzung meines Vaters nach Lünne in eine Emsländer Platt sprechende Einwohnerschaft, die meinte, mit uns Pastorenkindern hochdeutsch reden zu müssen, dabei aber viele plattdeutsche Wortgebilde einfließen ließ, so daß wir zu Hause zurückfragten, was wohl gemeint gewesen sei. Weil ich mich in jeder freien Minute bei den Bauern in der Nachbarschaft aufhielt, lernte ich das Plattdeutsche im täglichen Umgang ganz von selbst und erwarb während meiner landwirtschaftlichen Lehre im ehemaligen Landkreis Lingen auch ein Gespür für die in dem Plattdeutschen sehr wohl vorhandenen Sprachebenen, die zahlreichen Lautmalereien und Sprachbilder, Sprichwörter und nicht zuletzt für den tieferen Sinn der zahlreichen emsländischen Dönkes.
Im Verlauf meiner langjährigen Tätigkeit als freier Mitarbeiter bei der hiesigen Zeitung kam es zu intensiven Berührungen mit dem plattdeutschen Theaterspiel, das ich bis heute mit viel Freude in der gleichen Sprache kommentiere. Meine Erfahrungen in dem aktiven Umgang mit dem Plattdeutschen sind mir heute zu einer glücklichen Erinnerung geworden. Mir ist immer wieder aufgefallen, daß das Plattdeutsche unter den in dieser Mundart Kundigen sofort Vertrautheit schafft; man erfreut sich nicht nur gleicher regionaler Herkunft, sondern fühlt sich auch zusammengehörig. Menschen einer Landschaft denken in ähnlichen Kategorien, wie sie durch das Zusammenleben von mehreren Generationen, den Rhythmus von Saat und Ernte, die Verknüpfung von Arbeit und Lebensunterhalt und auch durch Geburt und Tod bestimmt werden.
Ich erinnere zum Beispiel an die Pluralanrede gegenüber alten Menschen und oft auch gegenüber den ergrauten eigenen Eltern. Mir sind die Koseworte gegenüber kleinen Kindern ebenso in den Ohren wie die sehr differenziert angewendete sprachliche Begegnung mit Gleichgestellten, höher oder niedriger betrachteten Menschen. Der Begriff der Sprachsoziologie war noch nicht formuliert, aber dem Kenner des Plattdeutschen innerhalb der gewohnten Wortbedeutungen und verwendeten Lautierung vertraut. Jede Generation übernahm den Wortschatz von der vorhergehenden; das Plattdeutsche konnte sich, da es nicht in die Fesseln einer Schriftsprache eingebunden war, immer weiter entwickeln und viele Dialekte bilden.
Plattdeutsch bleibt im Menschen auch dann haften, wenn er, aus welchen Gründen auch immer, einer hochdeutschen Umgebung und einer zusätzlichen und verpflichtenden hochdeutschen Amtssprache ausgesetzt wird. Die eingeschlagenen Pfosten plattdeutschen Wortschatzes zur humorvollen Beschreibung besonderer Umstände, das Instrument einer wohl angeborenen Lautmalerei und das Wich-tigsein einer menschlichen Gesprächsatmosphäre treten immer wieder hervor und kennzeichnen sowohl die Menschen des emsländischen als auch des ostfriesischen Raumes. In Aurich war (und ist hoffentlich noch) an dem Regierungsgebäude auf einer unübersehbaren Tafel zu lesen. „Hier word Platt prot`t!”
Für mich als Leiter eines Studienseminars zur Ausbildung von Studienreferendaren für das Lehramt an berufsbildenden Schulen war die Verwendung des Plattdeutschen ein vielseitiges methodisches Instrument. Lehrer und Lehrerinnen, die platt sprechen, sind den emsländischen und ostfriesischen Schülern auch heute noch näher und vertrauter als ein „nur” hochdeutscher Pädagoge. Die Auszubildenden haben mehr Möglichkeiten, sich im Unterrichtsgespräch zu artikulieren und vor allem ihrer Meinung zu dem jeweiligen Stoff deutliche Konturen zu verleihen, die manchmal sogar zu einem vielschichtigen Statement werden.
Ein Schüler sagte am Ende einer Stunde, in der über die Abhängigkeit der Bevölkerung von dem Erdöl gesprochen wurde, seinem erstaunten Lehrer: „Har’n
Törfpand, har’n Se kiene Ölkrise; awer Se bünt ja nick von hier!” Als der junge Kollege das Argument einer drohenden Arbeitslosigkeit in das Gespräch einbrachte, lautete die Antwort: „Dann häbt wi Tied, alles önnlick naotokieken, uptorümen un alles in Schuß to brengen!” Dem plattdeutsch sprechenden Lehrer steht ein Vielfaches an Möglichkeiten der Impulsgebung zur Verfügung, weil er alle Lernenden mittels unterschiedlichen Sprachgebrauchs und damit reicherer Verwendung von Verben ansprechen kann und auch die erreicht, die als Auszubildende einem ausschließlich plattdeutsch sprechenden Meister oder Gesellen und vielfach auch Kunden gegenüber stehen.
Vergessen wir nicht: Das Emsland und besonders Ostfriesland sind mit Ausnahme der Städte, scharf formuliert, auch heute noch plattdeutsch geprägte Räume, die sich dem Hochdeutschen geöffnet haben. Man gehe einmal zu Volksfesten oder Familienfeiern auf dem Lande, um das zu erleben. An dieser Stelle sei ein Wort zu den plattdeutschen Lesewettbewerben erlaubt: Kein noch so guter Lesewettbewerb kann die wenn auch nur in homöopathischen Dosen verabreichten plattdeutschen Äußerungen eines methodisch geschickt agierenden Lehrers ersetzen; im Unterricht wird Plattdeutsch erlebt, im Lesewettbewerb viel zu oft ohne Verinnerlichung nachgeahmt.
In meinem heutigen Leben bereitet es mir jedes Mal Vergnügen, mit plattdeutsch sprechenden Menschen zusammenzukommen. Der Kontakt zu Nachbarn, Handwerkern und anderen läßt sich, wenn das Wort erlaubt ist, viel gemütlicher an, man fällt nicht mit der Tür ins Haus, erst kommt ein „Prötken över`t Weer”: „Wi mött sao nödig Regen hebben…!” Danach wird dann das gewünschte Anliegen vorgebracht. Plattdeutsch zu sprechen hat immer auch etwas mit „Zeit haben” zu tun. Vielleicht gehört das Prötken auch in den immerwährenden Rhythmus von Arbeit und Pause.
Die soziale Bedeutung des gemeinsamen Plattdeutsch ist seit dem letzten Krieg nicht mehr gegeben. Die erheblich gewachsene Bevölkerung bietet einen sprachlichen Flickenteppich, von dem man nicht weiß, wie er sich weiterhin gestalten wird, zumal Medien und Werbung als nicht willkommene Sprachlehrer einen immer größeren Einfluß erhalten. Die gegenwärtige kulturelle Bedeutung des Plattdeutschen sehe ich darin, daß es eine der wichtigsten Ausdrucksformen bietet, um altes emsländisches Brauchtum zu beschreiben, das von seiner damals verwendeten Sprache nicht zu trennen ist. Desgleichen bedarf es auch des überlieferten Plattdeutsch, um frühere menschliche Schicksale in dieser Landschaft zu beschreiben, die immer etwas mit Sprache zu tun hatten.
„Platt lutt moj”, Plattdeutsch klingt schön, so heißt der Titel eines Lesebuches, das vom Arbeitskreis „Mesters prootet Platt” beim Schulaufsichtsamt Emsland im Jahr 1993 herausgegeben wurde und an unserer Schule gern eingesetzt wird.
Und in der Tat, Platt luttrnicht nur moj, sondern verbreitet auch eine freundliche Atmosphäre, fördert die Gemütlichkeit in froher Runde und bringt die Menschen untereinander schnell in Kontakt. Das Plattdeutsche hat viele Dönkes, Vertellsels, Lieder und Spiele, die
erhalten bleiben müssen und nur auf Plattdeutsch auch so klingen, wie sie gemeint
sind, und deshalb beim Zuhörer ankommen.
Plattdeutsch hat sogar auch dann noch eine nette Art, wenn man jemandem deutlich seine Meinung sagen möchte. Nennt man einen Zeitgenossen einen „Dwäs-büngel” (Quertreiber), so ist die verbal verletzende Spitze eines hochdeutschen Wortes genommen, obwohl der Betroffene ganz genau weiß, was man von ihm hält.
Ein Beleg hierfür ist auch die angeblich wahre Begebenheit, bei der ein Hausbesitzer einen an seinem Haus vorbeiführenden kleinen Privatweg für die Öffentlichkeit nicht weiter zugänglich machen wollte und ein Schild mit der Aufschrift anbrachte: „Verbotener Patt”. Dies rief sofort die Kreativität seiner Nachbarn und Mit-anlieger auf den Plan, die ihm folgende schriftliche Antwort als Retourkutsche auf sein Schild malten: „Lick mi ant Gatt”.
Die plattdeutsche Sprache hat mich von Kindesbeinen an begleitet. Über Generationen hinweg wurde zu Hause in Neubörger vorwiegend plattdeutsch gesprochen. Bedingt dadurch, daß zu meinem Elternhaus eine Gaststätte, eine Landwirtschaft, eine Poststelle und eine Viehwaage gehörten, war dort immer ein reger Publikumsverkehr vorhanden, und so wurde ich schon Mitte der 50er Jahre sehr früh mit dem Plattdeutschen vertraut.
Als kleiner Junge fiel mir damals auf, daß die Flüchtlinge, die nach dem zweiten Weltkrieg in Neubörger eine neue Heimat gefunden hatten, wenn sie dann ihre Rente an der Post abholten und anschließend in die Gaststätte kamen, ein anderes, für mich etwas fremd klingendes Platt sprachen. Dies hat aber ihre Integration in keinster Weise behindert. Im Gegenteil! Dadurch, daß sie versuchten, sich in der plattdeutschen Sprache zu artikulieren, gewannen sie schnell die Herzen der Einheimischen. Wenn auch ihr Plattdeutsch stets etwas merkwürdig klang, so kam man doch darüber ins Gespräch, und man sprach miteinander und weniger übereinander.
Schwierig wurde es für mich Anfang der 60er Jahre auf dem Papenburger Gymnasium, das auch von vielen Ostfriesen besucht wurde, das Platt ihrer Region zu verstehen. In den Pausen „kauelten” die ostfriesischen Mitschüler platt untereinander, und dieses Plattdeutsch klang sehr urtümlich und fremd für die Ohren eines Hümmlingers. Gleichwohl muß man aber festhalten, daß die Ostfriesen ihrer Sprache und ihrer Tradition treu blieben. Hinnerk blieb nun mal Hinnerk und wurde nicht, wie es im Emsland oft üblich war, zu Heinz oder Heiner.
Während meiner Schulzeit war ein deutlicher Trend zu erkennen, nicht mehr plattdeutsch sprechen zu wollen. Plattdeutsch wurde quasi gleichgesetzt mit weniger gebildet, dümmer zu sein. Plattdeutsch war „out”. Es war nicht mehr schicklich, platt zu sprechen. Hochdeutsch war „in”.
Dabei konnte es zu lustigen Begebenheiten wie folgender kommen: Eine junge Mutter ruft ihren draußen im Garten spielenden Sohn, der für sie vom Kaufmann etwas holen soll, mit dem Satz: „Berni, lauf mal schnell zum Kaufmann Gerdes und hol für 5 Pfennig Schwäfelsticken.” Dabei muß man wissen, daß Schwäfelsticken Streichhölzer bedeuten. Es war also gar nicht immer so einfach, auf die Schnelle vom Plattdeutschen ins Hochdeutsche zu übersetzen.
Das Plattdeutsche hat mich auch beruflich bis heute begleitet. Als ich im Februar 1987 meinen Dienst an der Ludgerusschule Rhede antrat, hatte sich der leider inzwischen verstorbene Bürgermeister Wilhelm Loth, der für seine humorvolle und bürgernahe Art bekannt war und selbst oft und gerne plattdeutsch’sprach, bereits folgendermaßen über meine Person geäußert: „Wenn hei plaett proten känn, dänn könn wie wall mit üm utkoamen.”
Und in der Tat, gerade in der linksemsischen Gemeinde Rhede wird das Plattdeutsche noch sehr gepflegt. Dies ist auch verständlich, steht man doch in der Tradition und auch in der Verpflichtung des Rheder Heimatdichters Gerd Aorns, der in der dritten von fünf Strophen des Liedes „011e Rheen”, das oft und gerne bei festlichen Anlässen in der Gemeinde gesungen wird, folgenden Text verfaßt hat:
Einfache Lüh, niks upgetoakelt,
Dei läwet dor, sei protet platt,
Doch segg datt vull, wenn sei mi fraoget
Büs du uk hier, wo geiht die datt?
Wenn Sehnsucht mi ant Hatte naoget
Gaoh ik naoh Rheen, dann frei ik mi.
0lle Rheen dor an de Ämße,
0lle Rheen, dann bünk bi di.
Daß Plattdeutsch auch international gefragt ist, sollen folgende zwei kleine Begebenheiten verdeutlichen: Im Sommer 1993 haben mein niederländischer Kollege Gerardus Hagenes, Schulleiter der Basisschool „Oosterschool”/Bellingwolde und ich im Groninger Rundfunk „Radio Noord” in der Sendung ,:fien uur” mit der Moderatorin Imka Marina – bekannt als Interpretin des Ohrwurms der 70er Jahre „Eviva Espana” – Werbung für die I5-Jahr-Feier anläßlich der Partnerschaft zwischen den Gemeinden Bellingwedde und Rhede/Ems gemacht. Damit konnte jeder in seiner platten Mundart sprechen. Die Verständigung auf Emsländer und Groninger Platt klappte ausgezeichnet, sind doch durchaus Ähnlichkeiten vorhanden.
Im Sommer 1996 waren wir mit 37 Altherrenfußballern des SC Blau-Weiß 94 Papenburg für 14 Tage in Chicago und nahmen dort unter anderem an einem internationalen Fußballturnier teil. Viele Deutschstämmige, die wir auf dieser Reise getroffen haben, sprachen besser platt als hochdeutsch, und die Freude war jedesmal groß, wenn sie wieder vertraute heimatliche plattdeutsche Worte und Lieder hörten. Man sah deutlich den Schimmer in ihren Augen, als wir bei einer abendlichen Feier das Friesenlied auf Plattdeutsch anstimmten. Erstaunlich war für uns, daß auch viele junge Amerikaner, deren Großeltern Anfang der 50er Jahre in die USA ausgewandert waren, das Plattdeutsche noch verstehen konnten. Allerdings hapert es verständlicherweise etwas mit dem aktiven Gebrauch der plattdeutschen Sprache.
Wie wird es weitergehen mit der plattdeutschen Sprache? Viele Institutionen bemühen sich, das Plattdeutsche zu pflegen – wohlwissend, daß das geschriebene Platt in seinen oft sehr verschiedenen Dialekten schwierig zu vermitteln ist. Lobenswert ist dabei der von der Kreissparkasse im Turnus von zwei Jahren initiierte Lesewettbewerb „Schüler lesen Platt”, der Schülerinnen und Schüler aller Altersklassen motivieren soll, sich mit der plattdeutschen Sprache auseinanderzusetzen.
Bessere Chancen räume ich dem gesprochenen Platt ein. Und hier ist die jetzige Generation gefragt, aktiv und offensiv das Plattdeutsche zu vertreten. Auch die Schulen können hier ihren Beitrag leisten, indem zum Beispiel bei den im Stundenplan verankerten Arbeitsgemeinschaften Theaterstücke in plattdeutscher Sprache angeboten werden. Bei Sitzungen der örtlichen Heimatvereine sollte grundsätzlich die „Amtssprache” Plattdeutsch sein.
Die plattdeutsche Sprache hat nur eine Chance zu überleben, wenn sie mündlich tradiert wird. Und dabei ist es unerheblich, in welchem Dialekt man spricht. Ein Beispiel mag dies zum Schluß verdeutlichen: „Ik ga over dei Strate hen mien Naa-ber, wenn ik Daest haebbe…”, so heißt es im Neubörger Platt. „Ik gao över dei Straote nao mien Naober, wenn ik Döst heb…”, so das Rheder Platt. Ob nun Hümmlin-ger oder Rheder Platt, die Intention ist unverkennbar eindeutig; endet doch solch ein Treffen oft in einer gemütlichen Atmosphäre und in fröhlicher Runde.