3.5. Sprachgebrauch im Generationenvergleich

Aus der folgenden Tabelle 6 (rechte Spalte) geht hervor, daß nur noch 1% der Kinder heute ständig (0,3%) bzw. überwiegend (0,7%) im familiären Rahmen platt­deutsch spricht. Die 6,8%, die überwiegend Hochdeutsch sprechen, lassen sich im Zusammenhang mit den übrigen ermittelten Daten nur so deuten, daß diese Kinder zwar gelegentlich plattdeutsche Wörter und Wendungen gebrauchen, daß dies aber nicht als flüssiges Beherrschen der Mundart interpretiert werden kann (vgl. Tab. 3: Aktive Sprachkompetenz).

Da für die Generation 1 (Großeltern) keine Angaben über die aktive und passive Kompetenz aus dem Befragungsbogen abgelesen werden können, sind die drei Gene­rationen hier für den Gebrauch des Plattdeutschen einander gegenübergestellt worden.

Über einen Vergleich der Prozentzahlen mit der Kompetenz der Generationen 2 (Eltern) und 3 (Kinder) wird das einen gewissen Rückschluß auf die Mundartkompetenz der Generation 1 zulassen: Bei einem ausschließlichen Mundartgebrauch von 54,2% bzw. 51,7% der Großeltern untereinander darf wohl davon ausgegangen werden, daß in dieser Generation im gesamten Emsland eine aktive Kompetenz von über 70% vorhanden ist. Nach Janßen (1943: 58ff.) sprachen 1938/39 die Eltern zu 75-100% Plattdeutsch mit ihren Kindern, der heutigen Großeltern-Generation also, mit Ausnahme der Städte Lingen und Meppen (unter 50%) sowie weniger Gemeinden im Süden des Emslandes (50-74%). Es ist weiter zu bedenken, daß auch viele Flüchtlinge in der Nachkriegszeit berufsbedingt die Mundart erlernt haben, außerdem beherrschten die meisten Kaufleute und Handwerker in den Städten die plattdeutsche Sprache, die ihnen den Umgang mit den Landbewohnern und deren Kaufkraft erheblich erleichterte. In einigen Orten des Einslan­des beherrschte sozusagen jeder Bewohner das Niederdeutsche.

Angesichts der Zahlenreihen in der Tab. 6 soll gerade an dieser Stelle noch einmal an Stellmachers Auswertung der GETAS-Befragung erinnert werden: „Nieder­deutsch ist nicht tot, die Sprache lebt und — wie die Vergleiche mit älteren Untersu­chungen erbracht haben — sie hat in den letzten 20 Jahren keineswegs an Boden verloren” (Stellmacher 1987: 44). Ganz offensichtlich ist aber das Gegenteil der Fall, sowohl im Bereich der Kompetenz als auch im Sprachgebrauch, wie die vorliegenden Zahlen belegen.

Vergleich von GETAS-Befragung und Ergebnissen im Landkreis Emsland

3.4. Vergleich von GETAS-Befragung und Ergebnissen im Landkreis Emsland

Im Folgenden wollen wir einige Ergebnisse der GETAS-Befragung und unserer Befragung einander gegenüberstellen. Diese Zahlen weisen zugleich darauf hin, daß die ‘Aussagen der GETAS-Umfrage infolge mangelnder regionaler Differenzierung nur einen eingeschränkten Aussagewert haben.

Aus diesen Zahlen darf man sicherlich schließen, daß die aktive Mundartkompe­tenz der Kinder im gesamten Verbreitungsgebiet des Niederdeutschen ebenfalls unter dem emsländischen Niveau liegt, das mit 3% schon sehr niedrig ist.

3. 2. Passive Sprachkompetenz der Schüler

Bei der Beurteilung der passiven Kompetenz zeigt sich jedoch ein ganz anderes Bild (vgl. Tab. 2). Hier ist es offensichtlich, daß die Eltern das Verstehensvermögen ihrer Kinder nicht richtig einschätzen können. Sie liegen um nahezu genau 10 Prozent­punkte — bezogen auf die Gesamtwertung — in ihrer Beurteilung unter den tatsächli­chen Werten im Bereich von „gut verstehen” und „weniger gut verstehen”. Es ist also deutlich, daß die Eltern die passive Sprachkompetenz ihrer Kinder unterschätzen. Sie ist für die Väter und Mütter ja auch schlecht meßbar, zumindest weniger einschätzbar als die aktive Kompetenz, die sich in der Teilnahme an einem Gespräch äußert. Da die Eltern sich zwar nur zu 0,7% plattdeutsch mit ihren Kindern unterhalten, die Gesprä­che untereinander jedoch noch zu 20% auf Plattdeutsch geführt werden, bekommen die Kinder etliches mit, sind aber nicht der Adressat des Gesprochenen und werden somit auch nicht zu Äußerungen veranlaßt. Wie bei der Beurteilung der aktiven Kompetenz irren sich die Eltern auch hier mit ihrer Einschätzung von Ort zu Ort zum Teil recht deutlich, wie unter 3.6. noch gezeigt wird.

Bei der Gegenüberstellung der Testergebnisse (verstehen können — sprechen können), die mit dieser Untersuchung erstmals vorliegen, bestätigt sich die anfangs geäußerte Vermutung, daß sich die Mundartkenntnisse der Heranwachsenden gegen 0% bewegen. Für eine weitergehende Prognose über die zukünftige Entwicklung verweisen wir aber auf die Schlußdiskussion. Interessant ist aber an dieser Stelle noch der Vergleich mit den Ausführungen von Kremer (1983: 81):

„Über die Mundartkompetenz der in dieser Enquete mit angesprochenen neun- bis zehnjährigen Grundschüler läßt sich nur annähernd der Prozentsatz passiver Kompetenz ermitteln, der bei mindestens 33,7% liegen muß, denn in diesem Umfang sprechen die Eltern (vornehmlich die Väter), allerdings fast nur gelegentlich, mit den Kindern Platt. Die aktive Kompetenz dürfte irgendwo zwischen 14,6% und 33,7% liegen. In diesem Generationssprung von etwa 30 Jahren liegt also ein Kompetenz-Rückgang von 30-40%, der sich jedoch etwas verringern dürfte, da ja eine gewisse Zunahme der Mundartkennt­nisse mit wachsendem Alter, vor allem nach dem Berufseintritt, noch zu erwarten ist.”

Wenn man in unserer Untersuchung die Prozentwerte von “gut sprechen” und „weniger gut sprechen” zusammenfügt, kommt man etwa auf die obigen Werte der aktiven Kompetenz 1981 im Kreis Borken. Betrachtet man jedoch die Testbögen der Schüler und verbindet sie mit den Aussagen verschiedener Deutschlehrer zu den darin enthaltenen Hinweisen auf die tatsächlichen Sprachkenntnisse, so muß man sagen, daß nur etwa 3% der 10-Jährigen im Jahre 1989 ein Gespräch in flüssigem Plattdeutsch führen können.

3 Auswertung

3.1. Aktive Mundartkompetenz der Schüler

Unsere erste Frage richtet sich auf die aktive Dialektkompetenz der Schüler, wobei die Einschätzung der Kompetenz durch die Eltern und die Ergebnisse des Tests einander gegenübergestellt werden (vgl. Tab. 1).

Die Testergebnisse und die Werte der Elterneinschätzung liegen im Kreisdurch­schnitt erstaunlich nahe beieinander. Untersucht man jedoch die Ergebnisse der einzelnen Gemeinden, so irren sich die Eltern mit der Einschätzung der Fähigkeiten ihrer Kinder zum Teil ganz erheblich, wie noch im Abschnitt 3.6. „Regionale Unter­schiede” dargestellt wird.

 

 

 

1.2. Ziel der Untersuchung

1.2. Ziel der Untersuchung

Wenn in der GETAS-Befragung schon ein immenser Rückgang bei den erwach­senen Mundart-Sprechern zu verzeichnen war, mußte es um so mehr interessieren, wie es um die Plattdeutschkompetenz bei den Heranwachsenden bestellt ist. Hierauf lie­ferte die Umfrage jedoch keine Antwort. Dieser Lage der Dinge entsprang unser Vor­haben, der jüngsten Entwicklung der Dialektkenntnisse durch eine Umfrage unter den Schülern der letzten Grundschulklasse im Kreis Emsland selber nachzuspüren. Als Modell für diese Umfrage diente eine Befragung von Ludger Kremer aus dem Jahre 1981 im Kreis Borken, in der er die Eltern der 10-jährigen Kinder befragt hatte: Auch hier konnte ein anhaltender Rückgang der Mundartkenntnisse festgestellt werden’.

Allerdings waren auch in dieser Befragung die Aussagen zur Sprachkompetenz der Untersuchungsgruppe ausschließlich durch Selbsteinschätzung zustande gekom­men. Da ein Lehrer jedoch bei der Selbsteinschätzung der Kinder und bei der Einschät­zung der Kenntnisse von Kindern durch deren Eltern nahezu bei jedem Elternsprech-tag negative Erfahrungen sammeln muß, war uns von Anfang an klar, daß bei einer ähnlichen Befragung im emsländischen Sprachraum neben dem Abfragen der subjek­tiven Elternaussagen eine objektive Überprüfung der Dialektkenntnisse der Kinder erfolgen mußte.

2 Vorbereitung und Durchführung der Befragung

Die Untersuchung wurde mit der Unterstützung des Schulaufsichtsamtes des Krei­ses Emsland durchgeführt’. In zwei Vorläufen in den 5. Klassen der Orientierungsstufen Emsbüren und Spelle wurden die Entwürfe zum Fragebogen getestet und verbessert. Schließlich wurden alle Klassenlehrer der 4. Schuljahre im gesamten Emsland in den sechs einzelnen Dezernaten zur Dienstbesprechung eingeladen und in das genauere Verfahren eingewiesen. Jedem Klassenlehrer wurde eine bespielte Tonkassette und eine Mappe mit zwei Arbeitsbögen für die Schüler nebst einem Elternfragebogen überreicht.

Die Schüler hatten zunächst einen plattdeutschen Text, der auf der Kassette vor­gesprochen wurde, ins Hochdeutsche zu übersetzen. Danach mußten die Kinder hoch­deutsche Wortgruppen ins Plattdeutsche übertragen. Anschließend wurden diese Tests von den jeweiligen Klassenlehrern ausgewertet und auf dem Dienstwege zurückgeleitet. In den oben genannten Dienstbesprechungen waren alle. für die Lehrpersonen wichti­gen und zu berücksichtigenden Probleme angesprochen worden, wie die Beurteilung der Schreibweise der Dialektwörter, regionale Ausspracheunterschiede usw. Bei die­sen Besprechungen wurde außerdem deutlich, daß die meisten Lehrer Plattdeutsch verstehen und etwa 40% auch Plattdeutsch sprechen konnten. Das Interesse dieser Lehrpersonen an der Befragung war — nach anfänglicher Zurückhaltung — erfreulich groß. Bei der Durchführung gab es nur sehr wenige Rückfragen; ohne die intensive Einbeziehung der einzelnen Klassenlehrer, die wiederum nur möglich war durch die dienstliche Aufforderung des Schulaufsichtsamtes, wäre die Durchführung jedoch unmöglich gewesen. Die Untersuchung wurde in,allen Grundschulen des Emslandes während der dritten Februarwoche 1990 durchgeführt.

Nach Aussagen etlicher Lehrpersonen wurde diese schulische Besonderheit von den Kindern durchweg als willkommene Abwechselung im Schulalltag angenommen. Anders als in den üblichen Stunden wurde hier der Unterrichtsgegenstand größtenteils auch über das Stundenende hinaus lebhaft diskutiert. Wie vorgesehen haben alle Klassen das Pensum in einer Schulstunde durcharbeiten können. Bei der ersten Auswertung der korrigierten Schülerarbeiten stellte sich heraus, daß nur wenige Lehrerkorrekturen nachgebessert werden mußten (im Bereich der Schülerübersetzun­gen vom Hochdeutschen ins Plattdeutsche). Hiermit lagen nun die Ergebnisse von 3184 Schüler(inne)n in bezug auf die aktive und passive Sprachkompetenz vor. Er­freulich war auch die hohe Beteiligung der Mütter und Väter an der kombinierten Eltern-Schüler-Befragung: 2985 Elternfragebögen (1 Fragebogen pro Elternpaar) ka­men ausgefüllt zurück (93,7%). Die Befragung war zwar vorher in der Presse ausführ­lich angekündigt worden, dennoch zeigt diese enorm hohe Rücklaufquote bereits ein großes Interesse am Kulturgut Plattdeutsch im Emsland.

Es wurde der Elternbefragungsbogen von der Umfrage im Kreis Borken 1981 übernommen, der um zwei Fragen erweitert wurde, die sich direkt auf den Schülertest beziehen:

  • Kann Ihr Kind, das jetzt das 4. Schuljahr besucht, plattdeutsch sprechen? (Frage 4)
  • Kann es Platt verstehen? (Frage 5)

Beim ersten Vorlauf des Schülertests in Emsbüren war nur eine Übersetzung vom Plattdeutschen ins Hochdeutsche verlangt worden, bei der die Arbeitsergebnisse relativ gut ausfielen (ca. 60% der Kinder konnten den Text gut übersetzen). Die sechs Deutschlehrer(innen) stellten jedoch übereinstimmend fest, daß höchstens zwei Kin­der gut Plattdeutsch sprechen konnten. Daher war klar, daß dieser Teil des Tests lediglich etwas über die passive Dialektkompetenz aussagen konnte. Um auch eine Überprüfung der aktiven Kompetenz zu erreichen, mußten die Kinder von der Hoch­sprache in den Dialekt übersetzen. Dabei waren jedoch die regionalen Unterschiede zu beachten, schließlich mißt das Emsland in Nord-Süd-Richtung über 80 km.

Die Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der Befragung einigte sich darauf, den Leh­rern drei verschiedene Tonbandaufzeichnungen für den Schülertest zur Verfügung zu stellen.

Die drei einzelnen Sprachräume entsprechen den ehemaligen Altkreisen Aschendorf-Hümmling, Meppen und Lingen und sind damit der Einteilung von Hermann Schönhoff (1908: 21) und Baader (1954: 239f.) nachempfunden: 1. Nordemsländisches und Hümmlingsches, 2. Südemsländisches und 3. Lingensches Platt (vgl. Taubken 1985: 274f.). Im Bereich der Überprüfung der aktiven Kompetenz boten sich Wortkombinationen aus der dialektgeographischen Arbeit von Taubken (1985) an (Beispiel: „Pferde und Kühe”, „ein weiches Herz”).

Das Beispiel ‘Kirche’ (vgl. Karte 2) zeigt die Verschiedenartigkeit der Ausspra­che in den einzelnen Gebieten des Landkreises. Wegen der Dreiteilung des Sprecher­textes und der Möglichkeiten für die Lehrpersonen, die Schülerübersetzungen anhand der Wortkarten zu überprüfen, waren für die Durchführung keine Schwierigkeiten mehr zu erwarten. Die zweite Versuchsphase in den 5. Klassen der Orientierungsstufe in Spelle zeigte dann auch, daß mit dieser erweiterten Form der Schülerüberprüfung offensichtlich ein Instrument der Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Dia­lektkompetenz gefunden war.

Die beiden von uns hinzugefügten Fragen stehen in direktem Bezug zu den beiden Teilen des Schülertests, der die aktive und passive Sprachkompetenz der Schüler überprü­fen sollte. So konnte der Bereich der „Selbsteinschätzung” durch die befragten Eltern objektiviert werden. Damit wird diese Gegenübetstellung zu einem wichtigen Aspekt unserer Untersuchung. Da die Eltern sowohl aus der Zeitung als auch von ihren Kindern erfahren hatten, dass in der Schule eine Überprüfung der Dialektkompetenz der Kinder stattfinden sollte, werden sie vermutlich ihre Aussagen zu diesem Bereich ganz sorgfältig gemacht und sicherlich nicht zu hoch angesetzt haben. Die Punkteskala für die Beurteilung der ausgefüllten Fragebögen wurde ebenfalls in der Arbeitsgruppe beim Schulaufsichtsamt festgelegt. Sie erwies sich als durchaus praktikabel. Eine gewisse Schwierigkeiten deutete sich an bei der Festlegung der Grenzen zwischen den beiden Bewertungsbereiche

  • versteht gut
  • weniger gut
  • gar nicht.

Nach erneuter Durchsicht etliche Schülertests fiel diese Entscheidung er relativ leicht. Die ausgefüllten Fragebögen wurden mit Hilfe eines Computers ausgewertet.

Wir danken Frerk Möller, Germanistisches Seminar der Universität Jiel, für seine Hilfe bei der datentechnischen Auswertung unserer Befragung.

 

 

 

1 Zur Einführung

 

1.1. Anlaß der Untersuchung

Der Auslöser für diese Untersuchung war folgende Erfahrung: Ein Lehrer, der in seinem privaten dörflichen Umfeld täglich Plattdeutsch spricht, verlegte seinen beruf­lichen Schwerpunkt von der Arbeit mit 14- bis 16-Jährigen auf den schulischen Umgang mit 6- bis 10-Jährigen. Dabei stellte er einen nicht zu übersehenden Rück­gang der aktiven Sprachkompetenz im Plattdeutschen bei den Kindern fest.

Bei der Frage nach den Ursachen wurde er auf eine neuere Umfrage zur Lage des Niederdeutschen aufmerksam; sie wurde 1984 von der GETAS im Auftrage des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen unter der Leitung von Prof. Dr. Dieter Stellmacher und unter Mitwirkung der Universitäten Kiel, Hamburg, Münster und Göttingen durchgeführt. Die Studie war in ihrer Anlage, Breitenwirkung und Aussage­kraft offensichtlich einmalig, die kurzgefaßte Mitteilung der Ergebnisse (Stellmacher 1987) vermittelte die neuesten Zahlen zur Lage des Niederdeutschen. Allerdings überraschte den Leser nach genauerem Studium der vorgelegten Zahlen Stellmachers optimistische Schlußfolgerung:

„Niederdeutsch ist nicht tot, die Sprache lebt und […] sie hat in den letzten 20 Jahren keineswegs an Boden verloren. […] Die niederdeutsche Kulturarbeit […] weiß sich auf einem stabilen Grund und braucht nicht zu befürchten, ihren Gegenstand zu verlieren” (Stellmacher 1987: 44).

Daß dieser Gegenstand u.a. die niederdeutschen Dialekte sind, steht wohl außer Zweifel. Deshalb muß bei diesem Blick in die Zukunft Kritik ansetzen: Zwar nennt Stellmacher den Untertitel seiner Bestandsaufnahme „Zur Lage des Niederdeutschen heute”, dennoch muß festgestellt werden, daß die Schlußfolgerung mit dem Blick nach vorn insgesamt zu positiv ausfällt.

Da ist zunächst einmal der befragte Personenkreis kritisch zu betrachten; schon bei der Frage 8 (Sprachkompetenzen nach Altersgruppen) fällt in der niederdeutschen Gesamtregion auf, daß bei den Befragten über 50 Jahren noch insgesamt 53% sehr gut bis gut Plattdeutsch sprechen, bei den 18- bis 34-Jährigen dagegen nur noch 13% (Stellmacher 1987: 26) Dieses scheint der Kernpunkt der Studie zu sein, wobei man sich natürlich durchaus der Gefahr einer Überbewertung einzelner Zahlen aus dem Gesamtrahmen der Untersuchung bewußt sein muß. Dennoch sollte man dieses Fak­tum völlig unsentimental ins Auge fassen. Damit ist Stellmachers Aussage, die Studie vermittele das Bild einer lebendigen Sprache, zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwar noch richtig, sie erscheint aber auf die Zukunft bezogen mehr als fragwürdig.

Sicherlich wäre es für die Interviewer und somit für die Durchführung der umfangreichen GETAS-Befragung sehr schwierig gewesen, auch die Heranwachsen­den im Alter von 8 bis 18 Jahren direkt miteinzubeziehen, dadurch wäre aber vermut­lich unsere These, daß das Plattdeutsche mit der heranwachsenden Generation endgültig auszusterben droht, erhärtet worden.’ Den Beleg für diese Vermutung bringt sicherlich die Frage 26 der GETAS-Befragung, die als indirekte Aussage über das plattdeutsche Sprachverhalten von Kindern und Jugendlichen angesehen werden kann: „Wie ist es bei Gesprächen mit Ihren Kindern?” Es ist zu beachten, daß es sich bei den Befragten um Dialektsprecher handelt, die Kinder unter 14 Jahren oder Kinder unter 14 Jahren mit älteren Geschwistern haben — also Familien mit Kindern im schulpflich­tigen Alter: Hier wird also — bezogen auf den gesamten niederdeutschen Sprachbe­reich — nur von 5% immer Plattdeutsch verwendet.

Das ist innerhalb einer Generation ein auffälliger Rückgang der dialektalen Sprachkompetenz bei den Heranwachsenden, und die alltägliche Beobachtung im südlichen Emsland, daß sich die Entwicklung des Plattdeutschen bei den derzeit 2- bis 18-Jährigen gegen 0% bewegt, wird insgesamt bestätigt. daß diese Entwicklung das endgültige „Aus” für das Niederdeutsche bedeuten wird, kann man weiteren Zahlen der Auswertung entnehmen: „Die Befragten mit aktiven niederdeutschen Sprach­kenntnissen haben diese Fertigkeit in ganz überwältigendem Maße als Kind erlernt (zu 84%), als Jugendliche und Erwachsene haben nur 9% bzw. 6% noch zum Niederdeut­schen gefunden” (Stellmacher 1987: 102).

Vor diesem Hintergrund muß die positive Ausdeutung des komplexen Aussage­ergebnisses von Stellmacher — reduziert auf diese Kernaussagen — als problematisch erscheinen, da hier dem oberflächlichen Betrachter (bzw. dem Leser der kurzgefaßten Bestandsaufnahme) der Eindruck vermittelt wird, um den Bestand des Plattdeutschen sei es auch in Zukunft recht gut bestellt.

Wenn also 95% der Kinder im Jahre 1984 ausschließlich Hochdeutsch im Elternhaus erlernen, fällt das Plattdeutsche als Muttersprache weitgehend aus (zumin­dest in dem Sinne: von der Mutter als Erstsprache erlernt). Nun kommt noch hinzu, daß die Großfamilie früherer Prägung nicht mehr existiert, so daß die Vermittlung des Plattdeutschen durch den täglichen Umgang mit den Großeltern auch in den meisten Fällen nicht mehr stattfindet. Wenn jedoch das Plattdeutsche nicht in den Kinderjahren vermittelt wird, so sind nach hiesigen Erfahrungen — die zumindest für das Emsland gelten — die Chancen für den späteren Erwerb aktiver Kenntnisse denkbar schlecht.

Schon in den zurückliegenden Jahrzehnten konnte man feststellen, daß aus­schließlich hochdeutsch sprechende Personen, die für längere Zeit oder endgültig ins niederdeutsche Sprachgebiet kamen, zwar relativ schnell die lokale Varietät verstehen konnten, sich jedoch sehr schwer taten mit dem Erwerb und insbesondere mit der An­wendung dieser Sprachform. Genauso scheint es mit den Heranwachsenden zu sein. Nun kommt die entscheidende Barriere für den späteren Erwerb hinzu; für Plattspre­cher gilt nämlich die Regel: Mit Personen, mit denen man Plattdeutsch spricht, spricht man selten Hochdeutsch — und umgekehrt. Damit hat auch der Lernbegierige keine Chance des Erlernens nach dem Prinzip: learning by doing. Ein Beobachter des Sprachlebens in Hamburg beispielsweise beschreibt dieses Phänomen so: „Es ist für mich immer wieder interessant zu beobachten, daß plattdeutsch sprechende Hafenarbeiter sofort auf Hochdeutsch umschalten, wenn sie bei den sich um Plattdeutsch bemühenden Gesprächspartnern am Klang spüren, daß sie die Sprache an sich nicht beherrschen” (Schuppenhauer 1976: 132).

 

Inhaltliche Gliederung

 

Bernd Robben und Eva Robben

(Emsbüren 1989)

Mundartgebrauch im Emsland

Eine regionale Schüler- und Elternbefragung

  1. Zur Einführung

1.1. Anlaß der Untersuchung

1.2. Ziel der Untersuchung

  1. Vorbereitung und Durchführung der Befragung
  2. Auswertung

3.1. Aktive Sprachkompetenz der Schüler

3.2. Passive Sprachkompetenz der Schüler

3.3. Kompetenzvergleich zwischen mittlerer und jüngerer Generation

3.4. Vergleich von GETAS-Befragung und Ergebnissen im Landkreis Emsland

3.5. Sprachgebrauch im Generationenvergleich

3.6. Regionale Unterschiede

ab hier ist am 01. 01. 2018 ein zusätzlicher Unterpunkt eingefügt worden:

3.7. Selbsteinschätzungen durch die Elterngeneration

3.8. Berufs- und geschlechtsspezifisches Sprachverhalten

3.9. Wertschätzung der Mundart

  1. Schlußbetrachtung

Anmerkungen

Literatur

Nederlandse samenvatting

 

Der Aufsatz ist 1993 in diesem Buch erschienen.

Bernd und Eva Robben, Mundartgebrauch im Kreis Emsland. Eine regionale Schüler und
Elternbefragung, in: Diglossiestudien. Dialekt und Standardsprache im niederländisch-deutschen
Grenzland. Hrsg. von Ludger Kremer/Landeskundliches Institut
Westmünsterland (Westmünsterland. Quellen und Studien, Bd. 1), Vreden 1993, S. 89-
122