Johannes Hayunga

„Ick häb di uppen Trecker int Radio hört”

Obwohl ich zu jenen Menschen gehöre, deren Wiege nicht im Emsland oder in der Grafschaft Bentheim ge­standen hat, will ich versuchen, die Bedeutung der emsländischen Mundart aus meinem Sichtwinkel zu beschreiben. Ich gehöre also zu jener Menschengrup­pe, die man gemeinhin „tolopen Volk” nennt. Ich bin al­lerdings nicht aus freien Stücken ins Emsland und spä­ter in das Bentheimer Land gezogen, sondern die Mei­nung meiner Dienstherren brachte mich in diese Regio­nen, und, um es gleich vorweg zu sagen, ich habe das nicht bedauert.

Meine Heimat, in der ich meine Kinder- und Jugendjah­re verbracht habe, ist aber gar nicht so weit von mei­nem heutigen Lebensbereich entfernt. Sie liegt etwas nördlicher, zwischen der Ems und der niederländi­schen Grenze, ist ein Teil Ostfrieslands und nennt sich das Rheiderland. Die dort übliche plattdeutsche Sprache unterscheidet sich nicht wesentlich vom emsländi-schen Platt.

Meine über 37jährige berufliche Tätigkeit als Landvermesser bei den Katasteräm­tern in Sögel, Papenburg und Nordhorn und der damit verbundene Kontakt mit der Bevölkerung dieser Landstriche haben mir deutlich gemacht, daß die platt­deutsche Umgangssprache bürokratische Klippen leichter überwinden kann als die hochdeutsche Amtssprache. Verschweigen will ich aber nicht, daß die regio­nalen Unterschiede in der plattdeutschen Sprechart bei mir manchmal zunächst auf Unverständnis stießen, die sich aber meistens humorvoll auflösten.

Im einzelnen möchte ich auf mein berufliches, mein gesellschaftliches und mein kirchliches Umfeld eingehen.

Im beruflichen Bereich: Als Vermessungsbeamter hat man auf eine besondere Art mit der Bevölkerung zu tun. Man muß „vor Ort” seine Tätigkeit ausüben und un­ter den dort gegebenen Bedingungen mit den Grundeigentümern und denen, die es werden sollen, verhandeln. Auch die Grenznachbarn sind in diesen Prozeß ein­bezogen, weil es in den meisten Fällen um Grenzen geht, die sich je nach dem Ver­halten der Menschen verfestigt oder verändert haben. Den Abschluß der Arbeiten dokumentiert eine schriftlich formulierte Verhandlung, bei der sich die Beteiligten mit den festgestellten Grenzen einverstanden erklären oder auch nicht.

Bei amtlichen Vermessungsarbeiten für Menschen, die verhältnismäßig wenig mit Behörden zu tun haben, ist das Vertrauensklima zwischen dem „Beamten” und den „Betroffenen” entscheidend wichtig. Darüber hinaus kommt der Beamte zu den Menschen in deren vertraute Umgebung, in der sie sich freier fühlen und in der die ungewohnte und beklemmende „Büroluft” ihr Verhalten nicht einschnürt. Schon die ersten Minuten der Begegnung ebnen oder versperren den Weg zu ei­nem ausgewogenen „Miteinander”.

Wenn der Beamte in einer der Landbevölkerung ungewohnten Weise auftritt, müs­sen zuerst Hemmnisse weggeräumt werden. Wenn der Beamte jedoch die Betei­ligten gleich in Plattdeutsch anspricht, sind oft schon wesentliche Klippen beseitigt. Nach meiner Erfahrung ist die Aussage: „Dar, dar mudden Se unnerschrieven!” wirkungsvoller als die förmliche Aufforderung zur Namensunterschrift; dabei ist die bei plattdeutschen Fernsehsendungen heute so oft gebräuchliche anbiedernde „Du-Anrede” meines Erachtens durchaus nicht immer vertrauenbildend. Ich habe erfahren, daß der vorsichtige plattdeutsche Umgang mit Menschen Vertrauen weckt; bis dahin, daß ich manchmal auch für rein private Probleme ins Vertrauen gezogen wurde.

Im gesellschaftlichen Raum: Hier verhält es sich nach meinen Erfahrungen so, daß Menschen mit gleicher Mundart sich schnell zusammenschließen. Das ist beson­ders ausgeprägt bei Landsleuten, die in einer ihnen fremden Umgebung leben müssen. Der Aufruf von ein paar beherzten Leuten an ihre Landsleute aus Ost­friesland, die als „Butenostfriesen” in der Grafschaft Bentheim leben, hatte zum Beispiel eine so große Wirkung, daß heute, nach über 20 Jahren, diese Zusam­menkunft zu einer Institution geworden ist, in der sich nicht nur ehemalige Ost­friesen wohl fühlen. Nach meiner Kenntnis ist das nicht nur im Emsland so. Die plattdeutsche Sprache ist eben ein Verbindungsglied, das Menschen zusammen­führt, auch wenn sie sich in ihrer alten Heimat nicht näher gekommen waren.

Für den Fortbestand der heimatlichen Mundart spielt die Presse eine bedeutende Rolle, weil sie die Gemeinschaft Gleichgesinnter wirkungsvoll öffentlich macht.

Im kirchlichen Bereich: Als ordinierter Ältestenprediger in der Evangelisch-refor­mierten Kirche sträube ich mich jedoch, in der Grafschaft Bentheim plattdeutsch zu predigen, weil ich befürchte, daß rein mundartliche Besonderheiten der Predigt einen eigenartigen Klang geben könnten. Ich habe da meine Erfahrungen: An mei­nem 65. Geburtstag, einem Sonntag, klingelte schon vor sieben Uhr das Telefon. Statt eines Glückwunsches bat mich ein Grafschafter Kollege, ihn bei der anbe­raumten plattdeutschen Predigt zu vertreten, weil er aus gesundheitlichen Grün­den nicht auf die Kanzel gehen könne. Nach dem Gottesdienst haben sich mir wohlgesinnte Gottesdienstbesucher liebevoll für die Predigt bedankt, sie haben mir aber auch gesagt, daß sie manche meiner Redewendungen nicht verstanden hätten. Das ist für mich ein Grund, mich auf das Wagnis einer plattdeutschen Pre­digt in der Grafschaft nur im äußersten Notfall einzulassen.

Heinz Jansen

„De kanns nemmen”

Am 30. Juni 1998 hatte ich in Meppen die Möglichkeit, eine Gruppe von Seniorinnen und Senioren aus den Ortsteilen Bookhof, Felsen und Neuenlande der Ge­meinde Herzlake in Meppen begrüßen zu können. Ich wollte ihnen die Stadt zeigen und spürte plötzlich, daß es mir sehr leicht fiel, auch teilweise in Plattdeutsch mit diesen Gästen zu sprechen. Ich merkte, wie wir uns  durch die plattdeutsche Sprache .emotional näherten, und je mehr ich diese Gemeinschaft und Sympathie spürte, je stärker sprach ich plattdeutsch. Wir haben sehr viel gelacht und auch viel erzählt. Nur, so glaube ich, ohne die plattdeutsche Sprache wäre es zu dieser emotionalen und sympathischen Begegnung nicht gekommen.

Ich habe nicht oft den Mut, plattdeutsch zu sprechen, weil ich es nicht von Beginn an gelernt habe und darum nicht im vollen Umfang sprechen kann. Als ich vor 31 Jahren aus Bochum, wo ich geboren und aufgewachsen bin, hierher nach Mep-pen als Kreisjugendpfleger kam, amüsierten sich alle über meinen Ruhrgebietsdia­lekt. Ich sprach wie der aus dem Fernsehen bekannte Jürgen von Manger, der die Ruhrgebietssprache ebenfalls pflegte und der sich durch entsprechende Gegeben­heiten und Anekdoten sehr bekannt machte. Auch heute merkt man durchaus noch, daß ich aus dem Ruhrgebiet komme.

Ich bin natürlich ein begeisterter Anhänger der plattdeutschen Sprache geworden. Nachdem ich einige Monate hier in Meppen gewohnt habe, bin ich durch die Ver­mittlung des jetzigen Stadtdirektors Schultejanns aus Haren auf einen Bauernhof nach Wesuwe gezogen. Ich wurde sofort in die ganze Familie integriert und muß­te natürlich auch plattdeutsch reden lernen. Ich lernte, daß Mutterschweine nicht Sauen, sondern Mutten hießen; daß Ferkel als „Biggen” und der Eber als „Bär” be­zeichnet wurde. Ich mußte lernen, daß der Bürgermeister nicht Hermann Schulte, sondern Conrads Herrn hieß. Ich brauchte natürlich eine lange Zeit, um zu begrei­fen, daß der Name, mit dem man jemanden ansprach, nicht der tatsächliche Name war.

Jedenfalls mußte ich bei meinen vielfältigen und guten Kontakten in Wesuwe ler­nen, plattdeutsch zu verstehen und auch zu sprechen. Im Laufe der Zeit ging mein Dialekt schon ins Plattdeutsche über. Natürlich waren besonders auch Anekdoten und Witze in Plattdeutsch etwas, was mich ganz besonders begeisterte. In Wesu-we wohnte ich ja auf einem Bauernhof, wo die Familie nur plattdeutsch sprach.

Der kleine Sohn des Hauses war an einem Dienstag am späten Nachmittag unter die Dusche gegangen. Plötzlich stand sein kleiner Freund vor mir und fragte auf Plattdeutsch: „Is Heinz-Hermann in Hus?” Ich antwortete: Ja, aber er steht unter der Dusche!” Da guckte er mich treuherzig an und sagte: „Wieso, is denn vandao ge Saoterdag?”

Einer meiner Lieblingswitze, den man nur auf Plattdeutsch richtig begreifen kann, geht so: Auf einem Bauernhof in Wesuwe lebt eine verwitwete Bäuerin mit ihrer 30jährigen ledigen Tochter. Die Mutter sagt an einem Wochenende zu ihr: „Agnes, Du gaihst vandaoge nao Hebelermeer naohl Schützenfest un kiekst di maol ‘nen Kerl an, dat endliks äiner hier int Hus kump.” Agnes geht auch hin, kommt spät wieder, und am Sonntagmorgen fragt die Mutter: „Na Agnes, wu was dat dann?” Agnes segg: „Ick häb wall ‘nen Kerl kennenlernt, aber de hät nur roket und roket und hät nich mehr uphört zu roken.” Darauf die Mutter: „Den Kerl moss nich näm-men, dat wäd mit de Tied immer döller.” Eine Woche später muß Agnes zum Schützenfest nach Altharen. Sie geht hin, und am Sonntagmorgen fragt die Mut­ter: „Agnes, wu was dat dann? Häst ,nen Kerl kennenlernt?” Joa”, segg Agnes, „häb ick. He hät nur supet und supet und hörde nich up.” „Den Kerl moss nich nämmen, dat wäd mit de Tied immer döller”. Am nächsten Samstag sagt Mutter: „Agnes, vandaoge gaihst de noaht Schützenfest naoh Wesuwe”. Agnes geht hin. Am Sonntagmorgen fragt die Mutter wieder: „Wu was dat dann? Häst ‘nen Kerl kennenlernt?” „Dat häb ick”, segg Agnes, „hei hät mi griepet und grapet und hör-de gar nicht mehr up daomet”. „Den Kerl moss nähmen, dat wät met de Tied im­mer minner”, segg de Moder.

Während meiner ersten Zeit im Kreistag wunderte sich meine Frau, daß ich immer der Letzte war, der nach den Sitzungen nach Hause kam. Ich muß auch gestehen, daß der Grund darin lag, daß ich mit großer Begeisterung immer den Reden der Kollegen zuhörte, die plattdeutsch sprachen. Ich erinnere mich noch gerne an die Dönkes und Anekdoten von Nottbergs Herrn oder unserem Landrat Strodt Aloys, von Otto Sube aus Neuenlande, Hubert Mödden aus Lastrup, um nur einige zu nennen. Sie alle hatten eine herrliche Gabe, auf Plattdeutsch zu erzählen. Leider weiß ich bis heute immer noch nicht, ob all das, was sie an Dönkes und Gegeben­heiten erzählten, überhaupt immer stimmte. Jedenfalls war ich einer ihrer begei­sterten Zuhörer.

Und so muß ich insgesamt sagen, daß die plattdeutsche Sprache mir richtig ans Herz gewachsen ist und ich manchmal bedauere, daß ich bei meinen Besuchen in Bochum keinen habe, mit dem ich plattdeutsch sprechen kann, um den Ruhrge-bietlern zu zeigen, wie stolz ich auf diese Sprache bin, die ich schätze, pflegen und sprechen möchte.

 

Friedrich Kirschner

Advokaten – Platt

Im Herzen des Emslandes auf einem Bauernhof geboren, habe ich erstaunlicherweise erst recht spät Zugang zur plattdeutschen Sprache gefunden. Platt wurde in der Familie fast gar nicht und auf dem elterli­chen Hof, das heißt unter den übrigen Hofbewohnern, nur wenig gesprochen.

Das tägliche Leben wie Einkaufen und Schulbesuch war wegen der Stadtrandlage des Hofes auf die Stadt Meppen ausgerichtet. Kinder und Jugendliche in der Stadt sprachen praktisch überhaupt kein Plattdeutsch. Plattdeutsche Töne drangen daher recht selten an meine Kinderohren. Unbewußt dürfte dieses sogar Bestand­teil des Erziehungskonzepts meiner Eltern gewesen sein. Die Kinder, die mit „Platt” aufwuchsen, sollten nach seinerzeit verbreiteter Auffassung Sprachproble­me in der Schule bekommen, da dort ausschließlich Hochdeutsch gefragt sei. So vergingen die Grundschuljahre mehr oder minder in der Erkenntnis, daß der platt­deutschen Sprache kein hoher Stellenwert beizumessen sei.

Erst in den Folgejahren stellte sich peu a peu für mich die eigentliche Bedeutung des Niederdeutschen heraus. Auf dem Gymnasium fanden sich viele Mitschüler mit ländlicher Abstammung, die sich mit zunehmendem Alter jedenfalls unterein­ander zu ihrer Abstammung bekannten und platt sprachen. Verstehen konnte ich alles; nur wie dumm, wenn man sich am Gespräch nicht so recht beteiligen konn­te. Für die Städter war ich der Bauernsohn, für die Schüler aus dem ländlichen Um­feld eher das Stadtkind.

Dieser Identitätskrise galt es Paroli zu bieten. Circa ab Untertertia nahm ich jede Gelegenheit wahr, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Als mein Lehrer fungierte ein emsländisches Urgestein, ein mit ungemein tiefgehenden Lebens­weisheiten ausgestatteter Hofbewohner, der sich dem Zeitgeschehen als Frührent­ner intensiv widmen konnte und mir das Rüstzeug für mein späteres Plattdeutsch lieferte. Nach dem Mittagessen leistete ich ihm beim Priemen Gesellschaft. Mein Gesprächspartner sägte das Brennholz, und ich hatte alle Mühe damit, dessen plattdeutschen „Ergüsse” richtig zu verarbeiten. So hätte ich hiernach bei stärke­ren Regengüssen befürchten müssen, „dat wi alle versupet”. In dieser Zeit wurde der Grundstein für meine plattdeutsche Anekdotensammlung gelegt, die nicht von hohem Niveau, so doch von bedeutendem Unterhaltungswert ist. Auf jeden Fall hilft mir heute der gelegentliche Rückgriff hierauf bei dem Wunsch, den Eindruck zu vermitteln, ein aktives Mitglied der niederdeutschen Sprachgemeinde gewor­den zu sein.

Als das Interesse am anderen Geschlecht wach wurde, hatten ländliche Tanzver­anstaltungen als Kontrast zum Diskothekeneinerlei gelegentlich auf mich hohe An­ziehungskraft. Ob bei Vennemann in Lehrte oder Cantzen in Groß Hesepe, die Ge­spräche mit den Damen wurden auch schon mal auf Platt geführt und ich von die­sen sehr schnell der fehlenden originären Sprachzugehörigkeit überführt. Der Stel­lenwert des Plattdeutschen wuchs. Ich wollte dabeisein. Ab dieser Zeit habe ich es als noch mißlicher empfunden, ein emsländischer Bauernsohn zu sein, der in ge­wissen Lebenssituationen mit doch eher schlechter Kommunikationsmöglichkeit ausgestattet war. Immer wieder wurde ich nämlich eines unsauberen Platts über­führt.

Dennoch darf ich davon erzählen, während meines ersten Semesters in Berlin ge­meinsam mit zwei emsländischen Studienfreunden in einer Gaststätte vom Thre-senpublikum plattsprechenderweise angetroffen worden zu sein, wobei wir in die­ser Schöneberger Insiderkneipe für waschechte Niederländer gehalten wurden. Spätestens ab diesem Zeitpunkt glaube ich, den Durchbruch geschafft zu haben. Wir begriffen uns als durch die gemeinsame Sprache miteinander besonders ver­bunden. Die anderen 1hresengäste haben wir dennoch nicht in ihrem Irrglauben belassen.

Mittlerweile hat das Plattdeutsche sowohl in meinem beruflichen Leben als auch in meiner Freizeit einen nicht mehr wegzudenkenden hohen Stellenwert. Es ver­geht kaum ein Tag, an dem nicht zumindest ein paar Sätze platt gesprochen wer­den. Als in mittleren Jahren stehender Rechtsanwalt und Notar findet sich in mei­ner Kanzlei zunehmend Klientel aus dem dörflichen Bereich ein. Gerade bei Bera­tungsgesprächen für letztwillige Verfügungen oder Hofübertragungen erlebe ich es häufig, daß meine Gesprächspartner es dankbar annehmen, sich mit mir platt­deutsch unterhalten zu können. Erst im Platt finden viele Ältere die Möglichkeit, aus sich herauszukommen.

Häufig wendet sich das Gespräch, wenn es vom Hochdeutschen weg in die ver­traute Mundart geht. Man erfährt Dinge, die ansonsten nicht ausgesprochen wür­den. Das Familiengeflecht mit seinen für Außenstehende oft nur schwer zugängli­chen Strukturen läßt sich für den Zuhörer viel besser erschließen. Unterschwellig vorhandenen Begehrlichkeiten von nicht zu bedenkenden Angehörigen oder auch Nachbarn, die sich etwas „ausgerechnet” haben, kann viel besser begegnet wer­den. Der Einblick geht tiefer. Gesprächshürden werden abgebaut. Das im Platt selbstverständliche „Du” findet Eingang in das Gespräch und sorgt für eine größe­re Vertrauensbasis. So ist es nichts Ungewöhnliches, wenn ich von älteren Man­danten geduzt werde, die ich hingegen mit dem „Sie” anspreche.

Als Jäger ist für mich die plattdeutsche Sprache aus meinem Leben gar nicht mehr wegzudenken. Sie ist bei und gerade auch nach der Gesellschaftsjagd das „Salz in der Suppe”. Die Vorträge auf Platt stellen beim Schüsseltreiben einen Hochgenuß für Teilnehmer der Jagdgesellschaft dar. Die Witze unter Männern wirken, auf Platterzählt, fast nie gewöhnlich und wären selbst für Damenohren geeignet, was  bei einer hochdeutschen Ausgestaltung derselben kaum der Fall sein dürfte.

Das Platt stellt für den von Hektik geplagten Zeitgenossen eine Bereicherung dar, auf die Folgegenerationen nicht verzichten sollten. Wünschen wir der plattdeut­schen Sprache ein dauerhaftes Blühen, Wachsen und Gedeihen.

Helmut Korte

Mecklenburgisch und Emsländisch

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1942 bin ich mitten im Krieg in Lingen geboren. Mein Vater war Soldat. Um den stärker werdenden Luftan­griffen beziehungsweise der Gefahr der Luftangriffe auf Lingen zu entgehen, ging meine Mutter mit meinem äl­teren Bruder und mir im Januar 1943 in ihre mecklen­burgische Heimat zurück, in der zu dieser Zeit noch tief­ster Friede war. Hier habe ich meine Kontakte mit der plattdeutschen Sprache bekommen, bin praktisch platt­deutsch aufgewachsen bis zum Jahr 1947. Mein Großvater b,. eine Landwirtschaft in Mecklenburg in der Nähe von Woldegk. Es wurde ausschließlich Mecklenburger Platt gesprochen. Hochdeutsch war dort keine Verständigungsform.

Im Jahr 1947 kamen wir nach Lingen zurück. Meine Eltern betrieben eine kleine Gastwirtschaft und einen Lebensmittelladen in der Kivelingsstraße. Später wurde eine Kegelbahn dazugebaut. Unsere Kunden und Gäste sprachen zu einem großen Teil plattdeutsch, dennoch mußte ich mich umgewöhnen, weil es eine völlig ande­re Mundart war, als ich von Mecklenburg her gewöhnt war. Mit der Einschulung 1949 wurde die plattdeutsche Sprache schlagartig aus meinem Leben gebannt. Auch meine Mutter sprach mit mir jetzt nur noch hochdeutsch. In den 50er Jah­ren galt es nach meiner Erinnerung als nicht mehr sehr fein, plattdeutsch zu spre­chen. Auch in unserer Gaststätte wurde die plattdeutsche Sprache zunehmend vom Hochdeutschen verdrängt.

Heute kann ich Platt zwar sehr gut verstehen, aber beim Sprechen habe ich doch so meine Schwierigkeiten. Nach meiner Meinung ist Plattdeutsch eine andere Sprache insofern, als ich Liebenswürdigkeiten und Grobheiten beispielsweise viel nuancierter ausdrücken kann als im Hochdeutschen. Beruflich komme ich mit dem Plattdeutschen heute nur sehr marginal in Berührung.

Die soziale und kulturelle Bedeutung dieser Sprache liegt für mich im Gefühl der Zusammengehörigkeit eines Volksstammes, der sich in den einzelnen Idiomen des Plattdeutschen ausdrückt. Die echten Kenner wissen zum Beispiel, ob jemand Loh-ner Platt oder Elberger Platt spricht, abgesehen vom Hümmlinger Platt, das sich wiederum ganz anders anhört als das Platt im Emsland.

Für mich hat die Sprache nach wie vor einen etwas heimeligen Charakter. Insofern höre ich gerne Plattdeutsch sprechen. Die Gemütlichkeit einer plattdeutschen Ge­sprächsrunde ist sofort greifbar.

Dr. Bernard Krone

„Der hat noch nicht abgehoben”

Frage: Herr Krone, Sie sind einer der größten privaten Arbeitgeber im Emsland mit den Standorten in Speile und Werlte. Stellen Sie bei Ihren Aufenthalten in Ihren Produktionshallen, Werkstätten und Verkaufsniederlas­sungen einen Unterschied im Gebrauch des Plattdeut­schen bei älteren und jüngeren Mitarbeitern fest?

Antwort: Die älteren Mitarbeiter können fast durchweg Platt, und sie sprechen auch bei der Arbeit unter­einander plattdeutsch. Bei den Jüngeren sieht das bei uns ganz anders aus. Die kla­re Feststellung meinerseits ist – und das wurde mir auch von Fachkundigen aus beiden Betriebsstätten bestätigt: Die älteren Beschäftigten schalten im Gespräch mit jüngeren Kollegen auf Hochdeutsch um, weil letztere das nicht mehr so gut oder gar nicht sprechen können. Es liegt also eine eindeutige Dominanz des Hoch­deutschen zuungunstern des Plattdeutschen vor. Es besteht nach meinen Erkennt­nissen die Gefahr, daß „dat Plattdüske utlöpt”.

Sprechen Sie mit einigen Ihrer Beschäftigten regelmäßig oder gelegentlich platt­deutsch?

Ja, ich stelle es bei mir oft fest, daß ich in betrieblichen Besprechungen vom Hoch­deutschen ins Plattdeutsche wechsele und umgekehrt, etwa in Gesprächen mit dem Betriebsrat. Wenn allerdings Gespräche anstehen mit Controllern zum Bei­spiel, die aufpassen, daß wir nicht pleite sind, ohne es zu merken, da kann ich natürlich kein Plattdeutsch anwenden. Düsse Controllers, fröher gav’t de nich. Use Papa, de wüss ga nich, wat datt was. De ha sien Controlling in so’n Böksken. Doar häb ick noch een paar van. Düsse Dage söch ick, datt he 1954 in so’n Reklameböksken van Fendt schreben ha, wat sonnen Trecker doarmals kosten moss.

Wenn wir in meiner Altersgruppe – auch noch die etwas jüngeren Mitarbeiter – un­tereinander sind im Betrieb, dann kommt es häufig vor, daß wir in offiziellen Be­sprechungen, wo es um bestimmte Strategien geht, diese Punkte auch in Platt­deutsch abhandeln, so ganz selbstverständlich.

Führen Sie geschäftliche Verhandlungen auch ab und zu in Plattdeutsch?

Wenn ich mit Bauern – und mehr und mehr mit Lohnunternehmern – geschäftlich zu tun habe, ist die vorherrschende Sprache Plattdeutsch. Aber mein Vater hat die Weichen so für mich gestellt, daß ich Fabrikant geworden bin und den Verkauf mehr anderen überlasse, so daß der Kundenkontakt nicht ständig vorhanden ist. Selbstverständlich rufen mich allerdings auch Landwirte hier in Spelle oder Werlte an, wenn sie Sorgen und Nöte haben, und fangen das Gespräch auf Plattdeutsch zumeist so an: „Krone, Ih häbt säch, wenn wi wat häbt, dann könn wi bi Ju anroapen!” Dann erwidere ich prompt: Joah, mann loss, wat giv’t dann…?”

Ja, das ist bei uns Familientradition, meine Eltern haben mir das so anerzogen – so habe ich es von ihnen vorgelebt bekommen -, daß ich mit jedermann hier aus der Gegend genauso reden und zuhören kann wie beispielsweise mit dem Präsiden­ten vom Bauernverband.

Bei einem Firmenjubiläum sah und hörte ich Sie leidenschaftlich mit einigen Land­wirten auf Platt diskutieren. Bereiten Ihnen solche Gesprächsrunden in der hiesi­gen Sprache Freude?

Selbstverständlich, da gehöre ich zu jener extrovertierten Personengruppe, der es Freude bereitet, sich anderen mitzuteilen. Ich spreche jeden Tag irgendwann platt, und solche Runden, die Sie da ansprechen, bereiten mir besondere Freude; da brin­ge ich mich leidenschaftlich gerne ein. Ich vermisse es sogar, daß meine heutigen beruflichen Tätigkeiten und Eingebundenheiten es mir kaum ermöglichen, mal bei einem Bauern anzuhalten, um ein spontanes Gespräch auf Platt zu führen.

Wenn mein Vater beispielsweise früher in Freren vorbeifuhr, dann war es selbst­verständlich, daß er im Hotel Roth einkehrte und mit den Bauern, Handwerkern und Kaufleuten (ganz besonders erinnere ich mich dabei noch an Schnöckelers Karl) beim Bier auf Plattdeutsch Neuigkeiten austauschte. Wenn dann dort auch Lehrer der damaligen Mittelschule anwesend waren und er sich nebenbei nach meinem Leistungsstand in der Schule erkundigte, verging ihm regelmäßig der Bier­durst, weil ich wohl ein eher fauler Schüler gewesen sein muß…

Was schätzen Sie besonders am Plattdeutschen?

Neben dem bisher Erwähnten denke ich – und das habe ich bei mir selbst erfah­ren -, daß einem der Zugang zu anderen Sprachen leichter fällt. So habe ich neben dem Englischen auch relativ leicht das Niederländische erlernt, und ich höre bei meinen Kontakten mit unseren Grenznachbarn häufig: „U spreekt heel goed nederlands, meneer!” Für mich ist es selbstverständlich – und da müssen viele Deut­sche sicherlich noch umdenken – in einem Gastland, vor allem wenn es vor unse­rer Tür liegt, auch die dortige Sprache zu sprechen. Ich zahle dort auch grundsätz­lich in Gulden.

Die Besonderheiten des Plattdeutschen im Hinterkopf, hat es mich während mei­nes Ingenieurstudiums in Köln auch gereizt, den Kölner Dialekt zu probieren. Nach einigen Glas Kölsch wurde auch die Sprache zunehmend kölsch. Das stelle ich überhaupt in anderen Teilen Deutschlands im Gegensatz zu den Plattsprechern fest: Wie selbstverständlich man sich dort auch Auswärtigen gegenüber ungeniert der Mundart bedient. Da können wir hier einiges lernen.

Was schätze ich sonst noch am Plattdeutschen? Über diese unsere norddeutsche Sprache ist es bedeutend einfacher, mit den heimischen Mitmenschen ins Ge­spräch zu korrimen. Es ist einfacher „Ih” als „Sie” zu sagen, man kommt schneller an das Innere des Gesprächspartners. Dort ist eine Vertrautheit. Ich kann durch meine plattdeutsche Sprache auch meine innere Überzeugung kundtun, daß die Leute ehrlich davon überzeugt sind, „der Krone” ist noch bodenständig, er gehört zu uns Emsländern, der gehört zu uns Bauern, der hat noch nicht abgehoben.

Haben Sie auch unliebsame Erfahrungen mit der plattdeutschen Sprache gemacht?

Nein, überhaupt nicht!

Wie beurteilen Sie die Zukunft dieser Sprache?

Ich bedauere es, daß das Plattdeutsche offensichtlich ein Auslaufmodell ist, „dat et utschlitt”. Das hat sicherlich auch damit zu tun, daß wir nicht auf Plattdeutsch re­gelmäßig im Alltagsgeschäft lesen und schreiben.

Dr. Hermann Kues

Omas Kulturschock

Plattdeutsch ist meine Muttersprache. Ohne Platt­deutsch hätte ich mich in den 50er Jahren in dem da­mals circa 300-Einwohner-Dorf Holthausen bei Lingen gar nicht verständigen können. Es war keine Frage von „Identität” oder „kultureller Vielfalt”, nein, das war ge­wissermaßen auch schlicht eine Überlebensfrage.

Sehr gut in Erinnerung habe ich noch die Art und Wei­se, wie meine Großmutter väterlicherseits, die mit uns im Haushalt lebte, die Konfrontation mit dem Kultur­schock „Hochdeutsch” verarbeitete, also die Konfrontation mit Menschen, die nur hochdeutsch sprachen, oder aus ihrer Sicht: Die als plattdeutsche Analphabeten nur Bahnhof verstehen. Wir gehörten damals zu den wenigen Haushalten mit einem öffentlichen Telefonanschluß. Wenn sie mit uns Kindern allein zu Haus war und sich gezwungen sah, das Telefon zu bedienen, pflegte sie nach dem Abnehmen des Hörers das noch nicht begonnene Gespräch mit dem Hinweis zu beenden: „Hier ist keiner zu Hause.” Gespräche meiner Oma mit einer Altersgenossin, die als Folge der Kriegswirren und der anschließenden Vertreibung mit uns im gleichen Hause wohnte und im Gegensatz zu ihr kein Wort Platt, sondern nur Hochdeutsch sprach, habe ich so in Erinnerung, als wenn ein Deutscher erstmalig versucht, mit einem Japaner in Kontakt zu treten.

Für mich selbst gehörte ausschließlich Plattdeutsch zu meiner Vorstellungswelt. Als ich eingeschult wurde in die zweiklassige Volksschule Holthausen, änderte sich dieses. Wir mußten aber, da sich vier Jahrgänge in einem Raum befanden, re­lativ wenig reden, und wir waren es als Kinder ohnehin gewohnt, den Mund zu halten. In den Pausen sowie ab mittags ging es plattdeutsch weiter. Fast parallel da­zu lernte ich als Meßdiener – eigentlich wurde jeder Junge nach der Erstkom­munion Meßdiener – die ersten Brocken Latein. Erfahrene Meßdiener wußten al­lerdings, daß bei Teilen des Stufengebets der laut gesprochene Anfang und das laut gesprochene Ende in Latein dem Priester als Antwort genügten.

Für die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium wurde ich von meiner Lehrerin, der ich im Nachhinein so richtig dankbar dafür bin, im privaten Wohnzimmer „auf hochdeutsch” getrimmt. Es reichte für die Aufnahme. Auf dem Gymnasium selbst spielten wir allerdings als diejenigen, die vom Lande kamen, eine Sonderrolle. Das Leben außerhalb der Schule ging bis zur Oberstufe mehr oder weniger an uns vor­bei. Wir fuhren mittags wieder in unsere Dörfer zurück und zu unserer plattdeut­schen Sprache. Ich spreche bis heute mit meiner Mutter und meinen älteren Ge­schwistern im wesentlichen plattdeutsch. Mit Rücksicht auf die weniger sprachbegabten Angeheirateten wird bei Familientreffen nicht selten kombiniert zwi­schen Plattdeutsch und Hochdeutsch. Es macht mir Freude, zum Beispiel mit ost­friesischen Kollegen im Bundestag am Rande platt zu küren. Artverwandtschaften verbinden hier stärker, als unterschiedliche Parteizugehörigkeiten trennen.

Eigentlich braucht man Plattdeutsch, um klarzukommen. Das wird deutlich an der kleinen Geschichte von den drei alten Leuten, die am Sonntag vor der Kirche sit­zen, als ein Auto vorfährt mit einem Hamburger Kennzeichen und die Frage ge­stellt wird: „Können Sie mir sagen, wo es hier nach Emden geht?” Die Leute sagen nichts. Dann fragt der Fahrer: „Excuse me, can you show me the way to Emden?” Sie antworten wieder nicht. Der Fahrer versucht es auf Französisch, ohne Erfolg. Da gibt er Gas und fährt los. Eine Viertelstunde später nimmt der eine seine Pfeife aus dem Mund und sagt zu den anderen: „Det was ‘n kloken Kerl, de konn drei Spraoken.” Daor sech de annre: „Un wat hef he doarvon hat?”

Auf politischen Veranstaltungen rede ich noch heute gelegentlich platt, wenn es paßt. Als ich nach mehrjähriger Abwesenheit aus dem Emsland 1994 auf einer Ortsversammlung in Schwartenpohl in einem Feuerwehrhaus sprach und dabei hörte, wie sich einige Teilnehmer zwischendurch auf Plattdeutsch unterhielten, ha­be ich selbst ebenfalls platt angefangen. Das Eis, soweit es da war, war endgültig geschmolzen. Auch bei Grußworten anläßlich von Dorfjubiläen kommt mir gele­gentlich Platt zur Hilfe. Als der niederländische Bund, der die in Deutschland an­sässigen Niederländer organisiert, seine Jahrestagung im Kloster Frenswegen in der Grafschaft Bentheim abhielt, habe ich in meinem Grußwort darauf hingewie­sen, daß mich meine Muttersprache mit ihnen verbindet. Ich wurde dann demon­strativ aufgefordert, doch weitet plattdeutsch zu sprechen, sie würden mich schon verstehen. Und so war es auch. Die Sprache verbindet einfach, schafft regionale Identität auch über nationale Grenzen hinweg, sie gibt ein Stück Halt.

Durch nichts ist die Anschaulichkeit der plattdeutschen Sprache zu ersetzen und die Möglichkeit, komplizierte Sachverhalte einfach auszudrücken. Wenn von je­mandem gesagt wird, daß er ein „mojer” Kerl ist, kann dieses kaum passend über­setzt werden. Zu sagen, er wäre ein schöner Mann, gibt das Gemeinte kaum wie­der, ebensowenig wie der Hinweis, er sei ein anständiger Kerl. „Moj” ist ein Stück mehr Liebenswürdigkeit.

Plattdeutsch verbindet mich im Bundestag auch heute mit Kollegen aus Mecklen­burg-Vorpommern. Als ich jemanden halb platt reden hörte und ihn befragte, ob er nicht gebürtig wohl aus dem Westniedersächsischen komme, antwortete er mir entwaffnend: „Nein, ich komme gebürtig aus Mecklenburg-Vorpommern. Meinst du etwa, wir seien weniger sprachbegabt als ihr?” Wir sollten da, wo es geht, das Plattdeutsche pflegen. Ich stelle fest, daß unsere Kinder höchst neugierig darauf sind und sich auch dafür interessieren. Plattdeutsch wird angeblich von acht Mil­lionen Menschen gesprochen. Es geht darum, auf möglichst natürliche Art und Weise das Generationenstaffelholz weiterzugeben.

Agnes Laake

Eine gelungene Fusion

“Das Alte sollst du wahren und lieben, doch für las Neue den Sinn offen haben.” (Th. Fontane)

Mein Mann Hans Laake ist in der emsländischen Ge­meinde Langen, und ich bin in Wietmarschen in der Grafschaft Bentheim aufgewachsen. Vor 40 Jahren war das ein großer Unterschied. Wir Grafschafter galten da­mals für die Ling`schen als altmodisch und rückständig, und im positiven Sinne auch für gutmütig und gottes­fürchtig. Umgekehrt nannten wir ihr Verhalten „Ling`sche Wind”. Ich habe es als Kind erlebt, daß un‑

sere Verwandten das Lingen, die in Schwartenpohl und Wietmarschen aufge­wachsen waren, nach Wietmarschen auf Verwandtenbesuch kamen und sich schwer damit taten, platt zu sprechen. Sie sprachen jetzt hochdeutsch. Wir hatten aber unseren Spaß daran.

Meine Familie und ich fühlen uns trotz weltweiter Bekanntschaften und Reisen als Emsländer. Wo ich auch bin und nur ein winziges Wörtchen Grafschafter Platt in der Ferne höre, erlebe ich wirklich heimatliche Verbundenheit. Man ist eben auf dem „Stift” in Wietmarschen groß geworden, und dazu gehört das muttersprachli­che Plattdeutsch.

mehr platt sprechen, damit unsere eigentliche Muttersprache eine lebendige Mundart bleibt.

Mein Mann und ich sprechen miteinander nur platt, und auch nach über 30 Jah­ren Ehe spricht jeder noch „sein” Platt. Ich muß feststellen, daß im Alltag Platt- und Hochdeutsch bei uns miteinander verschmelzen. Es ist interessant und belusti­gend zugleich zu beobachten, wenn mein Mann und ich uns auf Gesellschaften außerhalb der Heimat unterhalten, wie Fremde auf unsere Sprache reagieren. Nicht selten wird verwundert gefragt: „Wie unterhaltet ihr euch denn? Ist das eu­re spezielle Geheimsprache, oder ist das Holländisch?” Wir meinen, daß die Fu­sion des Grafschafter und Lingener Platt bei uns ganz gut gelungen ist.

Im geschäftlichen Alltag überwiegt natürlich mittlerweile das Hochdeutsche. In persönlichen Gesprächen jedoch wird dann schnell zum Plattdeutschen gewech­selt. Oft bemerke ich bei meinen Gesprächspartnern Erleichterung und Bewunde­rung zugleich, daß ich offen und gerne platt spreche. Sobald es um geschäftliche oder sehr formelle Themen geht, ist es für viele Menschen üblich geworden, das Plattdeutsche zu meiden. Es fehlen ja in der plattdeutschen Mundart moderne Be­griff. Sie kann mail auf Platt umschreiben.

Die Werte, die uns Emsländer und Emsländerinnen auszeichnen, sind meiner Mei­nung nach Pflicht- und Traditionsbewußtsein. Aus diesem Grund setzt meine Fa­milie im Zeitalter der Globalisierung die Zukunft auf den Standort Emsland.

 

Bei der Erziehung unserer drei Söhne haben wir großen Wert darauf gelegt, ihnen Gefühl und Sinn für Tradition und das Wohlfühlen im Elternhaus zu vermitteln. So wurde zum Beispiel bei der Namengebung der Kinder und Enkelkinder Rücksicht auf die Tradition genommen: •

 

Johannes Bernard Laake, geb. Johannes Bernard Laake, geb. Bernard Johannes Laake, geb. Johannes Bernard Laake, geb.

1900, Rufname Johann 1936, Rufname Hans f965, Rufname Bernd 1992, Rufname Jan Bernd

 

Leider haben wir es versäumt, mit unseren Söhnen plattdeutsch zu sprechen. Sie können es aber verstehen, und manchmal mischt sich auch in ihre Aussprache der eine oder andere plattdeutsche Satz. Trotz Studienzeiten und Berufstätigkeit in eu­ropäischen und außereuropäischen Ländern sind sie nach Hause ins Emsland zurückgekehrt und werden die Firma in Langen und Herzlake weiterführen.

Unsere Schwiegertochter kann platt sprechen, aber im Alltag spricht sie es, wohl aus Gewohnheit, kaum. Wir Großeltern müßten wohl mit unseren Enkelkindern

Manfred Freiherr von Landsberg-Velen

Es war der Selbsterhaltungstrieb

Meine größte Erfahrung mit dem Plattdeutschen war beziehungsweise ist: Man kann es lernen, wenn man es spricht. Geboren im Jahre 1923 in Dankern, wuchs ich in einer Familie auf, in der nur hochdeutsch gespro­chen wurde. Obwohl mein Vater ebenfalls schon in Dankern geboren war, hatte er keine Gelegenheit, platt zu sprechen oder zu lernen. Auch meine Mutter sprach, da aus dem Sauerland stammend, kein platt.

Erst mit sechs Jahren, zum Schulbeginn, merkte ich, daß ich mich mit vielen Gleichaltrigen nicht beziehungsweise nur kaum verstän­digen konnte. Zwei Sprachen – ich betrachte Platt als eine Sprache – standen sich gegenüber: Platt und Hochdeutsch. Ich fühlte mich fein heraus, denn angeblich sprach ich ja schon Hochdeutsch. Aber in den Pausen und auch sonst stand ich fast immer allein. Das war für mich keine Lösung. Also hörte ich zu und versuchte, mich radebrechend in Platt verständlich zu machen. Für mich war es kein Ler-nenmüssen, sondern der Selbsterhaltungstrieb, mit dabei sein zu können. Vertieft wurde das Bedürfnis, Platt zu verstehen und zu sprechen, da ich in der damaligen Jugendorganisation voll involviert war und damit noch mehr dazugehören wollte und mußte. Ich habe Platt nicht gelernt um des Lernens willen, sondern weil ich es können mußte, um dabei sein zu können.

Und dabei machte ich meine zweite Erfahrung. Die platt sprechende Bevölkerung, und das waren alle Emsländer auf dem Lande, scherte sich einen Dreck darum, ob oder wie einer platt sprach. Sie sprachen es, und die anderen hatten sich danach zu richten. Ich bin also nie geärgert oder gehänselt worden ob meiner Plattkünste. Man nahm das als selbstverständlich hin. Ich verstand sie und sprach „Platt”, also was soll’s.

Eine dritte Erfahrung habe ich mit Platt gemacht. Fünf Jahre Krieg und Gefangen­schaft sowie anschließend eine dreijährige landwirtschaftliche Lehre als Ausbil­dung in anderen Bundesländern – also fast acht Jahre, in denen ich so gut wie kei­ne Gelegenheit hatte, platt zu sprechen – haben mich nicht gehindert, nach der Übernahme des landwirtschaftlichen Betriebes in Dankern ohne Hemmungen im Betrieb nach Möglichkeit nur platt zu sprechen. Ich hatte es also nicht verlernt. Nur glaube ich, Plattdeutsch kann man nicht lernen wie eine Fremdsprache, man hört es und spricht es. Ohne jegliches Nachdenken ist dann das Wort, der Aus­druck, der Tonfall, das Verstehen richtig. Man muß sprechen, weil man es will. Und ich wollte.

Eine letzte Erfahrung: Durch Heirat und berufliches Engagement war ich fast 30 Jahre nur sporadisch und dann sehr kurz in Dankern, so daß ich ebenfalls wieder keine Gelegenheit hatte, platt zu sprechen. Und als ich Anfang der achtziger Jahre wieder ganz in Dankern wohnte, da konnte ich wieder platt sprechen. Zwar hol­perig, und es muß sich eher komisch angehört haben, aber ich sprach und spreche platt.

Da ich ein Fan des Plattdeutschen bin, die Sprache so gemütlich und ursprünglich empfinde, spreche ich viel platt im Betrieb mit all den einheimischen Mitarbeitern, aber auch, wenn es geht, mit der Bevölkerung. In unserem Betrieb wird auch weit­gehend platt gesprochen, was die Urlaubsgäste höchst verwundert, denken sie doch, es würde holländisch gesprochen. Mit Platt ist man sofort eingebunden in die Gemeinschaft, denn die Anrede in Platt kennt nur das „Du”, das „Sie” gibt es nicht. In besonders gelagerten Fällen wird ein „Ih” gesprochen.

Unterschiedlich ist heute das Engagement, das Plattsprechen der Jugendlichen, aber ich glaube, es wird nicht weniger. Ausschlaggebend ist allerdings der Einfluß des Elternhauses. Da mein Sohn in Westfalen geboren und aufgewachsen ist und dort auch die Schule besucht hat, wird zu Hause kein Platt gesprochen; er kann es verstehen, aber nicht sprechen.

Hermann Josef Leigers

De Mensk in Gottes Ogen

Auf ungewöhnliche und zugleich äußerst eindrucksvol­le Weise hat Pfarrer Hermann Josef Leigers unsere Fra­ge beantwortet, welche Erfahrungen er als Seelsorger im Umgang mit der plattdeutschen Sprache gewonnen hat und was ihm die emsländische Mundart bedeutet. Er sandte uns die von ihm verfaßte Übersetzung des Psalm 139 – „mein Lieblingspsalm”, wie er im An­schreiben hinzufügt – und als „kleine Beigabe” ein „Va­ter unser” in Plattdeutsch. Das sagt mehr als lange Er­läuterungen.

(Die Herausgeber)

De Mensk in Gottes Ogen

Heer, du kenns mien Hätte
bie di föhl ick mi sicher.

Du has mi häil dörschaut un du kenns mi.

Off ick sitte un off ick staoh,

du wäis van mi.

Wiet vörut kenns du miene Gedanken.

Off ick goah un off ick staoh,

du wäis et;

all miene Wegge bünt di bekannt.

Eher äs ick äin Wort utprote ‑

wäis du, Heer, wat ick seggen will.

Du büss rund ümme mi tau

un leggs diene Hand up miene Schuller.

Herrlick is et, dät ick dät wäit,

aber et is so wunnerbor,

dät ick et nich begriepen kann.

Ick kann mi vör di nörgens verstoppen.

Stiege ick bis hoch in de Wolken,

so büss du dor,

un kruop ick noch so däip in de Grund,

uk dar büss du bie mi.

Un här ick de Fläögel vant Morgenrot, un lööt mi dale an’t achterste Meer, uk dor wörde diene Hand mi fastehollen un diene Rechte mi griepen.

Wörde ick seggen: „Düstercheit schöll mi taudecken,

un statt Lecht schöll et därpe Nacht weern”,

uk de Nacht löchtet di jüst äs de Dag,

un alle Düstercheit wör äs äin grellet Lecht.

Joa, du häß maaket min Inneres,
mi formt in Mouders Schoot.

Ick danke di, dat du mi so wunnerbor maket has. Ick wäit, to’t bewunnern is all dien Wärk.

As ick heimlich maket wörd,

gestaltet däip unner de Eerde,

wassen miene Glieder för di nich verstoppt.

Diene Ogen sögen miene Dage,

as noch nich eene dor wör.

In dien Bauk wassen se alle upschräwen;

Wo schwor bünnt för mi, oh Gott,

diene Gedanken,

un wo gewaltig is eehre Toahl.

Wol`de ick se teilen,
et is mehr äs de Sand.
Köme ick uk an’t Ende,
ick wör immer noch bi di.

Dörlöchte mi, Heer,

un wär gewohr,

wat in mien Hätte is,

prüfe mi un erkenne mien Denken.

Kiek tau, off ick up den richtigen Wegg bün, un lenke mi up den ewigen Wegg.

De Ehre sei den Vader un den
Säöhn un den Heiligen Geist,
wie et was in’r’ Anfang so uk nu
un alltied un in Ewigkeit.

Amen.

Irmgard Lieber

„Kiepkes Boom”

Bei uns zu Hause im Klein-Berßen wurde plattdeutsch gesprochen. Wir konnten zwar hochdeutsch verstehen und sprechen, aber untereinander sprachen wir platt.

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Meine Schwester und ich besuchten nach der Volks­schule das Mädchengymnasium in Meppen, und damit begann unser Problem mit dem Plattdeutschen. Für mich war es selbstverständlich, mich mit meiner Schwester auch in der Schule in unserer Familienspra­che zu unterhalten. Für sie war es aber unerträglich, von mir vor ihren Mitschülerinnen so „platt” angesprochen zu werden. In den Pau­sen nahm sie auf dem Schulhof Reißaus vor mir. Natürlich wurde ihr das mit der Zeit zu bunt, und wie es sich für eine ältere Schwester gehört, entwarf sie eine Stra­tegie.

Mir wurde meine plattdeutsche Strecke genau abgesteckt. Wenn wir morgens das Haus verließen und die große Eiche „Kiepkes Boom” erreicht hatten, war es mit dem Plattdeutschen aus. Es begann für mich die hochdeutsche Zone; den ganzen Vormittag in der Schule: Plattdeutschverbot! Fuhren wir mittags mit dem Bus nach Hause, durfte kein plattdeutsches Wort aus meinem Munde kommen; aber wenn wir „Kiepkes Boom” erreicht hatten, war Plattdeutsch wieder erlaubt. Wir hielten diese Regel genau ein. Ich war nach einer gewissen Zeit so gut erzogen, daß ich so­gar an der Eiche mitten im Satz die Sprache wechselte.

Erfreulich für mich wirkte aber mein kleines Druckmittel bei meiner Schwester. Wenn ich meinen Willen nicht kriegte, drohte ich: „Dann spreche ich eben platt!” Dies verbesserte meistens nachhaltig meine Position.