Josef Löcken

Das bringen die Gesellen den Lehrlingen schon bei

Frage: Herr Löcken, Sie sind hauptberuflich als Bauun­ternehmer tätig. Daneben üben Sie die Funktion des Bürgermeisters in der Samtgemeinde Spelle aus. In wel­cher dieser beiden Tätigkeiten kommen Sie mehr mit der plattdeutschen Sprache in Berührung?

Antwort: Eigentlich spreche ich noch in beiden Berei­chen oft die plattdeutsche Sprache, der größere Anteil liegt allerdings im Bauberuf.

Ich habe 1990 in einer Untersuchung zum Stand des Plattdeutschen im Landkreis Emsland bei etwa 3200 Schülern und deren Eltern festgestellt, daß die Landwirtschaft und das Baugewerbe die beiden Berufszweige sind, in denen das Plattdeutsche noch hauptsächlich gesprochen wird. Wie sieht es damit im südlichen Emsland aus? Gibt es einen Unterschied etwa zwischen äl­teren und jüngeren Handwerkern?

Auf den Baustellen wird nach wie vor zum größten Teil die plattdeutsche Sprache gesprochen. Bei den älteren Bauleuten ist dies eine Selbstverständlichkeit. Lehr­linge sprechen zunächst oft hochdeutsch. Allerdings ändert sich dies meist in den ersten Gesellenjahren, somit sprechen fast alle Gesellen auf den Baustellen platt­deutsch. Manchmal hört man auch die Frage älterer Gesellen an jüngere Kollegen: „Kannst du dich nicht vernünftig ausdrücken, kannst du kein Platt? Wenn nicht, dann lern’ es!”

Der Kundenkreis unserer Firma umfaßt die Samtgemeinde Speile, aber auch etwa zur Hälfte den westfälischen Raum: Rheine-Neuenkirchen-Hörstel-Ibbenbüren. In­teressanterweise wird bei unseren älteren Kunden auch dort viel platt gesprochen. Hinzufügen möchte ich noch,tlaß die plattdeutsche Sprache bei Bauberatungs- und Auftragsverhandlungen in unserer Samtgemeinde bei Landwirten und älteren Menschen sehr behilflich ist. Damit wird oft schnell ein Vertrauensverhältnis er­reicht.

Wie wird auf Innungsversammlungen gesprochen?

Auf den Innungsversammlungen wird im offiziellen Teil hochdeutsch, aber danach in Diskussionsrunden oder beim Glas Bier fast nur plattdeutsch gesprochen.

Wie stehen Sie selbst zum Platt ? Wo sprechen Sie es am häufigsten?

Ich spreche, wo es irgendwie geht, plattdeutsch; mit meiner Frau nur. Bei Fami­lientreffen ist das interessant: Zwei Schwägerinnen sprechen nur hochdeutsch. Diese beiden Frauen werden auch von mir und meinen Geschwistern hoch­deutsch angesprochen, alle anderen Gesprächsteilnehmer bleiben aber im gegen­seitigen Gespräch beim Plattdeutschen. Mit unseren vier Kindern unterhalten wir uns allerdings nur in hochdeutscher Sprache. Alle vier verstehen zwar bestens Plattdeutsch, es zu sprechen fällt ihnen allerdings schwer.

Meine vier Kinder besuchten das Emsland-Gymnasium in Rheine. Hier stellten die Lehrer in der ersten Zeit im Fach Deutsch gewisse Schwierigkeiten fest – wohl be­einflußt durch das Speller Plattdeutsch. Dies war allerdings schnell behoben. Ich bedaure, daß an den Schulen die plattdeutsche Sprache nicht gelehrt wird.

Welche Zukunft geben Sie der plattdeutschen Sprache?

Wir alle sollten uns bemühen, die plattdeutsche Sprache zu erhalten. Ich meine im­mer, im Plattdeutschen kann man viele Dinge deutlicher und verständlicher aus­drücken. Ich glaube jedoch, daß es nicht allein genügt, diese Sprache nur von Alt auf Jung zu übertragen. Es ist zwar gut, daß Heimatvereine und einige andere Gruppen sich besonders dem Plattdeutschen widmen, aber die Forderung muß sein, diese alte Heimatsprache an den Schulen zu lehren und zu lernen.

Wie ist es in den Ratssitzungen? Gibt es noch Ortsteile im Raum Speile, in denen in den Ratssitzungen platt gesprochen wird?

In den Ratssitzungen selbst wird hochdeutsch gesprochen. Danach in weiteren Gesprächen teils hoch-, teils plattdeutsch. Als Bürgermeister der Samtgemeinde Speile ist die plattdeutsche Sprache für mich im Umgang mit unseren Freunden aus unserer Partnergemeinde Markelo/Holland ein besonderer Vorteil.

In den kleinen Ortsteilen hält sich bei der Bevölkerung die plattdeutsche Sprache besonders gut. So sprechen meine Stammtischfreunde — zwölf Männer zwischen 60 und 65 Jahren — nur plattdeutsch miteinander, und auch beim Kegeln, wenn die Frauen dabei sind, bleibt es beim Plattdeutschen. Auch bei den Jägern wird viel platt gesprochen. Zum Beispiel in der Jagdgemeinschaft Venhaus – elf Jäger zwi­schen 30 und 60 Jahren aus den verschiedensten Berufen – wird nur plattdeutsch gesprochen.

Otto Lieber

Vier feuerrote Ohren

Wie es sich für einen Emsländer aus Klein Berßen gehört, wollte ich meine Studienzeit in Münster ver­bringen. Die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) sah das jedoch anders und wies mich auf einen Studienplatz an die Freie Universität in Berlin. Über das emsländische Buschtelefon erhielt ich, da dieser herbe Schicksalsschlag selbstverständlich immer wieder Ge­sprächsthema war, Kenntnis davon, daß ich einen Lei­densgenossen hatte, und zwar in Werlte. Wir fuhren gemeinsam zu Studienbeginn mit einem VW-Käfer, bis oben hin vollgepackt, an unseren künftigen Studienort und verstanden uns auf Anhieb prächtig. Hierzu trug insbesondere bei, daß mein Freund Hermann hervorragend und auch gerne plattdeutsch sprach. So wurden uns die Heimfahrten von Berlin nie langweilig, da wir uns gegenseitig plattdeut­sche Dönekes und Witze erzählen konnten.

Außerdem hatte es in Berlin den Vorteil, daß wir uns völlig ungestört unterhalten konnten, da uns ohnehin niemand verstand. Dieses nutzten wir selbstverständlich reichlich aus und lästerten teilweise völlig ungeniert im Bewußtsein unserer Un­angreifbarkeit.

Nach schweren und harten Studien an den Wochentagen leisteten wir uns als Wo­chenendhöhepunkt in aller Regel ein Festmenü (9,80 DM ohne Getränke) beim Chinesen „Yven Long” in der Hauptstraße Nr. 102, Berlin-Steglitz. Eines Sonntags saßen wir wieder bei unserem Lieblingschinesen, hatten wie üblich das Sonn­tagsmenü bestellt und lästerten – wie üblich – über unsere Professoren, Studien­kollegen, die beim Chinesen sitzenden übrigen Gäste – wie üblich auf Plattdeutsch. Mein Freund Hermann berichtete mir sogar ausführlich, wie sich seine Bemühun­gen um eine junge Dame am Abend vorher, nachdem ich das Lokal verlassen hat­te, weiterentwickelt hatten und zu welchen Ergebnissen seine Bemühungen ge­führt hatten.

Am Nachbartisch saß ein etwa 30jähriger Mann, der sich über unser Kauder­welsch offensichtlich amüsierte. Wir hatten dies schon des öfteren erlebt, und ent­sprechend unserer Erfahrung dachten wir uns, daß er auch seine Probleme damit habe, uns landsmannschaftlich einzuordnen. In Berlin waren wir schon für Nie­derländer, Belgier, Skandinavier und sogar Iren gehalten worden. Insofern irritier­te uns das Amüsement unseres Nachbarn wenig. Selbstverständlich bezogen wir auch ihn in unsere Betrachtungen ein und teilten uns die Ergebnisse unserer Be­obachtungen auf Plattdeutsch mit. So amüsierten wir uns alle bestens.

Unser Nachbar war vor uns fertig, zahlte und verließ mit einem vergnügten Kopf­nicken in unsere Richtung das Lokal. Wir nickten freundlich zurück und schauten aus dem Fenster noch kurz hinter ihm her. Er stieg in einen roten VW Golf, fuhr aus der Parklücke heraus und auf der Hauptstraße davon. Im Wegfahren sahen wir sein Nummernschild: EL-DY. So schöne vier feuerrote Ohren hatte Berlin si‑
cherlich selten gesehen. Unseren interessierten Nachbarn habe ich allerdings nie wiedergetroffen.

Jan Lübben

Pluspunkt bei Neueinstellungen

Mein Geburtsort liegt in der Grafschaft Bentheim, un­mittelbar am Rande der Stadt Nordhorn. Heute ist diese Gemeinde, es handelt sich um Bookholt, durch die vor rund 20 Jahren durchgeführte Gebiets- und Gemeinde­reform der Stadt Nordhorn angegliedert worden.

Das Geburtshaus war ein Bauernhaus. Meine Eltern bewirtschafteten in Bookholt einen circa 40 Hektar großen Pachthof. Im Jahr meiner Geburt, es war im Jah­re 1937, lebten auf dem Hof neben meinen Eltern der Großvater und sieben Geschwister meines Vaters. Zu der Zeit wurde in Bookholt wohl nur plattdeutsch gesprochen, natürlich auch mit mir.

Im Herbst 1943 wurde ich eingeschult. Deutsch muß damals für mich die erste Fremdsprache gewesen sein. Die ersten Schultage habe ich vorzeitig abgebrochen. Lag es an der „Fremdsprache”, oder hatte ich Angst in der neuen Umgebung? Ich kann es nicht sagen.

Die Kinder sprachen meines Wissens zu der Zeit in Bookholt fast alle plattdeutsch. Die Bevölkerung der Gemeinde bestand überwiegend aus Bauern- und Fabrik-arbeiterfamilien. Die deutsche Sprache habe ich dann doch erlernt. Im Frühjahr 1948 wechselte ich zur Mittelschule nach Nordhorn, die ich sechs Jahre besuch­te. In der Zeit wurde in der Schule kaum ein Wort plattdeutsch gesprochen; es sei denn, man traf dort noch einen Mitschüler vom Lande.

Meine Nordhorner Schulkameradinnen fanden die plattdeutsche Sprache unschön und werteten sie als die „Sprache der Bauern” ab. Meines Wissens war das eine allgemeine Grundhaltung gegenüber dem plattdeutschen Dialekt.

Nach meiner Schulzeit in Nordhorn fing ich bei der Sparkasse des Kreises Graf­schaft Bentheim als Lehrling an. Meine Ausbildungsstelle war in Nordhorn bei der Hauptstelle. Ich habe in der Lehrzeit auch schon in der Kundenbedienung gear­beitet. Am Schalter kam ich dann mit plattdeutsch sprechender Kundschaft in Berührung. Ältere Menschen und Kunden vom Lande reagieren in der Regel posi­tiv, wenn man sie in ihrer täglichen Umgangssprache anspricht. Als junger Ange­stellter mußte ich unseren Werbeleiter, der kein Grafschafter war, begleiten, wenn es galt, die Bauern aus den Landgemeinden zu besuchen. Später wurde ich, nicht zuletzt wegen meiner Plattdeutschkenntnisse, zur Zweigstelle in Wietmarschen für Vertretungen abgestellt. Seit Oktober 1964 war ich dann Leiter einer Geschäftsstelle am Stadtrand von Nordhorn. Das Geschäftsgebiet umfaßte die Stadt­teile Bookholt und Frenswegen, die Gemeinden Bookholt, Bimolten und Teile der Gemeinde Hohenkörben. Die Geschäftsstelle habe ich bis zum Eintritt in den Ru­hestand geleitet.

Mein beruflicher Werdegang bei der Sparkasse wäre ohne Plattdeutschkenntnisse nicht unbedingt anders verlaufen. Ich kann aber sagen, daß mir die plattdeutsche Sprache im Umgang mit Kunden förderlich gewesen ist. Die Sparkasse in der Graf­schaft Bentheim legt heute bei ihren Neueinstellungen noch Wert auf Bewerber mit plattdeutschen Sprachkenntnissen.

Wenn ich aus meiner Schulzeit über Platt als Bauernsprache berichtet habe, so muß ich heute sagen, daß diejenigen, die damals ihre plattdeutschen Kenntnisse verleugneten, jetzt gerne mal wieder ein paar Worte platt mit mir und auch an­derswo sprechen. Ich persönlich liebe diese Sprache, vertrete sie und wende sie an. Meine Kinder verstehen plattdeutsch, aber sprechen es wenig.

In Irland habe ich einmal ein deutsches Ehepaar aus Schleswig-Holstein in Platt an­gesprochen. Sie waren der Sprache ebenfalls mächtig, und wir haben uns gut un­terhalten. Diese Erfahrungen habe ich verschiedentlich in ganz Norddeutschland und Westfalen schon gemacht. Selbst in der niederländischen Grenzregion kann ich mich mit der plattdeutschen Sprache gut verständigen.

Seit sechs Jahren bin ich Mitglied im Groafschupper Plattproaterkring e.V. Der Ver­ein will die plattdeutsche Sprache, das alte Handwerk und altes Brauchtum erhal­ten und fördern. Wir haben Kontakt zu anderen Vereinen, die sich die gleichen Zie­le gesetzt haben. Meiner Meinung nach sollten diese vielfältigen Bemühungen ih­re Wirkungen nicht verfehlen.

Die plattdeutsche Sprache wird sicher noch lange gesprochen werden. Es werden sich allerdings mehr und mehr deutsche Wörter einmischen. Nicht für jedes deut­sche Wort findet man ein plattdeutsches. Das wird sich nicht verhindern lassen, wie auch die deutsche Sprache sich nicht in ihrer Reinheit erhält.

Wer aber plattdeutsch spricht, spricht eine Sprache mehr.

Schwester Maria Monika

Ein Schlüssel zum Du

Plattdeutsch ist meine Muttersprache, damit bin ich auf­gewachsen und groß geworden. Ja, bis zu meiner Ein­schulung war „Hochdeutsch” für mich fast eine Fremd­sprache. Konfrontiert wurde ich damit vor allem, wenn mein Onkel aus Billerbeck, der Bruder meiner Mutter, mit seiner Frau die Herbstferien in Dörpen verlebte und wir Kinder mit ihm durch die Felder und Wälder der näheren Umgebung streifen durften, um Brombeeren zu pflücken. Da meine Tante in Deutsch-Krone (West­preußen) geboren und aufgewachsen war, verstand sie unsere Umgangssprache nicht. Mein Onkel mußte des­halb alles, was wir erzählten und fragten, ins Hoch­deutsche übertragen – und das war für uns Kinder sehr unangenehm.

ternhaus fand ich wenig Verständnis für meine Situation, zumal mein Vater eine höhere Schulbildung für Mädchen für völlig überflüssig hielt. Unterstützung er­hielt ich jedoch von meiner Mutter, mit der ich nach Feierabend alle Sorgen be­sprechen konnte. Leider bekam ich nicht den Vorschlag, den ich vor einigen Wo­chen in einem plattdeutschen Lesebuch fand: Jannsken, laot di nich verdummen, ick dien Vader segg di dat, laot de Stadtlüe hochdütsk proaten, use Maudersproak bliff Platt!”

Da ich 16 Jahre in meiner Heimat Papenburg, wo ich 1944 an der Aufbauschule für Jungen die Reifeprüfung abgelegt hatte, als Ordensschwester Latein, katholische Religion und Geschichte/Gemeinschaftskunde unterrichtete, ergaben sich an der Marienschule für mich viele gute Begegnungen mit der plattdeutschen Sprache. Gerne denke ich an die Sprechtage zurück, wenn die Eltern der Schülerinnen ihre Sorgen und Anliegen in plattdeutscher Sprache vortrugen, weil sie mich von Dör-pen her kannten. Sehr bewegt hat mich einmal der Besuch des Großvaters einer Schülerin, die mit dem Fach Latein nicht zurechtkam. Der alte Mann war 17 Kilo­meter ganz mit dem Fahrrad gekommen, um seiner Enkelin zu helfen, damit sie weiterhin in ihrer Klassengemeinschaft bleiben konnte.

Als ich im Jahre 1932 in einer zweiklassigen Volksschule eingeschult wurde, hat­te ich keine Schwierigkeit wegen des heimischen Dialektes, da ja alle Kinder des Dorfes zu Hause plattdeutsch sprachen und der Lehrer des ersten Schuljahres gut mit dieser Situation fertig wurde. Biblische Geschichten las er zuerst in Hoch­deutsch vor und erzählte sie dann in Plattdeutsch.

Erst auf der Höheren Schule – von 1938 bis 1939 durfte ich die Mädchenaufbau-schule in Coesfeld besuchen – wurden mir die Probleme, die sich aus dem Umgang mit der plattdeutschen Sprache ergaben, bewußt. Weil es in der plattdeutschen Sprache keine Differenzierung der verschiedenen Fälle gibt, fehlte mir das Sprach­gefühl für die Anwendung des dritten und vierten Falls im Deutschen. So schrieb ich in einer Klassenarbeit den Satz: „Daran habe ich mir allmählich gewöhnt.” Mei­ne Tante in Billerbeck – von dort fuhr ich täglich mit der Bahn nach Coesfeld – war entsetzt über den schweren Grammatikfehler. Sie konnte mir aber nicht erklären, wie ich solche Fehler in Zukunft,vermeiden könnte. „Das habe ich einfach im Ge­fühl”, meinte sie und gab mir den Rat, beim Lesen besonders auf die Grammatik zu achten und nie mehr im Dialekt zu sprechen.

In der städtischen Umgebung fiel mir das nicht schwer, aber als ich nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges wieder nach Dörpen kam, wurde mir mein Vorsatz sehr übel genommen und gemäß dem Lied von Knut Kiesewetter kommentiert: „Meinee, he kann kien Plattdütsch mehr, un he versteiht us nich!” Von den Kin­dern der Nachbarschaft wurde ich mit Spott übersät und aus der Spielgemeinschaft ausgeschlossen. Oft mußte ich den Spruch hören: „Sie hat sich das Hochdeutsch-sprazen so angewöhnt, sie kann es gar nicht mehr lazen!” Auch in meinem Elternhaus fand ich wenig Verständnis für meine Situation, zumal mein Vater eine höhere Schulbildung für Mädchen für völlig überflüssig hielt. Unterstützung er­hielt ich jedoch von meiner Mutter, mit der ich nach Feierabend alle Sorgen be­sprechen konnte. Leider bekam ich nicht den Vorschlag, den ich vor einigen Wo­chen in einem plattdeutschen Lesebuch fand: Jannsken, laot di nich verdummen, ick dien Vader segg di dat, laot de Stadtlüe hochdütsk proaten, use Maudersproak bliff Platt!”

Da ich 16 Jahre in meiner Heimat Papenburg, wo ich 1944 an der Aufbauschule für Jungen die Reifeprüfung abgelegt hatte, als Ordensschwester Latein, katholische Religion und Geschichte/Gemeinschaftskunde unterrichtete, ergaben sich an der Marienschule für mich viele gute Begegnungen mit der plattdeutschen Sprache. Gerne denke ich an die Sprechtage zurück, wenn die Eltern der Schülerinnen ihre Sorgen und Anliegen in plattdeutscher Sprache vortrugen, weil sie mich von Dör-pen her kannten. Sehr bewegt hat mich einmal der Besuch des Großvaters einer Schülerin, die mit dem Fach Latein nicht zurechtkam. Der alte Mann war 17 Kilo­meter ganz mit dem Fahrrad gekommen, um seiner Enkelin zu helfen, damit sie weiterhin in ihrer Klassengemeinschaft bleiben konnte.

Als ich ihm erzählte, wie sehr ich mir als Schülerin immer gewünscht hatte, daß meine Eltern nur ein einziges Mal zum Elternsprechtag nach Papenburg kämen, aber mein Vater überhaupt kein Interesse für die schulischen Leistungen seiner Tochter hatte, erstrahlten seine Augen. Nur im Dialekt vermochte er seinen Ge­fühlen Ausdruck zu verleihen. Wir überlegten dann gemeinsam, wie er trotz aller sprachlichen Barrieren durch die Kontrolle der Hausaufgaben und das Abfragen der lateinischen Vokabeln helfen konnte.

Ermutigung und Bestätigung brauchten in diesen Jahren auch manche Schülerin­nen vom Lande, die im Deutschunterricht Schwierigkeiten hatten, weil sie zu Hau­se nur Dialekt sprachen. Sobald die Deutschlehrerin erfuhr, daß sich die Freun­dinnen auch in der Schule in ihrer Umgangssprache unterhielten, wurde sie sehr ärgerlich. Diesen jungen Mädchen konnte es schon ein Trost sein, wenn ich auf meine eigenen Erfahrungen hinwies und erklärte, daß ich früher in der Schule sehr viel durch das Vorlesen guter Klassenaufsätze und durch intensive Beschäftigung mit guter Lektüre für das Fach Deutsch gelernt hätte. Immer wieder konnte ich bei den schriftlichen und mündlichen Reifeprüfungen am Mariengymnasium feststel­len, welche guten Leistungen auch Schülerinnen vom Lande erbrachten.

Während meiner beruflichen Tätigkeit am Franziskusgymnasium in Lingen konn­te ich keine Erfahrungen im Umgang mit der plattdeutschen Sprache sammeln. Deshalb möchte ich jetzt noch von einer bereichernden Erfahrung berichten, die ich in dieser Zeit an der ländlichen Fachschule für Hauswirtschaft in Gut Hange machte, wo ich in drei Klassen den Religionsunterricht übernommen hatte. Von den Klassensprecherinnen wurde ich jeweils zum Elternnachmittag eingeladen, der einmal im Jahr mit großem Arbeitsaufwand von den Schülerinnen gestaltet wurde. Besonders beeindruckt war ich von den plattdeutschen Darbietungen einer Unterklasse. Die Begrüßung und Organisation des Nachmittags lag in den Händen einer Bauerntochter aus Wietmarschen, die mit viel Humor und Begeisterung ihre Aufgabe meisterte, denn es durfte nur plattdeutsch gesprochen werden.

Die Erinnerung an diesen gelungenen Elternnachmittag hat mich ermutigt, später auch in Thuine einen plattdeutschen Nachmittag als Rekreation für den Schwe­sternkonvent St. Josef anzuregen. Dieser löste sowohl bei den alten Schwestern als auch bei den geladenen Gästen aus dem Mutterhaus, aus Schwagstorf und bei den Ferienschwestern im Haus St. Agnes große Begeisterung aus. Selbst Pater Sigisbert, der Hausgeistliche, der zunächst betonte hatte, daß er keinen Dialekt sprechen könne, meinte zum Schluß, daß er alles verstanden habe, was vorgetragen wurde. Bei den schauspielerischen Leistungen der Oberin von St. Josef war das durchaus möglich. Sie sorgte durch ihre fröhliche Begrüßung im Hümmlinger Platt gleich am Anfang für eine lockere Atmosphäre. Als sie dann noch große Teile des Romans „Land unner Gottes Thron” von der Dichterin Maria Mönch-Tegeder auswendig vortrug, kannte der Beifall keine Grenzen, und die Begeisterung wuchs bei jedem plattdeutschen Lied, das gesungen wurde. Besonders die einzelnen Strophen vom „Hümmelsken Bur” und von „Pastor sine Kauh” fanden großen Anklang, und alle sangen das Schlußlied nach der Melodie „Großer Gott, wir loben dich” kräftig mit:

Herrgott, groot is dine Macht,
Herr, wi willt di immer priesen.
Du kanns us bi Dag un Nacht
Ganz alleen den Weg bloos wiesen.
Mag de ganze Welt vergoan,
diene Macht, de bliw bestoan.

Im Rückblick auf meine Erfahrungen mit der plattdeutschen Sprache wurde mir wieder klar, wie sehr diese zur Bildung des Lebens beitragen kann und wie sehr die heimatliche Mundart ein Schlüssel zum Du ist. Die plattdeutsche Sprache ist heimatgebunden, ursprünglich, lebendig und humorvoll. Man behält sie länger im Gedächtnis, und sie kann auch Heilung bringen, wenn Menschen sich ganz ein­sam fühlen. Das wurde mir an einem Vorgang in der Hedon-Klinik bei Lingen deut­lich. Ein schwerverletzter Landwirt vom Hümmling wurde hier eingeliefert und verhielt sich so unglücklich, daß er in die Nervenheilanstalt nach Osnabrück ab­geschoben werden sollte. Erst als die Frauenbeauftragte aus Lathen ihn besuchte, weil sie von den Angehörigen dringend um Hilfe gebeten worden war, und mit ihm plattdeutsch sprach, wurde er plötzlich lebendig und erzählte aus seinem Le­ben. Mit Hilfe der Nachbarn sorgte die Frauenbeauftragte dafür, daß er in der He-don-Klinik bleiben konnte.

Wie wertvoll der heimatliche Dialekt für viele Menschen ist, wurde mir auch bei verschiedenen Klassentreffen mit ehemaligen Abiturientinnen deutlich, die über ihre Bemühungen mit der plattdeutschen Sprache in Arbeitsgemeinschaften berichteten. Eine gute Bekannte, die als landwirtschaftliche Lehrerin aus Schlesien in das Emsland kam, lernte hier die plattdeutsche Sprache richtig lieben. Sie erzählte mir, daß sie 1949 aus der Emszeitung die Artikel von Lagemann „Hosenbernd un Gerd Bliede” solange studiert und immer wieder gelesen hätte, bis sie diese richtig weitergeben konnte.

Da zur Thuiner Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen vom Hl. Märtyrer Ge­org Schwestern aus allen Gegenden Deutschlands gehören (mit den Provinzen Holland und Amerika und den Missionsgebieten Indonesien, Brasilien, Japan und Tansania), kann die Förderung und Pflege der heimatlichen Mundart nur behutsam und im kleinen Kreis geschehen. Bei meinem Ordenseintritt 1958 war es sogar noch verboten, im Dialekt zu sprechen. Das Gemeinschaftsleben sollte nicht ge­stört werden für diejenigen, die nicht mit der plattdeutschen Sprache aufgewach­sen waren. Aber mit den Angehörigen darf selbstverständlich immer in der hei­matlichen Mundart gesprochen werden.

Hermann May

Plattdeutsch heißt finden

Mein Alltag ist nicht plattdeutsch, und doch schreibe ich Texte – Poesie und Anekdoten – auch in Plattdeutsch. Warum? Mein Alltag ist nur selten poesievoll und reiht sich nicht nur aus Anekdoten zusammen. Darum!

Ich bin Emsländer, vielmehr Hümmlinger. Meine Eltern sprachen im Alltag plattdeutsch, aber nicht mit mir. Plattdeutsch war immer um mich herum, doch sehr sel­ten direkt auf mich gerichtet. Unbewußt wuchs ich so im Plattdeutschen auf, jedoch nicht mit ihm. Das heißt, ich konnte und kann Plattdeutsch verstehen, jedoch nur leidlich sprechen.

Später – erwachsen vielleicht schon -, als ich zu schreiben begann, mich intensiver mit Sprache, ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten auseinandersetzte, dräng­te sich die plattdeutsche Sprache wieder nach vorn, drängte sich ins bewußte Feld.

Ich erinnerte mich da, daß mein Vater sich häufig mit den Unterschieden und Ge­meinsamkeiten der beiden deutschen Sprachen beschäftigt hatte, mir immer wie­der sporadisch an Beispielen aufgezeigt hatte, was das Plattdeutsche gegenüber dem Hochdeutschen auszudrücken vermag oder auch an individuellen Interpreta­tionen bieten kann, die so zum Beispiel dem Sprecher und dem Angesprochenen Schutz bieten können. So werden bekanntlich Schimpfwörter oder Zoten ge­schwächt beziehungsweise weniger aggressiv empfunden, erlauben auf der ande­ren Seite Liebkosungen oder intime Bekenntnisse immer doch noch den Rückzug ins Verschlossene und damit Unverletzbare.

Ich erinnerte mich an den Klang des Plattdeutschen, an diese meist beruhigende Geräuschkulisse um mich herum, wenn die Erwachsenen sich unterhielten, daß die Sprache etwas Festes, Vertrauen Verbreitendes gehabt hatte.

Die Menschen schienen mit ihrer Sprache verwachsen zu sein, schienen eine Ein­heit zu bilden, der Sprache haftete – in meinen Erinnerungen empfand ich es so ­etwas Körperliches an. Diese lautmalerische Sprache wirkte auch sehr viel körper­licher als das Hochdeutsche; das Hümmlinger Platt mit den vielen Vokalen, Lang­vokalen und Diphthongen geht tiefer ein, bewegt sich und die Menschen mehr auf emotionaler Ebene.

Während meines Germanistikstudiums beschäftigte ich mich mit den Werken Reuters und kam auch darüber wieder dazu, Autoren aus meiner Heimat zu lesen.

Dabei haben mich die „Hümmlinger Skizzen” von A. Trautmann sehr beeindruckt. Trautmanns Art zu schreiben war mir einleuchtend, er erzählt und schildert hoch­deutsch, läßt aber seine Protagonisten plattdeutsch sprechen und wirkt auf mich damit echt und überzeugend. Aber auch andere Autoren waren bald interessant für mich, immer wieder fand ich bei der Lektüre Ausdrücke oder Redewendungen, die in ihrer hochdeutschen Übersetzung farblos wirken, unzutreffend sind oder nicht die passende Atmosphäre schaffen.

Plattdeutsch spricht sehr viel eher Verstand und Gefühl an, alle Sinne werden an­gestoßen und schwingen mit.

Ich schreibe neben kleinen Prosastücken in erster Linie lyrische Texte, wobei ich mich bemühe, durch die Worte, über die Wörter sehr dicht zu werden, jedes soll treffend und echt sein. Dabei habe ich festgestellt, daß mich beide Sprachen sehr häufig aus sich heraus ansprechen.

Das sinnliche Wesen der plattdeutschen Sprache bietet sich mir bei Stimmungsly­rik häufiger und unmittelbarer an als die rationale hochdeutsche Sprache.

Was hat zum Beispiel das hochdeutsche „unruhig” dem plattdeutschen „rüüserch” entgegenzuhalten oder das Wort „hinterhältig lachen” dem plattdeutschen „gluumlachern”, wenn die Wahl zwischen „wachsen” und „graien”, zwischen „ei­genartig” und „aorich” oder zwischen „sehnen” und „hüügen” liegt, was gibt es da nachzudenken? Selbst wenn die Verwandtschaft der Wörter offensichtlich und au­genscheinlich ist, wirkt oft der plattdeutsche Ausdruck echter: „fühlen, rufen, ver­gessen” oder „föülen, raupen, vergääten”.

Nun, ich bin kein Linguist, ich gehe bei diesen Überlegungen von meinen Erfah­rungen aus, und es ist müßig, hier mehr Beispiele zu bringen, von denen es im Plattdeutschen übergenug gibt. Wenn ich einen lyrischen Text schreiben will, läuft der Vorgang meistens auch nicht so, daß meine Eindrücke sich in Plattdeutsch ver­festigen, mein Alltag ist nicht plattdeutsch, wie ich anfangs sagte, ich denke nor­malerweise nicht plattdeutsch, nein, der Hergang ist meist anders:

Wenn mich Bilder, Dinge oder Gedanken berührt haben, so daß sie als Text wie­derkommen wollen, warte ich darauf, daß sie die entsprechenden Wörter treffen. Das passiert in der Regel ganz unversehens, ich stolpere über ein Wort, einen Aus­druck, und die Verbindung ist da und schreibt sich dann selbst fort. Das kann auch ganz genau umgekehrt verlaufen, ich finde ein Wort, das mich bewegt, lange Zeit bewegt, und irgendwann findet sich dazu das passende Bild.

Das war zum Beispiel mit dem Begriff ;net stief haebben” (Zeit genug haben) so. Fasziniert hat mich dabei die Sichtweise dieses plattdeutschen Ausdrucks, Zeit wird „steif”, fließt nicht mehr, wird zu etwas Festem, Greifbarem. Lange Zeit spä­ter kam dazu das Bild der langsam fallenden Schneeflocken, die die Welt verschwinden ließen, ein Sinnbild der absoluten Ruhe, selbst das Fallen ist nur schwa­che Bewegung, wird durch das absolute Weiß nicht wirklich registriert, Geräusche sind gar nicht zu vernehmen, Zeit ist zur Ruhe gekommen.

Schließlich wurde daraus der folgende Text:
Schnäien is olle Tiet

Daet Swoojen hollt
de Klock` aen,
haeff Tiet stief.

Tüsken de Flocken
luurt de Drockte,
resset sück.

Auch auf eine weitere Art und Weise entstehen häufig plattdeutsche Lyriktexte. Ich erlebe ein Bild und empfinde, daß dazu unbedingt plattdeutsche Ausdrücke gehören. Ich kann nicht genau sagen warum, aber das Gefühl, daß nur das Platt­deutsche sagen kann, was ich dazu empfinde, ist sehr stark. Also mache ich mich auf die Suche, gehe in den Steinbruch der Wörter und breche mich vorwärts. Wenn ich das erste Wort ausgegraben habe, ist meistens der Schlüssel gefunden, und es geht über Querverweise und Ähnlichkeiten weiter, Wortfamilien und Wortfelder formen dann langsam den Text. So entstand beispielsweise auch mein Text „Pan”. Eine nebelige Flußwiesenlandschaft im Morgengrauen ließ mich spüren, daß Pan auch hier und immer noch lebt. Und dieser Naturgott ließ sich meinem Empfinden nach nur mit der plattdeutschen Sprache festhalten:

Pan

Pan röög’t sück wäär

rett Nääwel

mit de Syrinxflaite upp

reert bucks un jach de

Daoken

kielt wreeit döär Boom un Busk

man sien Geblaere

weeit

van gistern un van tauken Jaoren

Nun, das mag vielleicht genügen, um aufzuzeigen, warum ich trotz meiner viel­leicht beschränkten Beherrschung des Plattdeutschen diese Sprache als lyrische Texte zu formen versuche. Sicher kann man mir den Vorwurf machen, daß ich bei „meinem Leisten” bleiben soll, was man nicht versuchen zu ästhetisieren.

Das Urteil über meine Texte liegt eh’ bei den Lesern, und Bestätigung aus berufe­nem Mund, wie von Herrn Heinrich Book, einem der Autoren des Hümmlinger Wörterbuchs, lassen mich weitermachen. Vielleicht geht man mit Dingen, die man nicht vollkommen beherrscht, auch sorgfältiger um, ich kann es nicht sagen, aber ich werde weiter schreiben. Diese erdige, warme und farbige Sprache hat mich viel zu sehr gepackt, als daß ich von ihr lassen wollte. In meinem Buch „Finntling” habe ich versucht, beide Sprachen nebeneinander wirken zu lassen, jede in ihren Eigenarten „zu Wort kommen” zu lassen. Der Leser wird sich selbst ein Bild ma­chen.

Das Plattdeutsche mit seinen Lautmalereien bringt aber nicht nur von sich aus At­mosphäre mit, es entfaltet diese merkbar beim Vortrag der Texte, zumal ich meine, daß die Qualität des Plattdeutschen erst richtig beim Sprechen und Hören zu er­fahren ist. Das gedruckte plattdeutsche Wort ist leider bei weitem nicht so eingän­gig, zumal es wenige Regionen gibt, die sich auf eine Schreibweise geeinigt haben, wie zum Beispiel die Ostfriesen. Wenn die Texte jedoch vorgelesen werden, pas­siert eben fast immer das, was ich oben versucht habe zu beschreiben, die Men­schen werden von ihr berührt, auch wenn sie es nicht immer verstehen. Darum dienen dieser alten und modernen Sprache Vorlesungen am ehesten, schade, daß es sowenig zu hören gibt in unserer Region.

Josef Meiners

Ein gutes Stück Heimat

Als Bauernsohn, Jahrgang 1931, bin ich auf einem ab­gelegenen Hof am Sunderberg in Freren aufgewachsen. Im täglichen Umgang mit den Eltern, den Geschwistern sowie allen Besuchern auf dem Hof gab es für mich nur die plattdeutsche Sprache. Die bis dahin unbeschwerte Kindheit bekam allerdings an meinem ersten Schultag im Jahr 1937 einen gewaltigen Dämpfer: In der Schule wurde hochdeutsch gesprochen, das bis dahin für mich fast eine Fremdsprache war. Selbst die große Mehrheit der Mitschüler sprach nur hochdeutsch.

Zu den Sprachproblemen kam für mich erschwerend noch hinzu, daß ich – bis auf das Familienleben – keine Gemeinschaftserfahrung hatte, denn Kindergärten, wo heutzutage das Sozialverhalten trainiert wird, gab es für uns Kinder vom Lande noch nicht. Zum Glück hatte ich eine tüchtige Lehrerin, Frau Schraeder, die zwar streng, aber auch besonders einfühlsam war, und mir geholfen hat, meine Akzeptanzprobleme zu überwinden,und so stieg langsam mein Selbstbewußtsein.

An den häuslichen Gegebenheiten änderte sich indes nichts. Auf dem Hof, in der Familie, mit den Mitarbeitern und Nachbarn gab es weiterhin nur die plattdeut­sche Sprache. Man darf nicht vergessen, auch wenn Plattdeutsch als Umgangs­sprache heute durchaus akzeptabel, ja sogar interessant ist – damals galt es als rück­ständig im Vergleich zu allem, was im täglichen Umgang an Neuem auf uns Kin­der zukam.

Während des zweiten Weltkriegs kamen viele Fremde auf den Hof: Ferienkinder aus dem Ruhrgebiet und aus Berlin, die hier Schutz vor Bomben suchten; ausge­bombte Familien aus Duisburg, später aus Stettin; Soldaten der Wehrmacht; Hei­matvertriebene aus Schlesien und der früheren Grafschaft Glatz. Das alles hatte zur Folge, daß auf dem Hof mehr und mehr hochdeutsch gesprochen wurde und dies die plattdeutsche Mundart verdrängte.

Pädagogen haben später den Eltern geraten, mit den Kindern hochdeutsch zu spre­chen, um ihnen die anfangs geschilderten Probleme, mit denen ja nicht nur ich zu kämpfen hatte, zu ersparen. Aus heutiger Sicht ein umstrittener Rat. Oft war dann die Umgangssprache weder „Fisch noch Fleisch”, weder platt- noch hochdeutsch, sondern ein Konglomerat aus beidem. Viel zu spät wuchs die Erkenntnis, daß mit dem Aufgeben der plattdeutschen Sprache wertvolles Kulturgut verloren ging. Ich erinnere mich an eine Befragung, die erst vor einigen Jahren unter Schülerinnen und Schülern aller 4. Klassen in unserem Landkreis stattgefunden hat. Dieser Um­frage zufolge beherrschten lediglich drei Prozent der Jungen und Mädchen das Plattdeutsche – eine aus meiner Sicht erschreckend niedrige Zahl.

Zu den Personen, die die plattdeutsche Sprache wieder hoffähig gemacht haben, zählt unstreitig der langjährige niedersächsische Kultusminister Dr. Werner Rem-mers. Die Aussagen eines Ministers gaben den Aktivitäten zur Erhaltung der platt­deutschen Sprache zwangsläufig entscheidende Impulse. Sich dieser Mundart zu bedienen, wurde wieder modern. Es bildeten sich Freundeskreise und sogenann­te Schrieverkringe zur Pflege plattdeutschen Kulturgutes.

Seit Beginn der neunziger Jahre hat es eine ganze Reihe von Maßnahmen zur För­derung der plattdeutschen Sprache in unserer Region gegeben, an denen im enge­ren und weiteren Sinne auch der Landkreis Emsland beteiligt war. Erinnern möch­te ich vor allem an den Autorenwettbewerb „Plattdeutsches Theater” sowie an die Herausgabe des Lesebuchs „Platt lutt moij”, das allen emsländischen Schulen zur Verfügung gestellt wurde. Daß dieses Buch binnen kurzer Zeit vergriffen war und mittlerweile in zweiter Auflage vorliegt, ist also durchaus ein Zeichen dafür, daß seitens der Schulen ein großes Interesse an der Vermittlung plattdeutschen Kultur­gutes vorhanden ist.

Platt ist wieder in. Das zeigen auch die in den letzten Jahren erschienenen Wör­terbücher. All diese vielfältigen Bemühungen um den Erhalt des Plattdeutschen werden, da bin ich mir sicher, letztlich von Erfolg gekrönt sein. Wichtig scheint mir dabei zu sein, daß sich die plattdeutsche Sprache über die Bemühungen von Ver­einen, Institutionen, Schrieverkringen usw. hinaus neben dem Hochdeutschen auch im alltäglichen Leben wieder verstärkt als eine Umgangssprache etabliert.

Als Landrat, dessen Amt ich seit 1981 ausübe, wähle ich bei öffentlichen Auftrit­ten immer gern die heimische Mundart, wenn sich der Anlaß dafür eignet – ob auf Schützenfesten, bei Jubiläen oder Geburtstagen. Ich habe den Eindruck, man will sie sogar gerne hören. Man schätzt wieder die einfache, ausdrucksstarke und kla­re Darstellung auf Plattdeutsch, in der man vieles sagen kann, ohne zu verletzen. Und die Zahl derer, die Platt verstehen, ohne es selbst sprechen zu können, wächst auch von Jahr zu Jahr.

Allen, die in den vergangenen Jahren dazu beigetragen haben, Plattdeutsch als wichtiges Kulturgut zu erhalten und weiter zu beleben, möchte ich an dieser Stel­le ganz herzlich danken. Lassen Sie uns gemeinsam dafür Sorge tragen, daß uns Plattdeutsch als ein gutes Stück unserer Heimat auch weiterhin begleitet.

Wilhelm Mevenkamp

Heraus aus der Anonymität!

Meine Erfahrungen mit der plattdeutschen Sprache sind – wie könnte es anders sein – untrennbar mit Kind­heit und Jugend verbunden. Auch wenn diese sich nicht unmittelbar im Emsland abspielten, so gab es doch viele enge Beziehungen hierhin. Aufgewachsen bin ich in Hauenhorst, einer Bauernschaft im südlichen Umfeld der Stadt Rheine. In den zwanziger Jahren wur­de dort der Rangierbahnhof Rheine „R„ errichtet, und viele Eisenbahner, darunter nicht wenige Emsländer, wurden hier ansässig.

Die vorher einklassige Bauernschaftsschule wurde nach und nach immer größer, bis sie kurz vor dem Kriege sogar auf drei Klassen anwuchs. Trotz des doch er­heblichen Zuzugs Ortsfremder blieb die plattdeutsche Sprache aber außerhalb der Schule die alleinige Umgangssprache. Allenfalls in den Familien – soweit Elterntei­le aus städtischen Verhältnissen oder entfernteren Regionen stammten – sprach man hochdeutsch. Zwischen Haustür und Schultür galt jedoch ausschließlich die plattdeutsche Sprache.

In meiner Familie bin ich zweisprachig aufgewachsen. Mein Vater war platt­deutsch groß geworden, während meine Mutter als Städterin hochdeutsch sprach. Ihre Eltern, die bei uns wohnten, sprachen jedoch wiederum platt. Mit uns Kin­dern haben sowohl die Eltern als auch die Großeltern ausschließlich hochdeutsch gesprochen. Da sie aber mit Nachbarn und Bekannten plattdeutsch sprachen und mein Vater mit seinen Schwiegereltern ebenfalls häufig plattdeutsch sprach, war ich immer schon sehr ins Plattdeutsche eingebunden.

Abgesehen von den Sprachbeziehungen zwischen den Familienangehörigen ei­nerseits und Nachbarkindetn und Schulfreunden andererseits, spielten mit zu­nehmendem Alter auch die Kontakte mit den übrigen Dorfbewohnern eine immer größere Rolle. Als ich dann mit 14 Jahren zu meinem Vater in die Malerlehre kam, dominierte durch den Verkehr mit der Kundschaft die plattdeutsche Sprache so sehr, daß ich – wenn ich es rückschauend betrachte – nicht nur plattdeutsch sprach, sondern auch dachte. Diese Identifikation ging so weit, daß ich mit meinem Vater im privaten und häuslichen Bereich nur noch plattdeutsch sprach.

Wie sehr ich die plattdeutsche Sprache verinnerlicht hatte, spürte ich besonders deutlich in der Soldatenzeit und der Kriegsgefangenschaft. Sobald ich damals merk­te, daß mein Gesprächspartner auch plattdeutsch sprach – man spürte es schon an der Klangfärbung des Hochdeutschen – dauerte es meistens nicht lange, bis der Funke übersprang und man sich plötzlich plattdeutsch unterhielt. Irgendwie fühl­te man sich dann persönlich besonders verbunden und empfand in der Fremde ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Heimatverbundenheit.

Als ich dann 1968 nach Meppen kam, begann für mich zunächst wieder eine aus­schließlich „hochdeutsche” Zeit. Als Direktor der Kreisberufsschule waren meine Gesprächspartner in der ersten Zeit fast nur Mitarbeiter von Behörden und Leh­rerkollegen, die ihrerseits auch nichts von meiner plattdeutschen Vergangenheit wußten. Bereits nach kurzer Zeit jedoch, sobald mein Bekanntenkreis sich aus der rein beruflichen Ebene heraus entwickelte, wurde Plattdeutsch wieder immer wichtiger für mich. Immer häufiger kam es vor, daß Gespräche, die zunächst hoch­deutsch begannen, plattdeutsch fortgeführt wurden mit dem Ergebnis, daß man plötzlich eine viel persönlichere Beziehung zu seinem Partner fand. Man spürte ir­gendwie die gleiche Wellenlänge.

Insgesamt würde ich sagen, daß mir mein Bestreben, überall dort, wo es sich an­bot, mit meinen Gesprächspartnern platt zu sprechen, in besonderem Maße ge­holfen hat, Zugang zu den Emsländern zu finden, denen man ansonsten schon mal nachsagt, die Zugezogenen als „tolopen Volk” zu apostrophieren.

Diese meine persönlichen Erfahrungen mit der plattdeutschen Sprache kann man meines Erachtens durchaus verallgemeinern und daraus den Schluß ziehen, daß sie ein ganz wichtiges Instrument sein kann, um Menschen aus der leider immer gravierender werdenden Isolierung und Anonymisierung unserer Zeit herauszu­führen. Noch für meine Generation war das persönliche Gespräch dominierend für den Erwerb der Sprachkompetenz.

Heute haben die Medien mit der ganzen Wucht und Vielfalt ihrer Erscheinungs­formen die Menschen weitgehend „sprachlos” und damit kommunikationsunfähig gemacht. Herausführung aus dieser Sprachlosigkeit und Einbindung in das Bezie­hungsgeflecht unseres emsländischen Lebensraumes ist eine Aufgabe, an deren Bewältigung die plattdeutsche Sprache in hervorragender Weise mitwirken kann.

Dr. Franz Möller

Als Emsländer im Rheinland

Wenn ein Emsländer aus Bramsche bei Lingen/Ems seit 38 Jahren im Rheinland lebt und arbeitet, seit 24 Jahren Landrat des Rhein-Sieg-Kreises ist und 18 Jahre Abgeordneter des Deutschen Bundestages für diese Re­gion gewesen ist, dann sollte er die plattdeutsche Spra­che des Emsländers verlernt und das rheinische Platt gelernt haben.

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Beides ist nicht der Fall: Ich kann noch gut Plattdeutsch verstehen, weniger plattdeutsch reden; die rheinische Sprache kann ein Emsländer zwar gut verstehen, aber nicht sprechen!

Als ich nach Studium, Promotion und Examen im Rheinland heimisch wurde und nach beruflichen Erfol­gen kommunalpolitisch tätig wurde, dachte ich, daß meine Sprache mit erkennbar nordwestdeutschem Zungenschlag hier im Rheinland hinderlich sein könnte und sogar ein wenig lächerlich klingen würde. Für die Rheinländer war das aber offensichtlich kein Problem, denn meine Wahlergebnis­se sprachen immer für sich. Wahrscheinlich sind die Rheinländer mit einer etwas größeren Toleranz ausgezeichnet als wir geborenen Emsländer. Jedenfalls haben sie stets gelacht und Beifall gespendet, wenn ich in einer Rede ein/zwei Sätze in emsländischem Platt eingefügt habe, was sich für das Rheinland ja auch besonders lustig anhört.

Kurz nachdem ich zum Landrat dieses großen Rhein-Sieg-Kreises gewählt worden war (1974), glaubten die hiesigen Karnevalisten, mich auch zum „Ritter des rheini­schen Humors” küren zu müssen. Die telefonische Mitteilung über die hohe rhei­nische Auszeichnung konnte ich nur mit dem dankbaren Hinweis gegenüber der Presse kommentieren: „Was müssen die Siegburger Karnevalsfreunde für einen Humor besitzen, wenn sie einen Emsländer zum Ritter des rheinischen Humors machen!” So ist es auch! Mein Hochdeutsch mit plattdeutschem Einschlag hat mich im Rheinland nicht behindert.

Bedauert habe ich, daß sich im Bonner Raum keine Gruppe von Emsländern zu­sammengefunden hat, um plattdeutsch zu sprechen. Dabei gibt es hier viele Emsländer, die in den Bundesministerien und in den Verbänden hervorragende Arbeit geleistet haben. Ein wenig Pflege der niederdeutschen Sprache wäre nötig gewe­sen, um die erste oder zweite Muttersprache nicht ganz zu verlernen.

 

 

Josef Möhlenkamp

Ich bin gebürtig aus Sögel, und unsere Familie ist dort bis ins 15. Jahrhundert zurückgehend auf dem Hümm-ling urkundlich nachgewiesen. In unserer Familie wird bis heute ausschließlich plattdeutsch gesprochen.

Wenn ich zu meinem Bruder nach Sögel oder zu meiner Schwester nach Langen bei Lingen fahre, sprechen wir natürlich miteinander ausschließlich platt. Am Tag Ma­ria Himmelfahrt, dem Sonntag nach dem 15. August, sind bei meinem Bruder zwi­schen 15 und 30 Besucher zu Gast, die vormittags in Clemenswerth an der Wall­fahrt teilgenommen haben und mittags auf unserem Hof versorgt werden. Von al­len Anwesenden wird ausschließlich plattdeutsch gesprochen.

Ich selbst bin nach dem Besuch der Grundschule und einigen Klassen der Real­schule in Sögel in Papenburg zum Gymnasium gegangen und habe im Schüler­heim gewohnt. Dort war es üblich, hochdeutsch zu sprechen. Sobald ich wußte, daß ich mit Schülern zusammen war, die auch plattdeutsch sprechen konnten, ha­be ich dies auch getan. Auch in den Jahren um die 20, wenn wir im Freundeskreis zusammensaßen, habe ich immer wieder in lustiger Gesprächsrunde bewußt und absichtlich plattdeutsche Ausdrücke und Sätze gebraucht, da sie einfach viel tref­fender die zu beschreibende Situation darstellen. Auch heute spreche ich gern in gemütlicher Runde plattdeutsch und streue gern plattdeutsche Ausdrücke ein. Ich kann also sagen, daß ich stolz darauf bin, diese Sprache zu beherrschen.

Zusätzlich möchte ich eine Begebenheit nennen, die deutlich macht, wie sehr Menschen, die miteinander plattdeutsch sprechen, sich auch vertrauensvoll ge­genüberstehen. Ein bedeutender Mann aus der Wirtschaft, der gebürtig aus Aschendorf kommt, mit der plattdeutschen Sprache aufgewachsen und zur Zeit im Bereich der Schiffahrt in Zypern tätig ist, Wat den großen Vorteil, daß er mit Kun­den aus Haren, Leer, Bremen und Hamburg plattdeutsch sprechen kann und so manchen Auftrag bekommt, weil der Kunde sagt: „Hei känn plattdütsk proten, al­so mut dat’n önliken Kerl wähn.”

Matthias Möring

„Ein großes Hemmnis jeder Bildung”

Mein Geburtsort ist Lorup auf dem Hümmling. Die Um­gangssprache aller Dorfbewohner war in meiner Kind­heit das Niederdeutsche, hier „daet Loorper Taal”. Nur wenige vermochten fließend hochdeutsch zu sprechen. Das änderte sich, als Flüchtlinge und Vertriebene in die Dörfer kamen. So kam ich relativ früh mit dem Hoch­deutschen in Berührung, jedoch war das Plattdeutsche dominantIn der Schule blieben Konflikte nicht aus, zumal einige Lehrkräfte das Plattdeut­sche ganz im Sinne von Jonas Goldschmidt (1846) „als ein großes Hemmnis jeder Bildung” sahen. Sie förderten nicht – wie heute – diese alte, urwüchsige Sprache, sondern drängten sie eher zurück.

Allgemein hatte das Plattdeutsche keinen guten Ruf. In den 60er Jahren sahen weitsichtige Politiker und Pädagogen, welch altes Kulturgut da unterzugehen sich anschickte. Sie legten praktisch die Initialzündung für eine Renaissance der platt­deutschen Sprache in einer veränderten Welt. Heimatarbeit, Vorträge und Beiträge der Medien rückten diese alte Sprache stärker in den Vordergrund. Heute ist sie nicht mehr „Chätel di quaett, watt schöll daett Plaett, haeff Luut nich off Besluut!” (alter Spottvers), sondern es gilt als „schick”, wenn jemand sie beherrscht.

Während meiner gesamten Schulzeit und auch im Studium konnte ich aus dieser Zweisprachigkeit eigentlich nur Vorteile ziehen. In der einklassigen Schule von Ahmsen und später in der Mittelpunktschule in Holte erleichterte diese mir den Zugang zu den Menschen erheblich. Schon seit frühester Jugend arbeite ich aktiv im Loruper Heimatring und an den „Loorper Beldertuunscheren” mit. 1979 grün­dete ich im Kirchspiel Holte den Heimatverein „Südhümmling” und gab jährlich ei­nen plattdeutschen Kalender heraus. Anfang der 90er Jahre durfte ich an der Her­ausgabe des emsländischen Lesebuchs „Platt lutt moj” mitwirken.

Dr. Heinrich Book und ich stellten in dem 1996 erschienenen Buch „Hümmlinger Volksmund” alte Redewendungen, Sprich-, Sag-, Schimpf- und Scheltwörter zu­sammen, die in Vergessenheit zu geraten drohen.

Es ist offensichtlich, daß unsere Sprache ausblutet, verarmt und verflacht, seit sie nicht mehr alleinige Umgangssprache der Bevölkerung ist. Sie zu retten und zu er­halten ist nach meiner Meinung nur möglich, wenn es gelingt, Eltern dazu zu be­wegen, von Anfang an mit den Kindern wieder plattdeutsch zu sprechen. Eltern,