Hermann Wilkens

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Platt lutt moj

„Platt lutt moj”, Plattdeutsch klingt schön, so heißt der Titel eines Lesebuches, das vom Arbeitskreis „Mesters prootet Platt” beim Schulaufsichtsamt Emsland im Jahr 1993 herausgegeben wurde und an unserer Schule gern eingesetzt wird.

Und in der Tat, Platt luttrnicht nur moj, sondern ver­breitet auch eine freundliche Atmosphäre, fördert die Gemütlichkeit in froher Runde und bringt die Men­schen untereinander schnell in Kontakt. Das Plattdeut­sche hat viele Dönkes, Vertellsels, Lieder und Spiele, die

erhalten bleiben müssen und nur auf Plattdeutsch auch so klingen, wie sie gemeint

sind, und deshalb beim Zuhörer ankommen.

Plattdeutsch hat sogar auch dann noch eine nette Art, wenn man jemandem deut­lich seine Meinung sagen möchte. Nennt man einen Zeitgenossen einen „Dwäs-büngel” (Quertreiber), so ist die verbal verletzende Spitze eines hochdeutschen Wortes genommen, obwohl der Betroffene ganz genau weiß, was man von ihm hält.

Ein Beleg hierfür ist auch die angeblich wahre Begebenheit, bei der ein Hausbesit­zer einen an seinem Haus vorbeiführenden kleinen Privatweg für die Öffentlich­keit nicht weiter zugänglich machen wollte und ein Schild mit der Aufschrift an­brachte: „Verbotener Patt”. Dies rief sofort die Kreativität seiner Nachbarn und Mit-anlieger auf den Plan, die ihm folgende schriftliche Antwort als Retourkutsche auf sein Schild malten: „Lick mi ant Gatt”.

Die plattdeutsche Sprache hat mich von Kindesbeinen an begleitet. Über Genera­tionen hinweg wurde zu Hause in Neubörger vorwiegend plattdeutsch gespro­chen. Bedingt dadurch, daß zu meinem Elternhaus eine Gaststätte, eine Landwirt­schaft, eine Poststelle und eine Viehwaage gehörten, war dort immer ein reger Pub­likumsverkehr vorhanden, und so wurde ich schon Mitte der 50er Jahre sehr früh mit dem Plattdeutschen vertraut.

Als kleiner Junge fiel mir damals auf, daß die Flüchtlinge, die nach dem zweiten Weltkrieg in Neubörger eine neue Heimat gefunden hatten, wenn sie dann ihre Rente an der Post abholten und anschließend in die Gaststätte kamen, ein anderes, für mich etwas fremd klingendes Platt sprachen. Dies hat aber ihre Integration in keinster Weise behindert. Im Gegenteil! Dadurch, daß sie versuchten, sich in der plattdeutschen Sprache zu artikulieren, gewannen sie schnell die Herzen der Einheimischen. Wenn auch ihr Plattdeutsch stets etwas merkwürdig klang, so kam man doch darüber ins Gespräch, und man sprach miteinander und weniger über­einander.

Schwierig wurde es für mich Anfang der 60er Jahre auf dem Papenburger Gym­nasium, das auch von vielen Ostfriesen besucht wurde, das Platt ihrer Region zu verstehen. In den Pausen „kauelten” die ostfriesischen Mitschüler platt unterein­ander, und dieses Plattdeutsch klang sehr urtümlich und fremd für die Ohren eines Hümmlingers. Gleichwohl muß man aber festhalten, daß die Ostfriesen ihrer Spra­che und ihrer Tradition treu blieben. Hinnerk blieb nun mal Hinnerk und wurde nicht, wie es im Emsland oft üblich war, zu Heinz oder Heiner.

Während meiner Schulzeit war ein deutlicher Trend zu erkennen, nicht mehr platt­deutsch sprechen zu wollen. Plattdeutsch wurde quasi gleichgesetzt mit weniger gebildet, dümmer zu sein. Plattdeutsch war „out”. Es war nicht mehr schicklich, platt zu sprechen. Hochdeutsch war „in”.

Dabei konnte es zu lustigen Begebenheiten wie folgender kommen: Eine junge Mutter ruft ihren draußen im Garten spielenden Sohn, der für sie vom Kaufmann etwas holen soll, mit dem Satz: „Berni, lauf mal schnell zum Kaufmann Gerdes und hol für 5 Pfennig Schwäfelsticken.” Dabei muß man wissen, daß Schwäfelsticken Streichhölzer bedeuten. Es war also gar nicht immer so einfach, auf die Schnelle vom Plattdeutschen ins Hochdeutsche zu übersetzen.

Das Plattdeutsche hat mich auch beruflich bis heute begleitet. Als ich im Februar 1987 meinen Dienst an der Ludgerusschule Rhede antrat, hatte sich der leider in­zwischen verstorbene Bürgermeister Wilhelm Loth, der für seine humorvolle und bürgernahe Art bekannt war und selbst oft und gerne plattdeutsch’sprach, bereits folgendermaßen über meine Person geäußert: „Wenn hei plaett proten känn, dänn könn wie wall mit üm utkoamen.”

Und in der Tat, gerade in der linksemsischen Gemeinde Rhede wird das Plattdeut­sche noch sehr gepflegt. Dies ist auch verständlich, steht man doch in der Tradi­tion und auch in der Verpflichtung des Rheder Heimatdichters Gerd Aorns, der in der dritten von fünf Strophen des Liedes „011e Rheen”, das oft und gerne bei fest­lichen Anlässen in der Gemeinde gesungen wird, folgenden Text verfaßt hat:

Einfache Lüh, niks upgetoakelt,

Dei läwet dor, sei protet platt,

Doch segg datt vull, wenn sei mi fraoget
Büs du uk hier, wo geiht die datt?
Wenn Sehnsucht mi ant Hatte naoget
Gaoh ik naoh Rheen, dann frei ik mi.
0lle Rheen dor an de Ämße,

0lle Rheen, dann bünk bi di.

Daß Plattdeutsch auch international gefragt ist, sollen folgende zwei kleine Begebenheiten verdeutlichen: Im Sommer 1993 haben mein niederländischer Kollege Gerardus Hagenes, Schulleiter der Basisschool „Oosterschool”/Bellingwolde und ich im Groninger Rundfunk „Radio Noord” in der Sendung ,:fien uur” mit der Mo­deratorin Imka Marina – bekannt als Interpretin des Ohrwurms der 70er Jahre „Eviva Espana” – Werbung für die I5-Jahr-Feier anläßlich der Partnerschaft zwi­schen den Gemeinden Bellingwedde und Rhede/Ems gemacht. Damit konnte je­der in seiner platten Mundart sprechen. Die Verständigung auf Emsländer und Groninger Platt klappte ausgezeichnet, sind doch durchaus Ähnlichkeiten vorhan­den.

Im Sommer 1996 waren wir mit 37 Altherrenfußballern des SC Blau-Weiß 94 Papenburg für 14 Tage in Chicago und nahmen dort unter anderem an einem inter­nationalen Fußballturnier teil. Viele Deutschstämmige, die wir auf dieser Reise ge­troffen haben, sprachen besser platt als hochdeutsch, und die Freude war jedesmal groß, wenn sie wieder vertraute heimatliche plattdeutsche Worte und Lieder hör­ten. Man sah deutlich den Schimmer in ihren Augen, als wir bei einer abendlichen Feier das Friesenlied auf Plattdeutsch anstimmten. Erstaunlich war für uns, daß auch viele junge Amerikaner, deren Großeltern Anfang der 50er Jahre in die USA ausgewandert waren, das Plattdeutsche noch verstehen konnten. Allerdings ha­pert es verständlicherweise etwas mit dem aktiven Gebrauch der plattdeutschen Sprache.

Wie wird es weitergehen mit der plattdeutschen Sprache? Viele Institutionen bemühen sich, das Plattdeutsche zu pflegen – wohlwissend, daß das geschriebene Platt in seinen oft sehr verschiedenen Dialekten schwierig zu vermitteln ist. Lo­benswert ist dabei der von der Kreissparkasse im Turnus von zwei Jahren initiier­te Lesewettbewerb „Schüler lesen Platt”, der Schülerinnen und Schüler aller Alters­klassen motivieren soll, sich mit der plattdeutschen Sprache auseinanderzusetzen.

Bessere Chancen räume ich dem gesprochenen Platt ein. Und hier ist die jetzige Generation gefragt, aktiv und offensiv das Plattdeutsche zu vertreten. Auch die Schulen können hier ihren Beitrag leisten, indem zum Beispiel bei den im Stun­denplan verankerten Arbeitsgemeinschaften Theaterstücke in plattdeutscher Spra­che angeboten werden. Bei Sitzungen der örtlichen Heimatvereine sollte grundsätzlich die „Amtssprache” Plattdeutsch sein.

Die plattdeutsche Sprache hat nur eine Chance zu überleben, wenn sie mündlich tradiert wird. Und dabei ist es unerheblich, in welchem Dialekt man spricht. Ein Beispiel mag dies zum Schluß verdeutlichen: „Ik ga over dei Strate hen mien Naa-ber, wenn ik Daest haebbe…”, so heißt es im Neubörger Platt. „Ik gao över dei Straote nao mien Naober, wenn ik Döst heb…”, so das Rheder Platt. Ob nun Hümmlin-ger oder Rheder Platt, die Intention ist unverkennbar eindeutig; endet doch solch ein Treffen oft in einer gemütlichen Atmosphäre und in fröhlicher Runde.

Wie gesagt: „Platt lutt moj.”

Hedwig Wilken – Kewe

Vull makliker

Es war zum Kriegsende 1945. In Brümsel, einer kleinen ländlichen, 200 Einwohner zählenden Gemeinde, wur­de ich geboren. Die Geschwisterreihe war, wie auch in den Nachbarfamilien, sehr groß. Ich wurde als vierte Tochter geboren und hatte auch schon drei Brüder. Nach mir vergrößerten noch zwei Schwestern und drei Brüder unsere Familie. Außerdem gehörten in vielen Jahren zwei weibliche und zwei männliche Angestellte, ene groote un ene kläne Maacht un nen klänen un nen groten Knecht, zur Hausgemeinschaft.

Es war eine Zeit, in der getragene Kleidungsstücke aus‑

einandergetrennt und neu geschneidert wurden. Zu der Zeit wurde bei uns zum Mittagessen ein Glas Kirschen als Nachtisch geteilt, so daß jeder sieben Kirschen bekam. Es war aber auch eine Kindheit, in der sehr viel draußen gespielt wurde. In den Jahren um 1955 tanzten wir oft in der großen Bau­ernküche oder auf der Diele mit der Nachbarjugend.

In meinem Elternhaus wurde nur die plattdeutsche Sprache gesprochen. Ich kann mich nicht erinnern, vor meiner Schulzeit bewußt die hochdeutsche Sprache wahrgenommen zu haben. Mein Vater sagte dann wohl: „I könnt ja gar nich mehr önlick plattproten. Et hät nich Pilze, dat sint Pännstöhle, un dat sint nich Fliesen, dat sint Esterkes.” („Ihr könnte ja gar nicht mehr richtig plattdeutsch sprechen. Es heißt nicht Pilze, sondern Pännstöhle, und das sind keine Fliesen, sondern das sind Esterkes.”)

Mit der Fremdsprache Hochdeutsch wurden wir dann langsam in der Volksschule vertraut. Die Übergang hat mich keineswegs belastet. Die einzelnen Worte wur­den ja systematisch gelernt. Durch die Zusammensetzung der einzelnen Buchsta­ben entstand ein neues Wort. Diese Wörter waren dann zudem noch reichlich be­bildert dargestellt. Zum Beispiel spritzte beim Buchstaben I Wasser aus einer Pum­pe, und ein bunt gekleidetes Mädchen bekam unverhofft kaltes Wasser ins Ge­sicht. Es war interessant.

In meinem Jahrgang waren einige Flüchtlingskinder. Sie konnten sehr viel besser das richtige Wort finden und besser erzählen. Es passierte schon mal, daß man vom Plattdeutschen ins Hochdeutsche übersetzte. Eine kurze Begebenheit dazu: Ein Mitschüler hatte heftige Bauchschmerzen und traute sich nicht, dies unserer Lehrerin mitzuteilen. Ganz mutig ging ich los und berichtete der Lehrerin: „Karl-Heinz hat Bauchpiene (Bauchschmerzen).” Ich habe mich geschämt, aber niemand hat gelacht. Für unsere Lehrerinnen und Lehrer gehörten solche Versprecher zum alltäglichen Leben. Ebenso war es zum Beispiel mit dem „mir” und „mich”, „dir” und „dich”, die verwechselt wurden. In der plattdeutschen Sprache heißt es da ein­fach „mi” und „di”.

1960 begann ich meine Banklehre. Die Kundschaft sprach zum großen Teil platt­deutsch. Es war ein großer Vorteil, von der plattdeutschen Sprache in die hoch­deutsche Sprache ohne Probleme zu wechseln. Ohne zu überlegen spricht man mit einer Person hochdeutsch und mit der nächsten plattdeutsch. Ich glaube, so wie man bei der ersten Begegnung mit einem Menschen spricht, so ordnet man ihn einer Sprache zu. Es kommt immer wieder vor, daß in Verwandtschafts- und Bekanntenkreisen Gesprächsrunden zusammentreffen, in der beide Sprachen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Mit dem Gesprächspartner zur rechten Seite unterhält man sich hochdeutsch und zur linken Seite plattdeutsch.

Seit 1991 bin ich Bürgermeisterin der 600 Einwohner zählenden Gemeinde Wett-rup. Auch hier sprechen noch viele plattdeutsch. So hat es Vorteile, beide Sprachen anwenden zu können. In den letzten Jahren fanden mehrere Treffen mit unseren holländischen Nachbarn statt. Unser Sportverein spielt einmal im Jahr gegen den Fußballverein Glane, Niederlande. Die Unterhaltung gestaltet sich dabei hervorra­gend plattdeutsch. Glane liegt hinter Gronau, gleich jenseits der Grenze. Die Gla-ner Bürger sprechen unseren Dialekt. Interessant ist, daß im Gebiet zwischen Gla-ne und Wettrup ein anderer Dialekt, nämlich der westfälische, gesprochen wird.

Als Gästeführerin des Touristikvereins der Samtgemeinden Freren-Lengerich-Spel-le empfange ich auch Besucher, die aus ländlichen Gegenden kommen. Sie kön­nen dann wählen, in welcher Sprache sie unser Dorf und unsere Region kennen­lernen wollen. Oft wird dann der Wunsch nach einer plattdeutschen Führung geäußert.

1969 heiratete ich meinen Mann, und seit 1970 bin ich Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft. Im landwirtschaftlichen Betrieb arbeiten wir auch mit niederlän­dischen Geschäftspartnern zusammen. Zunächst verständigt man sich hoch­deutsch. Wenn die Niederländer dann feststellen, daß mein Mann und ich platt­deutsch miteinander sprechen, kommt häufig der Ausspruch: „I künnt Plattdütsk? Dann künn wi dat ja vull makliker häbben.” („Sie können Plattdeutsch? Dann kön­nen wir das ja viel einfacher haben.”)

In unserem Familienbesitz befinden sich sehr viele alte Dokumente. Es beginnt mit dem Freikaufdokument aus dem Jahre 1664. Unter anderem sind auch Schrift­stücke vom Amtsgericht Freren aus den Jahren um 1790 vorhanden. Hier war es besonders schwierig, den Inhalt zu lesen. Zunächst bereiteten die Schrift und dann die unverständlichen Begriffe Probleme. Bekannte aus Belgien/Flandern, die nie­derländisch sprechen, konnten hier weiterhelfen. Die Amtssprache war zur Ora-nierzeit in der Niedergrafschaft Lingen nämlich Niederländisch.

Meine Ausführungen haben, so meine ich, schon dargelegt, daß ich die plattdeut­sche Sprache sehr schätze. Sie hilft mir, im täglichen Leben mit den älteren Mit­bürgern oder auch im politischen, geschäftlichen Bereich eine gewisse Nähe zu schaffen. Die plattdeutsche Sprache verbindet uns mit vielen Volksgruppen. Es wä­re nicht wieder rückgängig zu machen und daher sehr schade, wenn unsere Ge­neration die von unseren Vorfahren überlieferte Sprache nicht weitergeben wür­de. Mein Mann und ich möchten gerne mit unseren Enkelkindern, die wir jetzt noch nicht haben, plattdeutsch sprechen.

Kinder können sehr wohl zweisprachig aufwachsen. Nur muß es meiner Meinung nach gewährleistet sein, daß verschiedene Sprachen den Personen konsequent zu­zuordnen sind. Kinder müssen wissen, daß sie dann, wenn sie zum Beispiel mit Oma und Opa sprechen wollen, auch nur in Plattdeutsch verstanden werden. Lei­der haben wir um 1970 bis 1980, als unsere Kinder geboren wurden, nicht so ge­handelt. Damals glaubten mein Mann und ich, daß Kinder nur hochdeutsch oder nur mit der plattdeutschen Sprache aufwachsen können. Sie verstehen uns sehr gut, wenn auf dem Betrieb plattdeutsch gesprochen wird. Aber untereinander sprechen sie ausschließlich hochdeutsch. Ich merke es nicht, wenn ich mit mei­nem Mann plattdeutsch und mit den Kindern und den Auszubildenden automa­tisch hochdeutsch spreche; das läuft im Unterbewußtsein ab.

Einige Chöre singen oft plattdeutsche Lieder, und in den Schulen und Volkshoch­schulen wird seit einigen Jahren wieder Plattdeutsch und Niederländisch angebo­ten. Ersetzen können der Gesang und der Fremdsprachenunterricht die plattdeut­sche Muttersprache nicht. Sie muß im täglichen Leben lebendig bleiben.

Wilhelm Wolken

Platt im Krankenhaus

Aufgewachsen bin ich in dem Dorf namens Versen, und wie es auf den Dörfern üblich war, wurde zu mei­ner Kinderzeit platt gesprochen. Geändert hat sich das erst in der Grundschule – und nur, weil die Lehrerschaft meine Eltern darauf hinwies, daß es für die Entwicklung der Kinder – damit waren mein Bruder und ich gemeint – besser sei, auch außerhalb der Schule hoch­deutsch zu sprechen.

Im Elternhaus wurde also die Sprache „umgestellt”: mit den drei jüngsten Geschwi­stern wurde konsequent hochdeutsch gesprochen, zwi­schen meinen Eltern, meinem Bruder und mir ging es zwischen der hoch- und der plattdeutschen Sprache hin und her. Das ist bis zum heutigen Tage so geblieben.

Während der Jugendzeit war es „in”, nicht mehr plattdeutsch zu sprechen. Es fehl­ten dazu jedoch auch die Gelegenheiten während der weiteren Schulausbildung und des Studiums. Sie beschränkten sich auf das Zuhause sowie den Umgang mit älteren Menschen aus der Verwandtschaft, Bekanntschaft oder der dörflichen Um­gebung.

Heute – und da spielt das wieder erwachte Bewußtsein zum eigenen Dialekt in der Bevölkerung eine große Rolle – stehe ich zu meinen Plattdeutschkenntnissen und nutze sie gerne. Insbesondere wenn bestimmte Gefühle oder Beschreibungen tref­fend mit vielleicht ein, zwei Wörtern formuliert werden sollen, nutze ich gern mei­ne Heimatsprache. Voraussetzung ist dabei natürlich, daß mein Gegenüber die Sprache auch versteht. Aber auch sonst wird die Sprache wieder gern unter „Ken­nern” ohne Scheu genutzt.

In meinem beruflichen Leben und wohl noch mehr im beruflichen Leben der Mit­arbeiterinnen und Mitarbeiter im Krankenhaus, die ständig direkten Kontakt mit den Patientinnen und Patienten haben, hilft die plattdeutsche Sprache häufig über Kommunikationsschwierigkeiten und das Gefühl des Fremdseins hinweg. Hier spreche ich – und das liegt wohl in der Natur der Sache – überwiegend von älteren Patientinnen und Patienten, die ja noch mit „Plätt proten” aufgewachsen sind. Ge­rade sie sind in der für sie fremden und vielleicht auch oft erschreckend techni­schen Welt eines Krankenhauses froh und dankbar, wenn sie wenigstens einen Pfleger, eine Pflegerin oder eine Mitarbeiterin in der Aufnahme finden, mit der sie wie zu Hause und ohne die Angst, etwas Falsches zu sagen, sprechen können. Ich freue mich, wenn ich höre, daß wir im hause noch Mitarbeiterinnen und Mitar­beiter haben, die das Plattdeutsch es gut tut, wenn man sich in dieser Sprache mit ihm unterhält. Letztendlich ist es für ein Krankenhaus wichtig, daß sich der Patient oder die Patientin während des Aufenthaltes wohl fühlt, und ich denke, daß gerade die Sprache – ob nun Franzö­sisch, Englisch oder Plattdeutsch -, daß das Verstandenwerden hier ein ganz wich­tiger Faktor ist.

Unterm Strich gesehen hat also die plattdeutsche Sprache gerade im hiesigen Ge­biet noch eine sehr große Bedeutung, und es wäre wünschenswert, wenn sich auch die Jugend sowie die Kinder mehr mit dieser Sprache auseinandersetzen wür­den. An einigen Schulen wird dazu ja schon wieder ein Anfang gemacht, was si­cherlich Unterstützung verdient.

Vorwort

 

Zur Lage des Plattdeutschen in der Region Emsland und der Grafschaft Bentheim im Jahre 1998

Die plattdeutsche Sprache steht am Scheideweg – auch in der Grafschaft Bentheim und im Emsland. Entweder wird sie in absehbarer Zeit ihre Existenzberechtigung verlieren und in den Zustand einer ganz und gar toten Sprache zurückfallen, oder aber sie findet doch noch die Kraft, sich von ihrem Siechtum zu erholen. So wahr­scheinlich auch erstere Möglichkeit erscheint, sie ist nicht zwangsläufig. Als Sprachträger spielen wir, die Menschen dieser Region, die entscheidende Rolle; wir haben das Schicksal durchaus in der Hand.

Uns, den Herausgebern dieses Sammelbandes, liegt das Plattdeutsche am Herzen, das – soweit wir es sehen – unter einem fatalen Mißverständnis leidet: dem Makel des Minderwertigen. Dem wollen wir entgegentreten. Die beste Werbung ist stets das authentische Zeugnis. Darum luden wir zu Beginn des Jahres 1998 Persön­lichkeiten ein, der Öffentlichkeit von ihren Erfahrungen mit der Ursprache des hie­sigen Raumes zu erzählen. Sie alle stehen mit dem Emsland und der Grafschaft Bentheim in enger Verbindung – sei es, daß sie hier aufgewachsen sind und nun hier leben, sei es, daß sie von außerhalb hierherzogen, sei es, daß sie als Emslän-der und Grafschafter nun irgendwo außerhalb tätig sind. Prominente und ge­wöhnliche Bürger; Bauern, Handwerker und Akademiker; Unternehmer und Ar­beiter – sie alle verbindet die plattdeutsche Sprache.

Wir waren überwältigt von der Resonanz auf unsere ungewöhnliche Bitte. Es war geradezu mit den Händen zu fassen, daß unser Anliegen sich mit Überlegungen deckte, die in vielen Köpfen heranreifen. Die Kapazität, die für ein solches Werk angemessen ist, mußte bis zur letzten Seite ausgeschöpft werden, um in immer neuen Varianten stets eines auszudrücken: Hoalt fast an’t Platt. Hier manifestiert sich eine ganz besondere Art Bürgerinitiative.

Die plattdeutsche Sprache ist eines unserer wichtigsten Kulturgüter. Dieser Land­strich ist nicht sehr reich damit gesegnet. Jahrhundertelang lag er fernab von Poli­tik, gesellschaftlichem Leben und Bildung; er führte sein bescheidenes Eigenleben. Geschichte wurde hier mehr erlitten als erlebt. Die Kargheit der Landschaft, die harte Arbeit der Menschen, alles Freud und Leid ihrer Lebenserfahrung hat sich in ihre Mundart eingegraben. Aber das Emsland und die Grafschaft Bentheim haben etwas aus sich gemacht. Sie können mit Stolz und Selbstbewußtsein auf ihre Ent­wicklung, ihre Leistungen und die ihrer Mitbürger blicken. Nun haben sie allen Grund, die überlieferten kulturellen Leistungen mit dem gleichen Selbstbewußt­sein, das sie sich in den vergangenen Jahrzehnten erworben haben, zu bewahren und das Erbe nach Kräften zu mehren.

In der Tat nehmen das Emsland und die Grafschaft Bentheim ihre kulturellen Chancen mit einem hochzuschätzenden Eifer wahr. Die entstehende Museums­landschaft, das hochaktive künstlerische Leben, aber auch die Heimathöfe mit ihrem regen Treiben, die Formensprache der Architektur sowie der Dorf- und Städteplanung – überall zeigt sich eine produktive Auseinandersetzung mit der Ge­schichte, aus der eine regionale Identität erwächst.

Die Möglichkeiten, die der plattdeutschen Sprache innewohnen, werden dabei je­doch noch nicht voll ausgeschöpft. Sicherlich hat die Mundart an Ausdrucksstärke verloren, an vielen Punkten den Anschluß an die neuen Zeitverhältnisse verpaßt. Dennoch: Ihr Wert wird auch unterschätzt. Da ergeht es der Mundart nicht anders als viele Jahre zuvor den alten Bauern- und Bürgerhäusern. Man ließ sie verfallen, degradierte sie zu Ställen und Scheunen. Man schämte sich ihrer, sie galten als un­modern. In der Tat waren sie oft unpraktisch, weil sie sich dem Einzug des Fort­schritts widersetzten. Doch irgendwann erkannte man, daß reine Nützlichkeit zu kurz greift. Man wurde sich der ideelen Werte und der besonderen Atmosphäre bewußt, die in den alten Mauern ‘zu finden waren. Seither wird kräftig in den Er­halt der alten Häuser investiert; sie sind der ganze Stolz ihrer Besitzer, und viele Neubauten nehmen bewußt Stilelemente des niedersächsischen Ackerbürger-und Hallenhauses auf. So entwickeln das Emsland und die Grafschaft Bentheim zu einem gewissen Grade wieder einen eigenen, landschaftsprägenden Baustil. Eine schon totgeglaubte Tradition lebt wieder auf.

Der ideelle und atmosphärische Wert der regionalen Sprache steht dem der Archi­tektur, der Alltagskultur und der Kunst in nichts nach. Nirgends ist eine ernstzu­nehmende Rechtfertigung zu erkennen, die plattdeutsche Sprache gering zu schät­zen. Im Gegenteil: Dialekte sind lebendiger Ausdruck des gewachsenen Wesens der Menschen einer Region. Die Mundart entspricht der Emotion und dem Fühlen besser als das Hochdeutsche – oder anders ausgedrückt: Sie läßt Saiten zum Klin­gen kommen, die mit der hochdeutschen Sprache nicht berührt werden können.

Dieses Bewußtsein – so zeigen die Beiträge dieses Buches – findet zunehmenden Anklang. Die Aufholjagd bei der Angleichung der Lebensverhältnisse wurde eben nicht nur mit Vorteilen erkauft. So wichtig es war, Sprachbarrieren zu beseitigen, so unnötig ist die Tendenz, dem Plattdeutschen den Todesstoß zu versetzen. In vie­len der Lebensbeschreibungen der Autoren findet sich der schleichende, schmerz­lich empfundene Traditionsbruch wieder, als die Eltern zumeist auf Veranlassung der Schule das Plattdeutsche beiseite räumten und sich vornehmlich des Hoch­deutschen bedienten. Mit der Sprache wurde oft ähnlich rigoros verfahren wie bei Flurbereinigungen mit der Landschaft.

Der Unterschied ist jedoch: Die Landschaft erholt sich. Die geschlagenen Wunden wachsen zu. Bis zu einem gewissen Ma3 hat ein Rückbau eingesetzt. Die platt­deutsche Sprache hat es schwerer. Sie verliert in der Bevölkerung mit rasanter Ge­schwindigkeit ihre Basis. Wie schnell, darüber gab zuletzt eine Schüler- und El­ternbefragung zum Stand des Plattdeutschen im Emsland aus dem Jahre 1990 Aus­kunft. Diese wohl bisher umfangreichste Regionaluntersuchung, die mit erhebli­cher Unterstützung des damaligen Schulaufsichtsamtes und des Landkreises Emsland durchgeführt werden konnte, erfaßte alle damals zehnjährigen Kinder von Salzbergen im Süden bis hinauf nach Papenburg (insgesamt 3184 Mädchen und Jungen). Leider war seinerzeit die Grafschaft Bentheim nicht beteiligt. Das nüch­terne, aber sicherlich auch schockierende Ergebnis lautet: Nur noch drei von hun­dert Kindern konnten gut plattdeutsch sprechen, 42 Prozent unsere Mundart frei­lich noch gut verstehen.

Da auch die Eltern- und Großelterngeneration in die Untersuchung einbezogen war, konnte so erstmals der drastische Rückgang von 70 Prozent Plattsprechern bei den Großeltern über 55 Prozent bei den Eltern hin zu dem erschreckenden Er­gebnis bei den Kindern nachgewiesen werden.

Die Befragung gab jedoch auch Indizien dafür, daß es für eine Wiederbelebung noch nicht unbedingt zu spät ist. Unerwartet viele Väter und Mütter – die Rück-laufquote betrug 94 Prozent – bearbeiteten den ihnen zugestellten umfangreichen Fragebogen sehr genau und dokumentierten damit ihr Interesse am Erhalt des Kul­turgutes Plattdeutsch. Zugleich wurde die Wertschätzung dieser Sprache darin deutlich, daß sechs von zehn Elternpaaren (einschließlich der „Hochdeutschbur-gen” Lingen, Meppen und Papenburg) sich eine intensive Beschäftigung ihrer Kin­der mit dem Plattdeutschen in der Schule wünschten.

Das legt den Schluß nahe: Die überwiegende Mehrzahl der Eltern wagt es nicht, mit ihren Kindern in der Vorschulzeit plattdeutsch zu sprechen, da sie dann schu­lische Nachteile befürchten. Ist jedoch der Nachwuchs erst einmal in der Schule, sollte er nach dem Wunsch der Eltern möglichst schnell – so nebenbei – die heimi­sche Sprache erlernen. Es ist natürlich illusorisch anzunehmen, die Schule könne dies leisten. Hier können nur – wie in vielen anderen Bereichen auch – Elternhaus, Schule und Lebensumfeld gemeinsam etwas erreichen.

Wichtig wäre zum Beispiel, wenn die Großeltern-Generation an ihren Enkeln das Versäumnis wiedergutmachen würde, das sie heute im Bezug auf ihre Kinder be­klagt. Sie könnte die jüngste Generation noch am besten bewußt in die plattdeut­sche Sprache einführen. Für die damals umgehende Furcht vor schulischen Fehl­leistungen gibt es heute keine Berechtigung mehr. Lebensumfeld, Eltern und Me­dien sorgen. in jedem Fall dafür, daß Plattdeutsch heute nicht mehr als Erst-, son­dern nur als Zweitsprache erworben wird.

Eine weitere wichtige Erkenntnis scheint dabei zu sein, daß wir in unserer Region mit einer ungeschriebenen Regel brechen müssen, die offensichtlich im außerge­wöhnlichen Respekt vor Fremden und Amtspersonen ihre Wurzel hat: Mit wem man einmal hochdeutsch redet, mit dem spricht man immer hochdeutsch. Die Beiträge dieses Buches und ihre Autoren sind eine Aufforderung, diese Attitüde ab­zulegen. Es ist keineswegs mehr ein Zeichen von Rückständigkeit, sich zu seiner Muttersprache – die es bei den aktiven Sprechern zumeist noch ist – zu bekennen. Im unmittelbaren Kontakt mit dem Plattdeutschen sind Leitungspersönlichkeiten in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur herangewachsen, die keinen Vergleich im In- und Ausland zu scheuen brauchen. Platt sprechende Emsländer und Grafschafter machen ihren Weg – auch davon legt dieses Buch Zeugnis ab.

Der Sammelband besticht durch seinen Facettenreichtum. Die Autoren nähern sich dem Thema aus den mannigfaltigsten Perspektiven. Biografisches wechselt mit Kultur- und Sprachgeschichtlichem, Politischem, Pädagogischem. Neben Wit­zen und Dönkes stehen lyrische Texte sowie sehr durchdachte Überlegungen zu Gegenwart und Zukunft. Kurz: Entstanden ist ein bunter Blumenstrauß sprachli­cher Eindrücke und Erfahrungen – so bunt wie die Sprache selbst.

Wir danken allen, die zum Gelingen beigetragen haben. Von den Autoren erhiel­ten wir vielfältige Anregungen, die oft weit über den Rahmen dieses Buches hin­ausgingen. Ganz besonders hervorheben möchten wir Herrn Grave vom Emslän-dischen Heimatbund und Herrn Horstmeyer aus Nordhorn, die das Projekt mit Rat und Tat begleiteten und uns manche Tür öffneten. Ebenso Herrn Professor. Dr. Pott aus Nordhorn, der dem Buch mit seinen Illustrationen eine besondere optische No­te gibt.

Wenn so viele Menschen so intensiv über die Zukunft des Plattdeutschen nach­denken – wie kann einem da um die Sprache bange sein!

Emsbüren, im August 1998

 

Theo Mönch-Tegeder                             Bernd Robben

 

4. Schlussbetrachtung

 

Die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung kann man in fünf Punkten fest­halten:

  1. Unsere Vermutung, daß die aktive Kompetenz der Schüler im Primarbereich gegen 0% geht, scheint bestätigt.
  2. Die relativ hohen Werte im Bereich der passiven Kompetenz waren so nicht vermutet worden.
  3. Die hohe Elternbeteiligung an der Umfrageaktion zeigt das starke Interesse am Er­halt der plattdeutschen Dialekte. Diese Erkenntnis wird bestätigt durch Angaben der Eltern im Bereich der Erwünschtheit des Dialekts in der Schule und in den Medien.
  4. Die Eltern trauen sich nicht, im Vorschulalter mit den Kindern in der Mundart zu sprechen, da sie schulische Nachteile für ihre Kinder daraus erwarten. Die Schule selbst allerdings soll nach Meinung von über 65% der Eltern (68% der Mütter) den Umgang mit dem Plattdeutschen bei den Kindern stärker fördern.
  5. Die (subjektive) Einschätzung der Dialektkompetenz der Kinder durch die Eltern, die in bisherigen Untersuchungen meist nicht durch (objektive) Sprachdaten über­prüft wurde, ist zum Teil sehr fehlerhaft.

Zwar wird dem Niederdeutschen schon seit geraumer Zeit der Untergang pro­phezeit, ohne daß er eingetreten wäre, allerdings haben solche deprimierenden Zahlen wie nach dieser Befragung bisher nicht vorgelegen. Möglicherweise wird es in den nächsten Generationen noch einige Enklaven des Plattdeutschen geben, bezogen auf den gesamten Landkreis Emsland jedoch muß mit einem endgültigen Aussterben dieser Mundart in der nächsten oder übernächsten Generation gerechnet werden, wenn nicht grundlegende Änderungen im Sprachverhalten der Bevölkerung eintreten. Diese Erkenntnis wird sich nicht auf das Emsland beschränken, sondern in weiten Bereichen des niederdeutschen Sprachraumes ebenfalls Gültigkeit haben.

Zwei Gegebenheiten werden diesen rasanten Verfall des Plattdeutschen begün­stigen:

  1. Die Landwirtschaft, die auch in unserer Untersuchung als Hauptdomäne des Niederdeutschen ausgewiesen wurde, befindet sich z.Zt. in einer enormen wirtschaftlichen Krise, die sich in den nächsten Jahren noch verstärken wird, wenn die un‑abdingbare Angleichung der Agrarpreise an das Weltmarktniveau sich vollziehen wird. Schon jetzt sterben jeden Tag etwa 50 Höfe in der Bundesrepublik, wobei der Raum Weser-Ems überproportional beteiligt ist.
  1. Wenn man die Mundart als Kind nicht erlernt hat, wird man sie als Erwachsener kaum noch voll erlernen können — wir erfahren es in unserer Umgebung ja ständig, wie schwer der natürliche spätere Erwerb für Interessierte ist. Auch auf die Verwendung als typische Berufssprache, etwa in den verschiedenen Sparten des Bauhandwerkes, wird sich das negativ auswirken.

Folgende Veränderungen müßten unserer Meinung nach bewirkt oder gefördert werden (vgl. hierzu auch Kremer 1990 und Speckmann 1991):

  • Der plattdeutschen Sprache müßte mit entsprechenden Aktionen der Makel der Minderwertigkeit genommen werden, nach dem Motto: Wer plattdeutsch spricht, beherrscht eine Sprache mehr!
  • Das Verhaltensmuster des Plattsprechers gegenüber dem Lernenden muß sich ändern, d.h. der Plattsprecher darf nicht sofort ins Hochdeutsche überwechseln, wenn sein Gegenüber die Mundart (noch) nicht fließend beherrscht.
  • Die Lehrpersonen, die Schulaufsichtsämter, ja das Kultusministerium müßten sich verstärkt dieser offensichtlichen Plattdeutschmisere annehmen, da sie anscheinend immer noch von der falschen Annahme ausgehen, daß die Schüler in den ländlichen Regionen durch die im Elternhaus erfahrene sprachliche Sozialisation Plattdeutschsprecher seien, was mit dieser Untersuchung widerlegt sein dürfte.

Wir möchten über die reine Auswertung unserer Daten hinausgehen und es auch bei allgemeinen Schlußfolgerungen aus unseren Untersuchungsergebnissen bewenden lassen, sondern daneben eine Diskussion über didaktisch-methodische Konsequenzen und ihre — zumindest versuchsweise — schulische Umsetzung in Gang bringen. Daher sollen abschließend einige Punkte aus einem auswertenden Gespräch mit dem Heraus‑ geber eines plattdeutschen Lesebuchs, Schulamtsleiter Alfred Möllers (Osnabrück‑Land), referiert werden.

In bezug auf eine Neubewertung des schulischen Sprachpflegeauftrags für das Plattdeutsche sind zunächst folgende Fragen zu stellen:

  1. Kann es der Schule gelingen, im Rahmen der Grundschulzeit Kindern nicht nur zu einem passiven Sprachverständnis für das Plattdeutsche zu verhelfen, sondern sie zu aktiven Plattsprechern zu machen?
  1. Dient ein solcher Aufgabenansatz, der als Zweitsprachenerwerb einzustufen ist, den neueren Bemühungen des Kultusministeriums, Fremdsprachenerziehung in den Grundschulauftrag einzubeziehen?
  1. Ersetzt das Erlernen des Plattdeutschen wegen der hohen Sprachverwandtschaft zwischen dem Niederdeutschen. dem Niederländischen und dem Englischen sogar den Englischunterricht in der Grundschule? Vorliegende Forschungsergebnisse legen eindeutig nahe, daß durch das Erlernen einer zweiten Sprache — zumindest dann, wenn ein kontrastiver Sprachunterricht gegeben wird — das passive Sprach‑ verständnis für weitere Sprachen entscheidend grundgelegt wird (vgl. Anregungenzur Einbeziehung des Niederdeutschen etwa bei Kempen 1989).

    Möllers schlägt deshalb folgendes vor: Ein Schulversuch ist gegenwärtig der angemessene Weg, um in der Theorie-Praxis-Auseinandersetzung Erkenntnisse zu gewinnen, die einer Revision des augenblicklichen Plattdeutsch-Erlasses eine Grundlage geben können. In dem Schulversuch sollten Grundschulkinder vom zweiten bis zum Abschluß des vierten Schuljahres im Rahmen eines freiwilligen Zusatzangebotes pro Woche zwei Stunden Plattdeutschunterricht erhalten. Dieser Unterricht sollte nach den Gesichtspunkten der Fremdsprachendidaktik und -methodik erteilt werden. Das Curriculum müßte — vergleichbar dem Deutschunterricht — einen Grundwortschatz vermitteln, mit dessen Hilfe die Kinder solche Alltagssituationen sprachlich bewälti‑ gen können, wie sie z.B. den Units der Englisch-Lehrwerke zugrundeliegen (diese bedürfen selbstverständlich eines entsprechenden Zuschnitts auf die Bedürfnisse des hiesigen ländlichen Raumes).

    Da in den Regionen Emsland und Osnabrück plattdeutsche Lesebücher vorliegen, können Lehrer bereits auf geeignetes Lehrmaterial zurückgreifen. Die Konzipierung eines Curriculums kann gleichfalls in der Region geleistet werden, da hier bereits plattdeutsche Lehrer-Arbeitsgemeinschaften bestehen. Diese Lehrerschaft hat durch die Leitung von Plattdeutsch-Schülerarbeitsgemeinschaften zudem eine reiche didak‑ tische und methodische Erfahrung. Die wissenschaftliche Begleitung des Schulversuches könnte durch ein Expertenteam aus der Lehrerschaft, der Schulbehörde und den Hochschulen im niederdeutschen Sprachgebiet (z.B. den Lehrstühlen für Niederdeutsch oder für Didaktik des Deutschen/Englischen) geleistet werden.

    Anmerkungen

    1 Die Befragung wurde von Kremer in Zusammenarbeit mit dem Schulamt des Kreises Borken im Jahre 1981 durchgeführt, die Ergebnisse wurden in zusammengefaßter Form veröffentlicht in Kremer 1983: 77ff.

    2 Der Leiter des Schulaufsichtsamtes Emsland, Herr Schulamtsdirektor Alfons Lögering, nahm dankenswerterweise die Idee der kombinierten Schüler- und Elternbefragung sofort auf und richtete zu ihrer Vorbereitung eine fünfköpfige Arbeitsgruppe unter seiner Leitung ein.

    3 Wir danken Herrn Frerk Möllers, Gen nanistisches Seminar der Universität Kiel, für seine Hilfe bei der datentechnischen Auswertung unserer Befragung.

    4 Die Ergebnisse wurden gegenüber der ursprünglichen, sehr differenzierten Einteilung zu insgesamt 6 Berufsgruppen zusammengefaßt (in der Tabelle fett gedruckt), um die Auswertung überschaubar zu halten und signifikante Aussagen zu ermöglichen.

    5 Diese Spanne erhöht sich noch auf 33% bei den Männern und 46,5% bei den Frauen (nicht tabelliert), wenn wir nur die Teilgruppe der Freien Berufe/selbst. Akademiker mit den Arbeitern korrelieren.

3.8. Wertschätzung

Nach all den zum größten Teil stark rückläufigen, statistisch belegten Werten —insbesondere im Gebrauch, aber auch in der Kompetenz des Niederdeutschen —überraschen die Ergebnisse im Bereich der Wertschätzung des Plattdeutschen. In unserer Enquete wurde zunächst nach der Erwünschtheit des Plattdeutschgebrauchs in den regionalen Medien gefragt. Außerdem — und das ist die wichtigere Fragestellung in bezug auf den Aussagewert der vorliegenden Untersuchung — sollte in Erfahrung gebracht werden, welchen Stellenwert das Plattdeutsche in den Schulen aus Sicht der befragten Eltern in Zukunft erhalten soll. Es könnten z.B. eigens dem Plattdeutschen gewidmete Stunden im Rahmen des Deutschunterrichtes angeboten werden, damit die Kinder auch plattdeutsche Texte lesen lernen und das Plattdeutsche so vielleicht erhalten bleibt.

Hier zeigt sich — wie auch bei der Untersuchung von Kremer (1983) — ein entgegengesetzt proportionales Bild: Während die Eltern nur noch 3% der Kinder eine aktive Kompetenz, also eine gute Beherrschung des Plattdeutschen, vermittelt haben, wünschen sich im Kreisdurchschnitt 65% der Eltern dieses Schülerjahrgangs mehr Plattdeutsch in der Schule.

Dabei rangieren die Mütter mit 68% (im Kreisdurchschnitt, aus Tab. 17 nicht ersichtlich) hier vor den Vätern. Ob das etwas mit schlechtem Gewissen gegenüber der bedrohten Mundart zu tun hat, darüber kann die statistische Auswertung des Fragebo­gens nichts aussagen. Es darf aber vermutet werden, daß die Eltern, nachdem sie ihre Kinder mehr oder minder gut ausschließlich in der Hochsprache bis ins schulfähige Alter erzogen haben, nun doch der Schule zubilligen oder sogar von ihr wünschen, daß sie die Heranwachsenden an die Mundart heranführe.

Der Vergleich mit der Umfrage von 1981 im Kreis Borken zeigt, daß die Schere zwischen Beherrschung der Mundart (durch die Kinder) und Erwünschtheit in den Schulen (Elternwunsch) noch weiter auseinanderklafft. Auffallend ist auch, daß nur 16% sowohl der Väter als auch der Mütter sich gegen einen Plattdeutschunterricht in der Schule aussprechen (bei Kremer 1983: 89 noch 28,5% der Männer und 30,6% der Frauen).

Das Faktum, daß nahezu 60% der Eltern sich ein stärkeres Lektüreangebot plattdeutscher Texte in der Tageszeitung und im Jahrbuch des Emsländischen Heimat­bundes wünschen, muß unbedingt den jeweiligen Verantwortlichen zur Kenntnis gebracht werden, damit die Wünsche weiter Bevölkerungskreise demnächst stärker berücksichtigt werden.

3.7. Berufs- und geschlechtsspezifisches Sprachverhalten

 

Ähnlich wie Kremer (1983: 91f.), der unter Berufung auf Mattheier (1980: 90) auf ein vorgegebenes Sozialschichtenmodell verzichtet, haben wir eine berufsgrup­penspezifische Aufteilung vorgenommen, aus der zwangsläufig auch sozialschichten-spezifische Erkenntnisse bei der Auswertung der Ergebnisse gewonnen werden. Zu beachten ist, daß die Gruppenbezeichnungen nur vage und unvollständige Bezeich­nungen für die durch sie abgedeckten Berufsgruppen sind (vgl. Tab. 9)4. Da wir die Auswertung teilweise nach Geschlechtern getrennt vorgenommen haben, lassen sich ebenfalls Aussagen zum geschlechtsspezifischen Sprachverhalten machen (vgl. Tab. 10 und 11).

Zeichnet sich aufgrund der Untersuchung Kremers aus dem Jahre 1981 die Gruppe der Landwirte durch eine nahezu 100%ige Beherrschung des Plattdeutschen aus (Kremer 1983: 93), so ergab die Selbsteinschätzung der Dialektkompetenz im Landkreis Emsland bereits einen Rückgang um ca. 15%: nur noch 85,2% der befragten Männer und 82,8% der Frauen gaben an, fließend Platt zu sprechen (vgl. Tab. 10 und 11).

Dennoch weisen die Landwirte erkennbar die höchste Kompetenz bezüglich des aktiven Mundartgebrauchs auf. Gegensätzlich dazu heben sich die Führungskräfte heraus: Sie weisen eindeutig sowohl die höchsten Prozentzahlen in der Rubrik „verste­hen und sprechen kein Platt” (13,0% Männer und 14,1% Frauen) als auch die niedrig­sten Werte bei der aktiven Kompetenz auf (40,2% Männer; 25,0% Frauen). Ihnen folgen die „kleinen Angestellten” als etwas kompetentere Gruppe (43,7% bei den Männern und 35,9% bei den Frauen).

Betrachtet man dagegen die Angaben der Facharbeiter mit 65,4% bei den Männern und 55.8% bei den Frauen, so ergibt sich von der Gruppe der Führungskräfte bis zu ihnen eine Spanne von 25,2% (Männer) bzw. 30,8% (Frauen)5. Sieht man diese und die dazwischenliegenden Berufsgruppen als vertikal gelagert an, dann läßt sich folgende Regel aufstellen: Je höher der Sozialstatus, desto niedriger die aktive Kompe­tenz (wobei jedoch ein Anstieg der passiven Kompetenz zu beobachten ist, der sich auf den verminderten Gebrauch der Mundart am Arbeitsplatz zurückführen läßt).

Geschlechtsspezifische Unterschiede ergeben sich bei einem Vergleich der Ta­bellen 10 und 11 hinsichtlich der aktiven Dialektkompetenz: Frauen zeigen deutlich niedrigere Werte als die Männer in der Spalte „fließend Platt”, was jedoch ausgegli­chen wird durch entsprechend höhere Zahlen im Bereich der passiven Kompetenz. Im Vergleich zu den Männern mögen die niedrigeren Werte der Frauen zurückzuführen sein auf eine geringere Übung im Plattsprechen oder auf strengere Maßstäbe hinsicht­lich dessen, was man unter „fließend Platt” zu verstehen hat.

Die oben erwähnte Regel hinsichtlich der Sozialschichten ist ebenfalls auf den Dialektgebrauch, hier zunächst der Großeltern untereinander, anzuwenden. Da sich im Sprachgebrauch in den meisten Berufsgruppen keine großen Unterschiede zwischen den Großeltern väterlicherseits und mütterlicherseits zeigen, führen wir in Tab. 12 nur die Daten der Großeltern mütterlicherseits auf.

Auch hier beim Sprachgebrauch zeigt sich wie bei der Dialektkompetenz eine fallende Linie von 84% bei den Eltern der Landwirte bis auf 26,1% „Nur-Platt”-Gebrauch bei denen der Führungskräfte. In umgekehrter Reihenfolge verlaufen die Zahlen für die Großeltern, die „nur Hochdeutsch” untereinander sprechen/sprachen. Eine kleine Abweichung zeigt sich nur bei der Gruppe der „mittleren Angestellten”. Ein eindeutiges Minimum wird bei der Untergruppe der freien Berufe/Akademiker erreicht (aus der Tabelle nicht ersichtlich): Lediglich 7% der Eltern der Mutter (dagegen 14% der Eltern der Väter) benutzen die Mundart untereinander.

Die zuletzt genannten Zahlen zwingen uns, etwas über geschlechtsspezifische Unterschiede anzumerken: Es gibt beim Sprachgebrauch der Großeltern untereinander kaum Differenzen bei den Angaben der Landwirte, Arbeiter und kleinen Angestellten, auffällige Unterschiede jedoch bei den Untergruppen der Freien Berufe/Akademiker, der mittleren Selbständigen und der leitenden Angestellten: Hier ergeben sich bei den Frauen zum Teil wesentlich niedrigere Zahlen zum „Nur-Platt”-Gebrauch ihrer Eltern untereinander als bei den Männern, dafür aber höhere Werte in der Rubrik „Überwie­gend Platt”. Es scheint, daß Frauen der sozial höheren Schichten eine deutlich reser­viertere Einstellung der Mundart gegenüber haben als die der unteren, denn objektiv gesehen dürften ja keine Unterschiede zwischen den Großeltern väterlicherseits und mütterlicherseits beim Gespräch untereinander auftreten.

Beim Gespräch mit ihren Kindern könnte das jedoch der Fall sein, wenn Eltern ihren Töchtern gegenüber ein anderes Sprachverhalten an den Tag legen als gegenüber den Söhnen. Tatsächlich ergab die Auswertung unseres Materials deutlich niedrigere Prozentzahlen bezüglich des Dialektgebrauchs der Großeltern mit der Mutter (hierfür keine Tabelle). Die Ursache für dieses Sprachverhalten liegt vermutlich in dem Umstand, daß man der Tochter durch eine solche „zweisprachige” Erziehung die Möglichkeit offenhalten wollte, gegebenenfalls auch jemanden „ut de Stadt” eheli­chen zu können, der des Plattdeutschen nicht mächtig ist.

Nun zu den Ergebnissen bei der Frage nach dem Dialektgebrauch der Großeltern mit den Eltern väterlicherseits (Tab. 13). Führend sind hier — wie in allen Bereichen des Mundartgebrauchs — die Landwirte: 73,0% aller Großeltern väterlicherseits spre-chen/sprachen nur Platt mit ihren Kindern, 66,8% der Mütter wurden von den Eltern rein plattdeutsch aufgezogen (letztere Zahl aus Tab. 13 nicht ersichtlich).

Wie in den Tabellen 11 und 12 zeigt sich wieder ein starker Abfall beim Mundartgebrauch zu den Führungskräften hin.

Der Mundartgebrauch der Großeltern mit den Eltern hat natürlich einen gewis­sen Einfluß auf die Benutzung des Dialekts der Eltern untereinander (vgl. Tab. 14). Obwohl die Werte innerhalb der Rubrik „sprechen nur Platt untereinander” teilweise gesunken sind, lassen sich Parallelen feststellen. Bei den Landwirten überwiegt mit 55,7% eindeutig der Gebrauch des Plattdeutschen (siehe ebenso Tabelle 13: „Dialekt­gebrauch der Großeltern mit den Eltern”). Bei den Arbeitern überwiegt bereits der Anteil der untereinander nur Hochdeutsch sprechenden Eheleute; betrachtet man die Spanne bis hin zu den Führungskräften, so erkennt man den bis auf ein Minimum zusammengeschmolzenen Bruchteil der Eltern, die lediglich Platt miteinander spre­chen (87% verwenden ausschließlich oder überwiegend Hochdeutsch). Auch unter diesem Aspekt läßt sich die These — etwas abgewandelt — anwenden: Je höher der Sozialstatus, desto niedriger der Dialektgebrauch untereinander.

Insgesamt schlägt sich natürlich nieder, daß in bestimmten Berufssparten Platt­deutsch am Arbeitsplatz weit verbreitet ist. Landwirte unterhalten sich fast durchweg untereinander in der Mundart.

 

Viele Arbeiter und Facharbeiter sprechen sogar an Arbeitsplätzen im städtischen Bereich Plattdeutsch miteinander. Im Bereich der Be­amtentätigkeiten und im Arbeitsumfeld der Angestellten dagegen ist die Standardspra­che gefordert, und sie wird auch zumeist in Institutionen gesprochen, wo auch Platt­deutsch möglich wäre.

Keine auffallenden, vom Sozialstatus abhängigen Unterschiede lassen sich bei der näheren Untersuchung des Mundartgebrauchs der Väter (Generation 2) mit den 10-jährigen Kindern feststellen (vgl. Tab. 15).

Ein verschwindend geringer Prozentsatz von Vätern, die nur Plattdeutsch mit ihren Kindern sprechen (Tab. 15), findet sich lediglich bei den Landwirten (3,3%), bei der Gruppe der Arbeiter (0,8%) und bei den mittleren Angestellten (0,6%). Diese beiden Berufsgruppen sind ebenfalls noch vertreten im Bereich „Väter sprechen überwiegend Plattdeutsch mit den Kindern” (Landwirte 10,7%, Arbeiter 2,9%). An­sonsten überwiegt in jedem Falle eindeutig der Gebrauch des Hochdeutschen.

Die obige Tabelle 16 „Dialektgebrauch der Kinder mit Kindern” spricht tür sicn selbst; sie stellt eindrucksvoll dar, wie besorgniserregend es um den Mundartgebrauch innerhalb der jüngsten Generatjon bestellt ist — unabhängig von den jeweiligen Berufs­gruppen (selbst bei den Landwirten, obwohl deren Kinder sich zu einem runden Viertel (27,5%) zumindest gelegentlich auf plattdeutsch untereinander verständigen).

 

 

3.6. Regionale Unterschiede

In dieser Dokumentation wollen wir auf die starken Unterschiede in der Mund­artkompetenz zwischen Ortskern und Bauerschaft, die Kremer (1983) in seiner Untersuchung herausgestellt hat und die aufgrund der gleichen Fragestellung auch hier herausgearbeitet werden können, nicht gesondert eingegehen — sie können aber für das Emsland ebenfalls bestätigt werden.

Bei der Beschäftigung mit den regionalen Unterschieden soll ein wichtiger Aspekt dieser emsländischen Untersuchung am Anfang stehen: die Testergebnisse der aktiven und passiven Kompetenz der 10-jährigen Schüler. Dann sollen diese Werte mit den Ergebnissen der subjektiven Elternaussagen zu den sprachlichen Fähigkeiten ihrer Kinder im Plattdeutschen verglichen werden.

Während die Gesamtergebnisse der Selbsteinschätzung der Eltern und der Schü­lertests bei der passiven Mundartkompetenz der Kinder (vgl. Tab. 2) im Bereich von „gut verstehen” (Testergebnis 42,3%, Selbsteinschätzung 32,4%) und „weniger gut verstehen” (Testergebnis 37,4%, Selbsteinschätzung 47,8%) um etwa 10% differieren, liegen die Werte im Bereich „gar nicht verstehen” mit 18,2% Testergebnis und 19,9% Selbsteinschätzung sehr nahe beieinander. Die fast völlige Übereinstimmung der Werte im Bereich der aktiven Sprachkompetenz (vgl. Tab. 1) — bezogen auf das gesamte Untersuchungsgebiet — haben anfangs die Vermutung aufkommen lassen, daß die Eltern recht gut die jeweiligen Kenntnisse ihrer Kinder im Bereich der plattdeut­schen Sprache einschätzen können.

Die nachfolgenden Ergebnisse zeigen jedoch im Gemeindevergleich insbeson­dere bei der Beurteilung der passiven Kompetenz, daß die Einschätzung der Eltern zum Teil sehr fehlerhaft ist. Daraus — und das dürfte diese Erhebung besonders deutlich gemacht haben — müßten entsprechende Rückschlüsse für die Aussagekraft anderer Untersuchungen gezogen werden, die sich auf die Selbsteinschätzung der Befragten stützen. Die Unterschiede im Bereich der aktiven Kompetenz sind im Gemeindevergleich ebenfalls sehr groß, fallen jedoch nicht so ins Auge, da die Zahlenwerte im Vergleich zur passiven Kompetenz niedrig ausfallen.

Im vorbereitenden Arbeitskreis zu dieser Untersuchung war vermutet worden, der regionale Schwerpunkt der noch vorhandenen Mundartkompetenz bei der zu untersuchenden Schülergruppe werde in den Gemeinden entlang der niederländischen Grenze (also in den Gebieten des frpheren Bourtanger Moores) mit einem Anstieg der positiven Ergebnisse in nördlicher Richtung liegen. Diese Annahme wird jedoch durch die vorliegenden Werte nicht voll bestätigt.

Zur ersten Spalte von Tab. 7 (passive Mundartkompetenz): Es ist kein Nord-Süd-Gefälle zu verzeichnen, die höchsten Prozentzahlen bei der passiven Kompetenz finden sich vielmehr im mittleren Bereich in den Gemeinden Haren (82,2%) und Twist (79,8%) im Westen des Kreises und auf der gegenüberliegenden östlichen Seite in den Samtgemeinden Herzlake (83,9%) und Haselünne (70,4%).

Während im folgenden insbesondere der Unterschied zwischen Test und Eltern­einschätzung aufgezeigt werden soll, wird an späterer Stelle diese Tabelle nochmals herangezogen werden müssen zum Vergleich der Kompetenzentwicklung der drei verschiedenen Generationen.

In fünf Gemeinden im Norden und Nordosten liegen die Testergebnisse zum Teil sehr deutlich unter der von den Eltern vermuteten Kompetenz (Sögel —21%). Im westlichen Bereich dagegen rund um Meppen ist genau das Gegenteil festzustellen. Um Haren herum sind die Werte sogar um 39% höher, als von den Vätern und Müttern vermutet. Nur in drei Gemeinden gab es eine Differenz von etwa 1%. In über der Hälfte der Gemeinden überschreitet die Fehleinschätzung 15%, davon wiederum liegen vier Gemeinden über 30%.

Insgesamt kann also bei der Gegenüberstellung der Befragungs- und Testergeb­nisse festgestellt werden, daß sich völlig ungeordnete Werte ergeben. Eine solch gravierende Fehleinschätzung war nicht vermutet worden und erstaunt umso mehr, als eine schlüssige Begründung dafür fehlt.

Bei der Gegenüberstellung von Testergebnissen und Elterneinschätzung hin­sichtlich der aktiven Mundartkompetenz der Schüler (Tab. 7, Spalte 2 und 3) wird gerade am Beispiel der Gemeinde Twist sehr deutlich, wie stark die Elterneinschät­zung von der realen Schülerkompetenz abweicht. Zwar sind die Zahlenwerte nicht so gravierend wie bei der passiven Kompetenz, in Prozentzahlen ausgedrückt ist die Fähigkeit der genauen Einschätzung durch die Eltern aber ebenfalls erstaunlich gering. Es finden sich auch hier Unter- bzw. Überschätzungen.

Dennoch kann man insgesamt feststellen, daß den Eltern deutlicher bewußt ist, welches Sprechvermögen ihre Kinder haben, im Vergleich zu dem Empfinden für das Verstehen der Mundart. Besonders fallen bei diesem Vergleich die Testergebnisse von Rhede und Sögel mit jeweils 0% auf, während die Eltern noch plattdeutsches Sprechvermögen (Rhede 2,5%, Sögel 2,9%) vermuten. In Dörpen dagegen liegen sie mit über 3% unter den tatsächlichen Werten. Auch im südlichen Landkreis zeigt sich die mangelnde Fähigkeit der Eltern, das Sprechvermögen ihrer Kinder richtig einzuschätzen. Nur in Geeste, Lengerich und Lingen sind die Werte ungefähr deckungsgleich. In Haselünne dagegen liegen die Testergebnisse nur halb so hoch wie die von den Eltern vermuteten Werte, in Emsbü-ren ist es genau umgekehrt. Die Karten 5 und 6 zeigen noch einmal alle Vergleichszah­len.

Bei der Gegenüberstellung von Sprachgebrauch und Kompetenz im Vergleich der drei Generationen beschränken wir uns auf die Zahlenwerte der Väter, da die Herkunftsübersicht der Befragungsergebnisse deutlich zeigt, daß mehr Väter (48,2%) als Mütter (31,7%) in ihrem jetzigen Wohnort geboren sind.

So soll zunächst der Sprachgebrauch der Großeltern in der regionalen Übersicht vorgestellt werden. Die tatsächlichen Kompetenzwerte für diese Generation liegen nicht vor, da sie nicht speziell erfragt worden sind, sie werden jedoch, wie in 3.5. bemerkt, um einige Prozentpunkte über den Werten des Sprachgebrauchs liegen (d.h. über 70%).

Betrachtet man zunächst die ersten drei Spalten der Tabelle 8 unter dem Aspekt des Verhältnisses der einzelnen Gemeinden zueinander, so fällt auf, daß sie weitge­hend korrelieren. Nur bei Lathen ist der Wert in der zweiten Spalte im Vergleich zu den beiden übrigen Werten verhältnismäßig niedrig. Der Übergang in der Kompetenz von Generation 1 zu Generation 2 entspricht also unseren Erwartungen: Sprechen die Großeltern platt, so können es auch deren Kinder, die jetzigen Eltern.

Bei der Kompetenz der Eltern (hier nur Väter) und dem Sprachgebrauch der Großeltern läßt sich ein Nord-Süd-Gefälle ausmachen. Damit ist gleichzeitig ausge­sagt, daß die Mundartkenntnis der Generationen 1 und 2 nicht mit der der Generation 3 korreliert (s. Tab. 7, Spalte 2). So finden wir bei den Eltern in Rhede, Nordhümmling, Werlte und Dörpen 80% aktive Dialektkompetenz, Twist liegt um 5% darunter. Bei der Generation 3 dagegen differieren die Werte stark: Rhede 0,0%, Nordhümmling 6,0%, Werlte 5,5%, Dörpen 6,9%. Twist dagegen weist die Höchstpunktzahl von 8,7% im gesamten Emsland auf.

Wenn wir nun den Mundartgebrauch der Eltern (untereinander) mit der aktiven und der passiven Kompetenz der Kinder vergleichen, fallen folgende Punkte auf (s. Tab. 8, Spalte 4, und Tab. 7):

Beim Sprachgebrauch der Generation 2 ist ebenfalls ein Nord-Süd-Gefälle zu verzeichnen, wobei Sögel hier nicht so tiefe Werte wie in den vorhergehenden Vergleichen aufweist und über Twist liegt, das ja bei der Schülerkompetenz ganz vorne anzutreffen ist.

In folgenden Orten besteht eine gewisse Korrelation zwischen dem Sprachge­brauch der Eltern und der aktiven Kompetenz der Schülergeneration (in Klammern: Elternsprachgebrauch / Schülerkompetenz in %): Nordhümmling (54,0 / 6,9), Werlte (43,6 / 5,5), Dörpen (35,1 / 6,9), Haren (31,9 / 5,4) und Twist (32,7 / 8,7). Diese Gemeinden sind ausschließlich in der Mitte bzw. im Norden des Emslandes zu finden. Unter dem erwähnten Gesichtspunkt fallen aus dem Rahmen: Sögel (35,3 / 0,0) und Rhede (30,0 / 0,0).

Im südlichen Kreisgebiet fallen Emsbüren und Salzbergen auf: Obwohl in Emsbüren der Gebrauch des Niederdeutschen bei der Generation 2 mit 17,8% nureinige Prozentpunkte unter dem Kreisdurchschnitt liegt, ist die Schülergeneration bei der aktiven Kompetenz mit 5,2% relativ stark im Emslandvergleich. Bei Salzbergen ist diese Erscheinung noch stärker ausgeprägt: Generation 2 nur 6,4%; Generation 3 dagegen 2,1% und damit nur 0,9% unter dem Kreisdurchschnitt.

Man muß natürlich bei solchen Zahlenvergleichen bedenken, daß es sich bei der untersuchten Bevölkerungsgruppe nur um einen begrenzten Personenkreis handelt. Bei den Ergebnissen der Samtgemeinde Sögel, die mit 0,0% bei der aktiven Kompe­tenz der Schüler doch auffällt, wurden deshalb nach der Auswertung nochmals die Schülertestbögen genau untersucht, und es bestätigte sich: Von 106 Kindern dieses Jahrgangs weist keines die nötige Punktzahl auf für die Qualifikation „gut sprechen können”.

Der Vergleich des Mundartgebrauchs der drei Generationen untereinander zeigt wiederum gravierende Einbrüche: Während die Väter zu 40% mit ihren Eltern aus­schließlich platt sprechen (Mütter 38%), liegt der Plattdeutschgebrauch in der jetzigen Eltern-Kind-Generation bei 0,7% (bezogen auf das gesamte Emsland). Die Ergebnisse in den einzelnen Samtgemeinden zeigen die Karten 7 und 8.

Als Ergebnis dieses Vergleiches können wir festhalten: Wo die Väter mit ihren Kindern plattdeutsch sprechen, dort finden sich entsprechende Werte auch bei den Müttern, in noch geringerem Maße sprechen auch die Kinder untereinander in der Mundart, allerdings nur zu 0,3% im Emsland-Durchschnitt. Wie sollen diese Kinder —wenn sie einmal Erwachsene sein werden — das Plattdeutsche an die nächste Genera­tion weitergeben?